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Nordwesttrilogie. Teil 3.

Unweit des Speicherbeckens Geeste liegt das Landschaftsschutzgebiet Biener Busch. Inmitten des Landschaftsschutzgebietes Biener Busch liegt die Straße „Zum Biener Busch“ die ihrerseits direkt zum Sportplatz Biener Busch des heimischen SV Holthausen-Biene ohne Busch führt.

Am dritten Tag der Nordwesttrilogie von Rot-Weiss Essen gab es zum Abschluss den großen Auftritt des Busfahrers. Wer die Straßenverhältnisse und die räumlichen Gegebenheiten rund um diese wunderschöne Anlage kennt, der weiß: Eigentlich mit einem großen Reisbus nicht zu machen, kommen hier doch meistens klassische Neunsitzer zu Besuch. Wendemöglichkeiten als solche gibt es auch nicht,  und einige Meter hinter dem Stadion Biener Busch würde man direkt in die Ems plumpsen. Stehende Ovationen somit für unseren Fahrer, diese Herausforderung ganz lässig gewuppt zu haben.

Ähnlich wie einen Tag zuvor in Weener kann man diesen liebevoll ausgebauten und top gepflegten Sportplatz durchaus auch als Stadion bezeichnen: Eine sehr schöne Tribüne, drei Stufen auf der Gegengerade, davon zwei auf Stahl gebaut, die große digitale Anzeigetafel und eine gemütliche Stadionkneipe. In der Peripherie zwischen Holthausen und Biene liebt man seinen Sportverein und die Unternehmer der Region tun das anscheinend auch. Lediglich die Kabinen bieten noch den herrlichen Charme der 70er mit ihren Holzbänken, dem Muffmix aus altem Rasen und frischen Schweiss. So müssen Kabinen aussehen und riechen. Fußball pur! Wir hatten damals auch nichts anderes. Dazu noch Asche unter den Stollen.

Es war also eng in den Umkleidekabinen, denn neben dem Landesligisten SV Holthausen-Biene und Rheiderlandauswahlbesieger Rot-Weiss Essen nahm auch der Oberligist SC Spelle-Venhaus an diesem Blitzturnier teil. Das bedeutete vor allem das gewisse Extra mehr an sportlicher Anforderung für den RWE. Konnte hier und jetzt der erste Titel der Saison geholt werden? Der legendäre Bauunternehmer-Schulte-Cup in die aus allen Nähten platzende Siegesvitrine gestellt werden? Wie wir heute wissen, hat es nicht sollen sein. Der Cup ging nach Spelle-Venhaus und bleibt somit in der Region. Es war ein an Toren armes Turnier, denn in drei Halbzeiten wurde ganze dreimal eingenetzt. Und dem freundschaftlichen Charakters des Turniers entsprechend auch noch fair aufgeteilt: Jede Mannschaft bekam einmal die eigene und extra dafür angereiste Torhymne zu hören. Im Klang etwas dezenter und nicht so blechern wie noch zwei Tage zuvor in Emden.

Gar nicht dezent die Trainer-Ikone der Region und aktueller Übungsleiter der Biener, Wolfgang Schütte, im Spiel gegen unsere Rot-Weissen: Ein in seinen Augen divenhaftes Verhalten eines Rot-Weissen veranlasste ihn zu einer lautstarken, ich nenne es mal, Ermahnung: „Spielt 3. Liga, der Ochse und keine Champions League“. Gut, Wolfgang Schütte hat jetzt wahrscheinlich nicht in Gänze eine Ahnung, was für eine vierzehnjährige Ochsentour das war, die wir hinter uns gebracht haben. Dass im selben Spiel der einzige Rother bei den Roten verletzt ausgewechselt werden musste, passte ins Bild, dieses letzte Spiel nach anstrengenden drei Tagen nicht mehr ganz so einfach über die Bühne bringen zu können. Die Bilanz aus Essener Sicht: 0:0 gegen Spelle Venhaus und 1:1 gegen Holthausen-Biene.

Damit war dann aber endlich der Weg frei für den Shantychor Geeste e.V., seine eigene musikalische Bühne auf dem Feld aufzubauen. Und ähnlich wie bei Meisterfeiern in München-Rot wurden auch hier die Zuschauer gebeten, nach Spielende zu bleiben um den Liedern von Wellen, Wind und Meer zu lauschen. Anders als in München hingegen freute man sich hier aber mehrheitlich auf den Auftritt.

