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Zweierlei Blut.

Rot-Weiss Essen hat sich abgesetzt. Obwohl längerfristig geplant, witterten einige wenige nach der Elversberg-Niederlage trotzdem gleich wieder Unfrieden im Hause Hafenstraße und waren unter dem Strich doch wohl eher besorgt wie ein Elternteil, dessen Kind sich nicht wie sonst immer ordnungsgemäß in die Disco ab- und zurückgemeldet hat. Der RWE also unterwegs wie wir als Jugendliche in den frühen Achtzigern: Wir waren einfach mal weg!

Unsere Mannschaft hat es dem Vernehmen nach nach Schweden verschlagen. Ein schönes Fleckchen Erde. Ob man dort als Mannschaft nun Tempoläufe durchgeführt oder sich an Köttbullar vergnügt hat, den Namen getanzt und das Astrid Lindgren Museum besucht hat: All das ausschließlich Sache des Vereins. Ich muss das alles auch nicht immer wissen, sogar eine Profimannschaft hat durchaus mal das Recht auf etwas Privatsphäre. Ich bin vielmehr fasziniert darüber, wie es einer vielköpfigen Schar in diesen allumfassenden Zeiten gelingen kann, komplett unterzutauchen. Das hat ja fast was von dem Elversberg-Spiel, wo wir uns ebenfalls grandios unter dem Radar zu bewegen wussten. Wir sollten vielleicht ein wenig entspannter im Umgang mit unseren geliebten Rot-Weissen werden. Fan zu sein beinhaltet nicht automatisch das Recht auf ständige Statusmeldungen. Wenn unsere Spieler jetzt nicht allesamt von Hammarby, AIK oder Djurgarden aufgekauft wurden, besteht doch große Hoffnung, dass wir sie schon bald wieder auf den Trainingsplätzen anne Hafenstraße im Training erleben werden. Bestenfalls mit dem Geist von Schweden versehen.

Und so ist es dann ja auch gekommen. Am gestrigen Freitag wehte wieder weißer Rauch über der Hafenstraße, die Mannschaft zeigte sich zwar nicht auf dem Balkon, wohl aber auf dem neuen Trainingsplatz und erste sozial-mediale Aktivitäten aus Spielerkreisen waren auch wieder zu vernehmen. Die Akkus also auf allen Ebenen wieder aufgeladen. Dafür hat jetzt fast die komplette Geschäftsstelle die Hafenstraße verlassen. Aber auch hier besteht kein Grund zur Sorge, dieser Umzug in andere Räumlichkeiten wurde ebenfalls von langer Hand geplant und somit in den vergangenen Tagen durchgeführt. Da ist also weiter richtig Bewegung drin bei RWE und ein klein wenig fühlt es sich trotz Elversberg so an, als ob es nun erst kommenden Freitag im Wedaustadion so richtig los gehen wird, mit uns und der 3. Liga.

Dass das Spiel gegen den MSV kein normales Ligaspiel sein wird, hat der Kartenvorverkauf auf unserer Seite mit seinem „Kartus-Interruptus“ nach zwölf Minuten bewiesen und nicht zuletzt dadurch auf Seiten der Zebras viel Kreativität erfordert, weitere Kartenkäufe auch in den Heimblöcken durch uns Rote zu unterbinden. Nächsten Freitag wird man dann sehen, wer wo steht oder sitzt, und für welche Mannschaft letztendlich das Herz schlägt. Möge es bei schlagenden Herzen blieben. Dass wir aber auch in numerischer Unterzahl trotzdem die Stimmungshoheit an der Wedau haben werden, daran hege ich natürlich keinen Zweifel. Auswärts singt es sich oftmals lauter und gemeinsamer als daheim.

Wir haben ja in der jüngeren Vergangenheit nicht allzuoft die Klingen mit den Meiderichern gekreuzt, aber wenn, dann endete es für uns zumeist in einem Drama: Die rauf, wir runter, so 2007 am letzten Spieltag der zwoten Liga. Dann 2014 das Halbfinale im Niederrheinpokal: Die Machtdemonstration des damaligen NRW-Innenministers und MSV-Fan Ralf Jäger, der moderate Unruhe auf den Rängen zum Anlass nahm, für sich eine Militärparade im Stile von „Trooping the Colour“ zu Ehren der Queen durchzuführen. Die erhofften Ehrerbietungen wurden ihm natürlich nicht zuteil, dafür hagelte es Hohn und Spott. Unter dem Strich ein epischer (Ruhrpottfußball-)Abend. 2017 dann das bisher letzte Aufeinandertreffen. Nicht mehr ganz so episch, ein schlichtes 0:2 im Pokalfinale des kleinen Mannes. An diesem Abend haben wir aber wenigstens keinen Elfmeter verschossen.

