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La Familia.

Tabellenletzter nach vier Spieltagen in unserer neuen Bude 3. Liga! Die aktuelle Situation komplett neu nach einigen Jahren diverser Punkterekorde und epischen Titelkämpfen. Sie wirkt allein dadurch schon komplett befremdlich, war so auch nicht geplant und überfordert uns fast in Gänze, einen zielführenden Umgang damit zu finden. Und das, obwohl wir doch alle wussten, höherklassig mit einigen bis vielen Niederlagen rechnen zu müssen. Alle anderen Mannschaften sind schließlich unsere Gegner und nicht umsonst im Profifußball zuhause. Für die ist das komplett egal, wie sehr man uns endlich wieder herbeigesehnt hat und wie viele Artikel sich vor Saisonbeginn lobpreisend mit Rot-Weiss Essen beschäftigt haben.

Das die Artikel aber allesamt nicht zu Unrecht aufgesetzt und veröffentlicht wurden, definiert sich ja nicht nur über den aktuellen Tabellenplatz. Man könnte es auch an einer ganz anderen Beobachtung festmachen: Das Spiel unseres RWE bei der Zwoten von Borussia Dortmund hatte etwas von einem gigantischen Familienausflug! Die Liebe zu Rot-Weiss Essen definiert sich also weiterhin nicht allein über sportlichen Erfolg. Sie ist vielmehr der Staffelstab von Generation zu Generation. Unglaublich viele Jungs und Mädchen haben Rot-Weiss Essen an der Seite ihrer Eltern, Verwandten, Geschwister oder wen auch immer in das Westfalenstadion begleitet. Und genau das ist auch der Grund dafür, dass Rot-Weiss Essen einfach nicht unterzukriegen ist, der aktuellen sportlichen Situation zum Trotze.

Und ich bin optimistisch, dass diese vielen jungen Fans auch nach Niederlagen einen anderen Zugang zum Netz finden werden, anstatt dieses dafür zu nutzen, unter der Gürtellinie und bisweilen hemmungslos zu beleidigen. Ein leider nicht geringer Anteil älterer Generationen vergisst nach Niederlagen bisweilen den Anstand und sieht das Internet eher als kompensatorische Plattform für eigene Unzulänglichkeiten. Nur weil ich am Rechner oder Handy irgendwelche Beleidigungen in Kommentarspalten reinhacke, oder gar als private Nachricht verfasse: Es ändert sich dadurch auch nichts am Punktestand. Und wer sich danach besser oder cool fühlt, der wird im realen Leben sowieso niemals was gewinnen.

Es bedarf vielleicht eines grundsätzlich neuen Umgangs mit den sozialen Medien. Solange die Kommentarspalten geöffnet bleiben, wird die Reaktion immer in alle Extreme ausschlagen. Als Verein kannst Du es Dir natürlich nicht mehr leisten, keine Internetpräsenz zu zeigen, sondern musst mittlerweile viele Plattformen bespielen, um möglichst viele Fans mit Deinem Output zu erreichen. Das bedeutet schließlich nicht nur Raum für Aktualität, sondern in hohem Maße auch jede Menge Möglichkeiten zur Werbung in eigener Sache. Man will die Fans also erreichen und tut das auch. Doch dabei kommt es leider immer wieder je nach Spielausgang oder grundsätzlichen Inhalten zu Reaktionen, die schwer verdaulich sind, einfach nur stumpfe Beleidigungen oder fast schon einen Strafbestand beinhalten. Das Schlimme daran: Man kann sich als Verein (zurecht) daran aufreiben und auch anprangern. Man verschließt sich aber möglicherweise auch der konstruktiven Kritik, die vielleicht überlesen wird.

Ein ganz schwieriges Feld also, welches man da tagtäglich vorfindet. Schließt man die Kommentarspalten, unterbindet man den Diskurs mit den Fans. Lässt man sie offen, könnte man den Verfasser, die Verfasserin direkt blockieren, wenn gegen die Netiquette verstoßen wird. Aber wer soll das bewerkstelligen? Es ist schwierig und wird es wohl leider auch noch einige Zeit bleiben, bis eben nachfolgende Fangenerationen den von mir erhofften respektvolleren Weg im Umgang mit sozialen Medien pflegen, da von Kindesbeinen damit aufgewachsen. Aktuell würde ich mir von Rot-Weiss Essen wünschen, diese Kommentare nicht zum Gegenstand des Tagesgeschehens zu machen. Man kann keinen Faktencheck für jedes überhitzte Fangerücht leisten. Lasst die Kommentare ins Leere laufen, lest sie gar nicht erst. Wer sich mit irgendwelchen Angeblichkeiten wichtig tun will: So what? Ich wünsche mir, dass kein Spieler, Trainer oder Mitarbeiter*Innen jemals wieder einen eigenen Account löschen muss, nur weil man darüber persönlich beleidigend angegangen wird. Das geht gar nicht. Niemals! Und wenn der aktuelle Punkt der einzige bis Saisonende bleiben sollte! Die Familie Rot-Weiss hat sicher viele Subkulturen unterschiedlichster Prägung, aber in diesem Punkt sollten wir uns einig sein!

Zurück zum Familienausflug nach Dortmund: Die ganze Familie war also einmal mehr beisammen, auch wenn der Weg ins Stadion selbst aus dem nahen Essen bisweilen ein ganz weiter werden sollte, wie in der Halbzeitpause zu erfahren war. Die Bahn machte es einmal mehr möglich! Das Westfalenstadion ein durchaus beeindruckendes Stadion mit einem Schattenwurf, der den Stehplatzbereich der Gästefans komplett zu missachten wusste. Und so lieferten die dort stehenden Fans des RWE in der prallen Sonne über die gesamte Spielzeit und weit darüber hinaus schweißtreibende Maloche ab. Viel Wasser, weniger Bier das Getränk der Stunde dort. Im Kuchenstück Oberrang/Ecke hingegen war es zwar schattig, doch staute sich die Hitze dort, so dass die Melange aus stickiger Luft, Bierdunst etc. eine ganz andere Anforderung darstellte.

