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Alphatiere

Der Name Jean Löring dürfte den meisten, die es mit dem Fußball halten, ein Begriff sein. Jean Löring war zu Lebzeiten Fortuna Köln, wie Georg Melches zu Lebzeiten Rot-Weiss Essen war. Jean Löring war Mäzen; langjähriger Präsident seiner Südstadt Fortuna und ließ sich sein „Vereinche“ somit auch einiges aus privater Schatulle kosten. Was solche Macher stets vereint, ist dass Niederlagen so gut wie nie akzeptiert werden. Dann rollt umgangssprachlich schon mal ein Kopf. 

Jean Löring seinerseits ließ am 15. Dezember 1999 einen ziemlich stadtbekannten Lockenkopf rollen, und zwar zu einer höchst ungewöhnlichen Zeit: Der sechzehnte Spieltag der zweiten Bundesliga wurde ausgetragen und der von FC Ikone Toni Schumacher trainierte SC Fortuna Köln lag bereits nach achtundzwanzig Minuten mit 0:2 gegen den SV Waldhof Mannheim zurück, als es in Jean Löring zu brodeln begann. Es brodelte von Spielminute zu Spielminute mehr und spätestens in der Halbzeitpause stand der gelernte Elektriker unter Starkstrom. So begab er sich zur Halbzeit ebenfalls in die Kabine und stellte Toni Schumacher vor seinen Spielern nicht nur zur Rede, sondern entließ ihn kurzerhand. 

Dieses bekannte Szenario ist nun Teil seiner Biografie und wurde noch lange danach immer wieder als Kuriosum erzählt und verbreitet. Pikant auch seine Erklärung, die in einem Satz sein Selbstverständnis ausdrückte: „Als Verein musste ich reagieren“. Das lassen wir einfach mal so stehen. Nicht die feine Art, so eine Entlassung zur Halbzeit und doch fehlen dem heutigen Fußball Typen wie zum Beispiel Jean Löring. 

Und was hat das alles jetzt mit Georg Melches zu tun? 

Nun, es gibt die Legende dass auch Georg Melches seinen damaligen Trainer Elek Schwartz im Juni 1957 während einer Halbzeitpause kurzerhand entließ. Georg Melches ließ es sich ja fast nie nehmen, dem Pausentee in der Kabine beizuwohnen. Und so trug es sich dieses Mal wohl so zu, wie nun von Generation zu Generation weitererzählt wird: Trainer Elek Schwartz forderte Ruhe in der Kabine zur Pause. Nun wissen wir nicht genau, ob jene Forderung den aufgeregten Spielern oder vielleicht sogar Georg Melches höchstselbst gegolten haben mag. Verbürgt ist aber in jedem Falle die direkte Reaktion von Direktor Melches: „Wie bitte? Ruhe wollen Sie? Kriegen Sie ab sofort. Sie sind entlassen“

Das war mal eine klare Ansage, obwohl Georg Melches formaljuristisch ja niemals eine offizielle Funktion im Verein innehatte. Aber vielleicht dachte er sich in diesem Moment auch, dass er als Verein zu reagieren hatte. Wir werden es in Gänze wohl nie mehr erfahren. Und so bliebt diese beschrieben Halbzeitentlassung bei Rot-Weiss Essen weiter das, was sie ist: Eine weitestgehend unbeachtete Anekdote.

„Ich kann gar nicht alt genug werden, um alle Überraschungen, die der Fußball so parat hat, verkraften zu können“ (Hans Meyer)

Düsseldorf:

Zwischendurch wäre ein Anruf beim Ordnungsamt angezeigt gewesen. Aus Gründen schwer beschäftigt in diesen Tagen hätte es ein weiteres Mal eingreifen müssen, um die Zwote Mannschaft von Fortuna Düsseldorf dicht zu machen. Und den Unparteiischen gleich mit. Immer wieder überschritten beide die Grenze zur Peinlichkeit und sahen Dinge, von denen die überwiegende Mehrheit im Stadion nicht wusste, dass es sie gibt. Und so lagen sie und wanden sich in ihrem Schmerz, die jungen Fortunen. Wir werden wohl auf ewig rätseln, woher dieser kam. Also der Schmerz. Oder die Karten. Da möchte man nur fragen: „Warum?“ Vielleicht war es ein Stück weit der seit Monaten nicht mehr gekannten Begleiterscheinung namens Atmosphäre geschuldet, die zu dieser sehr interessanten Auslegung der Regeln und Fairness geführt haben.

