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Der Herbst ist der Frühling des Winters. (Henri de Toulouse-Lautrec)

Eine gute Nachricht für alle „Herbstverzweifler“ rund um die Hafenstraße vorweg: Ein Maler wie de Toulouse-Lautrec sah mit ganz anderen Augen auf die Dinge und seiner These nach zu urteilen, können wir nicht erneut schon im Herbst die Saison aufgeben, da wir keinen Herbst haben. Wir haben Frühling und es kann immer noch ein goldener Oktober werden. Für den goldenen Oktober bedarf es aber dann mehrerer Halbzeiten wie jene Erste Hälfte vergangenen Donnerstag im Grenzlandstadion zu Rheydt. Inklusive mehr Torgefahr. Die zweite Halbzeit wird als genau das in Erinnerung bleiben, was Christian Titz sicher nicht von ungefähr stets gerne zu Protokoll gegeben hat: Der RWE dieser Saison steht immer noch am Anfang einer länger dauernden Findungsphase. Mal gibt es gute Phasen, wie in den ersten Spielen; gelegentlich finden sie sich leider nicht so richtig zurecht. So wie gegen Verl und nun auch gegen die Zweitprofis der Fohlen. Beide Spiele wurden als Mannschaft verloren, gewinnt und verliert man doch zusammen. Und, so doof sich das auch lesen mag: Genau diese letzten beiden Spiele haben aufgezeigt, wie viel Arbeit noch vor unseren Spielern und dem Trainerteam liegt. Erfolg vermag auch Schwachstellen zu kaschieren. Diese liegen nun auf dem Tisch des Hauses und können besprochen werden. Das Ergebnis der intensiven Aufarbeitung sollten wir dann spätestens unter Flutlicht gegen die Kölner Fortuna zu sehen bekommen.

Vielleicht wieder vor einer fünfstelligen Kulisse an der Hafenstraße. Sofern der Kredit weiterhin besteht und die letzten beiden Spiele die Kreditlinie nicht beeinträchtigt haben. Wenn jemand nun aussetzen möchte, da ergebnisorientiert denkend, ist das sein gutes Recht und gilt es sie/ihn über Erfolge wieder zurückzuholen. So funktioniert Fußball, so regulieren sich Zuschauerzahlen. Apropos Zuschauer: „Wann ist ein Fan ein Fan“, möchte man in bester Grönemeyerscher  Abwandlung fragen? Jetzt stellt sich mir persönlich die Frage nicht, denn es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob jemand RWE Fan ist, oder eben nicht. Aber es hat mich schon irritiert, warum denjenigen, die nach dem vierten Gegentor gegangen sind, ein lautstarkes Absprechen der Fanidentität hinterhergerufen wird.

Der Fan als solches bezahlt bei Eintritt und schließt keinen Vertrag bis zum Schlusspfiff ab. Er handelt selten rational und wird angetrieben durch seine Emotionen. Daraus entstehen bisweilen Übersprungshandlungen, die sich bei negativem Spielverlauf in fluchtartigem Verlassen des Stadions äußern oder auch in wüsten Beschimpfungen der eigenen Mannschaft. Mir persönlich ist in dem Fall lieber, dass jemand gesenktem Hauptes das Stadion verlässt. Dabei fluchend gegen die erstbeste, am Boden liegende, Stauderflasche tretend verkündet, nie wieder kommen zu kommen (um dann nächstes Heimspiel doch wieder da zu sein). Dagegen den Schlusspfiff abzuwarten, um den Zaun zu entern und mal so richtig loszupöbeln, ist jetzt nicht so meine Wunschvorstellung vom Umgang mit Niederlagen. Wir (Nein, nicht wir, sondern unsere Spieler) haben diesbezüglich in den letzten Jahren viel schlimmes erlebt. Ich empfinde es somit nicht als zielführend, sich nun in eine vermeintliche Diskussion „Gute Fans, schlechte Fans“ zu verstricken. Bei einer solchen Diskussion kann es keinen Gewinner geben. Vor nicht allzu langer Zeit noch sind ganze Fangruppen in den (verständlichen ) Boykott getreten, nachdem sie, in Vorleistung getreten, gespürt haben, dass die Mannschaft sie nicht mehr erreicht. Oder umgekehrt. Kaum einer ist damals auf die Idee gekommen, ihnen abzusprechen, RWE Fans zu sein. Der Konsens war ob der schlechten sportlichen Leistung gegeben.

Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wir haben eine ganz neue Mannschaft. Aber glücklicherweise immer noch die alten Fans mit ihren uralten Träumen. Gestehen wir einem jeden davon den eigenen Umgang mit den Dingen an der Hafenstraße zu. Es gibt auch Fans, die zahlen Eintritt und sehen nichts vom Spiel, da am Bierstand versackend. Dem Moment und der Situation geschuldet. Es gibt auch Fans wie mich, die sich bisweilen dem Spielgeschehen aus gesundheitlichen Gründen entziehen. Dann tut es mir nicht gut, muss ich mal kurz weg. Oder schnell raus und bis zum Ende von außen zugucken. Auch das kann ich nicht beeinflussen. Die Alternative wäre, gar nicht mehr zu fahren. Aber, dann würde mir fehlen, was ich so sehr liebe. Ich denke also, wir sollten uns auf den Rängen nicht in die möglicherweise nächste Baustelle stürzen. Denken? Ich bitte vielmehr darum! Ein jeder hat so seine Dinge, die ihn heutzutage in einem Stadion stören: Handy statt Spielfeld; auswärts eingepfercht statt Platz satt; Staatsfeind Nummer Eins statt Fußballfan; Spielstandabhängiger statt Spielstandunabhängiger Support usw. usw. Es gäbe eine nicht enden wollende Liste. Aber unter dem Strich bleibt wohl, dass kein Rot-Weisser dass Recht hat, einem anderen Rot-Weissen zu sagen, was er zu tun hat und was eben nicht. Wir sind doch Familie.

Und als Familie sollten wir uns schon auf das nächste Familientreffen freuen. Geht es doch gegen die ollen Kamellen der Südstadt Fortunen. Ewige Weggefährten. Endlich wieder Südstadion im kommenden Frühjahr. Gut, dass war jetzt ein Scherz!

Lassen wir unseren RWE jetzt nicht hängen und kommen Freitag trotzdem. Machen die Hütte voll. Schließlich brennt das Flutlicht. Aber dabei sollte jeder nach seiner eigenen Rot-Weissen Fasson selig werden (dürfen).

 

Schwiegervater.

Auf dem langen Rückweg sagte Schwiegervater, dass er sich sehr über sein Geburtstagsgeschenk „Ein Pokalabend an der Hafenstraße“ gefreut habe und dass man ob dieser gezeigten Leistung ja glatt Rot-Weiss Essen Fan werden könnte. Alles richtig gemacht, dachte ich so bei mir, denn was wäre nur passiert, hätten wir ihm den Besuch des Wuppertal Spiels geschenkt? Damit aber genug des dezenten Hinweises darauf, dass das vergangene Spiel gegen die Schalproduzenten aus dem Tal weiterhin unwirklich erscheint und daher immer noch am Fan nagt. Genau wie das aktuell erlebte Pokalspiel am gestrigen Abend gegen Borussia Mönchengladbach. Nur in umgekehrte Richtung.

Zum Komplettpaket Hafenstraße gehörte natürlich eine kleine Führung rund um das Stadion an der Hafenstraße inklusive einer Wurst vom Grill am Hafenstübchen. Das Hafenstübchen ist kein auf Hochglanz polierter Ort des Fußballs. Das muss es auch nicht, ist es doch schlicht die Seele des Fußballs an der Hafenstraße. Das VIP Zelt der Fußballunterschicht. Inklusive der wohl leckersten Bratwurst, die man derzeit an der Hafenstraße bekommen kann. Da ist man ja schon vor dem Anpfiff glücklich! Was manchmal gar nicht schaden kann, ist man es nach Abpfiff doch nicht immer unbedingt.

Schwiegervater genoss also jene vorzügliche Wurst und wunderte sich dann darüber, wieviel Bier hier doch scheinbar schon vor dem Spiel mit im Spiel war. Ich klärte ihn darüber auf, dass das so sein müsse, schließlich hätten wir wenigstens dort einmal bundesweit die Nase vorn.

Rein aber in ein Spiel, welches uns einmal mehr im Pokalrahmen auf eine Achterbahnfahrt der rot-weissen Gefühle mitnehmen sollte. Irgendwie können wir emotional scheinbar nur Pokalspiele. Es ist schön, wenn um einen herum die Menschen eskalieren und aus Liebe zum Verein zu verbalen Höchstleistungen auflaufen. Das zeigt, wie wichtig dieser Verein für uns ist und wie sehr wir uns alle nach einem kleinen Stück vom sportlichen Glück sehnen. Auf allen Vier Tribünen war also richtig „was gebacken“, abzüglich der üblichen „Eventfans“. Sie gehören mittlerweile auch zum modernen Stadionerlebnis dazu. Das Sitzkissen immer dabei.