Auch unsere Spieler stellten sich den Anforderungen des Spiels und der Temperaturen und zeigten sich dem Vernehmen taktisch versierter Fans nach deutlich verbessert, im Gegensatz zu den Spielen davor. Eine homogene Mannschaft suche ich leider noch vergebens. Der Einsatz einmal mehr makellos gab es auch die besseren Chancen für unseren RWE, doch das Tor des Tages erzielte nun mal der BVB. Nach dem Spiel zeigte sich dann recht deutlich, dass wir eigentlich gar nicht so richtig wissen, wohin gerade mit uns und unseren Emotionen. Während „unten“ unisono lautstarke Aufmunterung gespendet wurde, gab es „oben“ glücklicherweise keine verbalen Entgleisungen a`la Kommentarspalte, aber es herrschte schon eine große Enttäuschung vor.

Ich urteile nun nicht nach taktischen Systemen, maße mir das auch gar nicht an, denn die Umstellungen kann ich schlicht auch nicht immer direkt erkennen. Ich erlebe Spiele sicher anders als der Fachmann oder die Fachfrau. Und schon gar nicht jage ich jedes Spielergesicht nach Auswechslung direkt durch den Gesichtsscanner oder dergleichen. Für mich ist ein Fußballspiel wie eine filmische Handlung, die ich stets mit allen Sinnen und Emotionen durchlebe. Alles in allem war es vergangenen Samstag in Dortmund somit eine intensive Folge der neuen RWE Serie „3. Liga“. Vielleicht kommt nun ausgerechnet gegen den Tabellenzweiten aus Ingolstadt die erhoffte, bisher beste Folge der neuen Staffel. Gerne auch mit den Fahnengirls. Wir müssen uns ja nicht jeder lieb gewonnenen Tradition länger entledigen als notwendig, nur um modern zu sein. Und dann, ja dann dürfen wir endlich raus aus NRW. Den weiten Weg über die Landesgrenze hinaus nach so langer Zeit fährt es sich sicher leichter mit vier Punkte. Man hat ja schließlich auch seine Erwartungen an so eine Serie.

Die Stille nach dem Spiel.

Würde man unken wollen, so könnte man auf das nächste Heimspiel gegen den FC Ingolstadt einen richtig guten Tipp abgeben: Mit einem 1:3 würde man tendenziell gar nicht mal so schlecht liegen. Natürlich tippt man niemals gegen den eigenen Verein, aber nach diesem zweiten Heimspiel, welches im Backofen an der Hafenstraße doch so gut begonnen hatte, hilft gerade nur Galgenhumor.

Dabei begann alles sehr vielversprechend: Wir bekamen fast die mehrheitlich gewünschte Aufstellung (Warum Oguzhan Kefkir wieder nicht in der Startelf stand, erschließt sich mir einmal mehr nicht) und eine furiose Anfangsviertelstunde, in der Viktoria reichlich Schnappatmung bekam. Unsere Mannschaft wollte also nahtlos an die letzten Minuten im Wedaustadion anknüpfen. Doch diesmal ging der Spielfilm den umgekehrten Weg: Bevor sich unsere Mannschaft nun auch noch mit einem Tor belohnen konnte, zogen die Steuerberater von der Schäl Sick einfach den Stecker aus unserem Spiel und begannen, das Spiel nicht nur zu beruhigen, sondern auch zu verwalten. Inklusive dem dazugehörigen Tor. So geht eben die 3. Liga. Wer da aufmüpfig wird, bekommt erstmal was vor den Latz. Zumindest, wenn man Rot-Weiss Essen heißt und aktuell oft einen Schritt zu spät kommt.

Auch, weil die Zuordnung einfach nicht stimmt. Das ist manchmal ein wildes Durcheinander auf dem Feld. Und dabei stimmt eigentlich alles: Wille, Einsatz, Fitness: Alles im Rahmen. Aber wenigstens spielerisch muss das jetzt ganz dringend auf die dritte Ebene gehoben werden, sonst etablieren wir uns nicht in der Liga, sondern weit abgeschlagen in dessen Keller. Und dann bekommen wir doch alle wieder die Krise. Wir kennen das nur zu gut.

Es bedarf jetzt einer ruhigen, ordnenden Hand, denn so, wie viele Spieler aktuell drauf sind, droht zudem eine Kartenflut. Irre, wie beispielsweise Ron Berlinski immer wieder den Torwart anläuft, oder sich durch die gegnerische Hälfte grätscht. Aber wenn daraus zu viel Testosteron wird, und man das Gefühl bekommt, der Mann haut gleich einen Gegenspieler um, dann ist dass das gewisse Etwas drüber. Wir brauchen keinen Enforcer, sondern Tore. Aber Karten bekommt man ja nicht nur durch übermotiviertes Handeln, sondern oft auch, um schlechtes Stellungsspiel durch ein taktisches Foul zu kompensieren. Wir brauchen eine funktionierende Taktik.

Es steht mir als Laie in taktischen Dingen eigentlich nicht zu, sportlich Kritik zu üben, aber als Fan, dessen Vorfreude sich gerade gespenstisch auflöst, sieht man natürlich auch Sachen auf dem Feld, die so sicher nicht geplant waren. Was zum Beispiel ist mit der Spielfreude von Isi Young passiert? Die sogenannte Körpersprache macht mir bei ihm Sorgen. Und sollte nicht unser eingespielter Kader das Faustpfand für eine relativ ruhige Saison sein? Liebe Leute, es hat sich ausgefeiert, nun ist auf dem Trainingsplatz mehr Arbeit denn je zuvor angesagt. Wenn jeder nur für sich spielt, dann wird das nix mit dem Klassenerhalt. Und da kann man besser viel zu früh und nur gut gemeint den Finger in die Wunde legen, als zu spät. Auch wenn das vielleicht alles jetzt undankbar erscheinen mag.

