Der offene Blog an den DFB

Lieber DFB, natürlich kannst Du nicht jedes Deiner einzelnen Fußballschäfchen kennen. Dafür sind wir doch viel zu viele und zählen Millionen. Also versuche ich einfach mal so, Dir einen Wunsch zukommen zu lassen, der mich schon seit längerer Zeit beschäftigt:

Vielleicht ist es Dir ja noch gar nicht aufgefallen vor lauter strategischen Planungen die Zukunft betreffend. Zudem will muss auch das Sommermärchen aufgearbeitet werden und nimmt viel Zeit in Anspruch. Der eigene Fanclub will koordiniert werden, denn natürlich bedarf ein jedes noch so unwichtige Spiel seine eigene Choreo; die Amateure als Basis unseres so geliebten Sports wollen beruhigt und eigentlich doch nur abgezogen werden. Der TV Fußball soll nun über allem stehen. Die DFL natürlich auch sehr wichtig. Neue Schlagwörter wie Setzlisten und angestrebte weltweite Präsenz der führenden Vereine bestimmen aktuell das Geschehen. Und noch so viel mehr ist zu tun. Da ist es also, um darauf zurückzukommen, kein Wunder, dass Dir noch nicht aufgefallen ist, was uns (ältere) Fans immer mehr beschäftigt:

Es gibt zu viel Fußball am heimischen Empfangsgerät. Natürlich gibt es diejenigen die gar nicht genug Fußball gucken können und auf diversen Internet Plattformen auch noch das Derby Lions Gibraltar FC gegen Gibraltar United FC anschauen würden. Zum Beispiel jetzt. Bestenfalls noch mit der geöffneten App der Wettanbieters der Wahl um noch schnell eine Wette zu platzieren. Der Rubel muss schließlich rollen. Oft genug erscheint es heutzutage so, als ob eben jener rollende Rubel wichtiger ist als die rollende Kugel. Ich jedoch, als Kind von 1966 und durch Uwe Seeler zu seinem Vornamen gekommen; endgültig fußballerisch sozialisiert mit der WM 1974 im eigenen Land, möchte den Fußball noch als etwas besonderes erleben und mich darauf freuen. Oft genug habe ich in kalten und zugigen Stadien der 80er Jahre gestanden. Und es war auch toll! Nach der Schule die Hausaufgaben vernachlässigt, weil sich Eberhard Stanjek via schlechter Telefonleitung aus dem nebeligen Sofia gemeldet hat, um ein Europapokalspiel der Landesmeister in der ARD zu kommentieren. Nachmittags wohlgemerkt. Das Rückspiel im UEFA Pokal 1980 zwischen der Frankfurter Eintracht und der Borussia aus Mönchengladbach habe ich abends im Radio verfolgt obwohl kein Fan eines der beiden Finalisten. Fußball im Radio, bisweilen und auch immer noch, eine packende Art, Fußball zu verfolgen. Weisst Du noch, die legendäre Schlusskonferenz 1999? Das war Fußball pur. Heute verkommt Fußball bald zu einer Art Ramschware: Alles muss raus, alles muss gezeigt werden. Fußballübertragungen fluten den Fernseher wie Castingshows.

Heutzutage blicke ich oftmals gar nicht mehr durch, welcher Wettbewerb gerade mal wieder am Fernseher gezeigt wird, oder um welchen Spieltag es sich überhaupt handelt. Es muss ja alles auseinander gezerrt werden, um möglichst viele Spiele live zu zeigen. Auf die Fans im Stadion nimmst Du dabei schon lange keine Rücksicht mehr. Willst Du überhaupt noch Fans im Stadion? Man kann doch technisch sicher schon Stimmung simulieren. Schließ uns doch komplett aus, dann kannst Du endlich Spiele ansetzen, wie Du lustig bist. Aber jetzt mal im Ernst: Vielleicht ist das Angebot für Fans jeden Alters, die kaum über Stadionerfahrung verfügen und diese wohl auch nicht mehr bekommen werden, durchaus ein gutes. Aber wir, die wir wissen, dass kein TV Spiel jemals den Stadionbesuch ersetzen kann, wir brauchen das nicht immer! Der FC Bayern und der BVB zum Beispiel erfreuen sich einer stets immer größer werdenden Fanschar, aber eben aufgrund der medialen Präsenz in Einklang mit den vielen sportlichen Erfolgen. Es wird dabei fast vergessen, dass auch diese beiden Vereine über Jahrzehnte schon von Fans begleitet wurden, die auch schlechte Zeiten und nicht immer gefüllte Stadien mitgemacht haben. Für sie tut es mir manchmal leid, dass sie sich heute ihren Verein mit dem modernen (TV) Fan teilen dürfen. Aber auch das nur nebenbei, ich schweife ab. Die Emotionen.

Gestern Abend also, das Testspiel in Mailand gegen Italien zum Beispiel: Ich kenne die TV Quoten nicht und mache mir jetzt auch nicht die Mühe, diese zu recherchieren. Denn ich weiss von so vielen Fußballfans, die sich dieses oder ähnlich gelagerte Spiele nicht angeschaut haben und in Zukunft auch nicht anschauen werden. Das geht nicht gegen den Fußball oder Deine Mannschaft, die ja auch die unsere ist. Nur es ist für alle außerhalb Deines Trainerstabs ein Spiel ohne sportlichen Wert und daher nicht sonderlich von Interesse. Und wenn Du ehrlich bist, weisst Du das auch. Daher frage ich Dich einfach mal ganz frech: Warum muss das letzte Spiel des Jahres auch erst um 20:45 Uhr beginnen? Die Vorweihnachtszeit beginnt gerade und somit wäre doch auch schon jetzt mal die Zeit für ein Geschenk gewesen: Millionen junge Kicker und Kickerinnen schnüren ab der G- Jugend (Bambini) die Fußballschuhe und versuchen oftmals noch im Rudel das Runde in das Eckige zu bekommen. Gleichwohl müssen sie aber früh zu Bett, denn schon am nächsten morgen klingelt früh der Wecker, da Schule. Warum also machst Du nicht mal Deiner Zukunft in Stutzen ein Geschenk und überträgst ein solches Testspiel nicht schon um 17:00 oder 18:00 Uhr?

So bekommst Du sicher auch Deine erhoffte TV Quote und Millionen Nachwuchsfußballer hätten vielleicht das Gefühl, dass ihre Nationalmannschaft, von der sie doch insgeheim alle träumen, ausschließlich nur für sie spielt. Ja, das wollte ich Dir eigentlich nur schreiben. Denk doch bitte einmal darüber nach.

Und wenn Du schon mal nachdenkst, dann vergiss auch bitte nicht die unselige Aufstiegsregelung aus den Regionalligen. Da besteht dringend Handlungsbedarf. Aber das ist natürlich nur ein rein egoistisches Anliegen meinerseits. Mir jedoch ganz wichtig ist: Verliere einfach nicht den Bezug zu uns, den wir den Fußball lieben. Denn lieber DFB: Wer meint etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

Herzlichst,

Uwe

Scherenschnitt

Hans-Joachim Watzke möchte nicht so enden wie unser aller RWE, und muss daher mit dem BVB immer den Sprung auf monetäre und globale Züge schaffen. Egal in welche Richtung diese auch fahren; Thomas Müller beklagt sich zurecht über aufgeblähte Qualifikationsrunden zu immer mehr aufgeblähten Turnieren bei Gegnern, die immer öfter nur noch sportliche „Opfer“ sind. San Marino jedoch kontert mindestens und wohl noch mehr zurecht, dass auch die Großen die Kleinen brauchen. Um geerdet zu werden und da sich im kleinen eben jene Seele des Spiels wiederfindet, die die Großen vor lauter Geldgier gegen ein Fußballherz aus Beton eingetauscht haben. Und wenn die Großen nicht mehr gegen die Kleinen antreten wollen, woher bekommen wir dann in Zukunft noch den Stoff für jene Fußballgeschichten, über die noch in zig Jahren geredet wird und die wir so lieben? Das sind doch die Begegnungen Groß gegen Klein, aber wohl kaum ein Spiel aus einer wie auch immer gearteten Setzlisten Liga.

Das klassische Derby Chemie gegen Lok weckt selbst im unterklassigen Pokalwettbewerb mehr Emotionen, als es der erste Titel des kommenden Meisters aus der selben Stadt jemals schaffen wird. In England wird ein klassischer Underdog Meister und ein Fanverein (AFC Wimbledon) überholt nach vielen Jahren in der Tabelle eben jenen Verein, (Milton Keynes Dons) für den der angestammte, insolvente und geliebte Verein (FC Wimbledon) einst in die Tonne gekloppt und „outgesourct“ wurde. Der Fußball aktuell mal wieder am Scheideweg. Also eigentlich wie immer. Allmählich jedoch verhält es sich im Fußball wie mit der Erderwärmung: Die Auswirkungen sind langsam aber sicher immer spürbarer. Ein schleichender Prozess, der da stattfindet und uns immer mehr die Luft zum Fußballatmen nimmt, passen wir nicht endlich auf unseren so geliebten Sport auf. Die WM mit dutzenden Teilnehmern will doch keiner wirklich am TV sehen, gleichwohl man aber auch eben jenem San Marino zum Beispiel nicht das Spiel des Lebens und die ehrliche Freude am Fußball verwehren möchte. Schwierig, da allen gerecht zu werden.

Bestimmt nicht mehr sehen möchte man die mittlerweile immer häufiger stattfindenden „Treibjagden“ auf gegnerische Spieler oder Unparteiische, wie sie bisweilen im Unterbau des Fußballs stattfinden. Ihr Schläger auf Asche habt im Fußball genau so wenig verloren wie Korruption und Setzlisten von denen da ganz oben. Fußball ist immer noch ein Spiel und das soll es auch bleiben. Aber auch der DFB benimmt sich immer mehr wie ein Trumpeltier und möchte die Spieltage der ersten Bundesliga noch weiter auseinander zerren. Ingolstadt gegen Wolfsburg jetzt auch noch zur besten und traditionellen Anstoßzeit der Amateure Sonntag Nachmittag auf Sky. Da möchte doch kaum noch einer Rot-Weiss Essen gegen Alemannia Aachen vor Ort im Stadion sehen. Obwohl, also da kann man sich in seiner Prognose schon mal vertun….

Jetzt aber zum eigentlichen Anliegen: Ich habe letztens unter einem Artikel den Kommentar eines RWE Fans gelesen, welcher für sich und besonders Rot-Weiss Essen den Anspruch 1. Bundesliga proklamiert und somit weder eine Dauerkarte gekauft hat, noch auf Hoch3 reingefallen ist (eigene Definition).  Da musste ich erst einmal kräftig durchatmen, denn dieser Fan wird zeitlebens an seinen eigenen Ansprüchen scheitern und ein ewig unzufriedener bleiben. Und somit ja in gewisser Art und Weise auch andauernd negative Stimmung verbreiten, denn wer seine Ansprüche nie erreicht, wird nicht gerade frohlocken. Wie kann ich überhaupt einen solchen Anspruch formulieren, war doch mein Verein vor mittlerweile geschlagenen vierzig Jahren das letzte Mal erstklassig? Da kann ich doch als Fan Saison für Saison ständig nur scheitern und immer verbitterter im meinem rot-weissen Dasein werden. Keine Dauerkarte zu kaufen ist nicht schlimm, und auch den Weg Hoch3 mitzugehen kann keiner verlangen. Zumal sich jetzt herausstellt, was ich vor der Saison angemahnt habe: Ein Timo Brauer kann eben nicht über Wasser gehen und einen Aufstieg garantieren. Er ist Teil einer Mannschaft, die es nur gemeinsam richten kann. Eines Tages.

Den eigenen Anspruch gilt es somit mit Blick auf die traurige momentane Realität ein wenig zu reduzieren. Könnte auch der eigenen Gesundheit zuträglich sein. Keiner ist an der Hafenstraße gerne viertklassig. Aber sportlich gehören wir nun schon so lange dazu: Wir sind Inventar und leider schon lange kein Ausrutscher mehr. Mein eigener sportlicher Anspruch an den RWE ist die dritte Liga. Der Zuschauerzuspruch ist zweite Liga und das Stadion sogar bereit für die erste Liga. Die Vergangenheit für eine Dekade legendär erfolgreich und mit Mythen behaftet. Unter dem Strich also: Der Scherenschnitt Rot-Weiss Essen vs Anspruch Fans ist mindestens genau ein so schwieriger wie der zwischen den Großen und Kleinen überhaupt im Fußball dieser Tage.  Es bleibt spannend.

SUNSHINE ON LEITH. ABSATZ Zwei.

Eigentlich war ich mit Absatz eins ja noch nicht wirklich fertig. Die Idee war, dass, wenn nun alle Vereine ihre Ligen verlassen und „rübermachen“ wollen, auch der RWE einfach eines Tages die Regionalliga West verlässt. Lass die einen ihre Superliga für Sofafans und wieder andere eine  Liga Nordish by Nature schaffen usw. Wir gehen nach Schottland und versuchen in der dortigen Championship Fuß zu fassen. Der Vorteil: Wir wären numerisch wieder zweitklassig und könnten endlich auch die Spiele gegen Rot Weiß Oberhausen zu den Akten legen. Das Derby in der Championship würden wir dann gegen den alten und bisher einzigen Europapokalgegner Hibernian Edinburgh spielen. Natürlich spielen die Hibs ihre Derbys eigentlich und ausschließlich gegen die Hearts, aber die Medien brauchen ja immer was um „hochzusterilisieren“  und trennen doch beide Hauptstadtvereine aktuell eine Liga. Da würden wir einfach die entstandene Lücke füllen. Gut, die Auswärtsspiele wären für uns Fans etwas beschwerlicher, was Zeit- und monetären Aufwand beträfe, aber was täte man nicht alles für den Verein. Und Schottland ist immer eine Reise wert.

Ok, das Konjunktiv mal beiseite gepackt, steht in der Realität tatsächlich mal wieder ein Besuch in Oberhausen bei RWO an. Da wo es meistens regnet. Von oben, nicht Punkte für uns. Das gilt es mal wieder zu ändern, schließlich waren die letzten Ligaspiele gegen die Kleeblätter ernüchternd genug. Wie immer würden drei Punkte auch Argument dagegen sein, die Saison schon frühzeitig als Wettbewerb um die goldenen Ananas abzuhaken. Wir sind zwar immer noch im Jahr1 von Hoch3, aber größtmögliche tabellarische Spannung täte natürlich allen Vereinen im Flaschenhals Regionalliga gut. Es sei denn, man ist eine Zweitvertretung und nicht wirklich auf Zuschauereinnahmen angewiesen. Ananas will ich nur auf Toast Hawai, aber nicht im Saisonverlauf.

Sonntag also die nächste Gelegenheit für die wahren rot-weissen, sich weiter zu stabilisieren und endlich den ersten Dreier seit dem 3.8.2012 bei den Kleeblättern einzufahren. Überhaupt sind ja die bis dato gewonnenen Spiele bei RWO deutlich in der Minderheit (Das natürlich die jeweilige Ligenzugehörigkeit im Zeitfaktor eine Rolle spielt, schenken wir uns mal in der Betrachtung). Vor 2012 war es 1995, als unsere Roten mit dem knappsten aller Ergebnisse dort gewinnen konnten und davor sorgte Frank Mill 1979 mit seinen zwei Treffern für einen 2:1 Erfolg. Also erst 16 Jahre und dann 17 Jahre auf einen Erfolg gewartet. Das würde bedeuten: Auf Basis dieser Grundlage müssten wir nun 18 weitere Jahre auf den nächsten Dreier im Niederrheinstadion warten. Um Himmels Willen, das wäre dann ja 2030. Geht gar nicht. Und vielleicht gibt es den Fußball dann überhaupt nicht mehr, da die Blase doch mal geplatzt ist. Also: Wir können nicht warten. Sonntag wird gewonnen und gut ist. Punkt! Also unter dieser Aussage, sonst natürlich deren drei.

In Oberhausen sind in der Regel um die 10.000 Fans vor Ort, treffen RWO und RWE aufeinander. „Seismographische Ausschläge“ inklusive: So waren es am 11.4.1970 28.000 Fans, die eng an eng stehend die gute Kanalluft erleben wollten. Zehn Jahre später, am 21.12.1980 waren es hingegen nur 3.500 Fans, die den Weg in das Niederrheinstadion gefunden hatten. Auch wenn es Sonntag wohl nicht fünfstellig werden wird, die 5.600 Fans der vergangenen Saison sollten doch übertroffen werden. Obwohl das Wetter Sonntag mal wieder pünktlich den Novemberblues zu beinhalten scheint. Frieren für den RWE vor und während des Spiels. Nach Abpfiff jedoch scheint uns hoffentlich die Sonne aus dem Allerwertesten und wärmt die Fanseele somit wieder auf. Für Rechenexempel an der Tabelle taugt aber auch ein möglicher Dreier noch nicht. Aktuell ist es wohl am Besten, einfach von Spieltag zu Spieltag zu denken, sich eher an einer eintretenden Konstanz im Spiel und gesunden Spielern auf dem Rasen zu erfreuen. Alles andere macht nur kirre.

Kirre machen bisweilen auch folgende Gedanken: Ist eigentlich unsere Tradition an diesem nicht enden wollenden Dilemma der Viertklassigkeit mit schuld? Oder anders gefragt: Hindern uns vergangene Erfolge und die Erinnerung daran, endlich eine Mannschaft in Ruhe wachsen zu lassen, um uns aus diesem sportlichen Tal der Tränen zu führen?  Fakt ist, wir können an der Tradition von Rot-Weiss Essen nichts ändern. Wir werden immer weiter mit Attributen wie Deutscher Meister; schlafender Riese; Zuschauerkrösus; Helmut Rahn und Willi Lippens; Bundesliga etc. in Verbindung gebracht werden. Und das ist auch gut so, weil es gut war. Selbst wenn wir rund um das Stadion alles abbauen und verbuddeln würden, was an bessere sportliche Zeiten erinnert: Man würde uns wieder daran erinnern. Aus der Nummer kommen wir einfach nicht mehr raus. Also sollten wir die Tradition bewahren; stolz darauf sein aber nur nicht vergessen, dass wir im Hier und Heute spielen und nach vorne gucken müssen. Nur vorne wartet ein Aufstieg. Hinten lediglich schöne Gedanken an früher! Wer nun nicht mehr auf unsere Tradition Wert legen möchte, oder auf unser mitunter kompliziertes und hochemotionales Umfeld: Wer also ausschließlich sportlichen Erfolg will; ja für den wurde extra der zukünftige Deutsche Meister  Rasendose Leipzig erfunden.