Es gibt aber dieses eine Spiel unseres RWE beim MSV Duisburg, welches wohl auf ewig nicht in Vergessenheit geraten wird. Und das, obwohl diesem Spiel lediglich 7.000 Zuschauer beiwohnten. Auf beiden Seiten wohlgemerkt. Es war ein Spiel der 2. Bundesliga, ausgetragen ebenfalls an einem Freitag. Es war der 15. April 1983, angepfiffen wurde um 20:00 Uhr, was schummeriges Flutlicht mit sich brachte. Und es wurde Bestandteil einer Tatort Verfilmung mit den Besten, die Duisburg jemals zu bieten hatte: Schimanski. Thanner. Hänschen.

Die beeindruckende Physis von Götz George zeigte sich in seiner Nacktheit am Mittelkreis und die Geschichte des Spiels wurde zebrafreundlich umgedichtet: Unser RWE konnte dieses Abendspiel „in Echt“ mit 2:0 für sich gestalten, der zweifache Torjubel der Duisburger Fans auf der Haupttribüne im Dunstkreis der Führungskamera erfolgte somit auf Regieanweisung. Kurzversion der Tatortfolge: Schimi hatte WG-Stress mit Thanner, weswegen er kurzerhand zum Fußball ausgebüxt ist. Dort gab es einen Mord, woraufhin Schimi in der MSV-Fanszene ermittelt. Der dortige Hauptprotagonist und MSV Krawallo Dietmar Bär musste daraufhin in der Schlussszene ebenfalls seine Hose herunterlassen. Derart geschockt verließ Dietmar Bär den MSV um beim BVB als Fan anzuheuern. Aufgrund der Erlebnisse mit Schimi konnte Bär glücklicherweise die schiefe Filmlaufbahn verlassen und nahm ein Angebot des WDR an, für den Tatort bei der Kriminalpolizei Köln als Fahrer von Fahrzeugen aus der Asservartenkammer zu arbeiten.

Es ist also ein bisweilen bunter Strauß, den wir in der Vergangenheit mit dem MSV gefochten haben. Es fehlt vielleicht die komplett negative Substanz mit denen aus Gelsenkirchen, aber es reicht allemal zu einer profunden, nachbarschaftlichen, Rivalität und zudem haben wir sportlich definitiv mehr Rechnungen mit dem MSV offen, als der MSV mit uns. Hoffentlich bekommen wir die Zeit bis zum Anpfiff kreativ-rivalisierend hin und unterbieten uns nicht im Niveau-Limbo.

Was unsere Spannung noch mehr steigern wird: Wir wird unsere Mannschaft auf den missglückten Auftakt reagieren? Wer wird spielen und wenn ja, auf welcher Position? Unsere Spieler kennen große Kulissen und heiße Derbys. Und wer noch nicht, der hat mindestens davon geträumt, solche Spiele bestreiten zu dürfen. Nun laufen sie alle für Rot-Weiss Essen in einem vollen Stadion in der Nachbarschaft auf. In Duisburg geht es nicht nur um drei Punkte: Es geht um Wiedergutmachung und nicht zuletzt darum, wie sich tausende RWE-Fans nach Abpfiff fühlen werden. Lasst uns im Anschluss an das Spiel grinsen bis der Arzt kommt. Ihr für uns und wir für Euch. Nur der RWE!

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben.

Wie heißt es doch so schön: „Eine neue Liga ist wie ein neues Leben“. In Anbetracht der grenzenlosen Euphorie bei der ersten öffentlichen Trainingseinheit zur neuen Saison bleibt einem fast nichts anderes übrig, als diese These mit einem energischen „JA“ zu beantworten. Gute Güte, welch eine Sympathie schlug der Mannschaft an diesem sonnigen Fronleichnam im Juni 2022 entgegen! Die „Alten“ in der Mannschaft genossen diese Zuneigung in dem Wissen warum, und die „Neuen“ durften wohl zunächst große Augen gemacht haben, was das dann erst Recht für die Heimspiele bedeuten würde. Wobei es ja nun mittlerweile auch so ist, dass auch wir in das Regal der gestandenen Fußballprofis greifen konnten und diese  Spieler stimmungsvolle Stadien gewohnt sind.