Wie tags zuvor in Weener waren auch beim SV Holthausen-Biene mehr als engagierte und nette Menschen unterwegs, um allen einen schönen Nachmittag zu ermöglichen. Zudem möglicherweise mit einem Alleinstellungsmerkmal im deutschen Fußball versehen: Da die Biener Landbäckerei (mindestens) ein großer Förderer des Vereins ist, steht bei jedem Heimspiel ein großes Angebot an frischem Kuchen bereit. Hat man auch nicht so oft. Wie in Teil Zwei schon beschrieben: Der Charme der kleinen Kammerspiele! Das stelle man sich mal anne Hafenstraße vor: Kaffee und Kuchen statt Bier und Bratwurst hinter der Rahn. Eine Vorstellung bei der man durchaus schmunzeln darf. Beenden wollen wir den dritten Teil jedoch mit einem Sprichwort „Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbieten“.

Kommenden Freitag steht schon das nächste Spiel der Saisonvorbereitung an: Aus Mönchengladbach kommen die Männer von Farke zu einem Gastspiel in das immer schöner werdende Stadion an der Hafenstraße. Und möglicherweise laufen unsere Roten dann schon in ihren neuen Trikots auf. Die, wir alle wissen, natürlich wie immer die schönsten Trikots aller Zeiten sind. Herrlich! Danke Emden, danke Weener und danke Holthausen-Biene. Es war sehr schön bei Euch. 

Nordwesttrilogie. Teil 2.

Ach, ich bin ja immer so zwiegespalten: Zum einen liebe ich das große Kino RWE mit vollem Stadion und sportlichen Erfolgen. Es war ja auch wirklich an der Zeit. Andererseits gibt es da aber auch diese kleinen Kammerspiele, zumeist als Vorbereitungsspiele bekannt. Irgendwo im Nirgendwo steigt man nach langer bis längerer Fahrt aus, um bekannte Gesichter in überschaubarer Zahl zu begrüßen, und sich schon alsbald an der Gastfreundschaft „kleinerer“ Vereine zu erfreuen. Zumeist gibt es noch schöne Platzanlagen mit ganz besonderem Charme als Zugabe und spätestens nach einer Platzumrundung wird man von mindestens einem oder einer Einheimischen angesprochen. Nicht selten verbunden mit der Einladung auf ein Kaltgetränk.

Fußball ist für einen Verein wie Rot-Weiss Essen somit wohlwollend konträr: In der Vorbereitung das laue Sommerlüftchen und entspannte Miteinander, in der Liga hingegen ab sofort wieder gegnerische Fans en Masse und der jeweilige Ordnungsdienst und Polizeiapparat. Will sagen: Vorbereitung ist schon geil! Zumal, wenn sie dann auch noch im Nordwesten unserer Republik stattfindet. Ziemlich hinter Nordhorn in Emden, Weener und in Holthausen-Biene. Den Auftakt der Nordweststory Freitagabend in Emden noch am heimischen Stream verfolgt und aufgrund Leistung und Ergebnis wohlwollend abgenickt, ging es nicht allzu viele Stunden später über die alte B70 gen Norden. Der „Friesenspieß“ aka A31 wurde wohlweislich gemieden, verhieß doch der Ferienanfang im Lieblingsbundesland NRW zu viele Mitbewerber auf gerader Strecke. Somit ging es also nicht nur vorbei am Stadion des zukünftigen Kontrahenten aus Meppen, sondern auch an der Meyer Werft.

Und dann war sie auch schon erreicht, die hochherrschaftliche Kommerzienrat-Hesse-Straße mit dem Enno-Beck-Platz des TuS Weener am Straßenrand. Ich kenne mich jetzt in Groundhopping Kreisen nicht so aus, aber mit einer überdachten Tribüne versehen, dürfte der Enno-Beck-Platz durchaus schon als Stadion durchgehen. Dieses Spiel in Weener verdankt Rot-Weiss Essen nicht zuletzt einem berühmten Sohn der Stadt: Eberhard Strauch hat zwischen 1972 und 1977 seine Fußballstiefel an der Hafenstraße geschnürt. Fünf Jahre RWE und vier davon im Verbund mit Willi Lippens, das dürfte für ein ganze Leben reichen. Und war sicher auch der Grund dafür, dass unsere geliebte Ente zugegen war, um gemeinsam mit Eberhard Strauch als Schirmherr der Begegnung Rheiderlandauswahl gegen Rot-Weiss Essen zu fungieren.