Sei’s drum, die Mannen um Christian Neidhart haben sich dadurch nicht von ihrem Ziel abbringen lassen, diesen Abend zu zelebrieren und mit drei Punkten erfolgreich zu gestalten. Der Abend an der Hafenstraße hatte aber noch weitere Akte zu bieten, die allesamt auf der ziemlich emotionalen Klaviatur gespielt wurden. Kurz vor dem Stadion wähnte man sich eher wie vor einem Rockkonzert, denn vor einem Fußballspiel. Der ansonsten so belebte Vorplatz wurde blickdicht gemacht, um an dieser Rot-Weissen Kulturmeile Ansammlungen zu vermeiden. Unser Boss durfte sich also fühlen wie Mick Jagger, Bono oder René Pascal, denen so vor allzu neugierigen Blicken Sichtschutz gewährt wird. Auch Fancontainer und Stauder Wagen waren somit betroffen und vermittelten so schon bei der Ankunft dieses Gefühl, dass gerade alles anders ist. Der Einlass weitläufig, klar strukturiert und trotz der gebotenen Vorsicht entspannt.

Die Mitarbeiter in den langen Hosen haben Tag und Nacht vorgelegt, damit ihre Kollegen in den kurzen Hosen endlich wieder eine etwas größere Bühne für ihre Fußballkünste betreten konnten. Chapeau und Danke dafür! Im Stadioninneren galt es einen Moment zu überlegen, und dann war der Kontext hergestellt: Boavista Porto mit seinem Estádio do Bessa Século. XXI stand hier Pate, schließlich hat der portugiesische Verein in Reminiszenz an seine Schachabteilung auch alles in selbigem Muster ausgekleidet. Schade, dass es keine roten Müllsäcke gibt, welches Bild hätte das gegeben. Da die gängigen Farben jedoch Blau und Schwarz sind, war Schwarz natürlich alternativlos. Die Sitze dazwischen füllten sich nun langsam mit Fans und bekamen die ersehnten roten Farbtupfer.

Das die Mannschaft mittlerweile schon auf dem Platz war, ging fast ein wenig unter. Als dann aber das Aufwärmen beendet wurde, ging urplötzlich ein Ruck durch das Stadion: Die Mannschaft begrüßte spontan die Fans und diese sprangen direkt auf, klatschten sich die Finger wund. Fast so, als hätten wir justament den Aufstieg geschafft. Der Einlauf ebenfalls ein emotionaler Festakt. Irgendwie überlagerten sich Stadionregie, Gesänge und die drei Tribünen, so dass unter dem Strich Gemengelage und Lautstärke ein leichtes Schaudern zu erzeugen wusste. Im Spielverlauf stimmten immer wieder verschiedene Gruppen Gesänge an, wurde extrem situativ reagiert. Altersunabhängig übernahmen nun auch viele ältere Fans den Part der „West“. Die Stimme konnte sich ja auch Monate auf diesen Moment vorbereiten. Für den Moment des 2:0 hat sich auch Cedric Harenbrock nach vielen Verletzungen immer wieder herangekämpft. Das erste Mal im Kader, eingewechselt und direkt an einem solchen Abend das Tor: Das war die Kirsche auf der Torte.

Bonn

Erste Halbzeit:

Paul Breitner sagte einmal (leicht abgewandelt): „Da kam dann der Livestream. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig“. In der Tat war der Livestream aus dem Bonner Sportpark die Überraschung des Abends. Kaum Aussetzer in Halbzeit Eins. Im Gegenteil, er lief so stabil wie der RWE auf dem Feld. Das Ambiente am Monitor aufgrund der dunklen Zuschauerränge und des schummerigen Flutlichts in Verbindung mit der Bildqualität ähnlich wie bei der Fernsehübertragung aus dem Jahre 1981 zwischen dem FC Politehnica Timisoara und dem 1.FC Lokomotive Leipzig . Aber egal, man war einmal mehr mit dabei. Spaßig bei Sporttotal ab und an die Kommentatoren: In Lippstadt sah man Simon Engelmann häufig kritisiert in Fankreisen und heute gab es die These, dass Christian Neidhart nach den beiden Unentschieden schon gewackelt hatte. Man sollte vielleicht weniger sozial mediale Kommentare als Grundlage für eine Vorabrecherche nehmen. Das eventuell als ernstgemeinte Bitte. Auf jeden Fall: Danke für entspanntes Zusehen. Unserer Mannschaft gilt dieser bisherige Dank übrigens auch, denn relativ unaufgeregt gestalteten sich diese ersten fünfundvierzig Minuten.