Um nun als Fan des RWE aber durchzuhalten gehört wohl auch, nicht wie so oft über Gegner zu jammern, die manch Fan als zu unwürdig für unsere einstmals glorreichen Kicker betrachtet. Das bringt rein gar nichts. Wir spielen immer gegen genau die Gegner, die sich in der gleichen Liga oder im selben Pokalwettbewerb befinden wie wir auch. Dem Namen nach klangvollere Vereine muss man sich erarbeiten. Außerdem gehe ich ja wegen Rot-Weiss Essen in`s Stadion und nicht des Gegners wegen. OK, und für Bratwurst und Stauder. Nur der RWE!

Zürich. Fundstück FCZ Museum.

Die Klagen über undiszipliniertes Verhalten vieler Zuschauer bei Fußballspielen nehmen leider immer noch zu. Da ist es ganz interessant, was eine grosse Zeitung in Madrid ihren Lesern für Ratschläge gibt:

Sechs Fußballregeln für Zuschauer:

  1. Glaube nicht, das die Ehre deiner Stadt von den Stiefeln der Fußballspieler abhängt.

  2. Es ist ausserordentlich schwer, eine erregte Debatte mit dem Nachbarn zu führen und gleichseitig jede Abseitsstellung genau festzustellen.

  3. Ob der Ball im Spiel ist oder aus, das ist eine Frage der Perspektive. Ob du aber mit dem Linienrichter übereinstimmst oder nicht, ist eine Frage der Erziehung.

  4. Es gibt Leute, die nach einem Elfmeter wie nach einem glücklichen Los schreien. Die gleichen Leute sind höchst unwillig, wenn der Schiedsrichter ihren Gegnern gegenüber grosszügig erscheint.

  5. Rempeln ohne brutal zu sein, ist faires Spiel und in England die Regel. Bei uns vergisst man nur zu schnell, dass Fußball ein Spiel für Männer ist.

  6. Seid keine Narren! Vergesst nie, dass Fußball nur ein Spiel ist.

Diese Fußballregeln wurden aufgestellt und veröffentlicht im Jahre sage und schreibe 1933! Bei Punkt fünf musste ich unweigerlich an Thomas Tuchel denken. Punkt sechs ist höchst unterstreichenswert, und Punkt eins würde in manch aktueller Fanszene direkt gestrichen werden, wird die Stadt heutzutage doch viel zu oft über den eigenen Verein definiert. Außer in Gelsenkirchen. Da mag man den Verein namentlich nicht einmal mit der Stadt in Verbindung gebracht wissen.

Punkt zwei ist auch heute noch Realität. Wir Fans sind nicht multitasking fähig. Entweder der uneingeschränkte Blick nebst voller Konzentration auf das Spielfeld, oder eben der emotionale Austausch mit dem Nachbarn oder der Nachbarin auf der Tribüne: „Haste gesehen?“ Zu Punkt drei und vier: Natürlich sehe ich das parteiisch. Und der Schiri ist immer der Doofe. Wenn er gegen uns pfeift natürlich! Wenn nicht, war er ein guter Mann und vergessen wir, wo sein Auto steht.

Irgendwie ja schön zu lesen, dass der Fußball über die damaligen Medien (ohne schon ekelig modern zu sein) auch in früheren Tagen seine Fans zu Besonnenheit rufen wollte oder gar musste. Würden im heutigen Fußball auf Funktionärs-, Fan- und so manch anderer Ebene nur diese sechs Punkte in der Kritik stehen, wir alle hätten ein glückliches Fußballfan Dasein.

Veröffentlicht wurden diese Fußballregeln im Schweizer Fußball, Athletik & Hockey Kalender für das Jahr 1933, welcher im FCZ Museum ausgestellt ist. In welcher Madrider Zeitung nun das Original erschienen ist, worauf sich der Kalender beruft, war nicht mehr herauszufinden.

Das Bilderbuch Georg-Melches-Stadion.

Kein Text. Nur Fotos. Jedoch kein Fotoalbum, eher ein Bilderbuch. Eines, das keiner Erklärung bedarf, sich aus dem eigenen Archiv zusammensetzt und endlich auch hier im Blog erscheinen sollte.

Quartalsbesprechung.

Wochenlang bestimmten ungute Ahnung nebst Voruntersuchung; weitere Untersuchungen inklusive Hoffen und Bangen die eigene Gefühlslage. Alles nur, um auf den Tag zuzusteuern, der die Wahrheit bringen sollte. Unweigerlich kam dieser Tag „X“ und mit ihm der Termin beim hiesigen Urologen. Bei Betreten des Sprechzimmers wusste ich eigentlich schon Bescheid, umgab meinen Kopf daher sicherheitshalber mit einem imaginären riesigen „Wattebausch“, welcher Stimme und Nachricht des Arztes nur noch gedämpft an mein Inneres heranlassen sollte. Da saßen wir nun zu Dritt. Der Arzt mit meiner Krankenakte in der Hand, Gattin und ich Hand in Hand gegenüber. Traurig blickte er aus seinem Kittel, der Herr Doktor; schüttelte langsam den Kopf und setzte an uns mitzuteilen, dass bei mir ein Prostatakrebs diagnostiziert wurde, den zu behandeln es sich konventionell nicht mehr lohnt, da zu bösartig. Mein Wattebausch funktionierte, ich bekam die Aussage gefühlt gar nicht mit. Doch mein sich umdrehender Magen und die plötzliche Weichheit in den Beinen schienen nicht zu trügen. Ebenso nicht der Blick nach links und die Tränen, die meine Frau verzweifelt versuchte zu vermeiden. In dem Moment war dieser Anblick schlimmer als der Fakt, denn ich wollte, aber konnte ihr nicht helfen. Gut, der Arzt hat mich mit einer Faktenlage konfrontiert, die ich aber doch noch lange nicht akzeptieren muss, so mein Gedanke und versuchte Optionen zu verhandeln.

Es gab also keine Option. Beziehungsweise, es gab sie doch: Wir lassen alles so wie es ist, so der Arzt und machen keine Operation. Ok, da konnte ich doch mit leben in Anbetracht der Folgen, die eine Totaloperation (Entfernung) der Prostata mit sich bringen wird. Ja sagte der Arzt, da können sie mit leben. Aber nur noch vier Jahre. Vielleicht fünf. Und das werden keine tollen Jahr bis zum Schluss, wenn erst einmal die Schmerzen kommen. Chemo und Bestrahlung standen nur ganz kurz zur Disposition, hatte die Biopsie doch eben jenen klaren Fakt erbracht. Eine Biopsie übrigens, die ich ziemlich tapfer über mich ergehen ließ, und in deren Anschluss ich wie weiland John Wayne nach drei Wochen Dauerritt nach Hause gelaufen gehumpelt bin. Meine Idee, die Operation zu verweigern stiess also grundsätzlich auf wenig Gegenliebe bei den beiden anderen und so wurde das weitere Vorgehen besprochen, die Überweisung in das empfohlene Krankenhaus ausgestellt. Immer noch den Kopf in Watte gepackt, Gattin mit auch noch tränenfeuchten Augen fest an der Hand haltend, ging es wie in Trance nach draußen. Nicht ohne zuvor noch beiderseits kräftig vom Arzt gedrückt zu werden. Eine Reaktion seinerseits, die uns auch heute noch immer wieder erfreut. Hat man nicht alle Tage, einen solch emphatischen Arzt.

Das St. Antonius Krankenhaus in Gronau wurde dringend empfohlen. Also die Urologie dort und seine Roboter assistierten Methoden frei nach dem Da-Vinci-Operationssystem. Von nah und fern reisten sie an, die Prostatae dieser Welt. Egal ob Scheich nebst Gefolge oder der Kassenpatient aus der Nachbarschaft. Sehr hoch auch der Anteil Niederländischer Patienten. Gut, das alles konnte jetzt nicht beruhigen, denn der Alltag galt weiterhin bewältigt zu werden, was unter der Last einer frisch erhaltenen Krebsdiagnose nicht ganz einfach war. Scheinbar gelang es mir aber doch ganz gut, denn es setzte eine Haltung irgendwo zwischen „Scheissegal und Du kriegst mich nicht“ ein. Außerdem habe ich schon ganz andere Dinge überlebt. Lübeck 2008 mit dem RWE zum Beispiel und noch einiges mehr. Und es gab (und gibt) meine Frau, mit der das Leben endlich so schön ist, so dass ich es ungern verlieren wollte. Und es gab (und gibt) zwei Töchter, die ich aufwachsen und nicht von unten betrachtet sehen möchte. Es gab (und gibt) den Verein. Diesen einen Verein, der einen so viel leiden lässt; mir aber in der Folgezeit durch ihn selbst und seine Fans so unvergleichlich das Gefühl gab, lebenswert zu sein, so dass ich ihn ein Leben lang lieben werde. Egal in welcher Liga und egal wie lange ich nun letztendlich leben werde! Auch wenn ich aktuell nach der Operation erst einmal ungewollt Abstand von ihm gewonnen habe.

Das Problem war nun, erst einmal einen Termin zu finden, denn wie schon erwähnt erfreut sich die Klinik urologisch betrachtet einer hohen Wertschätzung und somit auch hoher Nachfrage. Der 11. Juli sollte es werden. Bis dahin (wir befanden uns im Mai) galt es nun zu warten. Ein normales Leben zu leben. Verbunden mit der Angst, dass der Tumor bis dahin nicht streut und sein krankes Wirken weiter Stück für Stück fortsetzt. Die „Chance“ dafür lag im unteren zweistelligen Bereich. Zu hoch, um damit entspannt umzugehen, aber zu niedrig, um sich nun einen jeden Tag verderben zu lassen. Die Arbeit aber strengte gefühlt mehr an als sonst auch schon. Diese zwölf Tage am Stück, die wir in unserer Einrichtung Dienst an und für unsere Klienten tun, gingen immer schon an die Substanz; durch körperliche und psychische Belastung eigentlich nicht ewig durchzuhalten. Zudem nun auch noch zusätzlich belastet. Aber da muss man halt durch, denn vor langer Zeit wollten wir ja einen Job, um anderen zu helfen (Würde ich so nie wieder machen übrigens. Bittere Erkenntnis für zwischendurch). Also immer heiter weiter. Düstere Gedanken in stillen Momenten inklusive. Dankbar angenommen die Tage Urlaub bevor es dann endgültig in das Krankenhaus ging. Und eigentlich auch immer noch den Fakt als solchen verdrängend.

Endlich dann der Tag vor dem Tag, dessen Folgen ich bis heute gnadenlos unterschätzt, und die mir in seiner Konsequenz so auch im Vorfeld keiner mitgeteilt hat. Da gab es nur positive Äußerungen und Beispiele. Was auch gut war, denn alles andere wäre nicht wirklich förderlich gewesen. So also Zimmer bezogen, von der Schwester mal so richtig den Bart und andere Haarteile abbekommen: Das war es dann für den ersten Tag. Ach ja, das EM Endspiel war ja auch noch, Ergebnis sicher noch bekannt. Eine „Henkersmahlzeit“ gab es natürlich auch. So richtig langweilig klassisches Abendbrot in einer Klinik halt. Die Operation war am nächsten Tag erst nach Mittag angesetzt, so blieb mir dieses lukullische Erlebnis also morgens am Tag der Tage erspart. Gab ein Glas Wasser morgens und zu Mittag die übliche angstlösende Tablette. Die jedoch gefühlt etwas zu früh, denn als es hoch in die OP ging, war ich hellwach. Die letzten Worte vor der Schleuse waren: „Deutscher Meister wird nur der RWE“. Warum auch immer. Hätte „Deutscher Meister ist nur der RWE“ rufen sollen. Ich schieb`s mal auf die Tablette. Vielleicht hatte ich einfach nur Angst, der Anästhesist ist ein Schalker. Jener stellte sich aber später als Fan des HSV heraus. Er hat es schwer im (Fan-)Leben!

Die ersten Worte nach der OP waren die nach meiner Brille und meiner Frau. Ich muss zugeben, in der Reihenfolge. Menschen mit hoher Dioptrien werden das verstehen können.

Tag eins nach einem solchen Eingriff, der laut einem Arzt einem Massaker im Körper gleichkommt, kann man ja bekanntlich vergessen. Die folgenden Tage verbrachte ich lesend über George Best und sehend mit Schimi & Thanner, den alten Haudegen aus der Jugend. Zudem einem Katheter, den ich verfluchte und natürlich immer zeitnah entleerte. Leidensgenossen erkannte man ebenfalls an dem lässig um den Knöchel gebundenen Katheter. In den Farben getrennt, im Katheter vereint. Alles aber nicht wirklich wichtig, denn es zählte der Freitag, an dem es die Ergebnisse aus der Pathologie geben sollte, ob der Tumor schon gestreut hatte oder nicht. Dafür wurde etliche Lymphknoten drumherum entfernt, die ich mir aktuell manches mal zurückwünsche, denn sie stellen eine Art Weiche für Flüssigkeiten im Körper dar. Zu dem Zeitpunkt aber unwichtig, denn es galt eben jene Knoten zu untersuchen. Hat der Tumor gestreut, so liegt die Lebenserwartung trotz Totaloperation auch nur noch bei ca. 10 – 12 Jahren. Hat er nicht, könnte ich einem normalen Abgang in weiter Ferne entgegenstreben und noch ganz viele Jahre mit Gattin glücklich sein. Es sei denn, der RWE sorgt noch für Herzklabaster erster Güte.

Donnerstag kam ein Assistenzarzt um mir etwas mitzuteilen, was ich schon wieder vergessen habe. Vielleicht aus dem Grunde, da er mir beinah beiläufig mitteilte, dass die Ergebnisse aus der Pathologie da seien und der Tumor nicht gestreut habe. Diese Worte, seinerseits lässig ausgesprochen, sorgten meinerseits für einen der eher seltenen emotionalen Ausbrüche. „Assi“ ging von dannen und ließ mich in einem Meer von Schluchzen und Tränen zurück. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich in Gänze sammeln und anrufen konnte. Das blöde Arschloch war nicht schnell genug, der Operateur war schneller. Und das „Näschen“ meines Urologen. Denn er war es, der die Vorsorgeuntersuchung vorschlug. Zwei Tage später schon sollte die Freude allerdings erst einmal wieder in jähes Entsetzen umschlagen: Der Katheter wurde gezogen. Einerseits ein Gefühl der Freude, denn das Dingen tut einiges, und vor allem weh. Andererseits stieg ich aus dem Bett um meiner Freude Ausdruck zu verleihen und merkte plötzlich und unerwartet, dass ich mich ziemlich fürchterlich einnässte. Welch Schock! Mit der Prostata ging auch der bisherige innere Schließmuskel den Weg in die ewigen Jagdgründe und ließ die Harnröhre daher einfach mal laufen. Es stoppte sie keiner. Noch nicht! Abends erfuhr ich dann, das dieser erste Tag danach in Krankenhauskreisen auch „Tag der Tränen“ genannt wird. Ein Swagger sieht somit definitiv anders aus.

Am nächsten Tag ging es auch schon wieder nach Hause. Und eigentlich begann erst dann der Kampf um die Rückkehr in das sogenannte normale Leben. In welchem ich auch heute noch immer nicht wieder angekommen bin. Die „Arbeit“ am verbliebenen äußeren Schließmuskel bestimmte nun den Tagesablauf und der vorsichtige Umgang mit dem frisch operierten Körper und seinen Anomalien diesbezüglich. Drei Wochen später, ich wähnte mich auf einem guten Weg (wollte eigentlich nach sechs Wochen wieder arbeiten und somit dem Krankengeld in meiner Vita entgehen), kam jedoch wieder alles ganz anders: Eine Zyste hatte sich gebildet und entzündet. Was für uns nach einer normalen Grippe aussah, hatte weitreichende Folgen bis zum heutigen Tage. An jenem Tag, als die Zyste „Hallo“ sagte, brachte sie 40 Grad Fieber mit und mir bis dato nie gekannte Schmerzen in den Beinen. Der Notarzt am Telefon sagte: Intensivstation, sofort. Ich fieberte dem negativ entgegen, da ich nicht in das hiesige Krankenhaus in Nordhorn will und bat meine Frau, dass wir das irgendwie so schaffen. Sie schaffte es und wickelte mich auf erträgliche Temperaturen herunter. Was folgte waren drei Wochen, wie sie unwirklicher kaum sein konnten. Sieben durchgeschwitzte Shirts am Tag waren manchmal Standard, nach jeder Nacht mussten Bettwäsche und Kissen komplett durchgenässt gewechselt und gewaschen werden. Es war so surreal, ich habe sogar mal in „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“ reingezappt. Das sagt doch alles über meinen Zustand aus! Der Körper geschwächt in nie gekannter Form und hat sich doch dagegen gesträubt und gewehrt.

Viele Besuche mit noch mehr Stunden vor Ort folgten von nun an im St. Antonius Krankenhaus in Gronau, wo wir schon zu geduldigen Stammkunden wurden. Mit fast immer dem selben Ergebnis: Zu hohe Entzündungswerte. Und der Bitte um Geduld! Einzig positiv in jenen Tagen: Die dicke der Vorlagen wurde dünner. Zu Bett ging es immer noch recht früh, zu geschwächt der Körper. Die Zyste wusste was sie tat. Zudem meldete sich jemand, der bislang ausschließlich damit beschäftigt war, den Krebs ohne Pause zu bekämpfen: Der Kopf machte sich bemerkbar in Form von Geist und Seele; knickte zusammen unter der bisherigen Last des Stark-Seins. Erst jetzt und ganz langsam wurde die tödliche Krankheit bewusst. Kam Dankbarkeit hoch gepaart mit Unzufriedenheit über den „Ist – Zustand“. Und noch etwas anderes kam hinzu: Die Flüssigkeit. Die innerhalb des Körpers jetzt. Aufgrund der vielen entfernten Lymphknoten gilt es scheinbar neue Wege zu finden, was auch wieder Tage, Wochen und Monate dauert und den Alltag im wahrsten Sinne des Wortes erschwert. Ungesunde Ansammlung von Flüssigkeiten nun die legitime Nachfolgerin der Zyste. Vorzugsweise links. Die beiden Beine stellen sich nun dar, als würden Gerd und Thomas Müller jeweils ein Bein zur Verfügung stellen. Die Fußballkenner wissen somit Bescheid, wie es um die Dicke der Beine jeweils bestellt ist. Die nächste Komplikation, die es zu überwinden gilt. Wenn ich eines nicht mehr hören kann, so ist das der Begriff „Geduld“.