Im Rahmen der Belastungssteuerung ließ RWE extra für dieses Spiel sieben U19 Spieler einfliegen, während den Herren Profis lediglich ein karges Nachtlager in der Jugendherberge von Leer zugestanden wurde. Den Stadionsprecher in Weener jedoch dürfte die Kadererweiterung kalt erwischt haben, denn keiner der jungen Spieler stand schlussendlich auf der vorab gedruckten Spielerliste. Dafür kennen wir aber  nun die Heimatvereine der Spieler aus der Rheiderland-Auswahl. Und was soll man schreiben: SV Ems Jemgum, Teutonia Stapelmoor oder SV Wymeer-Boen liest sich doch allemal schöner als Gelsenkirchen! Man hätte sich auch so richtig heimisch fühlen können auf dem Enno-Beck-Platz, aber „Uschis Imbiss“ am Spielfeldrand hatte ausgedient und wurde durch einen modernen Imbisswagen ersetzt.

Wie nach Spielende zu erfahren war, wurde die Rheiderland-Auswahl auch deshalb ins Leben gerufen, um verdiente Spieler der Region zu würdigen, die sich schon im Herbst ihrer Karriere befanden. Und die wollten es noch einmal wissen und machten es der „Jugend forscht“ Truppe von Rot-Weiss Essen so richtig schwer. Schwer zu kämpfen hatte auch die Ersatzbank am Spielfeldrand, die gefühlten siebenundachtzig Mitglieder der RWE-Jugendherbergstruppe mussten schließlich auch den Statuten entsprechend untergebracht werden. Übrigens sind ja Fußballer, die gerade nicht spielen, sich aufwärmen oder trainieren ein Phänomen: Man schleppt sich geradezu von einem Ort zum anderen, nur um sich dann schnell wieder hinzuflegeln. Der Fußballer im Ruhemodus ruht tatsächlich und ausdauernd. Am liebsten mit Beine hoch.

Diejenigen auf dem Feld kamen im Laufe der neunzig Minuten noch zu einem deutlichen 5:0 Erfolg für unseren RWE. Sportlich möglicherweise ein Muster ohne Wert, inhaltlich aber eine ganz tolle Begegnung, die ich jederzeit direkt wieder besuchen würde. Und wenn es nur der herrlichen Bratwurst wegen ist. Vergesst Wattenscheid als Titelträger des goldenen Senfordens am Bande: Die Wurst in Weener ist besser. Und dann war da noch der ältere RWE Fan, dessen Vita aufhorchen ließ: Er war schon 1955 bei der Meisterschaft in Hannover dabei, lebt nun im nahegelegenen Ihrhove und wünschte sich nichts sehnlicher als ein gemeinsames Foto mit Willi Lippens. So seine Bitte vor dem Spiel, die mir ehrlicherweise erst kurz vor Spielende wieder einfiel. Aber es gab Entwarnung, denn stolz berichtete er mir davon, schon jemand anderes mit Kamera gefunden zu haben, der seinen Fotowunsch realisieren konnte. Gottseidank, dass hätte ich mir nie verziehen. Gerne hätte ich aber noch herausgefunden, ob sein getragenes Baumwolltrikot lediglich ein Replikat aus dem Fanshop war odertatsächlich dem Meisterjahr entsprungen. Wir werden es wohl nie erfahren. Lerneffekt einmal mehr: Die Fans von Rot-Weiss Essen sind überall verteilt!

Die Möwen flogen über das Feld, die Seeluft war schon zu riechen und überhaupt: Es war schön in Weener. An Tagen wie diesen braucht es eben kein großes Kino.

Der Spielplan.