In Anbetracht des Pro-Kopf Verbrauches an Stauder dürfte jedoch allen eines klar sein: Sie spielen in der größten Trinkhalle des Profifußballs. Und wer kann dass schon von sich behaupten? Willkommen im Büdchen 97a. Rot-Weiss Essen hier also schon sehr gut aufgestellt. Lieber Wegbier als Weghorst, lieber 0,5 als 0,33! Ansonsten erwartet die neuen Spieler natürlich die gesamte Bandbreite zwischen Humba und Pfeifkonzert. Es ist ja nun nicht so, dass die Fans von Rot-Weiss Essen das Spiel der Fußballatmosphäre neu erfunden haben. Es ist hier halt nur ein wenig direkter. Und doch so ganz anders als in den vielen Jahren zuvor. Den Schwung der vergangenen Saison mit in eine Neue nehmen zu können, also dass hatten wir eigentlich schon sehr lange nicht mehr. Vergangene Saison war das ansatzweise schon zu spüren, aber lange nicht damit zu vergleichen, was dieser Quantensprung aus der Regionalliga heraus mit uns allen anstellen würde. Plötzlich wollen alle nach Zwickau. Ich glaube, auf diese Idee kommt man im „normalen“ Leben jetzt nicht unbedingt.

Wie dem auch sei: Wir sind wieder wer, ohne überhaupt jemals einen Schritt in die 3. Liga gesetzt zu haben. Schließlich kennen wir diese Liga ja noch gar nicht, wurde sie doch erst am 25.Juli 2008 gegründet. Und knapp zwei Monate zuvor hatten wir ja auch noch unsere Abschiedsparty aus dem profitablen Fußball. Ist ja auch wurstegal jetzt, denn wir sind endlich drin. In einer Liga, aus der eigentlich auch schon jeder direkt wieder heraus möchte, da ja als Pleiteliga verschrien. Das mag auf einige Vereine auch speziell zutreffen, aber wir als Rot-Weiss Essen müssen jetzt erst einmal dort ankommen und uns angemessen auf und neben dem Platz vorstellen. Ohne Angst, aber mit Respekt. Ohne große Klappe, aber keinesfalls schüchtern. Und endlich hat auch der MSV Duisburg wenigstens bei einem Spiel eine volle Hütte. Meiderich statt Münster. Das klingt nach großer weiter Fußballwelt, auch wenn es direkt um die Ecke ist.

Apropos Münster: Wie der Presse zu entnehmen war, hat der SC Preußen kein Interesse mehr an Dennis Grote, um ihn für die neue Saison unter Vertrag zu nehmen. Wenn es denn so ist, dann war das im vergangenen Winter wirklich eine dusselige Räuberpistole aus Münster, die zum Rohrkrepierer für die eigene Mannschaft wurde. Im Verbund mit der Nachtfrostnummer bei plus 15 Grad und dem Engelmann-Gerücht aus selber Ecke muss man schlicht konstatieren: Diese Trilogie aus Münster hat sich direkt für die goldene Himbeere als schlechteste Serie beworben. Mal sehen, was das Karma dafür nun in der kommenden Saison mit den Adlerträgern vorhat! Schließlich kann ich die Regionalliga-West nicht einfach unbeobachtet lassen, dass klappt nicht von jetzt auf gleich, dafür war es zu lange unsere Heimat.

Unsere Heimat bleibt auf jeden Fall und ein Leben lang die Hafenstraße 97a. Das nur noch mal am Rande erwähnt und abends desöfteren auch weithin sichtbar erleuchtet. Mein Faible für die Mannschaft hinter der Mannschaft und deren Leistung ist seit dem Aufstieg eigentlich nur noch größer geworden. Denn unsere Helden in Stutzen haben den Job bei weitem nicht alleine gemacht. Und daher werde ich einfach nicht müde, um Geduld zu werben. Jede Karte kommt an, jede Anfrage wird bearbeitet und jede Bestellung aufgenommen. Aber dass kann nicht immer in gewünschter Echtzeit funktionieren. Wir haben so viele Jahre auf den Aufstieg gewartet, da dürften ein paar Tage des Wartens auf was auch immer doch kein Problem sein. Auch auf der Geschäftsstelle hat der Tag nur vierundzwanzig Stunden.