All dieses hat natürlich zur Folge, dass ich den RWE noch nicht einmal habe spielen sehen in seiner ersten Hoch3 Saison. Ich habe auch sonst nicht viel vom Leben gesehen seit jenem Tag im Juli. Nun habe ich zwar kein solch turbulentes Leben, als das ich groß was verpassen würde, aber dieses gefangen sein ist bisweilen unerträglich. Was vielleicht aber mal ganz gut tat, ist wohl doch der Abstand zum geliebten Verein. Ich kann diese Saison wesentlich gelassener verfolgen, als all die Jahre zuvor im Stadion. Was allerdings so richtig weh tut ist die Tatsache, aufgrund des derzeitigen Status keine Wochenenddienste zu leisten. Ich könnte also prinzipiell jedes Spiel sehen. Ohne den Planungsstress der ganzen letzten Jahre. Könnte! Geht aber noch nicht. Und wenn es geht, dann gehe ich auch wieder arbeiten. Und dann beginnen sie wieder, die Zeitprobleme. Ich bin aber trotzdem nicht ganz unzufrieden mit der Saison und habe das Gefühl, dass sich eine Aufstiegsmannschaft langsam entwickeln könnte, geben wir Fans ihr die Zeit dazu.

So ist das mit dem Arschloch Krebs und mit mir bis heute. Es dauert länger als erwartet und es wird noch weiterhin dauern. Aber, die erste relevante Blutuntersuchung nach einem Quartal hat ergeben, dass der Tumorwert aktuell nicht mehr messbar ist. Das die beste Nachricht der letzten Wochen. Alles andere dauert und erfordert Geduld. Irgendwie so, wie der RWE auch. Den ersten Spielbesuch peile ich jetzt erst für 2017 an.

Und doch habe ich Glück gehabt, denn es hätte alles viel schlimmer kommen können, gibt es doch so viele Varianten dieser widerlichen und unerklärlichen Krankheit, die kaum mehr Chancen lassen um zu überleben. Geht zur Vorsorge und vielleicht bleibt Euch dadurch viel erspart. Nur der RWE!

Sunshine on Leith. Absatz Eins.

„Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön. So was hat man lange nicht erlebt, so schön, soooooo schön!“

Ja es muss doch endlich einmal gewürdigt werden, was uns Funktionäre diverser Fußballverbände zur Zeit an aberwitzigen Ideen und Wünschen in die Gazetten diktieren. Natürlich ist das obige Liedchen nicht wirklich ernst gemeint! Nur lassen Vielzahl dieser aktuellen Gedanken, durchgesteckt und die Seele des Spiels tunnelnd, nur noch ironische Gesänge zu. Die Ideen der Herren Infantino und Ceferin, aber auch Rummenigge und Watzke und wie sie alle heißen, dienen nur der einen guten Sache: Dem Fußball.

Natürlich nicht, so blöd sind wir Fußballfans auch wieder nicht! Sie dienen nur den monetären Interessen und drängen auf lange Sicht den, der sich auch schon in den 80ern in einem zugigen Stadion bei Wind und Wetter den Arsch abgefroren und den Hals heiser geschrien hat, langsam aber sicher aus den Stadien. Der Fußball alter Prägung soll in Teilen „outgesourct“, die alten Ligen, Wettbewerbe und Strukturen zerschlagen werden. Natürlich nur, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Egal eigentlich, was jetzt noch an abstrusen Ideen und Umsetzungen kommt; egal ob die DFB Elf in ferner Zukunft eine EM Qualifikation gegen die Auswahl der Grafschaft Bentheim oder das Königreich Beisen zu bestreiten hat. Egal ob Willi Lippens Markenbotschafter des RWE in China wird, der HSV endlich einmal absteigt oder Tönnies Schalke löscht wie seine Firmen, um Steuernachzahlungen zu umgehen:

Der Fußball, wie wir ihn lieben gelernt haben, existiert schon lange nicht mehr. Der Drops ist gelutscht, die Blase schon lange aufgeblasen. Nur eben noch nicht geplatzt. 

Dafür könnten dann langfristig eben jene Bestrebungen sorgen wie beispielsweise die, gefühlt direkt die ganze Welt an der WM teilhaben teilnehmen zu lassen. Oder auch die angedachte Landflucht, wie sie führende Vereine in Nordeuropäischen Ländern wünschen, da ihnen die eigene Liga nicht mehr die Erfüllung zu geben scheint, die sie sich erhofft haben. Interessant auch die Idee, das Finale der Champions League außerhalb Europas stattfinden zu lassen. Warum muss das sein? Obwohl, der Wettbewerb ist doch auch schon kein Pokal der Landesmeister mehr und somit an sich schon verwässert. Dann ist es doch eigentlich Latte, wo das Finale stattfindet. An die Fans wird doch von Haus aus nicht mehr gedacht, können doch am heimischen Empfangsgerät gucken.

Das CL Finale also dann in New York, während zeitgleich das Eröffnungsspiel der Major League Soccer zwischen Dosen New York und Chicago Fire in Leipzig stattfinden wird. Noch ziemlich zeitgleicher treten Ajax Amsterdam und der FC Kopenhagen in der Weststaffel der Nordliga im Südstadion von Köln an. Die für das Spiel vorgesehene Starke Arvid Arena in Ljungskile stand unerwartet durch das Wiederholungsspiel um die asiatische Meisterschaft zwischen RW Oberhausen und Shandong Luneng Taishan nicht mehr zur Verfügung. Die Europa League kommt zunächst einmal ziemlich bescheidener daher, so als Pokal der Verlierer. Daher ist es auch nur konsequent, dass Finale ab dem Jahre 2022 immer im Stadion am Heideweg zu Nordhorn austragen zu lassen. Da wurde schließlich schon oft verloren.

Wie sich die Europa League dann letztendlich zusammensetzt, steht allerdings noch in den Sternen. Die Bestrebungen der Funktionäre gehen in die Richtung, alle Vereine jeder nationalen Liga Europas daran teilnehmen zu lassen. Um Gelder zu generieren natürlich. Ausgeschlossen nur der HSV, da ständig in irgendeine Relegation eingebunden.

Was das Ganze nun mit Rot-Weiss Essen zu tun hat? Bis hierhin noch gar nichts, aber das kann sich schon in Absatz Zwei von „Sunshine on Leith“ ändern.

Fortsetzung folgt.

Manchmal nach Verlängerung. Seltener im Elfmeterschießen und gelegentlich gar nicht.

Der DFB Pokal steht mal wieder vor der Tür. Die Teilnahme für einen unterklassigen Verein wie den RWE nicht immer selbstverständlich. Zeit also für eine richtig fade Angelegenheit um die Zeit bis zum Anpfiff zu überbrücken: Heute nur Begegnungen. Und zwar alle Pokalspiele des RWE seit 1938:

1938/39

28.08.1938: RWE – FC St. Pauli Hamburg 5:1

11.09.1938: SV Werder Bremen – RWE 2:3

09.10.1938: RWE – Hertha BSC Berlin 3:0

06.11.1938: SV Waldhof Mannheim – RWE  3:2 nach Verlängerung

1939/40

18.08.1940: Edelstahl Krefeld – RWE 3:4

Bei Edelstahl Krefeld handelte es sich um den Betriebssportverein der Deutschen Edelstahlwerke AG. Nach einigen Umbenennungen wurde der Verein 1945 aufgelöst. Vom Grotifanten wurde sich schon seinerzeit distanziert.

08.09.1940: RWE – SG Eintracht Frankfurt 0:2

1940/41

13.07.1941: RWE – Gelsenkirchen 1:2 nach Verlängerung

1941/42

19.07.1942: RWE – VfL Köln 1899 2:5

Bis hierhin firmierte der Pokalwettbewerb als „Tschammerpokal“und erstickte 1943 am Krieg und seinen langen Nachwehen. Erst 1952 wurde der Wettbewerb als DFB Pokal wieder weitergeführt.

1952/53

16.08.1952: RWE – Jahn Regensburg 5:0

19.11.1952: RWE – VfL Osnabrück 2:0

01.02.1953: RWE – Hamburger SV 6:1

08.03.1953: RWE – SV Waldhof Mannheim 3:2

01.05.1953: RWE – TSV Alemannia Aachen 2:1

Somit wurde unser legendärer RWE der erste DFB Pokalsieger der Nachkriegsgeschichte.

1967/68

14.01.1967: RWE – Karlsruher SC 1:2

1968/69

04.01.1969: RWE – SV Werder Bremen 1:2

1969/70

24.03.1970: RWE – 1.FC Köln 3:3 nach Verlängerung

27.07.1970: 1.FC Köln – RWE 5:1

Seinerzeit gab es noch das Wiederholungsspiel.

1970/71

12.12.1970: Rot Weiß Oberhausen – RWE 4:3

1971/72

Die Essener Farben hielt in diesem Pokalwettbewerb einmalig der Essener FV von 1912 hoch. Als Turnverein gegründet schloss man sich 1998 dem FC Saloniki Essen an und sagte als eigenständiger Verein leise Servus. Der Gegner in Hin- und Rückspiel war der 1.FC Köln. Insgesamt wurde mit 1:14 (1:9 und 0:5) verloren.

1972/73

09.12.1972: RWE – Hamburger SV 5:3

20.12.1972: Hamburger SV – RWE 5:0 (Somit der HSV mit 8:5 eine Runde weiter)

Das Endspiel bedarf nur eines Namen und alles ist geschrieben: Netzer, Günter Netzer!

1973/74

01.12.1973: 1.FC Kaiserslautern – RWE 5:3 nach Verlängerung

1974/75

07.09.1974: OSV Hannover – RWE 2:5

26.10.1974: RWE – DJK Gütersloh 6:2

08.02.1975: Schwarz-Weiß Essen – RWE 1:2

15.03.1975: RWE – FK Pirmasens 6:0

12.04.1975: RWE – Fortuna Düsseldorf 1:0

29.04.1975: SG Eintracht Frankfurt – RWE 3:1 nach Verlängerung

Das Halbfinale im diesjährigen Wettbewerb zu 3/4 eine Sache der (Ruhrgebiets-) Ehre: Der MSV Duisburg, Borussia Dortmund und eben unser RWE hielten die staubigen Fahnen hoch. Der Pokal ging leider trotzdem nach Hessen.

1975/76

02.08.1975: 1.FC Nürnberg – RWE 2:1

1976/77

07.08.1976: SV Meppen – RWE 2:3 nach Verlängerung

16.10.1976: 1.FC Saarbrücken – RWE 0:3

18.12.1976: RWE – VfL Bochum 5:1

08.01.1977: RWE – DSC Arminia Bielefeld 2:0

19.02.1977: SpVgg Bayreuth – RWE 1:2

07.04.1977: 1.FC Köln – RWE 4:0

Wieder Halbfinale, wieder Endstation. Der Pott geht nach Köln.

1977/78

30.07.1977: RWE – VfR Bürstadt 3:2

20.08.1977: FC Tailfingen – RWE 1:2

15.10.1977: Fortuna Düsseldorf – RWE 4:1

Wir unterbrechen an dieser Stelle für einen traurigen Fakt: Der SV Eintracht Nordhorn unterlag beim Namensvetter in Braunschweig mit 1:10!

1978/79

05.08.1978: Sport Club Freiburg – RWE 3:1

1979/80

25.08.1978: – 1.FC Köln Amateure 2:1

28.09.1979: Borussia Mönchengladbach – RWE 4:0

1980/81

30.08.1980: RWE – VfR Neuss 7:2

03.10.1980: VfL Bochum- RWE 5:1

1981/82

29.08.1981: RWE – OSV Hannover 2:0

09.10.1981: RWE – SV Leiwen 4:1

15.12.1981: RWE – Bayer 04 Leverkusen 4:1

09.01.1982: RWE – Borussia Mönchengladbach 0:4

Leiwen an der Mosel ist eine Ortsgemeinde im Landkreis Trier-Saarburg in Rheinland-Pfalz. Sie gehört der Verbandsgemeinde Schweich an der Römischen Weinstraße an. Leiwen ist ein staatlich anerkannter Erholungsort (Quelle: Wikipedia).

1982/83

28.08.1982: RWE – Borussia Dortmund 1:3

1983/84

27.08.1983: RWE – Hannover 96 3:4

1984/85

01.09.1984: RWE – 1.FC Saarbrücken 1:2

1987/88

29.08.1987: RWE – FC Bayern München 1:3

Ziemlich konsequent wurde in einem Zeitfenster von fünf Jahren entweder gar nicht oder nur für eine Runde am Wettbewerb teilgenommen. Manchmal braucht man halt etwas Abstand voneinander.

1988/89

05.08.1988: TSV Verden – RWE 1:2

24.09.1988: SSV Reutlingen – RWE 1:1 nach Verlängerung

12.10.1988: RWE – SSV Reutlingen 3:1 (Rückspiel)

16.11.1988: Hamburger SV – RWE 3:1

1989/90

19.08.1989: RWE – SG Wattenscheid 09 1:2

Mauerfall. Die Karten im Pokal werden schon bald neu gemischt.

1990/91

04.08.1990: FC Wangen 05 – RWE 1:2

04.11.1990: FV 09 Weinheim – RWE 1:3

30.11.1990: Bayer 05 Uerdingen – RWE 4:2 nach Verlängerung

Die Stadt Wangen im Allgäu im Südosten Baden-Württembergs (Westallgäu) hat gut 26.000 Einwohner und ist nach Ravensburg die zweitgrößte Stadt des Landkreises Ravensburg. Wangen im Allgäu bildet ein Mittelzentrum für die umliegenden Gemeinden. Von 1938 bis 1972 war Wangen Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises. Am 1. Januar 1973 wurde dieser in den Landkreis Ravensburg eingegliedert und Wangen zur Großen Kreisstadt ernannt. Mit den Nachbargemeinden Achberg und Amtzell hat die Stadt eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft (Quelle Wikipedia).

1991/92

18.08.1991: RWE – Karlsruher SC 0:2

1992/93

13.09.1992: RWE – Gelsenkirchen 2:0

10.10.1992: RWE – Stahl Eisenhüttenstadt 3:2

07.11.1992: RWE – Chemnitzer FC 0:1

1993/94

25.08.1993: 1.FC Bocholt – RWE 2:3

10.09.1993: RWE – FC St. Pauli 3:2 nach Verlängerung

27.10.1993: RWE – MSV Duisburg 4:2

30.11.1993: FC Carl-Zeiss Jena – RWE 0:0 nach Verlängerung/ 5:6 im Elfmeterschießen

08.03.1994: RWE – Tennis Borussia Berlin 2:0

14.05.1994: SV Werder Bremen – RWE 3:1

Finale in Berlin. Arm aber verdammt sexy. Lizenzlos.

1994/95

14.08.1994: RWE – VfL Bochum 0:2 nach Verlängerung

1995/96

26.08.1995: RWE – Hannover 96 2:0

20.09.1995: Greifswalder SC – RWE 1:4

04.10.1995: RWE – Bayer 04 Leverkusen 4:4 nach Verlängerung/1:4 im Elfmeterschießen

1997/98

15.08.1997: RWE – MSV Duisburg 1:2

2002/03

01.09.2002: RWE – Bayer 04 Leverkusen 0:1

2004/05

22.08.2004: RWE – TSV Alemannia Aachen 0:2

2005/06

19.08.2005: RWE – Energie Cottbus 2:2 nach Verlängerung/4:5 im Elfmeterschießen

2006/07

09.09.2006: RWE – Energie Cottbus 1:0

25.10.2006: RWE – SG Eintracht Frankfurt 1:2

2007/08

04.08.2007: RWE – Energie Cottbus 2:2 nach Verlängerung/6:5 im Elfmeterschießen

31.10.2007: RWE – 1.FC Kaiserslautern 2:1

30.01.2008: RWE – Hamburger SV 0:3

Das waren die Jahre der legendären Cottbus Trilogie. Vielleicht aber war es auch nur unglaublicher Zufall.

2008/09

09.08.2008: RWE – Borussia Dortmund 1:3

2011/12

29.07.2011: RWE – 1.FC Union Berlin 2:2 nach Verlängerung/4:3 im Elfmeterschießen

26.10.2011: RWE – Hertha BSC Berlin 0:3

Die Berlin Serie. Inklusive des epischen Spiels in einem halb abgerissenem Stadion gegen die Eisernen.

2012/13

20.08.2012: RWE – 1.FC Union Berlin 0:1 nach Verlängerung

2015/16

09.08.2015: RWE – Fortuna Düsseldorf 0:0 nach Verlängerung/1:3 im Elfmeterschießen

 

Samstag nun Arminia Bielefeld, wieder DFB Pokal. Unter dem Strich dieser Fleißarbeit, nach Abgleich aller Fakten, steht eines außer Frage: Es wird wieder ein episches Spiel werden, und es wird einen Sieger geben. Und ich glaube fest daran, dass es unsere Farben sein werden, die eine Runde weiter kommen werden. Nur der RWE!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pokalfinale. 94. Kapitel. 93.

Rot-Weiss Essen stand am 15. März 1994 um 13.04 Uhr endgültig als frischgebackener lizenzloser Zwangsabsteiger fest. Dieses teilte das ständige, natürlich neutrale Schiedsgericht des Deutschen Fußballbundes dem Anwalt des RWE, Dr. Reinhard Rauball (Seit November 2015 kommissarischer Präsident des Deutschen Fußballbundes) mit. Zwar wurde die Lizenz schon im November 1993 entzogen, aber die Hoffnung und Einspruchsfristen sterben bekanntlich zuletzt. Die verbleibenden Spiele bis Saisonende wurden in Gänze für den jeweiligen Gegner gewertet. Weiterhin wurde Rot-Weiss Essen kompromisslos an das Tabellenende und die ganzen, schönen Punkte auf Null gesetzt. Jeder Verkehrssünder würde weinen vor Freude, an der Hafenstraße aber flossen einmal mehr Tränen der Verzweiflung, der Wut und Trauer. Besonders bitter, hatte der RWE in diesen Jahren eine richtig gute Mannschaft zusammen. Ein Team im eigentlichen Sinne zudem!