Es ist ja auch nicht das Problem, ein Spiel zu verlieren. Das Problem ist, wie die beiden Heimspiele und die erste Halbzeit in Duisburg verloren wurden. Das macht ratlos. Im Strom der aus dem Stadion eilenden Fans mitzuschwimmen bedeutet auch auch, Teil der Meinungen zum Spiel zu werden. Wenn gemotzt wird, kann man mitmotzen, oder dagegen anstänkern, ist die eigene Meinung komplett konträr. Wenn aber überall Ratlosigkeit über das Erlebte herrscht, dann ist das ein noch viel fragileres Gefühl, und sorgt für Kummer. Der erste Sieg in dieser Saison würde sicher viele Kräfte freisetzen und der Mannschaft Aufwind geben, sofern er zeitnah erfolgen mag natürlich. Aber dafür braucht es Pässe die ankommen. Standards die Torchancen kreieren und eine Abwehr, die eine gemeinsame Linie spielt. Und eben auch einen roten Faden, den der Trainer vorgibt.

Den Kredit auf den Rängen, den darf Rot-Weiss Essen weiterhin genießen. Lieber Mannschaft und Verein bis zum Abpfiff besingen, als pöbelnd auf den Zaun springen. Aber das kann auf dem Feld so trotzdem nicht weitergehen und würde bei weiteren Niederlagen auch definitiv nicht so weitergehen. Bis Samstag im Westfalenstadion bleibt nicht wirklich viel Zeit, aber es ist definitiv an der Zeit wirklich viel aufzuarbeiten. Dann wartet wieder eine ganz neue Herausforderung auf unsere Mannschaft: Nach vollen Stadien in den ersten drei Spielen geht es diesmal in das größte Stadion der Republik, welches aber trotzdem nicht wirklich gefüllt sein wird. Es ist nach dem gestrigen Spiel sehr schlecht zu schätzen, wieviel Fans unsere Mannschaft in das Westfalenstadion begleiten werden.

Das ist aber auch schon wieder eine Achterbahn der Gefühle, die so hat keiner kommen sehen. Wir sollten dieses Etablissement 3. Liga so schnell nicht wieder verlassen. Wir haben alle zusammen doch viel zu viele Jahre drauf gewartet, es endlich betreten zu dürfen. Es ist nicht weit nach Dortmund. Machen wir also rüber und helfen unserer Mannschaft dabei, wenigstens dort den ersten flotten Dreier einzufahren. Offensichtlich hat sie alleine gerade nicht die richtigen Mittel parat, um siegreichen Fußball zu spielen.

Unterstützung, klare Ansage und Vorgabe benötigt aber nicht nur unsere Mannschaft, sondern auch unser Verein durch die GVE: Es braucht endlich eine Lösung für die Boxenproblematik im Stadion. Es kann doch nicht sein, dass der RWE sich nun andauernd für etwas zu entschuldigen hat, was gar nicht in seiner Verantwortung liegt. Es dürfte doch kein Hexenwerk sein, eine ausbalancierte Beschallung hinzubekommen, die für moderate Lautstärke sorgt. Das hat doch seit Eröffnung des Stadions vor zehn Jahren bis Ende der vergangenen Saison eigentlich ganz gut funktioniert.

Mit welchen Gefühlen wird wohl Andreas Rettig das Stadion nach Spielende verlassen haben? Man weiß es nicht. Weit vor dem Spiel aber genoß er seine Wurst am Grillstand des Hafenstübchens. Er weiß eben, was schmeckt und wo der Fußball Zuhause ist. Wahrlich ein Mann, der im Gegensatz zu so vielen Fußballfunktionären mit beiden Beinen fest am Boden geblieben ist. Eine lukullische Randnotiz an einem Fußballabend, der eher weniger schmackhaft war. Nur der RWE! 

Punktlandung!

Jetzt weiß ich langsam, welcher Irrglaube mich nach diesem so herrlichen Aufstieg als Fan ereilt hat: Ich dachte tatsächlich, nun wird das Leben mit Rot-Weiss Essen endlich viel leichter und entspannter. Eine Saison als nie enden wollender, milder Frühlingsabend. Die Sonnenbrille keck auf der Nase, während das Resthaar von einer frischen Brise zerzaust wird. Noch im Spiel gegen die SV Elversberg schnell geerdet wurde klar: Hier und jetzt hat uns zunächst einmal der Gegner und keine erhoffte Leichtigkeit des Seins zerzaust.

Ja und dann dauerte es auch gleich mal zwei ganze Wochen, bis das nächste Ligaspiel anstand. Zu allem Überfluss auch noch direkt nebenan in Duisburg. Der Wichtigkeit dieses Spiels entsprechend, wurde ordentlich auf vielen Kanälen darüber geschrieben, gesprochen und gesendet. Medial schon eine ganz andere Hausnummer als noch eine Etage darunter. Kein vierzehntätiger Frühlingsabend von Elversberg bis Duisburg also, eher ein ebenso lange andauerndes Stahlbad bei täglich wachsender Anspannung und Hitze. Diese leicht erklärt: Verliert man auch das zweite Spiel in der 3. Liga, zudem in Duisburg, und vielleicht sogar auf ähnliche Art und Weise wie noch zwei Wochen zuvor: Dann ist relativ früh gleich wieder Schicht im Schacht mit unserer Euphorie und fahren wir in den Keller der Liga ein.