Der RWE ging nach überstandener Anfangsoffensive der Gladbacher durch Benjamin Baier in Führung und 3/4 des Stadions tobten (Abzüglich jener Gladbach Fans, welche sich der Fantrennung erfolgreich widersetzen konnten. Ebay und Kontakte halt) . ADIOLE! Stehende Ovationen gar, als der Schiedsrichter zur Halbzeit bat. Könnte ein solch Unparteiischer bitte auch mal in der Regionalliga pfeifen? Unaufgeregt verrichtete der Mann an der Pfeife seinen Job, ohne eine dieser Pfeifen zu sein, die man leider zu oft in der Regionalliga vorfindet und dem RWE scheinbar Schaden zufügen wollen (So wirkt es manchmal). Das hatte Qualität.

Von feinster Qualität auch, und das darf ruhig einmal Erwähnung finden, der Job des Mannes an der taktgebenden Trommel auf der West. Ohne Unterlass wird Spiel für Spiel der Takt geschlagen. Das ist richtiggehender Sport. Danke dafür. Überhaupt sollte auch erwähnt werden, dass die Unterstützung von der „West“ sowohl gegen Wuppertal als auch gegen Mönchengladbach vorbildlich war. Die Medien stürzen sich so schnell und „klickgierig“ auf jede noch so kleine Kleinigkeit, die man als Skandal verkaufen könnte. Für Klicks wird selbst eine E- Zigarette zur Rauchfackel (Überspitzt formuliert)! Wenn es einfach mal nur gut, laut, friedlich  und homogen zur Sache geht, dann ist das leider keine Erwähnung wert. Das möchte ich hiermit nachholen! Schwiegervater war begeistert ob der Stimmung!

1:0 für den Deutschen Pokalsieger von 1953 und amtierenden Viertligisten von „ganz lange“ zur Halbzeit gegen den Erstligisten Borussia Mönchengladbach und amtierenden Zurückliegenden. Gattin machte sich Sorgen um meine Gesundheit, sah mich ziemlich blass. Alles gut. Sagte ich so auch einem anderen Fan. Und dass wir gewinnen würden. „Hast Du auch gesoffen?“ So seine Antwort. Nee, hatte ich nicht, musste ja noch fahren. Aber bis dato bot das Spiel unseres RWE definitiv noch alle Hoffnungen; lebte der Traum von Runde Zwei und Schalke weiter. Fünfundzwanzig Jahre danach.

Und der Traum lebte sich auch in Halbzeit Zwei ziemlich real. Immer war ein Essener Bein im Weg, konnten Konter eingeleitet werden, oder war der Heller im eigenen Tor ein Heller und oft schneller. Meine Güte, warum nicht immer so? Man verzweifelt an seinem Verein. Rot-Weiss Essen, hier gehst Du kaputt!

„Oh Immer wieder, oh  immer wieder, oh immer wiiiiieder RWE…..“ so klingt es fast dreißig Minuten oft mehr und manchmal weniger laut am Stück von drei Tribünen, um endgültig zum großen Chor anzuschwellen, wenn wieder ein Rot-Weisser Fuß in bunten Fußballschlappen dem Bundesligisten im Wege stand. „Steht auf, wenn Ihr Essener seit“. Der RWE kann sich immer öfter befreien, bekommt Gelegenheit zum Kontern. Und bekommt leider doch in der 79. Minute den Ausgleich. Gefolgt von der Führung für Borussia Mönchengladbach in der 82. Minute.

Borussia Mönchengladbach gewinnt somit das Erstrundenspiel im Vereinspokal unseres abgehobenen Verbandes mit 2:1 an der Hafenstraße. Die Essener Fans zollen ihrer Mannschaft Respekt und feiern sie für diese Leistung an diesem Abend.  „Warum nicht immer so?“ möchte man fast verzweifelt fragen. Sind hier Sportpsychologen anwesend?

Es war ein wunderbarer Abend an der Hafenstraße zu Essen mit wunderbaren Menschen und einer wunderbaren Mannschaftsleistung. Das Gesehene macht einfach Mut für die Zukunft. Wir können nicht immer nur meckern. Ab und zu dürfen wir auch einfach mal dankbar sein.

Gestern war ich dankbar für dieses Spiel und diese Leistung. Diese Emotionen. Diese Fans in den jeweiligen Blöcken, wie sie aufspringen und unsere Rot-Weisse Seele heraufbeschwören. Dankbar für meine Frau, wie sehr sie mitgelitten hat. Und sehr vermissen wir die Fahnengirls.

Nun macht das aber bitte gegen Kray und Köln Zwei nicht gleich wieder kaputt.

 

 

Rückrufaktion!