Ich gestehe: Warten ist mir ein Graus. Und das, obwohl wir doch schlappe vierzehn Jahre gewartet haben, endlich wieder über die Landesgrenzen hinaus unserem RWE folgen zu dürfen. Da könnte man meinen, Geduld ist eine Tugend geworden. Ja Pustekuchen. Das ist ja schlimmer als das Warten auf das Christkind. Dahinter steckt wohl auch das Bedürfnis, endlich schwarz auf weiß zu lesen, dass wir wirklich dazugehören. Daher sind Rahmenspielpläne in einer neuen Liga der Adventskalender für Fußballfans. Jedes Türchen eine andere spannende Begegnung. Nicht immer das mittlerweile ranzige Türchen Oberhausen oder Ahlen. Jetzt gibt es mal was ganz frisches. Aber, es zieht sich hin. In den Etagen über uns weiß man schon, wann der Knaller gegen Sandhausen oder Hoffenheim ansteht. Bei uns hingegen ist weiter im Trüben fischen angesagt. Also bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: A) weiter zu warten oder B) selbst zu handeln.

Da Variante B immer die bessere ist, veröffentlichen wir hier und jetzt den (fiktiven) ersten Spieltag der 3. Liga in der Saison 2022/23: 

Freitag, 22.07.2022 19:00 Uhr

SV Waldhof Mannheim – SV Elversberg

Samstag, 23.07.2022 14:00 Uhr

Dynamo Dresden – FSV Zwickau

VfB Oldenburg – Borussia Dortmund 2

FC Ingolstadt – SpVgg Bayreuth

Rot-Weiss Essen – FC Erzgebirge Aue

SC Verl – SV Wehen Wiesbaden

Hallescher FC – VfL Osnabrück

Sonntag, 24.07.2022 13:00 Uhr

SC Freiburg 2 – 1.FC Saarbrücken

Sonntag, 24.07.2022 14:00 Uhr

SV Meppen – MSV Duisburg

Montag, 25.07.2022 19:00 Uhr

TSV 1860 München – Viktoria Köln

Das war doch jetzt gar nicht mal so schwer, es gab lediglich folgende Parameter zu beachten: 

  • Ein Aufstiegsanwärter und ein Neuling sollten das Eröffnungsspiel bestreiten.
  • Die Dresdener und Zwickauer Freundschaft sollte gleich zu Beginn thematisiert werden.
  • Dem VfB Oldenburg sollte direkt der Umzug nach Hannover erspart bleiben. Zur Strafe gab es dafür allerdings eine Zweitvertretung.
  • Die Bayreuther Fans sollen sich erst langsam an die weiten Entfernungen herantasten.
  • Unser RWE soll im „Steiger-Derby“ direkt schalschwingend aus dem Sattel gehen dürfen.
  • Dem SC Verl wurde der andere Zuschauermagnet zugesprochen, um gleich die Statistik aufzupolieren.
  • Der Hallesche FC hatte zu Beginn um etwas Lila-Weißes gebeten, der Wunsch konnte erfüllt werden.
  • Der 1.FC Saarbrücken wollte unbedingt ein Heimspiel gegen RWE und legt gegen den Spielplan Berufung ein. 
  • Spielt der RWE daheim, muss der MSV auswärts ran. Selbst wenn es einen Tag später ist. So will es die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze. Und in Meppen ist eh egal, wann getrunken wird. 
  • Die Löwen haben in doppelter Hinsicht die Niete dieses Spieltages gezogen: Zum einen den Montag, und zum anderen die Kölner Viktoria. Somit bleibt der Auswärtsblock weitestgehend verwaist. 

Sollte nun auch nur eine Paarung tatsächlich so gesetzt werden, spiele ich noch am selben Tag Lotto. Ja gut, vielleicht reicht auch ein Rubbellos. Aber wahrscheinlich freue ich mich einfach nur darüber, dass es wirklich mit einem Heimspiel losgeht.

Achttausender!

Mir ist da die letzten Tage etwas aufgefallen, und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht: Die schwere Last der Unaufsteigbarkeit ist weg, drückt nicht mehr auf den Schultern. Es fühlt sich aktuell einfach leichter an als all die Jahre zuvor, Fan von Rot-Weiss Essen zu sein. Die ständige Erfolglosigkeit hat schon was mit einem gemacht, das muss man einfach auch mal ganz ehrlich so konstatieren. Irgendwo zwischen ständig zermürbt und doch noch/nicht mehr daran glaubend, so unser Bewegungsprofil der letzten Jahre. Jetzt fordern wir aktuell nicht mehr den Aufstieg, sondern eher den Spielplan und Anpfiff zum ersten Pflichtspiel in der 3. Liga. Heiß auf Rot-Weiss, eine platte Floskel, die aber exakt den Umstand rund um unseren Verein und die Mannschaft zu beschreiben weiß.

