Kategorie-Archiv: Kolumne WAZ

Sehr respektvoll.

Zuallererst, das gebietet die sportliche Fairness: Glückwunsch der zweiten Profimannschaft von Borussia Dortmund zur Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg. Viele Vereine und Fans der dritten Bundesliga freuen sich nun schon unbändig darauf, in der Roten Erde antreten zu dürfen. Oder in Brackel. Im Westfalenstadion oder der Glückauf-Kampfbahn. Das entscheidet sich in Dortmund ja schon mal spontan, je nach Windrichtung oder Luftfeuchtigkeit.

Wer mit Abpfiff der Saison drei Punkte mehr auf dem Konto hat als der Zweite, der ist nun mal verdientermaßen Erster. Daran gibt es arithmetisch auch nichts zu rütteln, das ist und bleibt zunächst Fakt. Unsere Mannschaft hat sich in der Saison ihres Lebens leider den einen kleinen Wackler mehr erlaubt als der Konkurrent in diesem unglaublichen Rennen. Man fühlte sich einmal mehr an den spektakulären Titelkampf zwischen Manchester City und den Reds in der Saison 2018/19 erinnert. 

Die Geschehnisse rund um den letzten Spieltag waren gefühlt auch die endgültige Rückkehr der Fans an die Hafenstraße. Die Emotionen ließen sich nicht mehr aufhalten. Viele Fans mussten wenigstens bei Abfahrt unserer Mannschaft mit auf den Weg zu geben, dass wir immer wieder von der Ruhr bis an die Elbe an sie glauben. Ließ es die Pandemie seit Monaten nicht zu, haben die Spieler spätestens da noch mal vor Augen geführt bekommen, was es bedeutet, ein Teil von Rot-Weiss Essen zu sein. Wir sind in unserer Intensität und Anzahl eigentlich komplett losgekoppelt und spielen seit jeher in unserer eigenen Liga. Während des Spiels gab es diesen beeindruckenden Moment am Bildschirm, als plötzlich im Hintergrund viele rot-weisse Fahnen zu sehen waren und ein regelrechter Marsch hinter dem Stadionzaun stattfand. Wohl auch einer klugen und emphatischen Einsatzleitung war es zu verdanken, dass unsere Mannschaft wenigstens aus einer Ecke lautstarke Unterstützung erfahren durfte.

Der aktuelle Beziehungsstatus zwischen Mannschaft und Fans trotz Nichtaufstieg konnte direkt nach Schlusspfiff in Wegberg-Beeck und bei der Ankunft an der Hafenstraße beobachtet werden: Da ist gerade nichts kompliziert, das ist eine harmonische Beziehung. Wir sind stolz auf unsere Mannschaft! Alles blieb friedlich, keine Schlagzeilen für wen auch immer produziert. Die negativen Schlagzeilen an diesem Tag produzierte höchstens die Mannschaft aus Dortmund. Na klar, junge Leute, Meisterschaft, Adrenalin und endlich Party: Aber bekommt irgendjemand aus dem Umfeld dieser Mannschaft überhaupt noch mit, was da läuft? Sonst hätte es doch jemand gegeben, der verhindert hätte, den Konkurrenten auch noch mittels Kabinenparty zu verhöhnen. Und glaubt ein Lars Ricken ernsthaft an das, was er im Anschluss formulierte? Wir sind pro forma eine Profiliga, aber die Mannschaft aus Dortmund holt den Titel ohne Profis. Vielleicht hätte er sich vorher mal auf Transfermarkt informieren sollen, was seine Mannschaft überhaupt wert ist. Die Spieler sind nicht schon als Neunjährige gemeinsam mit dem Rad zum Training gefahren, wie er vielleicht glaubt.

Was den Einspruch angeht, verstehe ich die Aufregung allerorten nicht, dass es nun ein unsportliches Ende nehmen könnte. Wenn der BVB regelwidrig gehandelt hat, dann wurde während der Saison unsportlich gehandelt. Ist das etwas weniger unsportlich? Der Einspruch gehört also maximal untersucht. Ich erwarte nun nichts weniger vom WDFV, als dass dieser einmal die vielzitierten Hühnererzeugnisse zeigt und unverzüglich klare Kante gegen den Mogul von der Strobellallee an den Tag legt, sollte etwas nicht korrekt gelaufen sein. Auch wenn das vielleicht die ein oder andere Einladung in den Kuchenblock der Ersten bei Spielen gegen Leipzig oder Hoffenheim kosten könnte. 