Zweite Halbzeit:

Wer jetzt geglaubt hat, es würde so weitergehen mit der Entspannung, dem wussten die die Bonner nach etwas über fünfzig Minuten auf die Sprünge zu helfen: Die Heimmannschaft verfehlte den Ausgleich nur um Millimeter, und so saß man als Gästefan plötzlich wieder steil und hellwach im Sessel. Das nächste Mal dann erst wieder in der dreiundneunzigsten Minute bei dem finalen Freistoß des Bonner SC. Da dieser aber ähnlich in den Abendhimmel ging wie weiland des Steuersünders Elfmeter in Belgrad, durfte endgültig und erleichtert in sich zusammengesackt werden. Ach so: Dazwischen unterhielt ein munteres Spiel mit bisweilen schönen Ballstafetten und Balleroberungen auf unserer Seite, welches aber trotzdem nicht die großen Emotionen hervorrufen konnte. Grundsolide drei Punkte also auswärts geholt, den Weg nach oben aus dem (für einige) tiefen Tal der Unentschieden Tränen geebnet. Somit gilt die alte Fußballer These 19.07: Hauptsache gewonnen!

Samstag wartet mit Fortuna Köln ein alter Bekannter im allseits bekanntem Südstadion auf unsere Rot-Weissen. Exakt selben Spiel- und Streamverlauf würde ich direkt unterschreiben. Komplett emotionslos.

Spitzengruppe, Spitzengruppe, hey hey……

„Was hilft das Glück, wenn’s niemand mit uns teilt? Ein einsam‘ Glück ist eine schwere Last.“ (Christian Dietrich Grabbe)

Es war insgesamt für alle Beteiligten im Stadion Essen an diesem finalen Tag der Amateure eine schwere Last. Ein Wettbewerb sollte sein Ende finden, der wie so vieles andere auch, zunächst hinter den besonderen Begebenheiten zurückstecken musste. Der zugleich aber auch die Qualifikation für die kommende DFB Pokalhauptrunde beinhaltet. Zuzüglich des (zumeist einmaligen) Taschengeldes der dann übertragenden TV Anstalten. Es ging also in Zeiten ohne Einnahmen um eine Einnahme, die mindestens eine Art finanzielles Trostpflaster bedeuten dürfte. Aber ging es wirklich nur um Geld?

Es ging um so viel mehr. Es ging um ein Heimspiel an der Hafenstraße 97a. Und mindestens darum, dass unser eigenes Wohnzimmer seiner Seele beraubt wurde. Denn die Seele von Rot-Weiss Essen waren, sind und werden immer seine Fans sein. Diejenigen, die an diesem Finaltag nicht ihre gewohnten Plätze einnehmen durften. Die Zahlen steigen leider wieder, es ist wie es ist. Und wir alle müssen aufpassen. Dieser „Drops“ ist noch lange nicht gelutscht, begegnen wir ihm allzu lässig.

Dreihundert waren also im Stadion. Und im persönlichen Gespräch ist mir keiner begegnet, der nicht mit dem ersten Satz seinen Kummer darüber kundtat, dass es sich nicht gut anfühlt. Dort wo Happo ansonsten seine Kumpels am Bierstand zu begrüßen pflegt, stellte er nun sein Fahrrad ab und wirkte irgendwie verloren. Schön, dachte ich so bei mir, bin ich mit dieser Empfindung dann doch nicht alleine. Nee, war ich somit glücklicherweise nicht, denn die Traurigkeit pflanzte sich über das Gespräch mit Happo bis in das Stadion hinein fort.

Einmal abgesehen von der Entourage des 1.FC Kleve herrschte auf Essener Seite das Gefühl von „Muss ja“. Angenehm reduziert in seiner Lautstärke die Musik, dem Umstand angemessen. Angenehm lecker dann doch die erste Stadionfrikadelle seit März. So viel Ehrlichkeit muss sein. Dreihundert können nicht die Einnahmen von Elftausend bringen, aber es war ein ganz kleiner Schritt in die Richtung, dass der gemeine Fußballfan seine Lebensmittelgrundlage mit Bier und Wurst wieder als ausgeglichen in die App des Vertrauens eintragen kann.