Und um das zu dokumentieren nutzen viele Fans aktuell scheinbar vor allem das Anmeldeformular und werden Mitglied von Rot-Weiss Essen e.V. Ich habe jetzt den Verlauf der letzten, sagen wir einmal, zwei- bis drei Jahre nicht im Kopf, und kann daher mit keiner Steigerungsrate dienen. Aber gestern, einen Tag vor der Sommersonnenwende, wurde das achttausendste Mitglied registriert. Das liest sich schon beachtlich. Und wenn all diese Mitglieder nun das Vorkaufsrecht auf eine Dauerkarte nutzen sollten, zuzüglich zu den bisherigen Dauerkarteninhaber*Innen, die verlängert haben, ohne Mitglied zu sein: Dann dürfte schon relativ früh vor der Saison feststehen, dass es kommende Saison in unserer Jubiläumsbude immer kuschelig voll werden wird.

Aber wo stehen wir mit unseren achttausend und all denen, die da noch folgen werden, überhaupt im Kontext der ersten drei Fußballligen? Nach längerer Recherche konnte nur transfermarkt.de im Bereich Daten und Fakten die Mitgliederzahlen in Gänze auswerfen. Diese aber sicher nicht auf dem aktuellsten Stand, sondern so rund um 2020/21 angesiedelt. In der Fußball-Bundesliga ist die Sache ganz einfach: Wir würden einen stabilen (ab sofort bedienen wir uns der Ziffernschreibweise) 17. Platz belegen. Würden wir, wenn es nicht einige Besonderheiten zu beachten gäbe: Der kommende Deutsche Meister aus München hat numerisch ja schlappe 293.000 Mitglieder. Aber davon sind auch 285.000 Erfolgsfans, Kunden oder Karteileichen abzuziehen. Also hat auch der FC Bayern wie RWE 8.000 Mitglieder. So einfach geht das!

Mit uns im Pott buhlen ebenfalls viele Vereine um Mitglieder: In Gelsenkirchen stehen daher 160.023 Mitglieder im Register und auf der anderen Seite des Reviers in Dortmund 157.000 Angehörige. Wer’s glaubt, denn es gibt auch hier das Haar in der Suppe: Sowohl in Gelsenkirchen als auch bei Borussia Dortmund gibt es ganz viele Doppelmitgliedschaften bei jeweils dem anderen Verein. Und das, obwohl man doch eine solche Rivalität pflegt. Diese gehören also abgezogen und somit bleiben in Gelsenkirchen und Dortmund erstaunlicherweise auch jeweils 8.000 Mitglieder übrig. Das befeuert nun erst Recht die These, dass unser RWE auf lange Sicht die Nummer drei im Pott werden wird.

Schauen wir uns also die beiden Erstplatzierten unserer Region an: Der VfL Bochum wird mit 17.726 Mitgliedern geführt, und daran gibt es nichts zu deuten. Alles korrekt! In Duisburg bei unserem zukünftigen Ligakonkurrenten freut man sich über 8.439 Mitglieder. Und auch diese Zahl ist definitiv und faktisch richtig. Erfolgsfans gibt es in Duisburg nicht, sondern trägt auch hier der Mitgliedsausweis sadomasochistische Züge. Das ist ebenfalls aller Ehren wert. Somit liegt also der VfL Bochum im Revier vor dem MSV Duisburg und RWE (mittlerweile zeigt der Counter 8.001 Mitglieder an), dicht gefolgt von den Schwarz-Gelben und den Blauen. Das Ziel, welches es also als nächstes zu erreichen gilt ist, die Zebras zu überholen!

Nach dem Firlefanz der bisweilen nicht ganz korrekten Zahlenspielerei nun ein paar Dinge, die in Sachen Mitgliedschaften wirklich erstaunen: Wir liegen gleichauf mit den Lilien aus Darmstadt. Dort hätte ich mehr Mitglieder erwartet, ist man am Böllenfalltor doch auch sehr eng miteinander verbandelt. Das wiederum die TSG Hoffenheim schon fünfstellig mit 10.275 Mitgliedern gelistet wird, überrascht mich dann doch sehr. Vielleicht ist das ausgefüllte Mitgliedsformular Bedingung bei SAP, um dort arbeiten zu dürfen. In Sandhausen beim dortigen Sportverein hat auch der Glanz von Dennis Diekmeier keine Auswirkungen auf das positive Wachstum gehabt und stehen lediglich 950 Mitglieder zu Buche. Allerdings liegt man damit noch vor so Mitgliedsmonstern wie TSV Havelse, SV Wehen-Wiesbaden und unserer heißgeliebten Vikki aus Köln.