Als Baumeister kann getrost ihr Trainer Jürgen Röber bezeichnet werden; zudem mein persönlicher Lieblingstrainer bei RWE. Jürgen Röber hat neben Fachkompetenz auch eine ziemlich mitreissende, begeisternde Art; beherrscht Teambuilding. Sympathisch obendrein. Leider bat Jürgen Röber einen Monat später am 13. Dezember um seine Vertragsauflösung. Gerüchten zufolge wollte er die Hafenstraße und seine Mannschaft eigentlich nicht im Stich lassen, wohl wissend, welche Truppe er beisammen hatte. Vielmehr erhoffte er sich, so dass Gerücht weiter, durch eine eventuell anfallende Trainerablöse doch noch dem Verein die Lizenz erhalten zu können. Soweit die Gerüchteküche. Ist auch nur ein Fünkchen Wahrheit an diesem Gerücht dran, so bestätigt dass den Eindruck, den ich aus der Ferne von Jürgen Röber als Mensch habe. Dass er allerdings schon am 15. Dezember für eine neues Engagement beim VfB Stuttgart unterschrieb, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Der damalige Vorsitzende des DFB-Ligaausschusses Gerhard Mayer-Vorfelder hatte sich in seiner Eigenschaft als Präsident des VfB kurz zuvor von seinem Meistertrainer Christoph Daum (Die Älteren unter uns werden diesen Trainer noch kennen) getrennt und stand ohne Mann an der Seitenlinie da. Zur richtigen Zeit in der richtigen Verhandlung also.

Zurück aber zu den harten Fakten des endgültigen Aus aus dem März 1994: Netterweise durfte der RWE aber das mittlerweile erreichte DFB Pokalfinale in Berlin gegen den SV Werder Bremen spielen. Im Falle eines Pokalsieges hätte der Verein dann auch als drittklassiger Regionalligist im Europapokal der Pokalsieger antreten dürfen. Man hätte auch die Erlöse aus dem Husarenritt Pokal einbehalten können und damit die Strafe finanziell begleichen können. Hätte, hätte…. Pokalfinale als lizenzloser Zweitligist mit toller Mannschaft also erreicht. Doch wie kam es dazu?

Zunächst einmal mit einem Freilos. Wie auch für 11 Erstligisten, 12 weitere Zweitligisten und 28 Amateurvereine. Freilose sind eine tolle Sache: Kein Stress, kein Pokalaus, kein anderes Bier. Einfach lässig Weiterkommen. In der zweiten Runde, noch als lizensierter Zweitligist, ging es am Mittwoch, 25. August 1993 nach Bocholt an den Hünting. Der 1.FC Bocholt war ein ziemlich schwerer Brocken bei seiner bis heute vorerst letzten Teilnahme am DFB Pokal und verlangte den Rot-Weissen alles ab: Mit 3:2 konnte der RWE sich in die dritte Hauptrunde retten. Diese bescherte ein Heimspiel gegen den Ligarivalen FC St. Pauli. Ausgetragen wurde das Spiel am 10. September 1993. Und das Flutlicht leuchtete bei Abpfiff, denn das Pokalspiel ging über 120 Minuten. Endergebnis wieder 3:2 für den RWE. Erste Euphorie machte sich breit.

Die nächste Runde war offiziell keine Runde mehr, sondern schon ein Finale: Das Achtelfinale stand an und bescherte einen Gegner aus der direkten Nachbarschaft: Der MSV Duisburg gab sich am Mittwoch, 27. Oktober 1993 um 20.00 Uhr die Ehre und mit ihm eine picke-packe volle Gästetribüne. Das Flutlicht leuchtete an diesem Tage schon weit vor Anpfiff in das herbstliche Georg-Melches Stadion. Wieder fielen viele Tore, wieder traf der Gegner zweimal. Doch der RWE traf an jenem Mittwoch Abend gleich vier Mal in einem packenden Pokalspiel. Faszination und Mythos Hafenstraße lebten dieser Tage so intensiv wie nie. Auch deshalb war der dann bald folgende Lizenzentzug ein Stich in das Herz all derer, die es mit dem Verein hielten. Auch heute noch wird dieser Lizenzentzug als der tragischste erlebt und seine Konsequenz als unverhältnismässig. Sogar Landesvater Johannes Rau hatte eine Bittschrift an den DFB mit unterschrieben.

In der Liga also nunmehr ohne sportlichen Antrieb, höchstens noch mit dem allerletzten Fünkchen Resthoffnung Einspruch, fokussierte sich bei RWE nun alles auf das Viertelfinale im Pokal: Die Lizenzlosen hatten am Dienstag, 30.11.1993 um 17:30 Uhr im Schneetreiben bei Carl Zeiss Jena anzutreten. 5240 Fans waren im Wintersportparadies Ernst-Abbe-Sportfeld zu Gast. Trainer auf Seiten der Jenaer der Mann mit der spitzen Zunge, Hans Meyer. Gehen Sie davon aus, dass ihm dieses Spiel viele Nerven gekostet haben dürfte. Nach regulärer Spielzeit stand es Null zu Null, und das Elfmeterschiessen stand an. Aber diese Mannschaft meisterte auch diese Prüfung: Beim Stande von 6:5 für den RWE hielt Frank Kurth den Elfmeter eines später nicht ganz unbekannten Bernd Schneider. Der Rest war Jubel und Halbfinale. Der Rest war aber auch das letzte Pokalspiel für Jürgen Röber als Trainer von Rot-Weiss Essen, da das Halbfinale erst im März 1994 ausgetragen werden sollte.

Halbfinale. Dienstag 08. März 1994 um 20:15 Uhr. Der Gegner an der Hafenstraße wieder ein Zweitligist. Tennis Borussia Berlin hieß der Kontrahent und ebenfalls Zweitligist. Übrigens in der späteren Abschlusstabelle ebenfalls als Absteiger auf Platz 17 gelistet. Allerdings sportlich. Hier also auch der Pokal das Pflaster für die Seele. Wenige Fans begleitete TeBe an die Hafenstraße; die Osttribüne also auch fast komplett in heimischer Hand. Auf der Bank der Essener nun der viel zu früh verstorbene Wolfgang Frank anstelle des Neuschwaben Jürgen Röber. Und auch die verlustige Westkurve wurde mittels Stahlrohrtribünen wieder temporär errichtet, um das Fassungsvermögen zu erhöhen. Die Emotionen kochten unter dem Eindruck der letzten Wochen und Monate über, und so wurden die eigenen Helden nicht nur angefeuert, sondern immer wieder lautstark die Meinung über den DFB und seine zu harte Entscheidung kundgetan. Hier und heute reichten zwei Tore um das Endergebnis zu ermitteln: Mit 2:0 gestaltete der RWE dieses Halbfinale erfolgreich gegen Berliner um nach Berlin zu fahren. Trotziger Stolz nach Abpfiff. Feiern mit Würde und immer noch Tränen der Wut.

Einen Tag später konnte Werder Bremen unter Otto Rehhagel auswärts bei Dynamo Dresden ebenfalls mit 2:0 gewinnen und so stand die Finalpaarung fest: Rot-Weiss Lizenzlos Essen traf auf den SV Werder Bremen. Viele Essener machten sich am 14. Mai 1994 auf den Weg gen Berlin. Vielleicht auch schon einen oder mehrere Tage früher. 15.000 Karten gab es wie immer offiziell für jeden Verein. Euphorische sprachen von 35.000 Rot-Weissen, sachliche von 20.000 und nüchterne von 15.000. Und doch gehörten die Sympathien im Stadion zumeist dem RWE. Der neutrale Zuschauer hält halt immer irgendwie zum „Underdog“ und auch die Bremer Fans zeigten sich solidarisch gegen den DFB, feierte es sich doch so schön zusammen. Der DFB selbst hingegen zeigte sich in seiner Großmut eher wie die SED bei einem Aufmarsch und ließ alle regimekritischen Plakate und Banner entfernen. Die Stimmen waren allerdings gut geölt und so lederte es sich lautstark von den Rängen immer wieder gegen die Granden der Führungsspitze. Auch eine Autobesatzung aus Nordhorn war in Berlin und verbrachte die Nacht nach dem Spiel in selbigem. Keimzelle der kleinen Reisegruppe der Heideweg in Nordhorn, wo am Rande eines Eintracht Spiels die Fahrt beschlossen wurde. Ich zog seinerzeit noch das heimische Empfangsgerät vor.

Rot-Weiss Essen bot einen packenden Pokalfight, verlangte Otto Rehhagel und seinen Spielern alles ab. Werder in der ersten Halbzeit 2:0 in Führung gegangen, konnte sich seiner nie sicher sein und musste in der 50. Minute den Anschlusstreffer hinnehmen. Bis zur 88. Minute hofften alle RWE Fans auf den Ausgleich und eine mögliche Sensation, ehe ein Handelfmeter alle Hoffnungen zerstörten. Pokalsieger also der SV Werder Bremen. Moralischer Sieger aber in allen Belangen Rot-Weiss Essen! Sowohl auf dem Platz, wie auch auf den Rängen und tags drauf auf dem Kennedy Platz in Essen. Die Lizenz verloren, aber nie aufgegeben. Den Stolz behalten und Ehre gewonnen. Was eine Mannschaft in dieser Saison.

Die glorreichen Sieben.

„Alle Neune“, das wäre der Alternativtitel für diesen Artikel gewesen. Man muß ja immer einen Plan B in der Tastatur haben. Was wiederum bedeutet, dass ein Erfolg beim Wuppertaler SV gestern Abend durchaus in Betracht gezogen wurde. Eigentlich ja auch logisch, nachdem schon die ersten beiden Spiele siegreich gestaltet werden konnten. Wie wir aber nun wissen, brachte der RWE einen torlosen Punkt aus dem Tal mit nach Hause. Wobei torlos so ja nicht ganz richtig ist: Fast mit dem Abpfiff war es Marcel Platzek, der den Ball nach einer Ecke über die Torlinie beförderte. Fast zeitgleich jedoch ging auch schon der Linienrichter in Protesthaltung und bewertete das Tor abseitig. Last Minute Tor für den RWE, derlei kennen wir eigentlich immer nur andersherum. Zu schön wäre es gewesen. Der Treffer wurde nicht gegeben, das gilt es nun zu akzeptieren. Und mit einem Punkt können wir sehr gut leben in dieser noch so frühen Saisonphase. Zumal auch die anderen Ergebnisse mit der ein- oder anderen Überraschung aufwarten konnten.

Somit stelle ich einfach mal die freche Behauptung in den freien Raum, dass für Mannschaft, Fans und Verein dieser eine Punkt zum jetzigen Zeitpunkt viel besser und wichtiger ist, als deren glückliche drei in der Nachspielzeit. Und stecke meine Argumente direkt durch: Ich gehe davon aus, dass „alle Neune“ die Euphorie und Erwartungshaltung dermaßen gesteigert hätte, so dass schnell in Vergessenheit geraten kann, dass unsere Mannschaft noch ganz am Anfang steht und nicht mal im Vorbeigehen jeden Gegner besiegen kann. Dann könnte es wieder ungemütlich werden an der Hafenstraße, wo wir außer rot und weiß nur noch schwarz und weiß kennen. Dazwischen gibt es einfach nichts anderes für uns. So betrachtet also ist es durchaus von Vorteil, wenn recht früh erkannt wird, dass der RWE dieser Tage hinten ziemlich stabil steht, vorne aber ohne Frank Löning temporär ein ziemliches Vakuum entstand. Der liebevoll als „alter Mann“ bezeichnete Frank Löning also momentan unverzichtbar, geht es um die Ballverteilung allgemein oder den Torerfolg als solchen. Es braucht also noch einen Spieler im Kader, der zusätzlich Räume schaffen kann um die anderen in Szene zu setzen. Löning 2 also, fällt Löning 1 aus. Spieler klonen und backen geht leider zum Glück nicht, aber ich bin mir sicher, der Verein „ist da schon was am planen dran“.

Weiterhin wird durch so einen eher schlechteren Auftritt klar, dass auch ein Timo Brauer allein definitiv kein Garant für einen Relegationsplatz ist. Da kann er sich noch so sehr bemühen, es geht nur im Verbund miteinander. Was sich noch als die ganz große Stärke des RWE in dieser Saison erweisen wird. Da bin ich mir ganz sicher. Somit also das 0:0 gestern eher Chance, harte Arbeit und Auftrag denn Punktverlust und Frust. Die Sonne scheint immer noch über der Hafenstraße. Der düstere Himmel breitet sich aktuell eher an der Landwehr aus. Trotz Sommer(s). Vielleicht aber auch tut die aktuelle Social Media Offensive mit den Großen der Zunft der eigenen Mannschaft keinen Gefallen. Aber, das soll uns nicht tangieren.

Was wir seit gestern definitiv aber wissen ist, dass tief drunten im Tal die Dinge schon mal ganz verhaltenskreativ gehandhabt werden: Man stelle sich mal vor, in Essen an der Hafenstraße würden Sitzplätze durch den Verein doppelt belegt! Der Kunde mit der Tageskarte hat zudem Vorrang auf den besagten Sitzplatz vor dem Fan mit seiner Dauerkarte vielleicht schon von Geburt an: Auf der Geschäftsstelle würden heute viele betroffene Dauerkarten gegen Rückgeld wieder abgegeben werden. Deftige Kommentare inklusive. Auf diesem ominösen DIN-A4 Zettel gab es jedoch nicht einmal die Optionen, dass der schwerere den leichteren doch auf den Schoß nehmen kann; oder dass man sich in Halbzeit eins und zwei aufteilen könne. Zum Beispiel! Nö, der Alteingesessene hatte sich zu melden zwecks Umplatzierung. Fehler sind normal und werden überall gemacht, aber diese Schote hat jetzt schon Kultstatus…

Samstag schon geht es weiter und erwarten wir weiblichen Besuch: Nachdem uns die zickige Lotte ja verlassen hat, verbleibt mit der neureichen Vicki ja noch die andere, die wir nicht mögen. Da wartet erneut ein hartes Stück Arbeit auf unsere Mannschaft, obwohl Vicki eher wunderlich stöckelnd in die Saison gestartet ist. Der Kader wieder einmal in der Breite spitz und in der Spitze breit. Somit natürlicher Favorit auf den Relegationsplatz. Aber der schreckliche Sven wird wissen, was in dieser Woche zu tun ist und die Hafenstraße wird während des Spiel wieder schrecklich laut! Überragend einmal mehr, wieviel tausende RWE Fans sich noch nach Feierabend auf den Weg gemacht haben, um ihren Verein zu unterstützen. Da wächst wieder zusammen, was zusammen gehört!

Bon(n)mot

Die zwölfte Frau und ausgewiesene Fußballkennerin war das erste Mal zu Gast an der Hafenstraße. Ihre Sympathien gehören (vielleicht gehörten) dem Bonner SC. Ihre Tweets zu dem Gastspiel hielten sich in Grenzen, was bedeutet, dass sie das Spiel und nicht ihr Smartphone verfolgte. Löblich! Nach Mitternacht aber kam folgender Tweet über den Äther, welcher mich immer noch gefangen hält. Das erste Mal bei Rot-Weiss Essen zu Gast und doch mit einem Satz alles gesagt! Genauer gesagt, sogar exakt das beschrieben, was die Hafenstraße in guten Tagen so ausmachen kann. In schlechten Tagen, das wissen wir ja leider alle auch, spuckt sie schon mal Gift und Galle. Zwar nicht im Chor und auch nicht alle, aber doch unüberhörbar und leider auch im wahrsten Sinne der Worte.

Auch Freitag hat es nach dem Rückstand auf den Tribünen durchaus schon wieder unterschwellig gegrummelt. Dieser so schön beschriebene Moment aber, wenn Fans zum Chor werden; wenn ein irgendwo (zumeist auf der „West“) angestimmter Gesang sich stimmlich vermehrt und immer intensiver gesungen wird; wenn sich sogar auf den Sitzplätzen erhoben und zum Beispiel gemeinsam in das langgezogene „immer wiiiiieder RWE…“ eingestimmt wird; ja dann gilt immer noch und vielleicht endlich wieder: „wo sind wir Zuhause, wo wird man uns immer hören..an der Hafenstraße RWE“.

Der Bonner SC seinerseits war der erwartet schwere Gegner und es war gut, einen Gegner zu haben, den es niederzukämpfen statt an die Wand zu spielen galt. So waren direkt Tugenden gefragt, die der RWE in der jüngeren Vergangenheit einfach nicht aufrufen konnte. Es ging nur über den berühmten Kampf zum Sieg, mit Einsatz und dem unbedingten Siegeswillen. Und es hat erneut zu den drei Punkten der Glückseligkeit gereicht, die in Anbetracht der herausgearbeiteten Chancen auch mehr als verdient waren. Dienstag schon gehts weiter. In das Tal an den Zoo. Nach dem Spiel für eine Mannschaft das Tal der Tränen und die andere froh. Heimspiel in Wuppertal. Nur der RWE!

Es sind 34 Spieltage bis Saisonende, wir haben einen vollen Tank, ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel und wir tragen Sonnenbrillen.

Nun meinten Elwood und Jake Blues seinerzeit sicher nicht den langen Weg durch die diesjährige Regionalliga, sondern ihren Weg nach Chicago. Aber in etwa so könnte es sich doch zugetragen haben, die letzte Ansprache des Trainers vor dem gestrigen Spiel in Wiedenbrück. Vielleicht, oder sogar ziemlich sicher, war nicht die Rede von Zigaretten, Dunkelheit und Sonnenbrillen. Aber der RWE Tank, der war definitiv voll! Mannschaft und Fans mehr als breit. Bereit natürlich.

Obwohl noch lange nicht bereit für einen Stadionbesuch hat man durch Freunde und digitale Medien doch das Gefühl, so gut wie live vor Ort zu sein. So kribbelte es wie üblich schon Stunden vor Anpfiff, wusste man doch die ersten auf der Autobahn. Litt man mit denen, dessen Reifen platzte und freute sich über den Verein, der seinerseits sofort via besagte Medien einen Aufruf pro Ersatzbus startete. Der Bus kam und auch die Fans irgendwann somit an. Rund um das beschauliche Stadion in Wiedenbrück herrschte ein rot-weißes Gewusel. Gästeblock mit Stahl davor, so dick wie seinerzeit in Cloppenburg nebst entsprechend schlechter Sicht; Dixi Klos mit Szene Kleber und erste Bilder der Berichterstatter auf Twitter und im Liveticker.