Im Stadion selbst hat unser RWE vorgelegt und eine unaufgeregte Situation geschaffen, die der aktuellen Situation zu gefallen wusste. Das war auf den Punkt gebrachte Umsetzung des Maßnahmenkataloges. Und die Leute waren zudem verdammt diszipliniert. Der Ellenbogen nun das Körperteil der Begrüßung, das Augenzwinkern als Lächeln der Pandemie. Gefühlt gar nicht einmal so viel der Einschränkungen, aber eben doch nicht das, was eines Tages unter dem Begriff  Fußballkultur zu finden sein wird.

Somit kann ich die Argumentation der aktiven Fans (sind wir nicht alle aktive Fans?) absolut nachvollziehen. Das Statement zur Thematik „Alle oder keiner“ durchdacht und emphatisch dem Verein und der Mannschaft gegenüber. Es wird leider in absehbarere Zukunft  keinen Fußball geben, der eine freie Entfaltung zum Beispiel auf einer großen Stehtribüne oder allgemein im Stadion zulassen wird. Der kollektive Gesang und der ekstatische Torjubel; die Bierdusche und das gemeinsame „Aaaaah“ und „Oooooh“. Das gelebte Opa Luscheskowski und herbeigesehnte „Adiole“…alles vertagt auf die Zeit danach. Die Fanbasis wird sich somit auf unbestimmte Zeit ungewollt teilen: In diejenigen, die trotz der Einschränkungen ihren Verein spielen sehen möchten und somit auch für wichtige Einnahmen sorgen. Und in diejenigen, die ihren Fußball nicht so leben dürfen, wie es das eigene Fanleben gerne hat, die sich all ihrer Emotionen dadurch beraubt sehen. Das Verständnis füreinander ist trotzdem gegeben, so nehme ich es wahr.

Rot-Weiss Essen seinerseits muss natürlich gewappnet sein für viele nächste Schritte. Offen sein für jeden Fan, der mit einer kommenden Stufe endlich wieder seine Roten im Stadion spielen sehen darf. Und der RWE ist gewappnet! Ist seiner Zeit zwar nicht voraus, wer kann das aktuell schon, aber immer „just in time“.

Unser RWE hat mit dem 3:1 gegen den 1.FC Kleve bereits zum zehnten Mal den Niederrheinpokal gewonnen. Und es gestaltete sich zwischendurch nicht ganz einfach, diesen Pokal einmal mehr an die Hafenstraße zu holen. Zwar hätte man nach den ersten zwanzig Minuten schon einige Tore zu null Tore führen können, aber das Runde wollte einfach nicht in das Eckige. Was zur Folge hatte, dass Kleve Hoffnung schöpfen durfte. Wenigsten so lange, bis der Engelmann das tat, wofür er verpflichtet wurde. Ein Engelmann trifft also doch nicht nur nur im Land der Küchen und seiner Erbauer, sondern auch mitten im Pott. Da auf beide Halbzeiten verteilt, gilt es keinen lupenreinen Hattrick zu vermelden, aber es war schon cool, mal wieder einen klassischen Goalgetter in den eigenen Reihen zu sehen.

Zwischen der fünfzigsten und siebzigsten Minute ungefähr gönnte sich der RWE dann eine kreative Spielpause, ließ die berühmten Zügel fast ein wenig zu locker. So wurde der 1.FC Kleve aufgrund der eigenen Nachlässigkeit fast ein wenig aufmüpfig und suchte seinerseits das gegnerische Tor. Was hatte das zur Folge? Richtig: Die Hafenstraße begann ganz zart zu murren ob der minutiösen Rot-Weissen Lethargie. Manche Dinge ändern sich dann doch nie. So muss das! Letztendlich haben unsere Jungs das Finale dann aber doch verdient gewonnen, was dem Nervenkostüm unter anderem von Marcus Uhlig sicher gut getan haben dürfte. In seinem Gesicht war nach Abpfiff keine bloße Freude zu erkennen, eher in sich gekehrte Gedankenwelt. Auch hielt sich der Jubel auf dem Feld in Grenzen. Man kann die Spieler verstehen: In solchen Momenten getragen von dem Jubel der Tribünen, muss man sich diesbezüglich momentan selbst bespaßen. Irgendwann aber fanden sich Mannschaft und alle, die dazugehören doch zueinander und besprachen im großen Kreis das Erlebte. Vielleicht wurden von Trainer Neidhart aber auch schon Bestellungen für den Pizzaboten aufgenommen. Man weiss es nicht. Wenigstens wurde das verdiente Stauder direkt schon auf dem Feld kredenzt.