Was fällt sonst noch auf? Nun, an Standorten, wo die Mitgliederzahl das Fassungsvermögen des heimischen Stadions übertrifft, kommt man mit einem Vorverkaufsrecht für Mitglieder dann auch nicht weiter. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was das für die Hafenstraße bedeuten würde, kippt eines Tages das Verhältnis zwischen Mitgliederzahl und Stadionkapazität. Dafür wurde dann wohl der Begriff „Härtefälle“ geschaffen. Wird das zum Beispiel bei Union, in Frankfurt oder Köln gelost? Oder gilt da weiterhin das Erbrecht unter den Dauerkarten? Stell Dir vor, Du bist Mitglied, aber hast keine Chance auf einen festen Stadionplatz. Kannst nur auf den freien Verkauf hoffen, den Du Dir aber auch noch mit zigtausend anderen Fans teilen musst. Nee, keine gute Sache. Gibt es sonst noch Auffälligkeiten? Bei der Braunschweiger Eintracht, da hätte ich aufgrund der großen Loyalität der Fans wesentlich mehr Mitglieder als jene aufgerufenen 5.304 erwartet. Was im umgekehrten Falle für den VfL Wolfsburg zutrifft: Kaum atmosphärische Dichte, aber 21.500 Mitglieder. Das passt auch nicht wirklich zusammen, aber wenn jede Familie dort Drillinge hat, dann passt das eben doch. Der Waldhof auch nicht wirklich auf Mitglieder gebaut und in Heidenheim wird der sportliche Erfolg einfach nicht am Verein honoriert. Spannend, diese Zahlenspielereien.

Aber sie kommen doch nur zu einem Ergebnis: Aufgrund unserer so langen Zeit im sportlichen Untergrund ist die aktuelle Mitgliederzahl einfach phantastisch. RWE war wer – RWE ist wer – RWE wird noch viel mehr! 

Stadion an der Hafenstraße.

Es war Freitag, 10. Juni 2022, kurz vor 16:00 Uhr. Fast ehrfürchtig rollt ein betagter Saab die Hafenstraße hinauf, die er vor gar nicht allzu langer Zeit als frischer Drittligist verlassen hat. Im Umkreis der Berne wird immer noch gebaggert und auch sonst ist aus der Hafenstraße kein optisches Ruhmesblatt geworden, was sie dann wiederum von einem Saab unterscheidet. Hier kannst Du von erste bis vierte Liga kicken, doch die Straße bleibt sich immer treu. Und das ist auch verdammt gut so! Der Grund des Besuches ein ganz einfacher: Das Stadion an der Hafenstraße macht sich weiter schick und bekommt zuzüglich zur Türklingel nun auch seinen Hausnamen weithin sichtbar angebracht. Und das sogar zweimal: Der erste Schriftzug am Warmgebäude ist vollständig angebracht, darüber prangt ein LED Bildschirm, der den Paten der Hafenstraße aufzeigt, dass sie auch Paten der Hafenstraße sind. Der weitaus präsentere Schriftzug anne „West“ war noch nicht ganz fertig, hier fehlte noch ein Wort. Aber auch dem Betrachter fehlten erstmal die passenden Worte, denkt man zurück an die Zeit ziemlich genau vor zehn Jahren: Seinerzeit durfte Rot-Weiss Essen nicht mal einen Nagel im Stadion in die Wand schlagen, um einen kleinen RWE Wimpel aufzuhängen.