Wir wir nun erleichtert wissen, ist nichts dergleichen eingetreten. Der erste Punkt in der 3. Liga wurde eingesackt. Quergelesen leidet man darüber im MSV Portal wie nach einer Niederlage, während wir noch nicht genau wissen, wie das Spiel einzuordnen ist. Das Forum schwankt in seiner Beurteilung. Genau genommen haben wir ja auch zwei verschiedene Spiele in einem bestritten. Da kommt selten ein gemeinsamer Konsens auf. Wie sollte er auch? In einem war, beziehungsweise ist man sich dann aber doch einig: Mit der selben Aufstellung wie noch gegen die SV Elversberg zu beginnen war sicher eine hehre Absicht unseres Trainers, brachte aber zunächst nicht den gewünschten Effekt der Wiedergutmachung, sondern gefühlt eine Fortführung des ersten Spiels.

Daraus aber direkt abzuleiten, dass wir einigen Spielern zwar unendlich dankbar für den Aufstieg sind, ihnen aber nach einem (anderthalb) Spiel(en) direkt die Drittligatauglichkeit absprechen, das halte ich nicht nur für vermessen, sondern auch viel zu verfrüht. Wir wollten alle zusammen in der Liga ankommen und dort Fuß fassen. Daran sollte auch das Elversberg Spiel nichts ändern, welches die gültige Einarbeitungszeit aber leider direkt außer Kraft gesetzt zu haben scheint. Die 3. Liga ist auf so vielen Ebenen eine ganz andere Hausnummer, da müssen wir akzeptieren, dass das auch für das Spiel an sich gilt. Keiner unserer Spieler hat in der Sommerpause und Vorbereitung das Kicken verlernt.

Glücklicherweise haben ja die Reaktionen im Stadion nach Elversberg gezeigt, dass wir zusammen verlieren, so wie wir auch in Duisburg zusammen den Punkt geholt haben. In Duisburg nun hat unser Trainer das getan, was wir noch gegen die SV Elversberg vermisst haben: Die Schlüsse aus der ersten Halbzeit gezogen, personell reagiert und taktisch umgestellt. So geht Coaching und es tat mir fast leid, selbst lautstark zu monieren, wie denn der Matchplan unseres Trainers aussieht, und ob die Mannschaft auch davon in Kenntnis gesetzt wurde, beziehungsweise ob überhaupt einer existiert. Aus der Erregung heraus bei 0:1 Rückstand. Irgendwie, ach quatsch, absolut nicht fair von mir, aber dem Treiben unserer geliebten Mannschaft auf dem Feld geschuldet.

Somit geht der Punktgewinn definitiv auch auf das Konto von Christoph Dabrowski. Waren nun die beiden Vorgänger bei uns zu erfolgreich, oder sind die sportlichen Meriten als Trainer von „Dabro“ insgesamt noch zu gering? Und warum bleibt der doch so gelobte Kefkir beispielsweise zunächst auf der Bank? Natürlich beschäftigen uns Fans all diese Fragen und bewegen über Gebühr die rot-weissen Synapsen. Die ja bekanntermaßen im Falle von RWE immer anders ticken, als es vielleicht rational der Fall sein sollte. Die hoffentlich positiven Antworten werden wir noch im Verlaufe der aktuellen Saison bekommen. Da bin ich mir sicher.

Wir sind also zurückgekommen im Stimmungshochofen Wedaustadion und durften uns aufgrund eben jenes Spielverlaufs als moralischer Sieger fühlen. Was unter dem Strich natürlich nicht einen einzigen Punkt mehr bedeutet. Aber wir konnten uns trotzdem um drei Plätze vorarbeiten und bewegen uns tabellarisch in die richtige Richtung. Was der Deutschen Bahn bei der An- und Abreise der vielen Fans einmal mehr nicht gelungen ist. Chaos auf den Schienen vor und nach dem Spiel. Aber bevor die Deutsche Bahn tatsächlich jemals effektiv und kundenorientiert in die richtige Richtung funktionieren sollte, wird ein Verein aus Gelsenkirchen deutscher Meister. Und das wird ja niemals passieren. Das kann auch keiner wollen.

Ganz hochoffiziell will ja eigentlich auch keiner Pyrotechnik im Stadion. Und leider wird der RWE direkt zweimal zur Kasse gebeten. Das ist einerseits mehr als ärgerlich, wir sind nicht auf Rosen gebettet, hatte aber in Duisburg tatsächlich auch diesen einen Moment, bei dem man zugeben muss, das der Umgang damit an diesem atmosphärisch überhitzten Abend letztendlich sogar verantwortungsvoll war. Keine Leuchtspur auf dem Rasen oder idiotisches und gefährliches Ballern auf das Feld und gegnerische Fans, sondern gut verteilt und im Block entsorgt. Ja, es ist und bleibt verboten und wird teuer. Und viele Fans überlegen sich langsam zweimal, ob eine Spende letztendlich wirklich einer Choreo oder doch der Anschaffung von Pyromaterial dient. Aber vielleicht muss man sich auch hier irgendwo in der Mitte annähern. Bei aller Brisanz, Vereinzelungsanlagen und schlechter Anreisebedingungen haben sich die Fans beider Vereine doch grundsätzlich so verhalten, wie es dem Spiel angemessen war. Die Schlagzeilen danach gehörten dem Spiel.

Zur Wahrheit gehört übrigens auch, dass in den Medien bei den „besten Fotos“ des Spiels mindestens immer „drölf“ atmosphärische Fotos einer jeden Pyroaktion zu sehen sind. Auch so eine Ambivalenz in der Fußballberichterstattung.

Schon Dienstag nun beginnt also der jetzt aber mal so richtig wirkliche harte Alltag in der 3. Liga. Es geht an der Hafenstraße gegen die von uns nicht sonderlich gemochte „Vikki“ aus Köln. Wir verharren also immer noch in NRW, und auch der Gästeblock ruft ein weiteres Mal „Oh weh“. Aber es wird allein schon dadurch hochspannend, wie Trainerteam und Mannschaft sich dann aufstellen werden. Jedes Spiel also ein eigener Lernprozess. Bis dahin werde ich in meiner Playlist ziemlich oft „Easy Livin`“ von Uriah Heep anschmeißen. Direkt so zu zweifeln, das war nicht in Ordnung. 