Das rot-weisse Placebo.

Herzlich willkommen im neuen Jahr. Ich wünsche allen, dass es ein frohes und gesundes Jahr wird. Ein Jahreswechsel der besonderen Art, natürlich in vielfacher Hinsicht. Viele Hoffnungen ruhen in diesem Jahr darauf, dass die virale Depression des vergangenen Jahres in ein vorsichtig optimistisches Jahr gewandelt werden kann. Mit all der gebotenen Geduld und Aufmerksamkeit.

Wer konnte nun ahnen, auf unseren kleinen Mikrokosmos RWE heruntergebrochen, dass ausgerechnet die Kicker vonne Hafenstraße mit für unsere schönen Momente des vergangenen Jahres zuständig waren. Und vor allem dafür, dass wir überhaupt sportlich mehr als optimistisch in ein neues Jahr starten dürfen. Das kennen wir doch gar nicht mehr. Meistens war im Oktober die Sache schon gelaufen, und wurde die Weihnachtszeit mit dem Queen Klassiker „Thank God It’s Winterpause“ herbeigesehnt. Dieses Jahr aber war das Essener Lichtspieltheater an der Hafenstraße unser Adventskalender und die vielen erspielten Punkte ein gern genommener Glühweinersatz. Diese machen auch ohne Alkohol glückselig, bringen warme Wangen und manchmal kommt man vor lauter Freude auch schon mal in den Bereich der verwaschenen Aussprache.

Es läuft also auf vielen Ebenen rund bei Rot-Weiss Essen. Wir sollten jetzt aber aufpassen, dass wir auch hier mit Geduld, Solidarität und Empathie das neue Jahr beginnen. Noch ist ja nichts gewonnen. Der größte Fehler wäre somit zu glauben, dass der Aufstiegsdrops schon gelutscht ist. So einer ist noch nicht einmal produziert, da mischt in der Herstellung mindestens noch ein anderer Verein mit. Mindestens! Was diese Mannschaft aber schon gewonnen hat, ist das Gefühl der unglaublichen Vorfreude auf die Fortsetzung der bisher so erfolgreichen Saison. Das Geschehen auf dem Rasen der rot-weisse Placebo für das Vermissen auf den Tribünen.

Und weil wir gerade alle so viel Freude an und mit unserem Verein haben, waren wir vergangenes Wochenende einmal mehr in der guten alten Sportschau vertreten (bis vor einiger Zeit noch wurden wir doch nur aus der Mottenkiste geholt, wenn es wieder mal an der Zeit war, eine Dokumentation über gefallene Vereine auszustrahlen). Es stand bekanntlich die Auslosung zum Achtelfinale im DFB Pokal an. Ganz selten gibt es übrigens auch klitzekleine Momente, in denen man den aktuellen Umständen durchaus etwas Positives abgewinnen kann. Einer davon: Die Auslosung wird fast wieder so nüchtern durchgeführt wie zu Zeiten des seligen Walter Baresel. Das kann „danach“ ruhig so bleiben! Ebenso kann ich nicht nachvollziehen, warum immer nur der FC Bayern als das Los der Lose gehypt wird. Als unterklassiger Verein ist die sportliche „Klatsche“ so gut wie vorprogrammiert, Erfolgsfans en Masse geben auf einmal vor, immer schon Fan gewesen zu sein, um an eine Karte zu kommen und so weiter und so fort.

Also einmal davon abgesehen, dass wir unsererseits das Traumlos vieler Fans anderer Vereine sind, ist es doch der viel spannendere Weg, einen Gegner in der „Tradition“ von Arminia Bielefeld oder Fortuna Düsseldorf zugelost zu bekommen. Der VfL Bochum oder die Darmstädter Lilien waren somit meine Wunschgegner. Wie wir nun alle wissen: Sie wurde es leider nicht: Rot-Weiss Essen spielt in der dritten Runde gegen „Entweder-oder“. Entweder gegen Bayer 04 Leverkusen oder gegen die Frankfurter Eintracht. Hoffentlich wird es dann wenigstens der Vertreter aus Frankfurt, denn sollte die Diva einen schlechten Tag erwischt haben, vielleicht geht dann sogar was. Andererseits: Wir haben doch eigentlich eh keine Chance. Also nutzen wir die einfach. Obwohl: Dortmund Zwo einige Tage später ist wichtiger.