Mit dem Auszug aus dem Georg-Melches- Stadion wurde der Verein in diesem neuen Stadion der Stadt Essen lange Zeit absichtlich klein gehalten, um in der kritischen Öffentlichkeit ja nicht den Eindruck zu erwecken, das Stadion sei auch noch als Belohnung für die sportlichen und finanziellen Pleiten der Jahre ab 2008 dort hingestellt worden. Nun, im zehnten Jahr nach Eröffnung stellt sich die Gemengelage glücklicherweise ganz anders dar: Unser RWE zwar nicht Eigentümer, sondern weiter Mietezahler und in einer WG mit der SGS Essen lebend, aber man hat diesem Stadion von Jahr zu Jahr mehr seinen Stempel aufgedrückt, es Innen wie Außen mit Devotionalien der stolzen Vereinshistorie und erfolgreichen Dingen aus dem Hier und Jetzt zuzüglich der Herkunft als Arbeiterverein versehen. Man durfte sich nach nicht immer leichten Gesprächen Stück für Stück mehr verwirklichen. Und nun eben die großen Hingucker. Noch lange nicht das Letzte, was sich in Zukunft im Stadion an der Hafenstraße tun wird. Aber auf Gefühlsebene wohl das Wichtigste. Es braucht eben immer einen Namen, mit dem man sich identifizieren kann. Und nun läuft man, flankiert von der so wichtigen „Kleinen Gruga“ auch noch drauf zu, wird in der dunklen Jahreszeit schon von weitem sichtbar willkommen geheißen. Es hätte also alles weitaus schlechter kommen können, dessen sollten wir uns immer mal wieder bewusst sein.  

PS: Bevor hier berechtigte Kritik kommt: Natürlich heißt es Stadion an der Hafenstraße. Und in der Maske selbst war Hafenstraße auch noch Hafenstraße. Leider macht WordPress in der Überschrift dann doch Hafenstrasse draus. Ärgert mich kolossal, und versuche ich weiter zu ändern.

Bayreuther Festspiele.

Morgen an Fronleichnam ist Trainingsauftakt im Stadion an der Hafenstraße. Diesmal wohl wirklich im Stadion, da nebenan auf dem Willi-Lippens Areal ja noch ordentlich gerödelt wird. Gefühlt kommt der Trainingsauftakt so früh wie noch nie zuvor. Gerade erst ergriffen begriffen, dass wir tatsächlich aufgestiegen sind, geht es auch schon wieder los. Vielleicht war der Zeitraum zwischen alter und neuer Saison immer gleich kurz oder gleich lang, aber in den vergangenen Jahren war gerade die Sommerpause zu oft auch Balsam für die geschundene Fanseele, und konnte daher meistens gar nicht lange genug dauern. Dieses Jahr jedoch kann die Sommerpause nun gar nicht kurz genug sein, denn wir wollen endlich loslegen mit der 3. Liga und scharren bildlich betrachtet mit den Hufen.

Mag sein, dass die Regionalliga in Form des Spielplans noch einmal Nachtreten wird und uns in den ersten drei Begegnungen den SC Verl auswärts, Borussia Dortmund daheim und Viktoria Köln auswärts beschert. Ja dann soll es halt so sein. Kratzt uns jetzt auch nicht mehr, denn irgendwann geht es dann endlich über die Landesgrenze hinaus in die große weite Welt der besten dritten Liga aller Zeiten. Und sicher wird alle zwei Wochen eine Rot-Weiße Karawane dem Mannschaftsbus hinterher ziehen. Je nach Spielort und Saisonverlauf entsprechend größer oder kleiner in Summe. Aber wir Fans werden auf jeden Fall unser ABC, unser grosses Einmaleins in die Stadien nach Mannheim, Meppen, München tragen. Werden in Zwickau, Halle und Dresden unser heiliges St.Auder lobpreisen und wenn es denn schon sein muss, auch nach Duisburg fahren.

Es könnten reine Sternfahrten zu den Auswärtsspielen werden, denn es gibt sie bundesweit, die Fans von Rot-Weiss Essen. Und auch für die vielen niederländischen Fans des RWE tun sich mit Oldenburg, Meppen und Osnabrück ganz neue Möglichkeiten auf. Es könnte also zumindest zu Beginn der Saison ziemlich voll in den Stadien werden. Viele Fans sind gelangweilt von, genau, der relativen (sportlichen) Langeweile in der Bundesliga und wandern immer öfter ab in die gefühlten Niederungen der zweiten und dritten Bundesliga mit ihren dramatischen Auf- und Abstiegskämpfen, die sich oftmals erst am letzten Spieltag auflösen oder in unselige Relegationen verlängert werden. Und so rücken ab sofort auch Spiele mit Beteiligung von Rot-Weiss Essen vielfach in den Fokus jener Fans, die sich eben lieber Rot-Weiss Essen gegen den TSV 1860 München anschauen, als zum Beispiel einen VfL Wolfsburg gegen die TSG Hoffenheim. Na klar, natürlich hat dieses nicht nur sportliche Gründe, sondern lockt vor allem auch das Fluidum drumherum in den Straßen, vor den Kneipen und die Folklore auf den Rängen während der neunzig Minuten.