Zweierlei Blut.

Rot-Weiss Essen hat sich abgesetzt. Obwohl längerfristig geplant, witterten einige wenige nach der Elversberg-Niederlage trotzdem gleich wieder Unfrieden im Hause Hafenstraße und waren unter dem Strich doch wohl eher besorgt wie ein Elternteil, dessen Kind sich nicht wie sonst immer ordnungsgemäß in die Disco ab- und zurückgemeldet hat. Der RWE also unterwegs wie wir als Jugendliche in den frühen Achtzigern: Wir waren einfach mal weg!

Unsere Mannschaft hat es dem Vernehmen nach nach Schweden verschlagen. Ein schönes Fleckchen Erde. Ob man dort als Mannschaft nun Tempoläufe durchgeführt oder sich an Köttbullar vergnügt hat, den Namen getanzt und das Astrid Lindgren Museum besucht hat: All das ausschließlich Sache des Vereins. Ich muss das alles auch nicht immer wissen, sogar eine Profimannschaft hat durchaus mal das Recht auf etwas Privatsphäre. Ich bin vielmehr fasziniert darüber, wie es einer vielköpfigen Schar in diesen allumfassenden Zeiten gelingen kann, komplett unterzutauchen. Das hat ja fast was von dem Elversberg-Spiel, wo wir uns ebenfalls grandios unter dem Radar zu bewegen wussten. Wir sollten vielleicht ein wenig entspannter im Umgang mit unseren geliebten Rot-Weissen werden. Fan zu sein beinhaltet nicht automatisch das Recht auf ständige Statusmeldungen. Wenn unsere Spieler jetzt nicht allesamt von Hammarby, AIK oder Djurgarden aufgekauft wurden, besteht doch große Hoffnung, dass wir sie schon bald wieder auf den Trainingsplätzen anne Hafenstraße im Training erleben werden. Bestenfalls mit dem Geist von Schweden versehen.

Und so ist es dann ja auch gekommen. Am gestrigen Freitag wehte wieder weißer Rauch über der Hafenstraße, die Mannschaft zeigte sich zwar nicht auf dem Balkon, wohl aber auf dem neuen Trainingsplatz und erste sozial-mediale Aktivitäten aus Spielerkreisen waren auch wieder zu vernehmen. Die Akkus also auf allen Ebenen wieder aufgeladen. Dafür hat jetzt fast die komplette Geschäftsstelle die Hafenstraße verlassen. Aber auch hier besteht kein Grund zur Sorge, dieser Umzug in andere Räumlichkeiten wurde ebenfalls von langer Hand geplant und somit in den vergangenen Tagen durchgeführt. Da ist also weiter richtig Bewegung drin bei RWE und ein klein wenig fühlt es sich trotz Elversberg so an, als ob es nun erst kommenden Freitag im Wedaustadion so richtig los gehen wird, mit uns und der 3. Liga.

Dass das Spiel gegen den MSV kein normales Ligaspiel sein wird, hat der Kartenvorverkauf auf unserer Seite mit seinem „Kartus-Interruptus“ nach zwölf Minuten bewiesen und nicht zuletzt dadurch auf Seiten der Zebras viel Kreativität erfordert, weitere Kartenkäufe auch in den Heimblöcken durch uns Rote zu unterbinden. Nächsten Freitag wird man dann sehen, wer wo steht oder sitzt, und für welche Mannschaft letztendlich das Herz schlägt. Möge es bei schlagenden Herzen blieben. Dass wir aber auch in numerischer Unterzahl trotzdem die Stimmungshoheit an der Wedau haben werden, daran hege ich natürlich keinen Zweifel. Auswärts singt es sich oftmals lauter und gemeinsamer als daheim.

Wir haben ja in der jüngeren Vergangenheit nicht allzuoft die Klingen mit den Meiderichern gekreuzt, aber wenn, dann endete es für uns zumeist in einem Drama: Die rauf, wir runter, so 2007 am letzten Spieltag der zwoten Liga. Dann 2014 das Halbfinale im Niederrheinpokal: Die Machtdemonstration des damaligen NRW-Innenministers und MSV-Fan Ralf Jäger, der moderate Unruhe auf den Rängen zum Anlass nahm, für sich eine Militärparade im Stile von „Trooping the Colour“ zu Ehren der Queen durchzuführen. Die erhofften Ehrerbietungen wurden ihm natürlich nicht zuteil, dafür hagelte es Hohn und Spott. Unter dem Strich ein epischer (Ruhrpottfußball-)Abend. 2017 dann das bisher letzte Aufeinandertreffen. Nicht mehr ganz so episch, ein schlichtes 0:2 im Pokalfinale des kleinen Mannes. An diesem Abend haben wir aber wenigstens keinen Elfmeter verschossen.

Es gibt aber dieses eine Spiel unseres RWE beim MSV Duisburg, welches wohl auf ewig nicht in Vergessenheit geraten wird. Und das, obwohl diesem Spiel lediglich 7.000 Zuschauer beiwohnten. Auf beiden Seiten wohlgemerkt. Es war ein Spiel der 2. Bundesliga, ausgetragen ebenfalls an einem Freitag. Es war der 15. April 1983, angepfiffen wurde um 20:00 Uhr, was schummeriges Flutlicht mit sich brachte. Und es wurde Bestandteil einer Tatort Verfilmung mit den Besten, die Duisburg jemals zu bieten hatte: Schimanski. Thanner. Hänschen.