So unspektakulär wie das eigentliche Finale auch die Siegerehrungen danach. Das war solide Pokalübereichung mit angezogener Handbremsenfeier im Anschluss. Die Situation bedingt das einfach. Für den Moment nach dem Spiel sorgten dann wieder die RWE Spieler, indem sie Spalier standen für die Mannschaft aus Kleve, als diese ihre Medaillen in Empfang nehmen durften. Eine sehr schöne Geste.

Nun also Arminia Bielefeld. In den kommenden Wochen kann viel passieren, eine fundierte Planung rund um das Spiel einmal mehr kaum machbar. Das Spiel gegen Kleve hat aber gezeigt, wozu man in Essen fähig ist. Auf und neben dem Rasen. Danke, Dir RWE!

Durch Regen und Wind, durch Sturm und Entrüstung.

Sie kam wie aus heiterem Himmel. Augenscheinlich. Und doch hatte das eigene Bauchgefühl schon länger auf diese Meldung gewartet: Christian Titz wird die Hafenstraße verlassen müssen. Und das, nachdem wir unsere Mannschaft monatelang nicht mehr gesehen haben. Nachdem wir und unser RWE monatelang zuallererst um das Überleben als Verein gekämpft und gelöhnt haben. Im Verein hat man sich den Allerwertesten aufgerissen, wurde zum Gesicht der ansonsten Namenlosen in der großen Blase Fußball. Und auch wir haben mehr als nur einen Beitrag geleistet, den Verein auch ohne Spielerlebnis monetär zu unterstützen. Da rutschte die Mannschaft und der Trainer als solches durchaus schon einmal in den Hintergrund, ist doch nichts wichtiger als unser Verein. Rot-Weiss Essen steht über allem. Auch wenn wir gemeinsam nie auf den grünen Zweig kommen: RWE ist trotzdem der Ast, der uns trägt und verbindet.  Dornen inklusive.

Das es aber (glücklicherweise) eine Saison nach dieser so absurden geben wird, brachten die ersten Veränderungen im Kader an den Tag. Irgendwie fehlte mir in dieser ganzen Gemengelage immer der Trainer. Christian Titz fand während Corona gefühlt kaum bis gar nicht statt. Daher wurde sich auch mit seiner Funktion gar nicht weiter beschäftigt. Die Meldungen interner Misstöne aber stets genau so im Hinterkopf wie sein eloquentes Auftreten im Zwiegespräch. Zuzüglich der besten Punktequote seit langer Zeit plus Einwechselglück abzüglich Heimschwäche und Rotationsevolution. Der Mann saß nach außen so fest auf seinem Trainerstuhl wie Helmut Rahn auf seinem Betonsockel.

Intern hingegen gab es möglicherweise einen zweiten Christian Titz. Vielleicht auch sogar ziemlich sicher. Und somit beschloss der Verein, sich von ihm zu trennen und gab dieses am 17. Juni 2020 bekannt. Beiderseits war als Grund für die Trennung die Rede von unterschiedlichen Auffassungen genannt worden. In den Kommentarspalten gaben von nun an die „Titzianer“ den Ton an und brachten ihre Enttäuschung zum Ausdruck. Völlig legitim, so lange annehmbar formuliert. Das Verständnis für die Entscheidung des Vereins hielt sich in hingegen in Grenzen. Na klar, Christian Titz hat uns auf eine Reise mitgenommen, die anfangs eine gar wunderbare werden sollte. Wir haben voll des Lobes geschrieben, Bildchen gebastelt und Hoffnungsschimmer vor Augen gehabt. Auch hier.