Und eigentlich gilt die größte Ungeduld aktuell doch und absolut nur dem Spielplan. Zigtausende Fans und wohl der ganze Verein warten darauf gebannter, als auf die Ziehung der Lottozahlen.  Gibt es zu Saisonbeginn den Jackpot mit Dresden daheim und den Münchner Löwen auswärts? Oder den Royal Flash mit Duisburg auswärts und Waldhof anne Hafenstraße? Eigentlich ja auch egal, denn wir müssen schließlich so oder so gegen jeden Gegner zweimal spielen, also hoffentlich! Aber nach so langer Zeit darf man einfach auch mal Wünsche haben. Der erste Gegner ist mir unterm Strich eigentlich auch egal, aber ein Heimspiel zu Beginn der neuen Saison wäre schon schön. Alle wieder mit an Bord, mit denen wir aufgestiegen sind, zuzüglich einem vollem Gästeblock. Dann dürfte sich auch Magenta Sport kräftig die Hände reiben.

Ob man seitens des WDFV dann auch mal zähneknirschend in die Übertragungen reinschaut, um zu sehen, wie sich der weitere Weg von Rot-Weiss Essen gestaltet? Oder sitzt Magenta TV dort nicht drin, da wir den ganzen Bumms ja nun nicht mehr mitfinanzieren? Man weiß es nicht und eigentlich ist es auch egal. Unglaublich, wir haben uns endlich vom Acker gemacht! Es wird jetzt die Zeit dafür kommen müssen, ein sportliches Gespür für die neue Liga zu entwickeln, um uns selbst dort einordnen zu können. Ich glaube nicht, dass wir Bekanntschaft mit dem Abstiegsgespenst machen werden, dafür ist unsere Mannschaft zu gut und in weiten Teilen zu eingespielt. Aber das hat Viktoria Berlin lange Zeit wohl auch von sich gedacht. Unser RWE wird sicher auch nicht die Rolle des TSV Havelse oder von den Würzburger Kickers übernehmen, die von Beginn an der Musik hinterherlaufen mussten, ohne wirklich jemals ein Bein auf den Boden zu bekommen.

Ich denke, wir alle zusammen auf und neben dem Rasen bekommen eine stabile Saison hin, die am Ende einen einstelligen Mittelfeldplatz und viel Zufriedenheit mit sich bringen wird. Wir werden weiter gewinnen, aber vor allen Dingen auch mehr verlieren als wir es seit einigen Jahren gewohnt sind. Und all das werden wir wünschenswerterweise zusammen tun. Schließlich sind wir Rot-Weiss Essen, die größte Trinkhalle des Profifußballs. 

„Sobald man in einer Sache Meister geworden ist, soll man in einer neuen Schüler werden“ [Gerhard Hauptmann]

Vor dem alles entscheidenden Spiel gegen die gleichnamigen ohne Bindestrich aus Ahlen war schon lange vor dem Spiel alles voller als sonst. Egal ob die Tribünen, die Hafenstraße selbst, Parkplätze, Zufahrtswege, der Stadionvorplatz. Alles voll. Manch Fan auch. Und das schon zu früher Stunde. Aus Sicherheitsgründen wurde wegen nervösem Magen vielfach das Frühstück ausgelassen und gleich mit der Hauptmahlzeit an diesem Tag begonnen. Das Geschäftsmodell Pfandflasche somit ein außerordentlich ertragreiches. Trotz der Tatsache, dass rund um das Hafenstübchen nur Plastik erlaubt war.