Alles war also angerichtet für eine neue Saison, die uns einige Jahre vergessen machen möchte. In den letzten Wochen und Monaten haben wir immer wieder durch kurze Statements gehört, warum der RWE binnen drei Jahren aufzusteigen hat. Nicht, dass wir das nicht selbst wissen, schließlich ist unser Verein für uns schon immer erstklassig mindestens drittklassig. Aber es wurde jetzt wirklich langsam an der Zeit, dass die Spieler den Ball laufen und das Spiel für sich sprechen lassen. Um 14.00 Uhr gestern war es dann endlich soweit: der Anpfiff erfolgte und mit ihm begann eine ununterbrochene Unterstützung aus dem Lager der RWE Fans. So gut wie alle im Trikot; Fahnen, Luftballons, Konfetti und dergleichen in Vereinsfarben….ein herrlich friedliches „Chaos“, welches einen Hauch von Lateinamerikanischer Anarchie und (Fußball-) Leidenschaft vermittelte. Die Fotos sprechen für sich.

Was nun das Spiel anbelangt, so kann es dann doch nur in Bruchstücken verfolgt werden, die zudem aus kurzen, subjektiven Sätzen bestehen. Vielleicht trotzdem noch mit besserer „Sicht“ auf das Spiel, als bisweilen aus dem Gästeblock heraus.  Der RWE hinten stabil und mit guter Vorwärtsbewegung, ohne die traditionell kampfstarken Wiedenbrücker in Grund und Boden zu spielen. Wer das erwartet hatte, sollte seine Beziehung zum Fußball grundsätzlich einmal überdenken. All das gelesene trug aber zur Beruhigung bei, denn hier schien endlich wieder eine Mannschaft mit System (und in dem Bewusstsein der eigenen Stärke) für den weltbesten Verein auf dem Feld der Hoffnung zu stehen. In der 41. Minute war es dann Frank Löning, der zum 1:0 für den RWE traf. Der Gästeblock explodierte förmlich vor Freude.

Eines wurde jetzt auch schon am Ticker, Radio & Handy deutlich: In den letzten Jahren nahm die Angst mit jeder Spielminute zu, dass der Gegner irgendwann doch zum Ausgleich oder gar Siegestreffer kommen konnte, da unsere Mannschaft hinten in alle Einzelteile zerbrach und unsere Torhüter oftmals im Stich ließ. Das Gefühl mochte sich gestern einfach nicht einstellen, so sehr ich es auch schlicht aus Gewohnheit erwartete. Das Gegenteil war der Fall: Rot-Weiss Essen zauberte auch in Halbzeit zwei nicht den Schwanensee auf das grüne Geläuf, aber agierte konzentriert und als Mannschaft. Als dann noch Timo Brauer seinen Mitspieler Marcel Platzek mit den Worten „Mach Meter, mach Meter!“ anstachelt, so musste man unweigerlich an das legendäre „Quäl dich, du Sau!“ von Udo Bölts Richtung Jan EPO Ullrich denken. Marcel Platzek nahm sich der Worte an und rannte fortan wieder wie weiland Forrest Gump ohne Pause über das Feld. In der 66. Minute war es dann besagter Timo Brauer, welcher zur 2:0 Führung und Endstand traf. Der daraufhin folgende Jubelsturm war bis Nordhorn (der Wind stand günstig) zu hören und der Torschütze selbst wollte vor Freude fast durch den Gitterzaun rennen. Wahrscheinlich sind die Stäbe daher so dick.

Abpfiff! Die erste von 34 Etappen siegreich gestaltet. Und egal auf welches Foto und in welche rot-weiße Seele man auch im Anschluss schaute und immer noch schaut: Eine Mischung aus kaum mehr gekannter Freude und riesengroßer Erleichterung war überall zu sehen. Noch lange keine uneingeschränkte Glückseligkeit oder Euphorie; aber grundehrliche Freude über eine geschlossene Mannschaftsleistung. Rot-Weiss Essen und seine Fans haben sich einmal mehr wieder die Hände gereicht. Vielleicht lassen sie sich diese Saison endlich mal nicht mehr los, sondern marschieren Hand in Hand von Spiel zu Spiel. Und wenn es dann Rückschläge geben wird, dann hilft man sich halt gegenseitig aus dem Dreck. Eines haben Mannschaft, Trainerteam und Verein jetzt schon geschafft: Vorfreude auf das nächste Spiel zu schüren. Vorfreude und der RWE. Klingt noch zu gut um wahr zu sein.

Der schreckliche Sven

Aus dem Blickwinkel der Testspielgegner und deren Verantwortlichen betrachtet könnte der Verdacht naheliegen, als sei der schreckliche Sven über sie hergefallen. Zumindest suggeriert das Torverhältnis dieser Begegnungen überfallartigen Fußball. Nun wissen wir natürlich, dass Ergebnisse aus Testspielen in etwa einen ähnlichen Wert besitzen, wie die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest oder diversen Werbeversprechen. Für den RWE und seine Angestellten in den kurzen Hosen dürften diese Erfolge trotzdem durchaus einen kleinen Hormonschub Richtung Selbstvertrauen gegeben haben (Der vergangenen Saison geschuldet).

Der Fokus solcher Spiele liegt auf den ganz speziellen Dingen und Erkenntnissen, die ein Trainerteam sich erhofft, erwartet und einstudiert sehen will. Aber wir wären nicht Rot-Weiss Essen, wenn auch Erfolge in Vorbereitungsspielen direkt  wieder die Nörgler auf den Plan rufen würde. Bisweilen wurden die Gegner für zu leicht befunden oder fehlte der ganz große Name. Vielleicht hätte uns ein Bundesligist die Tribünen voll gemacht, möglicherweise aber auch viele Tore zur Saisoneröffnung eingeschenkt; es wäre auch wieder der falsche Ansatz gewesen! Eigentlich jedoch war in jedem dieser Vorbereitungsspiele der große Name immer mit am Start: Rot-Weiss Essen, so lautet der große Name. Wir ziehen die Dinge jetzt einfach mal ganz anders auf, betrachten die Saison nicht mehr von allen Seiten, sondern lediglich aus rot weißer Sicht. Wir sind RWE!

Und so konnten sich die oft gescholtenen der letzten Jahre; die wohlwollend begrüßten Neuzugänge und ein herzlich empfangener Rückkehrer im positiven Sinne von Spiel zu Spiel kennenlernen. Die richtigen Laufwege bedarf es schließlich auch gegen eine Thekenmannschaft. Und wenn dann sogar noch gegen einen Zweitligaaufsteiger ein Erfolg nach beeindruckender Mannschaftsleistung herausspringt: Ja dann sind wir immer noch nicht direkt in der Relegation! Aber haben allesamt ein Stück Selbstwertgefühl zurückgewonnen, welches uns in den letzten Jahren sportlich Stück für Stück abhanden gekommen ist.

Da wir uns schon im Titel mit einer Figur aus „Wickie und die starken Männer“bedient haben, so mutet auch alles um die Mannschaft herum wie ein genialer Gedankenblitz des jungen Wickie an: Schon seit vergangenem Herbst wurde sich ständig unter die Nase gerieben, um schnell DIE Idee zu finden, wie man auch Essen wieder für den RWE begeistern kann und umgekehrt. Je mehr Hoch3 aktuell, desto größer auch Ahnung und Gewissheit, wie sehr vergangene Saison der drohende Abstieg als Zentnerlast auf den Schultern aller daran Beteiligten gelegen hat.

Eine Marketingleistung sondergleichen. Hier wurde leidenschaftliche Überzeugungsarbeit geleistet und umgesetzt. Und das Erstaunliche daran: Fans, Stadt, Mannschaft….alle scheinen die Marketingoffensive im Gleichschritt mit Leben zu füllen. Schon unglaublich, wie unsere große Liebe uns immer wieder auf das Neue enttäuschen kann. Sobald sie aber wieder das kleine Rote anzieht und mit ihren Reizen winkt, sind wir doch fast alle direkt wieder hin und weg von ihr. Es steht zu befürchten, dass diese Truppe hinter der Mannschaft selbst das goldene Blatt zu einem Lifestyle Magazin mit hoher Auflage unter Jugendlichen pushen könnte. Aber das ist ja zum Glück nicht unsere Baustelle.

Die nächste Baustelle aus sportlicher Sicht hingegen ist immer der nächste Spieltag. In diesem Falle der Erste! Saisonstart der Saison 2016/17 in Wiedenbrück beim dortigen Sportclub. Das Gästekontingent ist komplett ausverkauft, so dass sich am Sonntag die Rote Reisegruppe in großer Zahl gen Ostwestfalen auf den Weg macht. Allen gemeinsam der Wunsch, dass das kleine Pflänzchen Hoffnung nicht schon im ersten Spiel einen Dämpfer erleidet. Richtig geil wäre ja ein dreckiges 0:1 in der Nachspielzeit. Alles kegelt im Block durcheinander, die Mannschaft auf dem Zaun. Man darf ja mal träumen. Aber selbst, wenn es ganz anders kommen sollte: Bitte nicht gleich wieder alles verdammen.

Zuvor aber morgen noch die Vorstellung des neuen Brustsponsors, welcher uns dann optisch auf den Trikots durch die Saison begleiten, und demnächst sicher auch in vielen Kleiderschränken zu finden sein wird. Eine ziemlich spannende Angelegenheit also, die im Zuge von Hoch3 immer wieder zu interessanten Diskussionen im kleinen Kreis geführt hat. Zwischen einem „Big Player“ der Region oder Stauder für die Seele….so ziemlich alles ist in den Vorschlägen vertreten. Schön wäre ja durchaus auch ein Engagement der Zeitschrift 11Freunde. Man stelle sich einmal vor, Elf Spieler laufen mit 11Freunde auf der Brust auf. Welch eine Ansage für den Gegner. Natürlich gibt es die vielzitierten „Elf Freunde müsst ihr sein“ der Ära Sammy Drechsel nicht mehr. Eine Mannschaft umfasst natürlich mehr Spieler. Und es würde reichen, wenn sie alle zusammen endlich wieder eine richtige Mannschaft an der Hafenstraße bilden würden. Freunde, die zusammensteh`n, die finden sich dann schon zu Tausenden schnell wieder auf den Tribünen ein.

Die Saison kann beginnen und endlich kann dieses bisher so suboptimal gelaufene  Jahr 2016 zeigen, dass es auch gutes zu bieten hat. In Essen. An der Hafenstraße. Nur der RWE!

 

 

 

Der hat schon Gelb!

Laut übereinstimmenden Berichten beteiligter Personen waren meine letzten Worte, bevor ich der Sedierung zum Opfer fiel: „Rot-Weiss Essen steigt auf“. Zu weiteren Erkenntnissen hat es dann nicht mehr gereicht. Warum ich ausgerechnet noch dieses loswerden musste; man weiß es nicht. Vielleicht war es dem dringenden Bedürfnis geschuldet, dem RWE so mitzuteilen, wie sehr mir neben Familie und Freunden der Verein und vielfältige Zuspruch von der Hafenstraße Kraft und Mut gegeben hat.

Und was soll ich sagen:

„Raus,raus,raus…..der Tumor ist raus“.

Der hatte nämlich schon Gelb. Dunkelgelb sogar. Ein Treter vor dem Herrn. Ein selten blödes und unfaires Arschloch geradezu. Wer verpflichtet so jemanden überhaupt?

Heute morgen, drei Tage danach und doch einen Tag früher als geplant kam dann die alles erlösende Nachricht, welche das Ja-Wort bei Schweinsteigers noch an Freude übertreffen dürfte: Die Pathologie kam um die Ecke und mit ihr der endgültige Befund:

„Der Tumor hat nicht gestreut, herzlichen Glückwunsch, alles TOP“ Die Herrschaften konnten gerade noch das Zimmer verlassen, als der eigene kleine Zusammenbruch der Freude und Erlösung erfolgte. Ich befürchte, meine Mimik war der eines Ronaldos nach einem Foul nicht unähnlich. Hat zum Glück keiner mitbekommen und mein Trikot blieb natürlich auch an.

Nun beginnt der langsame Weg zurück in das sogenannte „normale Leben“ und hoffentlich auch schon bald wieder in das Stadion. Die nächsten Freudentränen möchte ich dann bei einem Aufstieg des RWE vergießen. Egal wann.

Danke! Danke! Danke! Nur der RWE!

Blog3/3

Als ich am 7.Juli 1977 zum Lagermeister im Zeltlager der Jugend des SV Vorwärts Nordhorn gekürt wurde, konnte ich einerseits noch nicht ahnen, dass es bis zum heutigen Tage meine einzige persönliche Auszeichnung bleiben würde; und andererseits konnte sich auch kein Verantwortlicher erklären, wie es zu diesem Erfolg kommen konnte. Ungefähr also die gleiche Situation, wie wir sie aktuell mit Wales und der Europameisterschaft erleben. Vier Jahre später, am 28.Juni 1981 gab es wieder so ein Erlebnis, mit dem keiner gerechnet hat: Horst Schimanski betrat um 20:15 Uhr die Tatort Bühne in der ARD. Und der mittlerweile 15jährige Ex-Lagermeister fand direkt Gefallen an diesem doch eher ungehobelten Charakter. Drei Jahre später gab es dann in „Zweierlei Blut“ auch endlich die Verquickung zwischen Tatort und Fußball. Götz George hatte seine Rolle gefunden, mit welcher er bis zu seinem Tode am 19.Juni 2016 am ehesten definiert wird.

Götz George ritt früh schon gelegentlich an der Seite von Winnetou und seinen diversen Kumpels; brillierte in vielen Charakterrollen. Zeigte in Interviews Ecken und Kanten. Und war doch „Schimi“. Die raufende, trinkende und „Scheiße“ brüllende Nervensäge aus Duisburg. Relativ unfähig zu Teamwork und rationalen Gedankengängen. Immer aus dem Bauch heraus. Sehr zum Leidwesen von Kollege „Korinthenkacker“ Thanner und sicher auch Kollege Hänschen. Die Jacke….wie sehr hatte ich mir eine solche gewünscht, leider nie bekommen. Das Warten auf den neuen Schimanski Tatort bisweilen quälend lang.

Die Nachricht vom plötzlichen Tode Götz Georges hat mich in diesem wahrlich an Toten nicht armen 2016 sehr getroffen. Ich kann das gar nicht wirklich beschreiben. Seine Vitalität und physische Präsenz..so jemand kann doch nicht plötzlich sterben. Einfach so. Doch! Leider konnte Götz George uns still und heimlich verlassen. Horst Schimanski hingegen hätte das nicht gekonnt. Schimi verlässt einen nur, wenn die Bude zu Bruch gegangen ist und die Bierflaschen über den Boden kullern.

Scheiße!

Blog3/2

Es war der zweite Test; aber der erste vor heimischen Publikum. Gehen wir einmal wohlwollend davon aus, dass fast alle Besucher des wie immer vorzüglich organisierten „Auf Asche“ Tages auch Fans oder wenigstens Interessierte des und am RWE sind.

Heimpremiere der Mannschaft für die Saison 2016/17 also. Die ersten Minuten nach einer Saison, welche in die Geschichtsbücher als „Saison der langen Gesichter“ eingehen wird. Als diese endlich abgepfiffen wurde, hatte eigentlich keiner mehr wirklich Lust auf seine Liebe RWE. Kein Paartherapeut schien das wieder einigermaßen auf die Reihe zu bekommen. An Sex war schon lange nicht mehr zu denken; gekuschelt wurde auch nicht mehr und zu sagen hatte man sich (leider) auch nichts. Der Sandsack schien der einzig gangbare Weg, seine Emotionen in halbwegs geordnete Bahnen lenken zu können.

Der Sandsack der digitalen Welt nennt sich Forum und entsprechend ging es auch dort zur Sache. Wir waren alle so auf, und konnten es folglich fast gar nicht glauben, was sich in den letzten Tagen und Wochen rund um die Hafenstraße dann so alles tat. Da steht ein Verein am Abgrund, eigentlich sind wir alle bereit, ihn aus Enttäuschung in selbigen zu stürzen. Doch was macht der RWE? Er dreht sich um und sagt: Wir wollen aufsteigen! Im ersten Moment denkst Du bei dieser Botschaft, zu diesem Zeitpunkt zudem, doch: „Egal was Du (mein RWE) genommen hast, ich will das nicht“! Kurz nachgedacht aber stellen sich die Nackenhaare steil, kommt das Blut in Wallung und will man dass auch, was der RWE genommen hat. Man reicht also dem am Abgrund stehenden RWE die Hand und hört sich wenigstens erst einmal an, was er zu sagen hat.

Das wurde also ausgiebig getan, denn die Haltung vieler Fans war geprägt davon, trotz berechtigter Skepsis die klare Aussage von Verein und neuerdings auch Stadt wohlwollend zu honorieren. Viele taten das sogar Hoch3 und gaben mehr, damit der Verein auch mehr kann. Und sicherten sich so eine Gegenleistung für den Fall der Fälle. Dann kam das nächste Signalfeuer von der Hafenstraße in Person von Timo Brauer. Allen bekannt als Essener, der gut kicken kann. Lange hat der RWE in Person seines Vorsitzenden um Timo Brauer geworben. Und wie wir alle wissen, kam es zu der von vielen so ersehnten Vertragsunterzeichnung. Eine Per­so­na­lie, die fast für eine Welle der Euphorie sorgte, und sicher auch Hoch3 weiter untermauert. Nun kann aber Timo Brauer weder über Wasser gehen, noch das Meer teilen. Sondern ist er ein Spieler unter vielen. Belasten wir ihn und sein Spiel also nicht mit zu hohen Erwartungen. Ich glaube, er möchte sich auch gar nicht in den Mittelpunkt gestellt wissen.

Es gilt nun für Sven Demandt und sein Team, aus verbliebenen und den neu hinzugekommenen Spielern eine Mannschaft zu formen, die diesen Namen auch verdient. Hier zählen nicht mehr nur Taktik, Tore und Triumphe, sondern auch das Miteinander. Auch wenn der rational denkende Fußballfan jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen mag ob der Phrasendrescherei: Es geht nun mal nur gemeinsam. Die EM hat einige positive Beispiele geliefert. Übrigens auch auf den Tribünen! Fans tragen die Mannschaft und die Mannschaft trägt die Fans. Ich weiss: Nicht planbar und manch zerbrochenes Porzellan muss noch zusammengekehrt und gekittet werden. Aber wir haben wenigstens unseren gemeinsamen Nenner wiedergefunden. Zumindest bis zur ersten Niederlage. Und die bisherigen Testspiele lassen sich doch gut an.