Die beeindruckende Physis von Götz George zeigte sich in seiner Nacktheit am Mittelkreis und die Geschichte des Spiels wurde zebrafreundlich umgedichtet: Unser RWE konnte dieses Abendspiel „in Echt“ mit 2:0 für sich gestalten, der zweifache Torjubel der Duisburger Fans auf der Haupttribüne im Dunstkreis der Führungskamera erfolgte somit auf Regieanweisung. Kurzversion der Tatortfolge: Schimi hatte WG-Stress mit Thanner, weswegen er kurzerhand zum Fußball ausgebüxt ist. Dort gab es einen Mord, woraufhin Schimi in der MSV-Fanszene ermittelt. Der dortige Hauptprotagonist und MSV Krawallo Dietmar Bär musste daraufhin in der Schlussszene ebenfalls seine Hose herunterlassen. Derart geschockt verließ Dietmar Bär den MSV um beim BVB als Fan anzuheuern. Aufgrund der Erlebnisse mit Schimi konnte Bär glücklicherweise die schiefe Filmlaufbahn verlassen und nahm ein Angebot des WDR an, für den Tatort bei der Kriminalpolizei Köln als Fahrer von Fahrzeugen aus der Asservartenkammer zu arbeiten.

Es ist also ein bisweilen bunter Strauß, den wir in der Vergangenheit mit dem MSV gefochten haben. Es fehlt vielleicht die komplett negative Substanz mit denen aus Gelsenkirchen, aber es reicht allemal zu einer profunden, nachbarschaftlichen, Rivalität und zudem haben wir sportlich definitiv mehr Rechnungen mit dem MSV offen, als der MSV mit uns. Hoffentlich bekommen wir die Zeit bis zum Anpfiff kreativ-rivalisierend hin und unterbieten uns nicht im Niveau-Limbo.

Was unsere Spannung noch mehr steigern wird: Wir wird unsere Mannschaft auf den missglückten Auftakt reagieren? Wer wird spielen und wenn ja, auf welcher Position? Unsere Spieler kennen große Kulissen und heiße Derbys. Und wer noch nicht, der hat mindestens davon geträumt, solche Spiele bestreiten zu dürfen. Nun laufen sie alle für Rot-Weiss Essen in einem vollen Stadion in der Nachbarschaft auf. In Duisburg geht es nicht nur um drei Punkte: Es geht um Wiedergutmachung und nicht zuletzt darum, wie sich tausende RWE-Fans nach Abpfiff fühlen werden. Lasst uns im Anschluss an das Spiel grinsen bis der Arzt kommt. Ihr für uns und wir für Euch. Nur der RWE!

Kappessupp aus dem Saarland

Danach:

Das, was eigentlich in dieser Form so hätte niemals passieren dürfen ist passiert! Eine Auftaktniederlage in einer höheren Liga ist natürlich immer mit einzuplanen, selbst gegen einen Mitaufsteiger. Und wäre ja auch nicht schlimm und sogar aller Ehren wert, wenn diese nach einem leidenschaftlichem Spiel und großem Kampf erfolgt. Unsere Mannschaft muss auch Niederlagen wieder lernen, das kommt noch hinzu. Klingt banal, ist aber ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Aber eine solche Klatsche wie gegen die SV Elversberg, ohne nennenswerte Gegenwehr und bisweilen vogelwilder Raumaufteilung, das darf einem Meister der vergangenen Saison wirklich nicht passieren. Ohne die Reflexe eines Jakob Golz hätten wir noch drei Tore mehr kassiert, so sehr haben seine Vorderleute darum gebettelt. Man fragt sich dann ja immer gerne: „Woran hat`s gelegen?“ Ohne natürlich eine kompetente Antwort darauf zu bekommen. Rot-Weiss Essen ist zwar stets dafür bekannt, die Dinge auf seine ganz spezielle Art zu händeln, aber wochenlange Aufstiegseuphorie innerhalb von nicht einmal sechsundzwanzig Minuten komplett zu versenken, das ist schon fast ein Fall für das Guinness-Buch der Rekorde.

Das war jetzt auch nicht Straelen 2.0, wie vielerorts zur eigenen Beruhigung diskutiert wird. Die Vorzeichen sowie Art und Weise der Niederlage seinerzeit absolut nicht mit der Niederlage gegen die SV Elversberg zu vergleichen. So wie unser Aufstieg bundesweit von vielen Fans verschiedenster Vereine begrüßt und fast bejubelt wurde, die großen Blätter landauf landab über Rot-Weiss Essen in plakativen Wörtern mehr als wohlwollend zu berichten wussten. Wenn dann noch Sascha Mölders RWE als Geheimfavoriten auf den Aufstieg in die zweite Bundesliga sieht und nicht wenige Fans in ihren Signaturen von einem Durchmarsch schwärmen: Vielleicht hat das alles auch nicht nur gut getan, sondern den Sokrates-Klassiker „wer glaubt, etwas zu sein (Meister), hat aufgehört, etwas zu werden (Drittligist)“ heraufbeschworen.

Es hat ja nicht an der Qualität der Mannschaft gelegen! Diese und direkt alles andere sofort wieder mit in Frage zu stellen, ist natürlich auch wieder so eine dieser Hafenstraßen-Anomalien und so gar nicht hilfreich. Es ist gut, dass unsere Mannschaft gleich nach diesem ersten Spiel einen Ligastopp einzulegen hat. So bleibt genug Zeit, das Spiel so lange in Dauerschleife anzuschauen, bis auch wirklich jeder weiß, was da schief gelaufen sein könnte. Gewollt hat dieses Spiel schließlich keiner. Also das Spiel unbedingt, aber nicht diesen Ausgang natürlich.