Seit vergangenen Sonntag ist das mit dem RWE und den Kommentarspalten mal wieder so wie manchmal in einer ganz normalen Familie kurz vor Weihnachten: Die Vorfreude wurde getrübt, weil einer aus der Familie (Hier: Mannschaft RWE) Mist gebaut hat. Darüber können oder wollen sich andere Familienangehörige, die oft und gerne schlechte Stimmung verbreiten (Hier: Die üblichen Verdächtigen), einfach nicht beruhigen. Und nun soll morgen Abend gemeinsam das Fest (Hier: 1. Runde DFB Pokal) gefeiert werden, so als ob Wuppertal nicht stattgefunden hat. Inklusive Vorfreude. Kaum vorstellbar für so manchen.

Aber warum eigentlich nicht? Zur realen Weihnachtszeit klappt das auch auch jedes Jahr aufs Neue und kommen Unstimmigkeiten (sofern denn vorhanden) erst nach den Geschenken und frühestens am zweiten Feiertag wieder auf. Vielleicht gibt es ja morgen für alle Geschenke (Hier: Aufopferungsvoller Kampf Mannschaft RWE). Auf jeden Fall gibt es volle Hütte, Flutlicht und gutes Bier.

Wuppertal liegt definitiv noch schwer auf der Seele und erst das Heimspiel gegen die Kölner Zweitvertretung wird die daraus gezogenen Lehren zeigen. Wird Wegweiser sein für die nächsten Wochen im viel wichtigeren Alltag Ligabetrieb. Das sollte uns aber trotzdem jetzt nicht daran hindern, dass Pokalduell gegen Borussia Mönchengladbach einfach als willkommenes Fußballspiel anzunehmen und entsprechend zu begehen. Natürlich in dem Wissen: Die Chance auf ein Weiterkommen gegen einen arrivierten Erstligisten ist jetzt wahrlich keine besonders Große. Also komme ich ja eigentlich schon in Erwartung einer Niederlage an die Hafenstraße; so wie die Fans der Borussia ihrerseits von einem deutlichen Sieg ausgehen. Und von nichts anderem.

Und so stellt sich aktuell die Frage aller Fragen: Schon mit schlechter Laune ankommen, weil: Zweiter Spieltag, die Liga ist (angeblich) mal wieder gelaufen, alle raus! Oder trotzdem mit Vorfreude zur Hafenstraße kommen. Wir haben doch eh keine Chance, aber warum sollten wir diese dann nicht wenigstens nutzen? Wer weiss denn schon, was passieren könnte, bleiben die Rot-Weissen so lange wie möglich ohne Gegentor; nehmen die Tribünen mit und starten auf dem Feld eine „Rückrufaktion“ in Sachen Fanunterstützung? Plötzlich trägt man sich gegenseitig durch das Spiel. Auch das könnte passieren.

Alles Spekulationen und  Hoffnungen natürlich (Der Fußball ist eben doch meistens „Hätte, hätte, Fahrradkette“). Verbunden aber trotzdem einmal mehr mit dem tiefen Wunsch danach, sich davon zu verabschieden, dass sportliche Leistungen durch Beleidigungen oder Schuldzuweisungen in den Kommentaren gesteigert werden können. Das tun sie definitiv nicht. Und das ist auch gut so.

Fußballer und Verantwortliche in Zeiten vor „Social Media“ machen sicher jeden Tag die berühmten drei Kreuze, weil ihnen nach schlechten Spielen definitiv viel erspart geblieben ist. Sofern sie es denn gelesen hätten. Was natürlich nicht bedeutet, dass an den Stammtischen und auf den Tribünen seinerzeit weniger gemotzt wurde.

Apropos motzen: Ich würde mir ab und an etwas mehr aktives Coaching wünschen. Ich bewundere unseren Trainer für seine Ruhe und hätte gerne selbst ganz viel davon. Auch braucht es sicher keine wild herumhüpfende „Taxofit Kappe“. Vielleicht jedoch helfen einer Mannschaft gelegentliche Korrekturen inklusive Präsenz in Echtzeit. Man weiß es nicht.

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich also nun leichten Herzens dazu entschieden, mich auf das DFB Pokalspiel unter Flutlicht gegen Borussia Mönchengladbach zu freuen. Denn, wenn ich mich nicht freue, wird das Spiel trotzdem gespielt. Und, rein spekulativ: Sollte kurz nach Mitternacht der entscheidenden Elfmeter für uns verwandelt werden, dann hätte ich direkt ein super Geburtstagsgeschenk bekommen. Geradezu unbezahlbar wäre das.

Und nach dem Pokal, dann ist wieder (Niederrhein-)Pokal. Aber dann ist wieder Regionalliga. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir kein „Wuppertal“ mehr erleben werden. Lasst uns mal optimistisch werden.

Nur der RWE!