Hallo 2016/17…

…“Please don’t take me home, I just don’t wanna go to work, I wanna stay here and drink all your beer“

Blog3/1

Dieser Blogpost verfolg ein ehrgeiziges Ziel, nämlich innerhalb drei Abschnitten all das abzuarbeiten, was zur Zeit bewegt. Gelingt das nicht, so ist das kein Beinbruch, dann wird es einen vierten Versuch geben.

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Normalerweise gebührt die Aufmerksamkeit hier grundsätzlich zuerst dem RWE. Da momentan aber die Europameisterschaft auf unserem zwiegespaltenen Kontinent gastiert, sei ihr einige Zeilen gewidmet: Die Aufstockung brachte der UEFA schon vor dem Turnier viel Kritik ein, sicher auch aus den Niederlanden, die es gefühlt als einzige Nation trotzdem nicht nach Frankreich geschafft haben. Aber die UEFA hielt an den Plänen fest und befeuerte die Aufstockung entsprechend. Wir kennen das ja aus den heimischen Fußballsendungen, wo jede Saison mit einer penetranten Inbrunst als die nun aber wirklich Beste aller Zeiten beworben wird. Das schafft vielleicht sonst nur noch ein Vorwerk Vertreter. Es überwog also außerhalb der Verantwortlichen die Skepsis ob der ganzen vermeintlichen „Zwerge“ und besonders dem Modus Operandi, was das (Nicht-) Weiterkommen betraf. Mehrheitlich sollten die Skeptiker Recht behalten: Viele Spiele waren Langeweiler!

Zudem gab es in den ersten Tagen auch auf Fanebene nicht die gewünschten Bilder. Überzogene Berichterstattung komplett fußballbefreiter Sender inklusive. Hauptsache Quote! Die goldene Himbeere im Stuhlweitwurf ging wohl an wenige Engländer, während sich wenige Russen hingegen den Titel der peinlichsten Kameraführung sichern konnten. Danach beruhigte sich die Szenerie langsam wieder; der Fokus richtete sich wieder auf das Spiel als solches. Ich konnte mich des Gefühls aber nicht erwehren, das die komplette EM 2016 teilweise einen Abgesang auf den Fußball unserer Tage darstellt (und der ist oft schon „drüber“). Unendlich viele Fans aus den teilnehmenden Nationen folgten ihrer Mannschaft nach Frankreich. Trotzten auch der latenten Angst vor dem Wahnsinn einiger weniger. Zumeist in den eigenen Trikots, was am TV stets ein beeindruckendes Bild ergab. Fußballfans sind ja nicht blöde (auch wenn die Verbände dass immer glauben) und wissen, was sie in den nächsten Jahren erwartet: Die Weltmeisterschaften in Russland und Katar; zudem eine total bekloppte EM ohne festen Wohnsitz. Da werden hoffentlich nicht mehr viele Fans Bauernopfer der großen Verbände und bleiben zuhause. Aus vielerlei Gründen. Ich hoffe es sogar, denn scheinbar kann nur der gemeine Fan dem ungemein gierigen Funktionär durch Desinteresse die rote Karte zeigen. Natürlich ist auch die EM in Frankreich keine Schnäppchenbude, sicher aber das vorerst letzte Turnier unter einigermaßen normalen Verhältnissen.

Natürlich gab es sie dann doch, die vielen Momente, die den Fußball so lebens- und liebenswert machen. Die alles vergessen lassen und einen in den Bann ziehen. Nein, damit sind nicht Beckmann`s Sportschule oder das Spielniveau zwischen Wales und Nordirland gemeint. Sicher auch nicht „Unentschieden Portugal“ oder der schwarze Block aus Ungarn. Und leider auch nicht das ständige „Will Griggs on Fire“in den sozialen Medien. Ich hätte es Will Grigg wirklich gegönnt, einmal auf dem Platz stehen zu dürfen. So bekamen wir überbordend wackelige Handyfilmchen als etwas angepriesen, was wir nun aber wirklich, wirklich lieben müssen. Ich hätte mir  zum Beispiel gerade bei 11Freunde etwas mehr Qualität denn Quantität gewünscht. Weniger ist mehr. Ich hoffe, die Kritik ist mir als Fan britischer Fußballgesänge trotzdem vergönnt. Die Melodie gibt es übrigens an der Hafenstraße in Essen schon länger zu hören. Wenn es sich aber dann doch zu entscheiden gilt, dann natürlich lieber zum hundertsten Male den „Will Grigg“ als nur einmal das tumbe „Sieg“.

Die Momente, die ich meine liegen erstaunlicherweise wohl auch in dem begründet, was ständiger Bestandteil der (auch eigenen) Kritik an dem erweiterten Teilnehmerfeld ist: Island, Nordirland und Wales zum Beispiel verdanken ihre Teilnahme sicher auch der Aufstockung. Aber sie machten und machen das Beste daraus und feierten/feiern gemeinsam mit ihren zahlreichen Fans ein Fest. Die einen wollten nicht nach Hause, die anderen „Hu“ten sich einen Wolf und die beiden irischen Fanlager hatten den alten und schon besagten neuen Gassenhauer mit im bierseligen Gepäck. Und ihre Jungs auf dem Feld boten die „11 Freunde, die es sein muss“ und bisweilen richtig guten Fußball. Mindestens für diejenigen, die auf Leidenschaft und dreckige Trikots stehen. Sammy Drechsel wird sich vor Freude im Grabe umgedreht haben. Ebenfalls eine Wohltat: Gareth Bale ist für Wales einer von Elf auf dem Platz, während Zlatan Ibrahimović und Cristiano Ronaldo zehn Wasserträger und Statisten um sich wähnen. „Meine“ Engländer haben natürlich auch zu diesen besonderen Momenten eines Turniers beigetragen. Das war sogar ein selten dämlicher Moment, diese zweite Halbzeit gegen Island.

Nun läuft also alles auf ein Finale Wales gegen Deutschland hinaus. Warum das so sein wird? Nun, wer nicht gewinnt, der hat ein Finale einfach nicht verdient. Und unsere Mannschaft ist nicht nur eine Turniermannschaft, sondern der Druck liegt ganz klar auf Seiten der Franzosen. Außerdem wird Jogi Löw das Ding schon richten und die Ausfälle entsprechend kompensieren. Und dann ist sie bald Geschichte, diese längste EM aller Zeiten. Das Turnier, welches nie wirklich ganz befreit aufspielen konnte. Das Turnier, welches aber vielleicht trotzdem der letzte Mohikaner sein dürfte. Das Englische und Deutsche Trikot werden wieder ordentlich in den Schrank gelegt und dort möglicherweise für lange Jahre verstauben. Wenigstens bis zu jenem Tag, an dem gierige Offizielle begreifen, dass eine ausgepresste Zitrone irgendwann keinen Saft mehr gibt und Fußball Sport anstatt Politik ist!

Die Bielefeld Verschwörung

Es soll ja Zeitgenossen geben, die halten diese Verschwörung für längst abgehakt. Ich persönlich finde es durchaus noch witzig. Witziger allemal als das Geschehen rund um die diesjährige Auslosung der ersten DFB Pokalhauptrunde 2016/17. „Beckmanns Sportschule“ das Format also, in welchem die Auslosung stattfand. Nach 23:30 Uhr wohlgemerkt. Der Deutschen zweitwichtigster Wettbewerb wird also erst kurz vor Geisterstunde gelost, anstatt die Republik schon zu früherer Stunde darüber aufzuklären, wer denn nun auf wen trifft.

Irgendetwas, als Geist von was auch immer verkleidetes Etwas, stolperte dennoch der Kamera entgegen. Ganz wichtig allerdings die Information, dass diese Sendung definitiv von unseren Rundfunkgebühren finanziert wird. Habe ich da nicht auch einen Hauch von Mitspracherecht? Oder kann ich wenigstens etwas von dem bekommen, was die Verantwortlichen für dieses Format genommen haben, um das so knallhart durchzuziehen? Ich will das auch! Denn dann ist es mir ziemlich egal, was ich von mir gebe. Wieviel hat eigentlich Tim Wiese bekommen, um sich nun vollends seiner Würde zu entledigen und warum tut sich ein Uwe Seeler das an? Hat man Euch beiden nicht gewarnt?

Ist ja auch relativ Latte, denn es ging um die Kugel mit Inhalt RWE und der weitaus wichtigeren, die direkt im Anschluss aus dem anderen „Topf“ gezogen wird. Leider ging es nicht so schnell wie erhofft, und so galt es, die psychedelische Gitarre im Hintergrund und Beckmannsche Phrasen im Vordergrund weiterhin zu ertragen. Eine Sendung, wie geschaffen für RTL2.  Walter Baresel vermag sich im Grabe umzudrehen, wie „seine“ Auslosung einmal mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Eine Auslosung taugt einfach nicht zur Show. Hier wollen wir keinen hüpfenden Bestatter, sondern nur Begegnungen sehen. Hoffen auf langersehnte Duelle, Derbys und Emotionen. Aber doch nicht auf solch Chaos. Muss es immer schlimmer? Höher und weiter? Reicht es nicht, einfach und zu angemessener Zeit Begegnungen zu ziehen, die im Anschluss wochenlang für Vorfreude oder auch Enttäuschung sorgen? Und warten immer alle auf die Bayern? Im Leben nicht!

Die Auslosung im letzten Jahr war schon schlimm. Dieses Jahr war kaum zu ertragen.Direkt als die Kugel RWE gezogen und der Gegner ermittelt wurde, war Schluß. Aus die Maus und der Fernseher direkt mit. Es ist der DSC Arminia Bielefeld geworden und ich bin sehr zufrieden darüber. Bielefeld lebt und kommt nach Essen. Volle Hütte!

Multidirektional

Neue Modewörter der Fußballgurus eigenen sich ja immer hervorragend als Überschrift. Zumal, wenn sie im Falle von Rot-Weiss Essen dann auch noch Sinn ergeben. Wir haben gelernt, „multidirektional“ bedeutet mehr als nur geradeaus laufen zu können. Somit ist per Definition manch stark alkoholisierter Fan vielleicht nicht mehr Herr seiner Sinne, definitiv aber multidirektional. Geht es doch in einem solchen Zustand nur selten geradeaus, sondern in alle Richtungen.

Essen nun, stets etwas besonderes, hebt dieses Multidirektional direkt auf die Metaebene und kreiert für die kommende Saison Begrifflichkeiten wie den „Direktor Sport Entwicklung“ und seinen großen Bruder „Direktor Sport Senioren“. Sozusagen die diametral abkippenden Doppelsechser auf administrativer Ebene. Im Klartext bedeutet das natürlich nichts anderes, als dass Andreas Winkler sich wieder mehr auf das Nachwuchsleistungszentrum nebst ihren erfolgreichen Mannschaften konzentrieren wird (und muß), und Jürgen Lucas  von nun an für die Kaderplanung und den Kader als solches auch im Alltag verantwortlich zeichnet. Das er dieses nebenberuflich machen wird (darf und kann), zeugt von großem Vertrauen in die Person Jürgen Lucas, dessen großes Herz für den Verein mehr als bekannt ist. Eine äußerst salomonische Lösung, die im Sinne des Vereins zudem die beste und fairste sein dürfte. Dafür nehmen wir die neuen Titel gerne an und fügen diese der Vereinsgeschichte hinzu.

Was den Kader für die kommende Saison angeht, so gestaltet sich die Zusammensetzung im Vergleich zur vergangenen Saison und der Winterpause fast angenehm ruhig. Es galt und gilt sich zunächst einmal zu trennen. Manchmal weiß man als Fan nicht einmal, von wem man sich gerade getrennt hat, aber derjenige soll wohl dem Kader der vergangenen Saison angehört haben. Auf jeden Fall wünsche ich allen Abgängen alles Gute für die Zukunft. Es war halt zur falschen Zeit an der falschen Stelle. Manchmal ist das so. Die Vertragsverlängerungen von Niclas Heimann und Patrick Huckle brachten noch ein wenig Emotionen, und Neuverpflichtungen gibt es natürlich auch. Diese zu beurteilen steht mir aber vor einer Saison nicht zu, daher einfach mal: Herzlich Willkommen.

Und dann gab es da noch eine Einladung. Schlicht gestaltet. Oben drauf stand tatsächlich nur „Einladung“. Darunter ein mir bekanntes Foto als Grafik umgestaltet und ein Wortspiel. „Zusammen. Für Essen“. Nun haben wir uns zwar alle in der vergangenen Saison an dem gemeinsamen Essen mehr als nur eine Magenverstimmung eingefangen, aber nach der Saison ist vor der Saison und eine neue strategische Ausrichtung klingt doch immer spannend. Ähnlich der Aufstellung vor dem Spiel.

In Anbetracht der Großwetterlage war man sehr mutig an der Hafenstraße und hat diese Veranstaltung für draußen konzipiert. Geschickt zudem der Zugang zu den Plätzen gewählt, ging es doch durch den Spielerbereich sanft illuminiert an Kabine und „Penny ihm sein Knie“ vorbei auf den Platz, wo bereits Fangesänge ertönten. Aus der Konserve versteht sich. Aber nicht ohne ein klein wenig Gänsehaut! Ich verstehe im übrigen nicht, warum die Mannschaft auch zuhause so oft einschlechtes Bild abgegeben hat: Da hängt ein bandagiertes Knie eines Meisterspielers an der Wand; darunter steht „niemals aufgeben“! Da kann ein Trainer sich den Mund noch so fusselig reden, dass alleine ist doch Botschaft genug. Dieses Knie gehört vor jedem Spiel berührt. Die Spieler von Rot-Weiss Essen sollten die meisterliche und längst vergangene Zeit nicht einfach als gegeben und vorbei hinnehmen, sondern als Ansporn und Kraft für eigene sportliche Erfolge mit ihrem Verein und Arbeitgeber nutzen.

An einer kleinen Bühne vorbei Richtung Platz noch mal kurz auf der Trainerbank Platz genommen. Meine Fresse: Allein die Vorstellung, in solch Stadion vor solch Kulisse für den RWE auflaufen zu dürfen… Und das in Liga Vier. Aber gut, in der heutigen Zeit sind das leider keine Werte mehr, die für junge Spieler und besonders deren Berater zählen. Der Sozialromantiker in mir versteht halt die moderne Fußballwelt nicht mehr wirklich. Ich scheitere ja schon an neonfarbenen Fußballschuhen.  Mit derlei Gedanken beschäftigt habe ich dann endlich die wahre Botschaft dieses Abends erkannt, denn es hing als Banner deutlich sichtbar auf eben jener kleinen Bühne: „Essen will den Aufstieg“. Und das Zusammen hoch 3! Eigentlich ja nichts neues,  wollen wir den Aufstieg doch mindestens schon seit 2008. Aber dies in der Form so klar kommuniziert hat sich bis dahin noch keiner getraut. Große Augen. Respekt. Und das nach der vergangenen Saison!

Das Wort übernahm Christian Keller, der somit durch den Abend führte, dieses zudem in angenehmer Art und Weise tat. Und so langsam dämmerte es auch dem letzten: Hier ist vielleicht der RWE zuhause, aber heute Abend nicht mehr allein federführend. Essen als Stadt ist am Zuge und macht uns gerade klar, dass in dieser großen und spannenden Stadt Viertklassigkeit im Fußball einfach nicht mehr sein darf. Der Verein selbst ließ an diesem Abend weitestgehend andere sprechen. Nicht für sich, sondern für die Stadt. Der RWE blickt nicht nur erschrocken auf die vergangene Saison zurück, sondern auch mit Demut. Um aber mit Demandt trotzdem auch wieder den Blick nach vorne zu richten. Was bleibt Dir sonst als Verein auch übrig? Den Verein auflösen, um den letzten Motzki zufriedenzustellen? Dann würde der doch auch wieder motzen. Hätte er doch dann nichts mehr, worüber er motzen könnte. Es wurde also endlich kommuniziert, was wir alle so sehr wollen: Aufsteigen! Nicht sofort, aber wenn möglich doch innerhalb der nächsten drei Jahre. Klarer Dienstauftrag an alle.

Somit war auch klar: Dieser Abend dient der Akquise. Für alles andere ist dann die Jahreshauptversammlung da. Er diente aber auch dazu, einen ganz anderen Oberbürgermeister kennenzulernen. Einen, der quasi den Startschuss geben wollte, um die Kräfte für Essen zu bündeln. Thomas Kufen tat dies recht schwung- und humorvoll. Während sein Vorgänger noch stocksteif daherkam und zum Lachen sicher in den Keller ging, flachste Thomas Kufen sich durch seine Sprechzeit. Sehr zum Leidwesen seines Dortmunder Kollegen, wie wir heute erfahren mussten. Schade zum einen, dass witzige Worte direkt den Weg in das Dortmunder Rathaus finden und besonders schade zum anderen, dass deswegen dort auch noch ein Fässchen aufgemacht werden muss. Für derlei Dinge wurde der FC Schalke erfunden. Der Oberbürgermeister erklärte sich also, gemeinsam einen Weg mitzugestalten, der Fußball Essen wieder in den Profifußball bringen soll.

Dies taten dann in der Folgezeit auch weitere Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sport. Und auch Legenden wie natürlich Willi Lippens (erstaunlich reduziert) und Frank Kurth (sehr emotional). Frank Kurth machte am Beispiel Pokalfinale 1994 noch einmal deutlich, warum gerade RWE und warum Zusammenhalt in einer Mannschaft Berge versetzen kann. Um eines aber ganz klar zu betonen: es war keine Kirmesveranstaltung mit Glamourfaktor. Den Machern dieser Kampagne (Allesamt eingefleischte RWE Fans und auf den Tribünen zu Hause) ging der Arsch auf Grundeis, je tiefer unsere Mannschaft vergangene Saison gen Abstieg zu strudeln drohte. Dieser Abend war kein Lobgesang auf den RWE und die Platzierung eines weiteren Saisonmottos: Dieser Abend war die Erkenntnis, wie verdammt knapp wir alle dem Abstieg entronnen sind und das es nur aufwärts geht, wenn jetzt alle miteinander anpacken.

Leider aber können wir alle die wir da sind, auch zukünftig Geld, Fahnen, Stimme, Leidenschaft und noch so viel mehr in die Waagschale RWE werfen….am Ende kann und muss es einzig die Mannschaft auf dem Feld richten. Sechs Tage Arbeit können am siebten Tag durch neunzig Minuten Fußball zunichte gemacht oder belohnt werden. Sicher aber hilft es einer Mannschaft, wenn sie weiß, dass eine ganze Stadt hinter ihr steht. Und genau dafür steht zusammen hoch 3. Wäre schön, wenn es funktioniert.