Davor:

Lange vor dem Spiel war die Welt natürlich noch in Ordnung, aus allen Ecken kamen die Fans zur Hafenstraße gepilgert, immer noch das Dauergrinsen des Aufsteigers im Gesicht. Wer sich dem Stadion zu Fuß über die Krablerstraße näherte, bekam aus einigen Häusern schon den „Oppa“ auf die Ohren. Fahnen schmückten manches Haus und kleine Kinder in Trikots winkten dem gröhlenden Tross, der zur Hafenstraße zieht, zu. Ein herrlich befreiendes Gefühl voller Vorfreude überall.

Dieses wurde dann vor Spielbeginn lediglich durch die teilweise defekten Boxen auf den Tribünen getrübt. Dies führte dazu, dass wir uns auf der „Gottschalk“ fast die Ohren zuhalten mussten, da wir nun extrem laut angebrüllt wurden, während auf der „Rahn“ teilweise und der „West“ wohl gar nichts mehr verstanden wurde. Das führte zu ungewollten Irritationen, die nicht nur das gewohnte Zelebrieren von „Oppa“ Und „Adiole“ durcheinanderbrachte, sondern auch die Ansprache und Schweigeminute zum Tode von uns Uwe Seeler fast gefährdet hätte. Aber wie auch sollten die vielen Fans auf der „West“ auch wissen, wann die Lieder angestimmt werden oder Zeit ist zu schweigen, wenn man nichts davon mitbekommt?

Und wir, die wir Gegenüber nichts von deren Dilemma drüben wussten, sondern nur die Unruhe bemerkten, fragten uns, warum immer weiter andere Gesänge und Klatschrhythmen initiiert werden, wenn doch unsere beiden Lieder kommen, die wir von Ultra bis Kutte immer alle gemeinsam singen? Ein irritierendes Szenario also von der Gegenseite aus betrachtet. So wurde letztendlich an Uwe Seeler gedacht, während sich der letzte rot-weiße Rauch noch zwischen West und Haupt verzog, vier Fackeln über einer Revolte Fahne leuchteten und endlich auch der letzte notorische Schreihals seine Klappe halten konnte. Es gab also keine Revolte im eigentlichen Sinne, sondern alles war defekter Technik geschuldet. Vielleicht hätten die Broilers oder Fanta 4 etwas von ihrem guten (Boxen-)Zeugs da lassen sollen. Kritik meinerseits grundsätzlich an der Choreo: Das Wort „Terror“ hätte man sich definitiv sparen können. Manchmal ist weniger einfach mehr.

Währenddessen und bald:

Nimmt man also die letzten zwanzig Minuten vor dem Spiel und addiert diese mit den ersten sechsundzwanzig Minuten des Spiels, hat man ein Zeitfenster, welches man wohlwollend als suboptimal bezeichnen konnte. Den drei Fans aus Elversberg, die sich in G1 verirrt hatten, wurde eben in dieser Phase zur eigenen Sicherheit nahegelegt, in einen der beiden Gästeblöcke nebenan zu wechseln. Das Angebot nahmen alle dankend an, schließlich war bei den eigenen Fans ja auch mehr als ausreichend Platz vorhanden. Man stelle sich einmal dieses seelen- und körperlose Gekicke einer Mannschaft von Rot-Weiss Essen irgendwann vor sechs oder sieben Jahren im Oktober vor: Die letzte Chance auf den Anschluss an die Tabellenspitze verspielt, alles versinkt wieder in Lethargie: Unsere Mannschaft wäre von den wütenden Pfiffen vom Platz gefegt worden.

So aber bewiesen die Fans auf den Rängen ihr feines Gespür dafür, dass unsere Mannschaft gerade selbst nicht wusste, wie ihr da auf dem Platz geschieht und daher Hilfe statt Häme benötigt. Und so wurde sich rund um die zweiundsiebzigste Minute erhoben, um noch einmal inbrünstig „Oh immer wieder…“ in den Backofen Hafenstraße zu schmettern. Dinge die helfen, die Krone wieder zu richten. Wir gewinnen und verlieren schließlich gemeinsam. Nach dem Abpfiff und auch schon davor wurde dann der Fokus lautstark auf den kommenden Gegner aus Duisburg gelegt. Dort treffen dann zwei angeschlagene Mannschaften des ersten Spieltags in einem Derby aufeinander. Es wird heiß hergehen im Wedaustadion, auf und neben dem Platz. Dafür braucht man kein Prophet sein. Wer dieses Spiel siegreich gestalten kann, darf das verlorene Auftaktspiel getrost als vergessen abhaken und sich ordentlich Rückenwind der Fans für die kommenden Wochen sicher sein. Ich bin schwer dafür, dass wir diejenigen sein werden, die dann Elversberg abhaken und vergessen können. 

Kickstart My Heart (Mötley Crüe)

Es ist nun nicht mehr lange hin, und dann geht es tatsächlich los: Am 23. Juli 2022 um 14:00 Uhr erfolgt der Anpfiff für unsere erste Saison in der 3. Liga. Der Gegner heißt SV Elversberg. Wir waren zuvor durchaus auch schon oft genug drittklassig unterwegs, nur hießen die Spielklassen in diesen insgesamt vierzehn Jahren anders und waren wie in den letzten leidigen Jahren ebenfalls geographisch eingeschränkt: Vier Saisons liefen wir in der Amateur-Oberliga Nordrhein auf, drei in der Regionalliga West/Südwest und deren sechs in der damaligen Regionalliga Nord. Die Drittklassigkeit von heute hat somit mit den damaligen Spielklassen auf gleicher Ebene der Ligenpyramide herzlich wenig zu tun.

Die Fesseln der Regionalität konnten abgestreift werden, endlich geht es wieder raus in die große weite Welt der Republik. Und gegen Verl. Dieser Aufstieg, er ist für mich auch heute noch ein in Watte gepacktes Zeugnis der Glückseligkeit. In Zeiten zumeist dystopischer Aussichten hat tatsächlich Rot-Weiss Essen für das gewisse Momentum an positiven Ausblicken in die Zukunft gesorgt. Zumindest bei all diejenigen, die es dann auch mit Rot-Weiss Essen halten. In Münster somit eher nicht. Der Verein selbst bereitet sich aktuell auf mindestens zwei Ebenen auf die neue Spielzeit und die nicht gerade wenigen Anforderungen des nun zuständigen DFB vor. Zum einen auf der sportlichen, aber vor allem auch auf der administrativen Ebene.