Die Grundstimmung für ein quasi-Endspiel ungewohnt heiter und vorfreudig erregt. Die vergangene Woche mit den Ereignissen in Wiedenbrück und Lotte hatte alles an negativen Gedanken auch aus der hintersten Hirnrinde verbannt und gefühlt sogar die letzten DauernörglerInnen milde gestimmt. In der DN-Szene wurden weitere Aktivitäten somit zunächst einmal bis nach Spielende vertagt. Es herrschte ein lange nicht mehr gekanntes, also wirkliches Wir-Gefühl rund um die Hafenstraße. Wohl auch der Erkenntnis geschuldet, dass die mitunter nach außen nicht immer ganz glatt wirkenden Entscheidungen doch die Richtigen im Sinne des sportlichen Erfolges und somit im Sinne des Vereins gewesen sind. Und dadurch natürlich uns allen zugute kamen. Trotzdem, und bevor ich dass vergesse: Vielen Dank Christian Neidhart für Deine klasse Arbeit bei uns an der Hafenstraße. Das war mehr als die Grundsteinlegung für den Aufstieg! Du bist Aufstiegstrainer.

Unglaublich aber auch, was die „Impro-Combo“ um Jörn Nowak und Vincent Wagner nebst Trainerteam in kurzer Zeit für Verspannungen lösen konnte. Schon in Lotte gegen Rödinghausen wurde klar: Dass was da nicht mehr nur auf dem Rasen, sondern auch auf und neben der Bank abgeht, das ist Willen und Leidenschaft. Hier wird keiner mehr plötzlich und unerwartet am Lübeck-Syndrom erkranken. Die Vorlage aus Wiedenbrück wurde also aufgenommen, Samstag drauf in Leidenschaft umgewandelt und anschließend in mehrtägige Vorfreude veredelt. Vorfreude. Bei uns! Das allein hat es ja schon jahrelang nicht mehr gegeben. Keine „Wir verkacken es eh wieder“ Gesichter rund um das Stadion an der Hafenstraße. Je näher man dem Stadion kam, desto mehr zog einen der Sog der Masse Richtung Tribünen, die aber ihrerseits auch schon gut gefüllt waren. Gesänge hallten bereits von drinnen nach draußen, was jetzt bei offenen Ecken auch nicht so problematisch ist.

Eine motorische Meisterleistung, die bei mir immer wieder Momente der Bewunderung auslöst, ist übrigens der Umgang mit dem Wegbier: Laufen, reden und dabei trinken….ich bin da irgendwie nicht für gemacht. Außerdem verlangte die Aufregung viel zu viel kompensatorisches reden. Getrunken wurde halt später. Irgendwann war das Stadion also bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Mannschaft wurde mit einem Jubelsturm begrüßt. Warmmachen der ganz besonderen Art. Eigentlich überflüssig, so heiß wie alle waren! Wetter, Choreo (danke dafür!), Stadionmusik: alles stimmig und die heiligen St. Preußen waren fast kein Thema. Hier, heute und jetzt: Das erledigen wir als Rot-Weiss Essen ganz alleine. „Seit wir zwei uns gefunden“ eben! Und so kam es dann ja auch. Mit jeder gespielten Minute wich die Anspannung einer inneren Ruhe und spätestens bei Abpfiff erschien alles surreal. Das konnte einerseits an den vierzehn langen Jahren liegen, andererseits aber auch an der latenten Cannabis Wolke, die sich immer wieder ihren Weg durch den Block zu bahnen wusste.

Menschen lagen sich in den Armen. Freunde, Fremde und sogar wildfremde. Strahlende Gesichter bahnten sich ihren Weg auf den Rasen und machten aus unserer blitzeblanken (sie wird mit Liebe gepflegt) Zaunfahne eine „Matchworn“ Zaunfahne, da sie nun als Art Sprungtuch zu dienen hatte. Der Umgang von Walter Ruege am Mikrofon mit dem Platzsturm dann doch sehr väterlich moderat. Eigentlich wusste doch jeder, dass es passieren wird. Im übrigen blieb die sogenannte „aktive Szene“ noch lange Zeit auf ihren angestammten Plätzen. Da waltete dann Verständnis über Emotion. Null Verständnis allerdings für diejenigen, die einen Platzsturm als Aufforderung verstehen, den eigenen Verein mit Plünderung zu überziehen. Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um sich alles unter den Nagel zu reißen, was nicht niet- und nagelfest verankert ist? Das ist keine Freude, dass ist spätestens dann kriminell, wenn man zum Beispiel Mischpulte von den Presseplätzen klaut. Und ganz dämlich wird es dann, wenn sich spätestens am Tag danach Grasbüschel auf Auktionsplattformen wiederfinden. Je nee iss klar. An Geboten finden sich dann: Aufstiegsrasen aus Essen neben Klassenerhaltsrasen aus Stuttgart neben Europapokalrasen aus Köpenick und so weiter und so fort. Eine bedenkliche Mitnahmekultur, die sich da ihren Weg in die Stadien gebahnt hat. Dass man den Spielern nicht gleich den Kopf abreisst, ist alles!