Zu guter Letzt muss ich aber direkt den OB der Stadt Essen enttäuschen, denn seine Worte waren nicht die schönsten des Abends: Für mich waren es die Worte aus der kurzen Begegnung mit Günter Barchfeld und die Zeit vor der Veranstaltung in Melches Hütte. Konzepte sind das eine und absolut wichtig. Aber die Seele und Herzen der Menschen, die diesen Verein so sehr lieben und ausmachen, stehen immer noch über allem und sind unbezahlbar. Egal in welcher Liga.

Es war ein guter Abend. Und wir sollten mit der vergangenen Saison abschließen. Auch wenn es wirklich schwer fällt. Nur der RWE!

 

Ballhalter gegen Zuhälter.

Der Anrufbeantworter blinkte. Diesen abgehört, berichtete eine sonore, sympathische Stimme davon, den Artikel gelesen zu haben. Und wer auch immer nun diese Nachricht abhören würde:  Er (der Anrufer) könne noch einige kleine Geschichten zu dem Buch beitragen. Man ahnt, dass eine solche fast geheimnisvoll wirkende Nachricht für den Moment die in etwa zeitgleich stattfindende Pressekonferenz an der Hafenstraße in den Hintergrund rücken ließ. Es galt einen Anruf zu tätigen.

Mein Informant kam gleich zur Sache und wir gerieten unvermittelt in den Strudel des Essener Rotlichtmilieu  Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Protagonist der Anekdote ein gewisser Harry de Vlugt, zwischen 1972 und 1975 an der Hafenstraße unter Vertrag. Harry de Vlugt, uns von Karsten Kiepert näher vorgestellt, hatte seinerzeit ja nicht nur Schlaghosen an, sondern auch einen besonderen Schlag bei den Frauen. Ein Weiberheld eben, so der Zeitgenosse am anderen Ende der Leitung amüsiert und fast bewundernd. Was so ein richtiger Lebemann jener Tage war, der hatte Kontakte. Viele Kontakte. So auch, wie es sich für einen rot-weißen gehört, in das Rotlicht- statt königsblaue Milieu. Und die dort aktiven Zuhälter waren nicht nur fußballbegeistert, sondern fast davon besessen; wollten sich endlich auf dem grünen Rasen messen. Eben gegen jene Mannschaft des RWE. Der allseits bekannte Harry  de Vlugt wurde also dazu auserkoren, seiner Mannschaft diesen Wunsch nahezubringen. Die ausgelobte Summe für das Spiel „Rot-Weiss Essen gegen Zuhälter“ sollte 10.000 DM für die Mannschaftskasse betragen. Was somit natürlich auch Willi Lippens vollends überzeugte, so der Zeitgenosse und ehemalige Aktive.

Natürlich handelte es sich in gewisser Weise ja auch um Schweigegeld, denn die Verantwortlichen jene Tage wussten nicht von dieser Aufbesserung der Mannschaftskasse, geschweige denn von dem halbseidenen Sparringspartner. Und so kam es, dass eines Tages mehr auffällige Fahrzeuge als sonst an der Hafenstraße parkten. Klunker und Nerz waren sonst nicht wirklich im Essener Norden zuhause. Dem absurden Spiel des Jahrhunderts stand nun nichts mehr im Wege. Außer dem Zufall in Form von Paul Nikelski! Paul Nikelski, Geschäftsführer; Herz und Seele des Vereins, radelte am Trainingsplatz vorbei und sah seine Spieler scheinbar in Vorbereitung auf ein Spiel. „Das könnt Ihr nicht machen“, so seine Reaktion darauf, als er zerknirscht in die Faktenlage eingeweiht wurde. Und da Nikelskis Wort seinerzeit mehr Gewicht hatte als Tim Wiese aktuell Muskelmasse, gab es kein Spiel Ballhalter gegen Zuhälter. Die 10.000 DM jedoch, die durften ohne Gegenleistung an der Hafenstraße verbleiben.

Was für eine Anekdote. Eigentlich kaum vorstellbar. Aber man kann sich das Szenario durchaus irgendwo um 1973 an der Hafenstraße und bei Rot-Weiss Essen vorstellen. Wenn nicht dort, wo auch sonst?

Einen weiteren bleibenden Eindruck hinterließ das Ablösespiel von Lambert Rondhues, welches am 1.August 1957 zwischen dem RWE und Eintracht Nordhorn im Georg Melches Stadion ausgetragen wurde. Auch hier wusste der Zeitgenosse von zu berichten. Unter anderem davon, dass der „Boss“ an jenem Tag kaum zu halten war. Auch wenn sich drei bis vier Nordhorner ihm in den Weg warfen, er war zu wuchtig an diesem Abend. Er hatte ja auch etwas gut zu machen. Der RWE gewann bekanntermaßen mit 6:1 und wie damals üblich, wurde nach dem Spiel gemeinsam gegessen. Diesmal in der uns allen so bekannten Haupttribüne des Georg Melches Stadions. Den älteren Essenern ist nun vor allem der Eintracht Spieler Bernd Busch in Erinnerung geblieben, denn es gab unter anderem Kartoffeln. Was so ein richtiger Grafschafter ist, der liebt Kartoffeln. Und so war vor Bernd Busch keine Kartoffel an diesem Abend sicher. Er bekam sie alle! Sein Einsatz an der Gabel auch heute noch legendär.

Da mein „Informant“ und Zeitgenosse noch viel mehr solcher Geschichten zu erzählen hat und einen kennt, der seinerseits zeitgenössisches Bild- und Zeitungsmaterial hat, werde ich ihn besuchen. Es wäre eine Sünde, wenn nicht. Apropos Sünde: Hat jemand zufällig auch Informationen zu dem Spiel gegen die Vertreter des „Sündenpfuhls“, welches nicht stattgefunden hat?

Love over Gold

Keine Angst, dieser Titel hat grundsätzlich in keinster Weise etwas mit dem RWE zu tun und auch der „Pilcher Faktor“ steht hier nicht Pate. Ich höre gerade Dire Straits und suchte verzweifelt einen Titel. Das ist alles. Und doch kann der Titel ja ansatzweise mit dem vergangenen Wochenende in Verbindung gebracht werden: Rot-Weiss Essen hat Gold geholt und wird fast mit Liebe überschüttet. Aber auch wirklich nur fast. Eigentlich ist der Pokalgewinn nicht einmal ein professioneller Verband für die erlittene Saisonwunde, sondern höchstens ein laienhaftes Sprühpflaster.

Wahrscheinlich rauchen immer noch die Fanköpfe, wie unsere Mannschaft es geschafft hat, einen Gegner so zu dominieren. Und das, obwohl der Tupperwaler SV aufgrund seiner Aufstiegseuphorie doch mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar als leicht favorisiert galt. Dass nun Daniel Grebe nicht wieder im Einkaufswagen nächtigen durfte: Er wird es verkraften. Und wenn nicht, muss uns das egal sein, denn der 1€ Express machte wieder an der Hafenstraße halt: Titelverteidiger und somit das eine Spiel im kommenden DFB Pokal nebst „Bonizahlung“ gesichert. Meine Wunschgegner: die Eisernen aus Berlin oder der VfL Bochum. Aber noch kurz zurück zum Spiel: Ist das schon die berühmte Handschrift eines Trainers? Oder doch der Druckausgleich einer Mannschaft mit durchaus kompetenten Fußballern, aller Abstiegssorgen entledigt? Man weiss es nicht. Sven Demandt wirkt übrigens für mich auf den ersten Blick nun auch nicht wie ein asketischer Trainer Marke Tuchel; sondern könnte durchaus einem Schimanski Tatort früherer Jahre entsprungen sein.

Das Abseitstor war kein Abseits und zweimal war auch Glück mit im Spiel, dass der WSV seinerseits nicht ein Tor bejubeln konnte. Fußball mit all seinen Facetten eben. Das drumherum passte einmal mehr. Natürlich wird der latent geäußerte Vorwurf, der RWE hätte an diesem Samstag einen Heimvorteil gehabt, nicht von der Hand zu weisen sein. Diese Kritik bitte aber unverzüglich und direkt an den Verband weiterleiten, der die ganze Organisation schlicht dem RWE überlassen hat. Wir wollten kein Heimspiel, sondern hätten den Pokal auch im Tal geholt!  Unserem Schnapper sollte man derweil ab sofort bei jedem Spiel mit auf dem Weg geben, dass er sich in einem  Pokalfinale befindet!  Jedes Spiel eine solch souveräne und sichere Leistung, und jegliche Torwartdiskussion wäre bis auf weiteres überflüssig. Da der Wuppertaler SV an diesem Tag Lieferando spielte, und Essen kommen ließ, ergaben sich immer wieder Chancen für unser ehemals glorreiches Emblem.

Dreimal wurden die Chancen letztendlich genutzt. Zwei Torschützen zeichneten dafür verantwortlich: Moritz Fritz und „The one and only“ Leon Binder bekamen das Runde in das Eckige. Leon Binder zudem mit einem „Strahl“. Wer nicht genau weiss, was nun ein Strahl ist, der möge sich nicht grämen: Bis vor einiger Zeit kannten wir auch noch kein „durchgesteckt“. Leon Binder hat einfach einmal auf das Tor draufgehalten und den Ball schlicht in die Maschen gedonnert. Soweit die Definition zu „Strahl“. So einen Strahl durfte ich übrigens schon 1979 als Jugendspieler bei Vorwärts Nordhorn erleben: Ich stand positionsgetreu als rechter Verteidiger irgendwo links und drehte mich Richtung eigener Torwart um, als dieser sich zu seinem Abschlag bereit machte. Er schlug also ab, der Strahl traf mich genau auf die Zwölf und ließ mich fallen wie die berühmte Eiche. Die Folge: Kein strahlen vor Freude. Das aber auch nur am Rande.

Heute sind wir schlauer und wissen, dass nun beide Torschützen unseren Verein verlassen werden. Bei Moritz Fritz wussten wir es schon etwas länger; im Falle von Leon Binder hingegen kam die Bestätigung erst nach dem Finaltag. Leon Binder war natürlich eine dieser Spielertypen, den die Hafenstraße menschlich und vom Einsatz her dringend benötigte. Es wird endlich wieder Zeit für Identifikation; der vielen Namen sind wir alle mehr als überdrüssig. Heute wurden die ersten Abgänge bekanntgegeben und wir alle so: „Wer?“  Und doch haben Verein und Spieler alles richtig gemacht: Leon Binder muß an seine Zukunft denken und hat anderswo einen Dreijahresvertrag angeboten bekommen, den er an der Hafenstraße aktuell kaum bekommen hätte. Danke Leon!

Wir halten also fest: Auch der RWE 2015/16 kann durchaus und erfolgreich Fußball spielen. Ungewohnt beides. Die vergangene Saison war schon eine denkbar schlechte. So viel schlechter Fußball in diesen wunderbaren Trikots. So viel gegen- statt miteinander. Auf so vielen Ebenen. Und dann kommt dieses Finale des kleinen Mannes. Ruhrpott statt Ronaldo. Volles Stadion und eine „Tapete“, die mich dankbar und ermutigt zugleich stimmt. Sprachlos macht. Diese aktuell zu Ende gegangene Saison hat uns alle an den Abgrund geführt und doch gerade noch davor bewahrt. Nun sollte viel geredet werden im Hause Niederrheinpokalsieger 2016. Es geht nur miteinander.

Und die Playlist wurde auch geändert: Nun gibt es Iron Maiden mit „Run to the Hills“

 

 

 

 

 

 

 

Weil wir das Glück hatten, einen Georg Melches zu haben!

Spricht man von Rot-Weiss Essen, landet man unweigerlich nach kurzer Zeit auch bei Georg Melches. Sieht man Fotos aus aus der erfolgreichen Zeit rund um Meisterschaft und Pokalsieg, kommt man auch nicht an Georg Melches vorbei. Unweit der Spieler ist immer irgendwo auch der Patron mit im Bilde. Optisch erinnert der Georg Melches dieser Zeit an eine Mischung aus Heinz Erhardt und meinem Opa. Nun kennen Sie natürlich meinen Opa nicht, aber stellen Sie sich ihn optisch in etwa so wie Georg Melches oder Heinz Erhardt vor. Und mit Zigarre. Allen drei gleich aber ihre sympathische, ein wenig listige Ausstrahlung.

Zurück aber zu Georg Melches: Geboren am 24. August im Essener Norden als Sohn eines Betriebsführers, der auf der Zeche Emil – Emscher in Lohn und Brot stand. Die schulische Laufbahn des jungen Georg Melches fand eigentlich auch schon im Dunstkreis der Hafenstraße statt: Volksschule Vogelheim; Gymnasium Borbeck und Realgymnasium Altenessen. Der nächste Schritt war dann sicher kein leichter und definitiv kein schöner, denn Georg Melches zog in den ersten Weltkrieg. Dies übrigens freiwillig. Und es dauerte vier lange Jahre, bis er wieder unversehrt nach Hause kam. Vier lange Jahre in den Kriegswirren unterwegs, seine Familie zurücklassend.

Und auch die Familie, die er mit anderen bereits am ersten Februar 1907 in Essen Vogelheim gründete: Georg Melches war bereits in jungen Jahren ein begeisterter Liebhaber der Fußlümmelei, wie der Fußball seinerzeit oftmals despektierlich  genannt wurde. Und weil er so begeistert war, gründete Georg Melches mit seinen Freunden einen Fusionsverein. Denn sie führten die bestehenden Vereine SC Preußen und Deutsche Eiche zum SV Vogelheim zusammen. Deutsche Eiche, ein an sich schon recht merkwürdiger Vereinsname und sicher eine Herausforderung für Fangesänge. Aber das nur am Rande erwähnt. Den heutigen Namen Rot-Weiss Essen bekam der Verein dann fünf Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit auf seinem weiteren Vereinsweg. Anteil daran hatte eine weitere Fusion, diesmal mit dem Turnerbund Bergeborbeck.

Drei Jahre zuvor, also 1920, begann neben dem Hobby Fußball auch der berufliche Ernst des Lebens: Nach zwei Praktika in Schacht und Kokerei öffnete der Betrieb „Koksofen und Gasverwertung AG“ Essen seine Tore für den ehrgeizigen Georg Melches. Dort brachte er es innerhalb acht Jahren auf den Stuhl des Direktors, den er die nächsten zehn Jahre nicht verließ. Also im übertragenen Sinne jetzt. 1938 schien auch beruflich eine Fusion den Firmennamen zu verändern: Aus „Didier – Kogag“ wurde Didier – Kogag – Hinselmann. Der Direktor fusionierte nicht, nahm höchstens zu und hieß bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1959 weiter Georg Melches. Insgesamt also einunddreißig Jahre als Direktor bedeuteten auch einunddreißig Jahre Kontakte in die Spitzen von Wirtschaft und Politik. Heute würde man Netzwerk dazu sagen.

Georg Melches konnte seinen Spielern Arbeitsplätze verschaffen, an denen nicht viel geschafft werden musste, sondern sich auf das Kicken konzentriert werden konnte. Auch die legendäre Südamerikareise wurde nur durch die weltumspannenden Kontakte von Direktor und Firma ermöglicht. Der Macher der er war, zeigte sich auch in seinem Verein stets in der Pflicht. Georg Macher. Im Verein, für den zu Beginn fast nur Schüler, Bergleute und Zechenangestellte gegen die handgenähte Kugel traten, besetzte er die Positionen des Mittelstürmers und mit nachlassender Kondition die eines Verteidigers. 1927 hing er seine Fußballschuhe an den Nagel. Was nicht bedeutete, dass er sich nun aus dem Vereinsleben verabschiedete. Mitnichten und gänzlich ohne Neffen, denn administrativ war Georg Melches natürlich auch schon länger in seinem Verein tätig: Schriftführer, Geschäftsführer, Fußballobmann, Finanzobmann.

Nahezu die ganze Palette dessen, was ein Verein an Ehrenamt zu bieten hat, wurde von ihm parallel oder nacheinander ausgeführt. Rot-Weiss Essen war Georg Melches und Georg Melches war Rot-Weiss Essen. Das wirklich interessante aber ist die Tatsache, dass er nicht einen Tag als Vereinsvorsitzender fungierte. Vielleicht benötigte er den Vereinsvorsitz auf dem Papier auch deshalb nicht, da er wusste, stets auch so dem Verein vorzustehen. Um aber seine Leistung schon recht früh zu würdigen, ernannte der Verein seinen „Patron“ bereits 1950 zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit mit Sitz und Stimme im Vorstand. Und dieser Ehrenvorsitzende sollte ja bekanntlich noch mit tollen Erfolgen für seine Pionierarbeit und Engagement im Essener Norden belohnt werden.

Finales

Die Saison als solche ist ja bereits abgehakt und das Statement dazu an anderer Stelle bereits kundgetan. Wir befinden uns also im Landeanflug auf das Europapokalfinale 2016 gegen den Wuppertaler SV. Ausgetragen wieder in Essen. Essen könnte doch eigentlich direkt als ständiger Austragungsort bestimmt werden. Das Berlin des kleinen Mannes sozusagen. Die Klagen des Finalgegners  über eine Bevorteilung des RWE kann aktuell auch in keinster Weise nachvollzogen werden: Waren doch Fans und Mannschaft des RWE in der vergangenen Saison nicht wirklich eine Einheit und konnte zu kaum einem Zeitpunkt ein wirklicher Heimvorteil generiert werden; irgendetwas war doch immer. Und jammern gilt schon mal gar nicht, wenn man als Wuppertaler SV plötzlich und unerwartet in fast doppelter Anzahl zum heimischen Zuschauerschnitt auswärts anrücken möchte. Dann sollte man eher die vielen unbekannten eigenen Mitreisenden fragen, wo sie denn sonst so stecken. Punkt! Finalort? Nicht unsere Entscheidung, nicht unser Problem. Auch für den abermals letzten Platz beim ESC trägt der RWE keine Verantwortung und selbst der Preisverfall in der Causa Milch kann uns nicht angelastet werden. Das aber nur am Rande.