Und ich behaupte gerne weiter, dass Letzteres mindestens genau so viel Anstrengung erfordert, wie die Arbeit auf dem Trainingsplatz. Wenn der DFB sagt „Unverzüglich“, dann heißt das auch „Unverzüglich“ und bedeutet nicht das „Unverzüglich“ eines Herrn Jades vom WDFV. Die Vorgaben straff, der Maßnahmenkatalog gefühlt dicker als seinerzeit der selige Otto-Katalog im Briefkasten. Alles wird geregelt, selbst der Sohlenabrieb des Ordners vor dem Gästeblock dürfte Vorgabe sein. Nur bekommt die Geschäftsstelle aber nicht zu sofort die Zugänge, wie sie die Mannschaft an Zahl erfährt. Was das bedeutet, ist leicht erklärt: 24/7! Deshalb werde ich auch einfach nicht müde, eine Lanze für die administrative Arbeit zu brechen und um Geduld zu bitten, wenn es mal nicht so schnell geht wie gewünscht. Denn gewünscht ist leider viel zu oft…genau…unverzüglich!

Verständnis und auch mal ein nettes Wort, das ist aber aktuell die Erfolgsprämie für all diejenigen, die auf der Geschäftsstelle ackern. Wir werden alle pünktlich unsere Dauerkarten bekommen, davon bin ich fest überzeugt. Keiner wird den Auftakt gegen die Saarländer von der Kaiserlinde verpassen. Wahrscheinlich fallen mit Anpfiff eher einige Köpfe vor Erschöpfung auf die Schreibtischkante. Unser Erlebnis Hafenstraße haben wir wirklich nicht nur den Männern in Stutzen zu verdanken. Die legen Ihrerseits eine ebenfalls dichte Saisonvorbereitung hin. Es wirkt in sich stimmig und die Mannschaft ebenso punktuell gezielt verstärkt. Hier und heute schon eine sogenannte Startelf zu benennen, das allerdings wäre wohl eine gewagte und zu steile Expertise.

So lange ist das ja auch noch gar nicht her, als viele der drölftausend Regionalliga-Trainer des RWE lediglich eine Stamm-Elf nebst drei potentiellen Einwechselspielern zuzüglich kaum beachteter Tribünenhocker für den heiligen Gral der Fußballmythen hielten. Ich möchte diese kommenden Entscheidungen nicht treffen, wer denn nun für unser wunderbares Emblem auflaufen darf, und wer gerade nicht. Deshalb könnte ich den Trainerjob auch niemals machen: Ich würde alle aufstellen, nur um keine enttäuschten Gesichter zu produzieren. Gut, dass ich kein Trainer bin!

Was ich aber weiß ist, dass alle Spieler der vergangenen Saison ihren neuen Kollegen stolz davon berichten können, was es bedeutet, mit Rot-Weiss Essen aufgestiegen zu sein, und dass sie nun ebenfalls Teil einer Erfolgsgeschichte werden können, an dessen Ende immer die Liebe und Zuneigung von zigtausenden Fans steht. Sie sollten ihren neuen Kollegen aber ebenfalls davon erzählen, wie schnell notorische Unzufriedenheit an der Hafenstraße einziehen kann und dass Meckern unser zweiter Vorname ist. Rein prophylaktisch natürlich nur. Ab irgendeinem Spieltag der kommenden Saison wird auch die Aufstiegseuphorie ihren Geist aufgegeben haben und der Tagesaktualität weichen. Die öfter auch mal null Punkte als deren drei beinhalten könnte. Dessen sollten wir am besten schon jetzt bewusst sein, und entsprechend an unserer Frustrationstoleranz arbeiten, um diese deutlich anzuheben.

Wir werden aber alle miteinander eine richtig tolle Saison erleben, dessen bin ich mir sicher! Es wird Sonderzüge geben, flatternde Schals aus vielen Autos auf den Autobahnen in alle Himmelsrichtungen. Und gen Zwickau. Ja, es wird Pyro gezündet werden und auch manchmal leider Gottes negative Schlagzeilen geben. Fast jeder Gästeanhang wird wenigstens einmal Rot-Weiss Essen lieben und danach vergessen wollen. Aber vor allem wird es ein großes „WIR“ geben, welches uns kommende Saison durch alle Spiele tragen wird. München meldet doch jetzt schon ausgebuchte Hotelzimmer und in Duisburg überlegt man wahrscheinlich fieberhaft, wie man mit uns den großen Reibach machen kann, ohne die eigene Fangemeinde zu verprellen. In Saarbrücken ist man direkt genervt davon, an einem Montag anne Hafenstraße reisen zu müssen. Da wäre in der Tat ein Spiel gegen Verl oder Viktoria Köln besser gewesen. Der Montag leider der saure 3. Liga Apfel.

Aber nun Elversberg. Sicher nicht der erhoffte große Name, zudem ebenfalls euphorischer Mitaufsteiger und mit einem erfahrenen Kader. Aber vor allem haben wir ein Heimspiel. Auf diesen einen Moment, wenn die Mannschaft den Platz betritt, um sich aufzuwärmen, da freue ich mich jetzt schon wie Bolle drauf. Da hat man direkt beim Schreiben schon die Geräuschkulisse vor Augen. Und vielleicht kommen dann endlich die dicken Freudentränen, die am 14.5. noch ausblieben, da mit allem irgendwie überfordert. Spätestens bei Anpfiff weiss ich dann definitiv: Wir sind endlich eine Klasse besser!