So viel wichtiger.

Zäsur

Damals, wir hatten ja nichts anderes, waren wir höchstwahrscheinlich kein aktives Mitglied  einer Gruppe. Gruppen standen schließlich auf der Bühne und gaben Konzerte. Bands also. Wir guckten nach oben auf Menschen und hatten kaum Nacken. Heute, die Zeiten ändern sich, gucken wir ständig nach unten auf ein Display, haben Nacken und sind höchstwahrscheinlich alle Mitglied von mehr als einer Gruppe. Ohne eine Band zu sein.

Neben den üblichen Gruppen eines hinlänglich bekannten Nachrichtendienstes wie zum Beispiel „Klassentreffen“, „Familie“, Stammtischfahrt“ „Schlakke wieder kein Meister“ usw. gibt es selbstredend auch die eine, in welcher es um den eigenen Verein geht. Wir zum Beispiel haben unsere RWE Gruppe schlicht und bescheiden „Vorstandstreffen“ genannt.Ich liebe diese Gruppe! Zum einen ist sie der direkte Draht nach Essen, und zum anderen beschränken wir uns nicht nur auf den RWE, sondern haben natürlich auch noch uns, unsere Hunde und ziemlich viel Blödsinn auf dem Programm. Aber, wir passen auch auf uns auf und kümmern uns umeinander. Spekulieren ständig auf das Herrlichste rund um unseren Verein, sind wir doch zudem allesamt auch außerhalb unserer Gruppe in den Farben Rot-und Weiss gut vernetzt.

In letzter Zeit jedoch gab es eine tiefgreifende Zäsur, die mir erst jetzt so wirklich bewusst wird: Es gibt Spieltage, an denen schreiben wir einander gar nicht mehr über die Spiele unserer doch so geliebten Roten. Es gibt keine atmosphärischen Statusmeldungen, keine ergebnistechnische Wasserstandsmeldung mehr. Es wird nicht einmal mehr über was auch immer gelästert. Und dabei waren diese neunzig Minuten die Fixpunkte unserer Gruppe. Wir nehmen das Gebotene auf dem Feld einfach nur noch hin und diskutieren über bessere Zeiten. Wissen natürlich um die Maloche, die der Verein aktuell Tag für Tag abseits des Feldes leistet, um die Weichen zu stellen für eine bessere sportliche Zukunft. 

Doch dann kam diese Nachricht, die mich in der Tat zunächst einmal mehr als geschockt hat: 

„Ich muss jetzt mal was gestehen; Ich bin im Moment, was den geliebten RWE angeht, total emotionslos. Befinde mich quasi mitten in der Fastenzeit und bewusst auf Entzug. Mich zieht nichts mehr ins Stadion, bin einfach „leer und lustlos“. Habe noch nicht einmal mehr die Vorverkaufsoption für das Pokalspiel genutzt. Ich hoffe sehr, dass die Beziehung zwischen dem geliebten RWE und mir zur neuen Saison wieder eine neue Chance bekommt. Aktueller Beziehungsstatus: Es ist mehr als kompliziert“

Es ist also passiert: Sie, die als einzige von uns den RWE sogar auf der Haut trägt, ist aus selbiger gefahren und hat sich nicht nur von den neunzig Minuten abgewandt, sondern benötigt direkt eine komplette Pause von unserem Verein. Eine Folge der bisweilen unerklärlichen Darbietungen auf dem grünen Rasen. Eine Folge sicher auch von einer Dekade Sehnsucht nach was Besserem. 

Dummerweise gehört „Sie“ zu meinem Stadionerlebnis Hafenstraße zwingend dazu, sind wir doch oft in letzter Zeit nur noch der Gruppe wegen nach Essen gefahren. Ich brauche die Gespräche mit ihr und ihrem Papa, dem ehemaligen Bergmann. Was machen wir denn jetzt? Wie bekommen wir diese treue Seele zurück in die Rot-Weisse Spur? 

Ich glaube, diese Antwort kann nur die Mannschaft geben. Mit gutem und erfolgreichen Fußball. Dann stehen wir alle wieder zusammen und schreiben auch über Spiele. Weil:

Nur der RWE!