Rot-Weiss Essen hatte schließlich eine ziemliche Kacksaison und somit seine eigenen Probleme. Der Gewinn im Niederrhein- Europapokal könnte da ein wenig Balsam auf die Wunden bedeuten. Mit den allseits bekannten Folgen DFB Pokal und Erstrundenfestpreis. Wie schon im Finale des letzten Jahres sehe ich beide Endspielgegner auf gleicher Höhe mit Vorteilen sogar auf Wuppertaler Seite. Kommen diese doch mit der Euphorie eines Aufsteigers; sind nunmehr also auf gleicher (Ligen-)Höhe und haben definitiv die aktuell breitere Brust als die tabellarischen Hühnerbrüste der Hafenstraße. Aber vielleicht liegt genau darin der Vorteil des RWE: Wir haben endlich nichts mehr zu verlieren, wurde doch der Abstieg so gerade eben noch verhindert. Der Druck also genommen, es kann Fußball gespielt werden. Zudem möchten sich Abgänge sicher doch als Gewinner verabschieden. Und, dessen kann sich die Mannschaft sicher sein: Auch für uns auf den Rängen stellt der Pokal in seiner Endphase mittlerweile den (leider wohl einzigen) Höhepunkt einer jeden Saison da. Und somit sind wir wie ein gutes Steak auf den Punkt genau fertig, um mit Anpfiff um 17:00 Uhr auch alles dafür zu geben, dass es zur Titelverteidigung kommen wird. „Rot-Weiss Essen Du bist mein Verein, RWE so soll es immer sein“. Die Saison und alles andere gewesene komplett ausblenden für dieses eine letzte Spiel.

Danach hoffentlich zusammen feiern. Und dann miteinander reden. Aber auch mal durchatmen und gut durchlüften. Sehr gut durchlüften. Für die dann kommende Saison benötigen wir richtig frischen Wind in der Bude. Auch wenn das Gemecker spätestens dann wieder losgehen wird, sickern weitere Verpflichtungen durch oder wird das neue Trikot vorgestellt. Da uns diese unselige Relegation zur Dritten Bundesliga ja leider noch länger erhalten bleibt, als uns allen lieb ist, haben wir Fans wohl nur die Möglichkeit, uns in Gelassenheit zu üben. Und damit meine ich nicht nur uns in Essen, sondern wohl so ziemlich alle Fans, die sich einem Verein in der Viertklassigkeit verpflichtet fühlen. Es wurde noch kein Aufstieg erzwungen, sondern dazu gehört eine richtige Mannschaft; ganz viel Glück; Mut und Miteinander. Eine Truppe die Erster wird und genau weiß: Erst nach der Relegation können wir Helden sein, ansonsten sind wir nur die „DFB Deppen“, die nicht mal auf den Meistertitel einen heben können, da irgendwie doch nichts erreicht. Um aber überhaupt „Relegationsberechtigter“ zu werden, bedarf es eben jener Gelassenheit und noch mehr Geduld. Über Jahre. Schließlich wollen einige andere auch durch dieses vermaledeite Nadelöhr. Lotte zum Beispiel einmal mehr, denn ich hoffe ja, dass der SV Waldhof sich aktuell durchsetzen wird.

Vielleicht liegt der Wunsch nach Geduld und Gelassenheit auch ein wenig in der eigenen Krebserkrankung begründet. Eine solche Diagnose verschiebt die Dinge von jetzt auf gleich in einer Intensität, wie sie hoffentlich so vielen wie möglich erspart bleibt. Es ist grad nicht wichtig, in welcher Liga mein Verein spielt. Ich möchte ihn einfach nur spielen sehen, denn dann weiss ich, dass ich noch die Kraft dazu habe, einem Spiel beizuwohnen. Es ist jetzt der alleinige Wunsch, endlich operiert zu werden um genesen zu können. Dies in Ruhe und Gelassenheit. Aber in der Gewissheit, doch niemals alleine zu sein. Und auch Rot-Weiss Essen muss endlich sportlich genesen dürfen; braucht Zeit und Freunde, die zusammenstehen. Ihn nicht alleine lassen. Erst dann können jene Kräfte und Energien entstehen, die es bedarf, dass eine Mannschaft erfolgreich spielt und folgenreich die Sympathien der vielen so sehr enttäuschten rot-weißen zurückerobern kann. Ein beschwerlicher und langer Weg der sportlichen Genesung liegt an; aber wenn wir nicht den ersten Schritt machen und nur meckern, können wir auch gleich aufgeben. Aufgeben jedoch ist einfach nicht das Ding eines RWE Fans, auch wenn es bisweilen den Anschein hatte. Emotionen können wir hingegen sehr gut. Und auch die gilt es wieder wachzurütteln. In der vergangenen Saison waren so viele einfach nur müde ob der gebotenen Leistungen. So viele „Veteranen“, die einfach nicht mehr konnten und wollten. Die Ära Harttgen und Fascher; auch sie steckt noch in den Vereinsknochen, ist nicht so leicht abzuschütteln.

Wo wir aber gerade auch beim Thema Relegation sind und waren: Bis heute habe ich alle Spiele dieses sportlichen Irrsinns am heimischen Empfangsgerät verfolgen können und bin bisweilen entsetzt über die gebotenen Leistungen. Eine Relegation erzeugt einen so unmenschlichen Druck auf Spieler, Verantwortliche und Fans, so dass ein Spiel im eigentlichen Sinne kaum mehr möglich ist. Mit Ausnahme der Kickers aus Würzburg vielleicht, die zur Relegation kamen wie die Jungfrau zum Kinde und entsprechend befreit aufspielen konnten. An diesen zwei Spielen hängen Existenzen, Zugehörigkeiten und sogar Vereinsschicksale; glaubt man den aktuellen Nachrichten aus Nürnberg und Duisburg. Die TV Quoten mögen gestimmt haben, aber auf dem Felde herrschte bisweilen blanke Angst. Ergo: Auf- und Absteiger müssen klar definiert werden und Meister aufsteigen. Nur so kann sportlicher Erfolg oder Misserfolg einer Saison fair quittiert werden.

Übrigens nehmen wir in der kommenden Erstrunde des DFB Pokals nur Gegner und Fans ernst, die wie schon Düsseldorf und nun auch Tupperwal mit eigens kreierten „Anti-RWE“ Shirts anreisen. Wir brauchen das einfach. Sieht ja auch gut aus, so ein einheitlicher Gästeblock. Nur der RWE!

 

 

Das Gesetz der Trägheit

Ungekannte Gefühle machten sich vor diesem Spiel breit: So etwas wie Vorfreude schlich sich ein. Tatsächlich: Ich freute mich auf das Spiel des RWE gegen den Nachbarn aus Oberhausen. Aber warum eigentlich? Vielleicht weil es bis auf weiteres der letzte Besuch sein dürfte, oder weil sich die sportliche Situation etwas entspannt hatte? Auf die Freunde vor Ort oder auch darauf, Fritz Herkenrath zu Ehren applaudieren zu dürfen? Zwei Tage danach gibt es keine Antwort mehr auf diese Frage, denn die eigenen Mannschaft hat einmal mehr und diesmal so richtig ohne Ansage enttäuscht. Vor dem Spiel jedoch ging es nach Monaten mal wieder mit der „RWE Hit Mix CD“ an Bord auf die Reise gen Glutofen Essen. Lautstark mitgesungen wurden etliche Fanbusse eines benachbarten Bundesligisten  überholt. Denn sie wissen nicht was sie tun!

Warum nun schon um 13:00 Uhr angepfiffen werden musste, konnte nicht so richtig in Erfahrung gebracht werden; der guten Laune rund um das Stadion tat es aber scheinbar keinen Abbruch, sollte doch der endgültige Klassenerhalt ( Für temporäre Leser: tatsächlich Klassenerhalt, nicht Relegationsplatz oder dergleichen!) hier und heute gesichert werden. Nur unsere Mannschaft jedoch, die hat davon leider nicht viel mitbekommen! Würde man von Stehgeigern oder von Sommerfußball sprechen, so würde man jeden Stehgeiger und jeden Sommerfußballer prinzipiell beleidigen. Welch blutleere und fast pomadige Vorstellung in der ersten Halbzeit. Zugegebenermaßen von beiden Mannschaften! Vielleicht hatte ja doch die ungewohnte Anstoßzeit inklusive ebenso ungewohnt hoher Temperaturen seine Finger mit im Spiel. Das war bei allen schlechten Spielen in dieser schlechten Saison definitiv die schlechteste Halbzeit. Paradox wirkte im Verhältnis dazu die nimmermüde und durchgängige Anfeuerung von der „West“.

Mit dem Ende der torlosen ersten Halbzeit rissen die schlechten Nachrichten allerdings noch lange nicht ab: Denn es folgte ja tatsächlich noch eine zweite Halbzeit, die es zu überstehen galt. Hätte man abstimmen lassen, ob weitergespielt oder das Spiel zur Halbzeit als beendet gewertet werden dürfte, so hätten sich die allermeisten der geduldigen  Zuschauer sicher für das sofortige Ende entschieden. Natürlich wurde die zweite Halbzeit gespielt; lag der Fokus zudem immer noch auf die Beruhigung der Seele durch die möglichen drei Punkte auf dem Platz. Wenn die erste Halbzeit nun überhaupt eine sportlich verwertbare Erkenntnis brachte, dann die, wie wichtig ein Benjamin Baier aktuell für unser Spiel ist. Jemand der wenigstens einmal aus der zweiten Reihe den unverhofften Schuss ansetzt, und auch mal die eigenen Mitspieler wachrütteln kann. Dem neuen Trainer jedoch wurde endgültig und deutlich deutlich vor Augen geführt, auf welches Abenteuer er sich mit der aktuellen Mannschaft eingelassen hat.

Der Nachbar aus Oberhausen, selbst auch in dieser ersten Halbzeit nicht die hellste Kerze auf der Spieltorte konnte in der zweiten Halbzeit gar nicht mehr anders, als die Essener Trägheit mit Toren zu bestrafen. Endlich wurde das Betteln erhört, in Rückstand zu geraten. Blitzsauber wurde zweimal die Abwehr ausgehebelt und an Heimann vorbei eingeschoben beziehungsweise reingestochert. Man lacht an der Emscher wahrscheinlich noch immer darüber, wie simpel das an diesem Samstag möglich wahr. Vielleicht war es Galgenhumor, oder die Freude an einem wirklich gelungenen, neuem Lied auf der Tribüne: Die „West“ sang unverdrossen weiter, es kamen keine Schmähungen gegen die eigene Mannschaft, die es ansonsten schon bei wesentlich  besseren Leistungen und Rückstand gegeben hätte. Das Werfen von Gegenständen sollte trotzdem und überhaupt endlich einmal unterlassen werden! Wir sind nur noch auf Bewährung auf den Tribünen! Eine Atmosphäre also , die in der Beziehung zwischen den Geschehnissen auf Rasen und Tribünen einem Verwirrspiel glich.

Es wurde also nichts mit dem vorzeitigen Klassenerhalt. Wie dumm auch von uns Fans, das von der aktuellen Mannschaft zu erwarten. Wie dummdreist aber auch von nicht einmal einer Handvoll trunkener und scheinbar von Sonnenstich  geplagten Besuchern die Aktion, die Würde eines gegnerischen Spielers anzutasten. Das geht in keinster Weise und wurde entsprechend im Spielverlauf von Leon Binder kommentiert und geregelt. Eine bedauernswerte Randnotiz, die im Spielverlauf außer den Beteiligten selbst wirklich kaum einer mitbekommen hat. Ich denke, dann hätte es einen größeren Aufschrei gegeben. So jedenfalls war der Weg frei für den Berichterstatter der RevierSport, den RWE einmal mehr unter Generalverdacht zu stellen.

Rot-Weiss Essen benötigt in der kommenden Saison nicht nur endlich wieder eine Mannschaft, die diesen Namen und unser Trikot auch verdient; sondern auch eine Berichterstattung, die sich mit Fakten und Fußball beschäftigt, anstatt in Boulevard Manier Geschehnisse oder Gesagtes aus dem Zusammenhang zu reißen und auf mögliches Fehlverhalten einiger weniger zu warten. Wir sind nicht doof, wir Fans wissen doch, dass der RWE nicht sonderlich gut gelitten ist im Hause RevierSport. Wir wollen keine Hofberichterstattung, denn das ist auch keinem zuträglich! Aber ich glaube, Verein, Fans und natürlich auch auch Medien ihrerseits haben ein Recht auf eine gegenseitig faire Behandlung. Auf gut recherchierte Beiträge, deren Inhalte den Sachverhalt erzählen und nicht auf eine reisserische Überschrift, der kaum  wirkliche Fakten folgen, dafür aber Klicks generieren . Wenn in längst vergangenen Tagen vielleicht mal Fehler auf beiden Seiten gemacht wurden, dann ist es an der Zeit, nun einen Punkt zu setzen. In Münster zum Beispiel hat diese Form der Berichterstattung leider auch Überhand genommen, was die Preußen gar zu einem offenen Brief veranlasste. Weniger ist manchmal mehr! Die WAZ Essen kann es doch auch, berichtet sportjournalistisch und den Tatsachen geschuldet. Und das sicher nicht nur, weil die West ihren Namen trägt.

Diesen finalen Punkt können wir alle ja bald auch endlich unter die aktuelle Saison setzen. Gottseidank. Nie zuvor habe ich so viele Fans so müde erlebt. Veteranen in Rot und Weiß, der ständigen Enttäuschungen überdrüssig. Vielleicht kann ja  kommenden Samstag endlich der Klassenerhalt geschafft werden und dann das Endspiel im Europapokal der Landesmeister gegen den Wuppertaler SV die Saison wenigstens auf Papier und Konto halbwegs noch retten. Nur der RWE!

Srivaddhanaprabha

Weit nach Mitternacht noch Udo Lindenberg zu hören, dass geht nur mit einem Pils dabei und hört sich allein von seinen Texten schon nach Kneipe an. Melancholie macht sich breit. Melancholie kann ich gut. Pils habe ich auch noch. Zeit und Muße also, die Dinge der letzten Tage einmal zu sortieren. Gestern haben wir die traurige Nachricht bekommen, dass Fritz Herkenrath bereits am 18. April dieses Jahres im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Geboren in Köln, feierte Fritz Herkenrath seine größten sportlichen Erfolge hier an der Hafenstraße in Essen. Ein tadelloser Sportsmann alter Schule; Schultätigkeit nach der Karriere. Die Meistermannschaft von 1955 nun vollzählig versammelt im Himmel; hier unten auf Erden kann jetzt keiner mehr davon erzählen. Wir zehren nunmehr endgültig von den Erinnerungen an längst vergangene, sportlich so erfolgreiche Tage. Niemals jedoch werden wir diese Fußballer vergessen, die unserem Verein so viel Gutes beschert haben. Auf ewig werden wir hoffentlich ihr Andenken bewahren und ihnen Samstag gedenken.

An der Hafenstraße dieser Tage ist es momentan relativ ruhig geworden. Die Kommentarspalten schwappen nicht mehr über vor Verzweiflung, Wut und dem Strafbestand der Beleidigung. Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen sorgten für eine kaum mehr gekannte Entspannung des rot-weißen Herzmuskel. Wir alle hatten den Rubikon Richtung Abstiegspanik gefühlt längst überschritten; normal war doch keiner in den letzten Wochen und Monaten unterwegs. Wir wussten und wissen alle: Ein Abstieg diese Saison und den Mythos können wir uns definitiv von der Backe putzen. Sieben Tage, vierundzwanzig Stunden Angst. Das zehrt an den Nerven. Das kostet Kraft. Unbezahlter Bluthochdruck vom Feinsten. Fan eines aktuell mäßig begabten Viertligisten zu sein geht an die Substanz, und ist unter dem Strich doch so viel mehr wert, als ein Ausscheiden im Halbfinale der Champions League. Ich möchte nicht tauschen. Nie mehr!

Ziemlich zeitgleich bejubelt gefühlt die ganze Fußballwelt die erste Meisterschaft des bis dato relativ unbekannten Vereins Leicester City aus England. Diese leider nicht auf dem grünen Rasen, sondern erst einen Tag später auf dem Sofa errungen. Chelsea sei Dank. Warum aber dreht die ganze Fußballwelt nun frei und mutiert zu Füchsen, obwohl aus Tradition eher den Reds zugetan? Auch Leicester City ist kein Verein mehr alter Prägung und hat mit Vichai Srivaddhanaprabha einen Milliardär als Eigentümer. Formal also nicht wirklich viel anderes als in den Akten Hopp,Mateschitz oder Abramowitsch zum Beispiel. Im diesjährigen Ranking, die finanzielle Kaderschwere betreffend, rangieren die „Foxes“ in England auf Platz 12 und 127 Millionen Euro in den Beinen. Was übrigens und interessanterweise in Deutschland den monetären Platz 7 einbringen würde. Insgesamt wird der Kader momentan auf 300 Millionen britische Pfund taxiert. In etwa also dem Börsenwert von ISDT.

Ich glaube, die Freude mit und am „Meister Leicester City“ liegt einem ganz anderem Faszinosum zugrunde: Nämlich dem der Meisterschaft und dem Wettkampf, der zur selbigen führen kann. Oder eben auch nicht. Auch in Leicester wird nicht mit Peanuts bezahlt, aber hier hat sich eine Mannschaft gefunden, die fast abgestiegen, ein Miteinander entwickelt hat, welches finanzielle Schwergewichte auszuhebeln verstand und der Basis endlich wieder die Hoffnung zurückgeben konnte, dass Fußball Wettbewerb und nicht nur Scheckheft ist. Der britische Fan war es leid, immer nur die selben Vereine um die Meisterschaft spielen zu sehen. Und man kann es auch nachvollziehen. Was wäre hierzulande wohl los, würden der 1.FC Köln, die SG Eintracht Frankfurt oder unser aller Rot-Weiss Essen in einem Par­force­ritt sondergleichen die Meisterschale holen?  Die Sympathien aller wären für ein Jahr gesichert.

Vielleicht geht es auch noch ein Stück weiter: Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel will Setzlisten und somit die altbewährten Wettbewerbe quasi am Nasenring durch die imaginäre Arena ziehen. Nee, er kann sich seine Setzlisten sonstwo hinstecken! Gewinner wird nur, wer die Wettbewerbe annimmt,  übersteht und nicht plant. Leicester City hat den Wettbewerb angenommen und diesen gewonnen. Das wohl die einmalige Faszination aktuell um einen Meistertitel in England. Rot-Weiss Essen muss noch viel trainieren um eines Tages überhaupt in den Wettbewerb um die deutsche Meisterschaft einsteigen zu können. Aber wir würden dann keine Setzlisten, sondern Gegner wollen.

Samstag nun aber erst einmal Oberhausen der Gegner. RWE gegen RWO. Bis auf weiteres das letzte Spiel in einem Stadion, gilt es ja alsbald den eigenen Wettbewerb anzutreten und natürlich zu gewinnen.

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