Momentum & Pflänzchen #265
Fußball ist in der Gefühlslage als Fan oftmals nur ein Momentum. Manchmal gar verbunden mit dem Bedürfnis, sich kneifen zu müssen, um die Realität der Tabelle auch wirklich begreifen zu können. Im Falle von Rot-Weiss Essen bedeutet die Realität nach dem 30. Spieltag tatsächlich Tabellenplatz Zwei und somit den zweiten Aufstiegsplatz nach dem Platz an der Sonne. Diesen hat augenblicklich der VfL Osnabrück inne, der getreu dem Credo „Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Meisterschaften“ die Liga dominiert. Und das, obwohl dem Spiel der Osnabrücker lange Zeit in der Saison eher behäbiger Beamtenstatus angedichtet wurde. Euphorie kam da nicht wirklich auf. Aber, das sagt man ja auch dem Umfeld unserer Roten nach.
Nun waren an einem ungeliebten Sonntagabend zur wahrlich unchristlichen Anstoß Zeit 19:30 Uhr letztendlich doch viel mehr RWE-Fans im Stadion Höhenberg zugegen, als es der Vorverkauf vermuten ließ. Das sind dann vielleicht doch Vorboten des zarten Pflänzchens Euphorie rund um die Hafenstraße. Einmal mehr auch RWE-Fan Andreas Rettig bei einem Spiel seines RWE vor Ort. Geradezu ein Mehrrettich, diesmal sogar mit wichtigen drei Punkten im Gepäck. Grundsätzlich hat Rot-Weiss Essen auch das vierte Spiel in Folge in einer ureigenen Art und Weise gewonnen, die wohl niemals vergnügungssteuerpflichtig sein wird, so belastend die Spielverläufe bisweilen. Das geht echt auf die Pumpe, wenn man das knappste Ergebnis aller Ergebnisse über die Zeit bringt, wie gegen den Waldhof, oder sich einen wilden Schlagabtausch liefert, wie in Sinsheim.
Aber vor allem, wenn man grandios beginnt, wie gegen Aue und heuer in Köln, um dann komfortable Führungen abzugeben, nur um sich wieder der gnadenlosen Abwehrschlacht zu widmen. Das ist allemal unterhaltsam wie nervenaufreibend zugleich. Eventuell sogar die schönste Form des Fußballs, um all seine Facetten aufzuzeigen. Aber vielleicht ist es auch mal möglich, den Gegner nicht zu bisweilen obligatorischen Gegentoren einzuladen. Davon einmal abgesehen, und vor allem allen Unkenrufen nach Osnabrück und Rostock zum Trotze: Stand heute würde Rot-Weiss Essen in die zweite Bundesliga aufsteigen. Unser natürliches Habitat mal wieder besuchen. Und das Gute daran, so sehr ich auch Länderspielpausen maximal nervig finde: Wir durften uns an dieser Tabelle nun schon fast anderthalb Wochen erfreuen. Immer im Hinterkopf, wie eng alles beieinander liegt. Das wird nicht die Tabelle nach dem letzten Spieltag sein. Aber aktuell sollten wir einfach auch mal erlöst und stolz sein dürfen. Einfach mal aufhören damit, ständig nach dem Haar in der Suppe zu suchen.
Einen direkten Aufstiegsplatz erreicht man nicht, wenn intern alles doof ist. Kurz vor dem Aufstieg 2022 durfte ich für 11Freunde einen Artikel schreiben, warum wir endlich aufsteigen, der in einem Absatz wohl auch diese Saison gelten dürfte: „Wir alle kennen unseren RWE und wissen: Rot-Weiss Essen wird niemals elfengleich und locker mit großem Vorsprung oder gar schon Wochen vor Saisonende einem sicheren Aufstieg entgegen schweben. Das ist nicht in unserer DNA verankert. Wir brauchen das ganz große Drama. Unser RWE, so wie wir ihn lieben und er uns zugleich quält, wird sich somit wie ein vom Leben gezeichneter und von vielen Rückschlägen und Auseinandersetzungen zerrupfter Straßenköter mit letzter Kraft in sein neues Zuhause 3. Liga schleppen, um dann dort endlich wieder so richtig aufzublühen“. Und weil es unsere DNA ist, gilt das natürlich weiterhin auch für die aktuelle Saison.