Aber irgendetwas unerklärliches war immer mit dabei. Dieses eine Gefühl, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte. Dieses untrügliche Gefühl aus so vielen Jahren beruflicher Erfahrung im pädagogischen Bereich. War es die ständige Rotation oder die unaufhörliche Forderung nach neuen Spielern? Es ist schade, wenn nun ausschließlich den Spielern der schwarze Peter zugeschoben wird, ihnen Unprofessionalität und „Mimimi Mentalität“ vorgeworfen wird, nur weil vielleicht Dinge und Abläufe hinterfragt wurden.  Letztendlich waren es immer die Spieler, die auf dem Platz alles gegeben haben und manch Spiel erst in der Nachspielzeit gedreht haben. Die Fotos der pottendreckigen Trikots dürften wir alle noch vor Augen haben. Das macht nicht nur der Trainer. Das macht auch die Wechselwirkung von Charakteren auf dem Platz und auf den Tribünen. Alles zusammen war Rot-Weiss Essen und war der gute Weg, auf dem wir uns befunden haben. Keiner kann sagen, wie die Saison ohne virale Grätsche weiter verlaufen wäre. Daher helfen auch keine Spekulationen. Fakt hingegen, dass wir uns endlich von diesem bekloppten Verband trennen müssen, den nicht erteilte Lizenzen und dergleichen einen Dreck interessieren.

Christian Titz wirkt wie ein Lehrer, der im Elterngespräch und auf Klassenabenden zu begeistern weiß, von seinen Schülern jedoch unmögliches fordert und sie auch immer wieder spüren lässt, dass sie seinen Ansprüchen niemals gerecht werden. Wie soll man so das Selbstvertrauen aufbauen, was es braucht, um eine Saison knallhart durchzuziehen? Wie soll ich mich stark fühlen, wenn ständig Verbesserungen auf meiner Position gefordert werden? In Anbetracht der ständigen Spielerforderungen durch Christian Titz hat die Mannschaft einen respektablen Job gemacht. Ohne sich wirklich bestärkt zu fühlen, haben die Jungs für das Emblem auf der Brust alles rausgehauen. Das sollte nicht vergessen und honoriert werden. Wenigstens mit der gebotenen Fairness.

Lieber Herr Titz, vielen Dank für Ihre Zeit anne Hafenstraße.  Für Ihren Anteil an der aufkeimenden Hoffnung. Für manch schönen Fußballabend. Bleiben Sie gesund!

Während auf sozialen Medien immer noch im bisweilen bissigen Mit(gegen)einander Argumente ausgetauscht wurden, hat zum einen jawattdenn eine ausgewogenen Einordnung der Causa Titz und zum anderen unser aller Verein einen neuen Trainer präsentiert. Das ging dann ja mal wieder richtig fix. Christian Neidhart heißt er. Und arbeitete bis kurzem im Emsland beim Drittligisten SV Meppen. Das Schalke der Grafschafter. Neuer Trainer bei RWE? Nur kein Neid. Hart genug wird es werden, die Titzianer der Kommentarspalten eines Tages auf den Tribünen wieder hinter die Mannschaft zu bringen. Ich bin wirklich gespannt, welche Auswirkungen der Trainerwechsel nun haben wird. Und vor allem, wann wir das Ergebnis dann auch endlich wieder im Stadion erleben dürfen.

Fakt aber: Es war nicht alles Titz was glänzte. Die Aufbruchstimmung im Verein basierte auf vielen Säulen. Und diese Säulen sind noch da. Auf wenn es aufgrund der (ist die jetzt eigentlich schon beendet?) vergangenen Saison wirklich und verständlicherweise schwerfallen mag: Es geht den eingeschlagenen Weg weiter. Mit einer guten Mannschaft. Mindestens!

Und dann gab es ja noch dieses wunderprächtige Sondertrikot: Hier hingegen gehört mal so richtig Kritik geäußert, wurden doch die Emotionen, die ein solches Trikot hervorruft, arg unterschätzt. Und auch der Begriff „Limitiert“ war irgendwie fehl am Platz. Limitierte Trikots in diesem Fall hätte es vielleicht 100 Stück geben dürfen. Zum Preise von 1907€, übergeben von Willi Lippens am Rahn Denkmal mit Knutscha von Frau Rehhagel usw. Ich kann verstehen, dass sich die stolzen Besitzer der ersten Rutsche nun vielleicht ihrer Exklusivität beraubt sehen. Aber, ich hätte auch gerne eines dieser Trikots und freue mich nun über eine zweite oder gar dritte Chance. Ein gelungenes Trikot ist immer mehr als nur ein Stück Stoff. Es ist Geldausgabe und Gefühl zugleich, wobei letzteres überwiegt. Es sollte für alle machbar sein.

Es ist also nun wie es ist. Rot-Weiss Essen hat einen neue Trainer. Mal wieder. Herzlich willkommen Christian Neidhart. Wir werden sehen.