Was nun unsere Aufwärtsfahren angeht, so hat sicher jeder/jede Rot-Weisse seine Präferenzen für die kommende Saison schon lange klar, sofern man nicht „Allesfahrer“ oder „Allesfahrerin“ ist. Für mich stehen zwei Spiele im tiefen Süden ganz oben auf der Wunschliste: Die Löwen aus familiären Gründen auswärts! Am liebsten eine Halbzeit im Grünwalder und eine im „Oly“. Und, jetzt wird es etwas irrational: Ich möchte unbedingt das Auswärtsspiel bei der SpVgg Bayreuth besuchen. Da gibt es zum einen das Altstadt-Museum, in welchem die Vereinsgeschichte inmitten vieler Devotionalien liebevoll gehegt und gepflegt wird. Dann ist da das Hans-Walter-Wild-Stadion, im Volksmund „HaWaWi“ gennant, irgendwie noch den Hauch der Zweitliga-Spielstätten der 80er Jahre verkörpernd, und es gibt vor allem auch das Bayreuther Hell! Neben unserem Stauder ist das Bayreuther Hell definitiv das beste Bier der Liga und stellt wie Stauder alles andere in den Schatten, was es in den Stadien so als 0815-Bier zu trinken gibt. Nun fährt man ja grundsätzlich Rot-Weiss Essen hinterher, um die Mannschaft siegen zu sehen und diese dabei zu unterstützen. Aber in Bayreuth könnte auch die Fankultur im allgemeinen ein Komplettpaket erfahren. Bayreuther Festspiele sozusagen. Rot-Weiss Essen irgendwo zwischen Tristan und Isolde, Walküre und Lohengrin. Unter dem Strich bliebt also festzuhalten: Wann endlich Spielplan? die Playlist für lange Auswärtsfahrten ist schließlich auch schon fertig.

Fertig in der Kaderplanung dürfte man an der Hafenstraße auch so langsam sein. Ein zweiter Schnapper zwischen Jakob Golz und Raphael Koczor steht noch auf der Dringlichkeitsagenda, auf der mit Ron Berlinski, Meiko Sponsel, Björn Rother und Aurel Loubongo schon vier Unterschriften gesammelt werden konnten. Eine moderate Anzahl an Neuverpflichtungen im Vergleich zu ach so vielen vergangenen Jahren, als man Namen von Spielern in Kompaniestärke auswendig zu lernen hatte. Die epochale jawattdenn Familiensaga als Mehrteiler über die vergangenen vierzehn Jahre ist an dieser Stelle übrigens sehr zu empfehlen. Vielleicht eines Tages verfilmt mit Heino Ferch als Dr. Uwe Harttgen und Christoph Walz als Andreas Winkler! In weiteren Rollen Christoph Maria Herbst als die Fascher Kappe und Henning Baum als Benni Baier. Irgendwann hat man also einfach aufgehört, sich an Namen zu gewöhnen, sondern nur noch an Positionen auf dem Spielfeld orientiert. Daher tut es richtig gut, diese Sause in der 3. Liga mit einer Mannschaft anzugehen, die im Großen und Ganzen zusammengeblieben ist, sofern sportliche Attribute das zulassen (es wird mit Sicherheit noch weitere Abgänge geben). Wir dürfen nicht viele neue Namen lernen, weiter „Isi“ oder „Engel“ zu „Give It Up“ besingen (und uns schon mal nette Melodien für die Neuen ausdenken). Das ist eigentlich mit das schönste Geschenk nach dem Aufstieg, unsere Mannschaft bleibt eine von Herze(n). Und wenn dann der Waldhof anne Hafenstraße kommt, dann können wir auch noch mal einen donnernden Applaus Richtung Christian Neidhart loslassen. Bis der Anpfiff ertönt natürlich nur. Man man man, es kribbelt merklich!