Doch zurück zu den positiven Dingen, denn die überwältigende Masse an RWE-Fans hat wirklich einfach nur einmal gesittet den Rasen betreten wollen, auf denen ihre Lieblinge gerade dass vollbracht haben, auf dass wir alle so elend lange Jahre gewartet haben. Einfach auf den Rasen setzen und versuchen zu verarbeiten, was hier und heute historisches passiert ist. Das hatte in den Ecken fast was von einem Sommerfestival in der Gruga oder dem Stadtpark Nordhorn: So viele Kinder in roten Trikots saßen bei ihren Eltern auf dem Rasen und genossen miteinander versonnen den Moment. Ich weiß nicht, wie hoch die Anzahl der jungen Fans in anderen Stadion der unteren Ligen ist: Aber in Zeiten, wo Kinder fast automatisch mit Bayern Trikots gequält werden, oder sich eines Tages, warum auch immer, PSG Trainingsanzüge kaufen, da ist es schlicht Wahnsinn, wie sehr Rot-Weiss Essen innerhalb der Familien weitervererbt und schon in ganz jungen Jahren gelebt wird.

Wer vereinsintern jetzt auf die glorreiche Idee gekommen ist, die Pokalverleihung auf der Gottschalk-Tribüne in dem noch nicht freigegebenen Sitzplatzbereich durchzuführen, der ist auf jeden Fall mein Held, oder meine Heldin. Ist diese sogar noch recht spontan entstanden, dann war das einfach nur genial und dem ganze Szenario komplett angemessen. Schließlich konnte man vor dem Spiel noch nicht von einem Aufstieg ausgehen. Dann sind wir ja doch eher Rot-Weiss Essen und wäre uns eine lange im Vorfeld geplante und vor dem Stadion schon aufgebaute Bühne mit allem Zipp und Zapp definitiv vor die Füße gefallen. Wir haben so lange im Dreck gelegen, da braucht ein Aufstieg am letzten Spieltag keinen Hochglanz, sondern genau dass Szenario, welches wir weit nach Spielschluss erleben durften. Alles richtig gemacht RWE!

Das hatte dann endgültig was von einem kleinen Spontankonzert vor begeistertem Publikum. Ungeahnte Rampensäue innerhalb der Mannschaft inklusive. Wer hier etwas anders erwartet hat, der muss halt nach München fahren und sich jedes Jahr die langweilige Meistersause abholen. Es ist ja schon auch total schräg: Da erwarten wir Fans die Mannschaft zur Pokalübergabe irgendwo auf der Haupttribüne, und dann muss diese nicht nur über den Stadion-DJ in die Kabine gerufen werden, sondern latscht hinter der Tribüne teilweise mit Beatbox, hässlicher Perücke und knackiger Radler zumeist auf Badelatschen in Aufstiegsshirts auf den temporären Pokalbalkon. Mannschaft und alle die dazugehören…sie wurden besungen und gefeiert. Und am meisten hat die Mannschaft sich selbst gefeiert. Was hat sie sich das verdient. Und ich bin so unendlich glücklich, dass diese Mannschaft im Kern mit uns weiter gemeinsam den Weg gehen wird.

Wir sind endlich wieder in der 3. Liga. Danke Mannschaft, Danke „Staff“, Danke Marcus Uhlig. Danke Geschäftsstelle und Fanshop. Danke Fanprojekt und Ehrenamtliche. Danke Ihr Fotografen und Ihr da auf den Kommentatorenplätzen für Stream und Webradio. Danke alle, die ich vergessen habe. Und danke, Michael Welling. Ich denke, auch Du hattest mehr als eine Träne der Freude im Knopfloch. Und nicht nur deshalb, weil Osnabrück Münster erspart bleibt. So langsam habe ich es begriffen: Wir sind tatsächlich aufgestiegen.

Verl, wir kommen!