Weiterkommen & Wellblechpalast

So langsam wird es etwas ruhiger rund um das Pokalspiel unserer Roten gegen die Kiezkicker. Leider müssen sich auch diesmal im Nachgang des Spiels die Verantwortlichen des Vereins mit dem Handeln ganz weniger Personen auseinandersetzen, die es offenbar witzig finden, einfach mal dämlich auf „Macker“ zu machen. Der RWE hat sich dafür in aller Form entschuldigt. Das ist gut. Tausende Auswärtsfans haben direkt mal ein ganzes Stadion lautstark als Nazi-Schweine deklariert. Leider gab es dafür keine Entschuldigung seitens des FC St. Pauli, wohlwissend, dass das so nicht stimmt. Das ist dann nicht gut.

Sehr gut hingegen war der Fußball, den unsere Mannschaft gespielt hat. Vielleicht auch begünstigt durch den extrem schlechten Fußball der Boys in Brown, die diesmal tatsächlich auch auswärts welche waren. Schließlich war die Trikotauswahl zuvor schon zu einem kleinen Politikum mit dem DFB geraten. Man kann das so gar nicht fundiert beschreiben, was sich da an diesem stimmungsvollen Abend an der Hafenstraße 97a auf dem Rasen abgespielt hat. Das war grundsätzlich alles, aber kein Pokalkampf klein gegen groß, der substanziell an die Nerven und Pumpe gegangen ist. Es gab diese Großchancen auf Seiten von St. Pauli, das soll absolut nicht unterschlagen werden. Aber abgesehen davon kam zum Erstaunen der sicherlich meisten im offenen Eckigen nichts mehr in Richtung Jakob Golz, was dessen hanseatisches Blut in Wallung bringen sollte. Rot-Weiss Essen hatte das Spiel schlicht und ergreifend komplett im Griff.

Während man unter der Woche im Dauerregen von Sonsbeck noch mehr als erwartet ackern musste, um gegen den Oberligisten die zweite Runde Niederrheinpokal einzutüten, lag die zweite Runde DFB-Pokal wesentlich entspannter an der Kasse bereit. Was ja richtig Freude bereitet, ist die Art und Weise, wie die Mannschaft mittlerweile versucht, das Publikum mit in die Aktionen einzubinden. Jede gelungene Grätsche wurde vor dem jeweiligen Block gegenseitig honoriert und zelebriert, jeder Ball, der über die Linie begleitet werden konnte, ohne dass noch ein Gegenspieler etwas ausrichten konnte, riss die Fans von den Sitzen. Es wurde vor Jahren schon mal in einer Übertragung bei einem Spiel von RWE erwähnt, was eine erfolgreiche Grätsche mit den Fans von RWE macht. Gegen St. Pauli wurde diese These einmal mehr bestätigt und inhaltlich untermauert: Es macht so viel mit uns! 

Es war also in Summe ein richtig starkes Fußballspiel unserer Roten, dem die Kiezkicker nichts entgegenzusetzen hatten. Wann immer man dachte, jetzt muss doch mal eine Angriffswelle nach der anderen Richtung Tor von Jakob Golz rollen, dachte man glücklicherweise falsch. Da kam unerklärlicherweise so gar nichts. Sehr gut zu erklären hingegen die Atmosphäre im Stadion, denn die wurde von Minute zu Minute immer gelöster. Im inoffiziellen Ranking kam sie jetzt nicht an den Once in A Lifetime Moment unter Flutlicht gegen die SpVgg Fürth heran. Aber es war durchgehend laut, das ist das, was unsere junge Mannschaft auch braucht, um an sich und der Aufgabe zu wachsen. Man kann nun nicht erwarten, dass ein normales Punktspiel jemals die Emotionen einer Relegation auf den Rängen hervorrufen wird. Aber wenn wir eine andauernde Atmosphäre irgendwo zwischen den DFB-Pokalspielen gegen den BVB und dem FC St. Pauli auch in der Liga hinbekommen könnten, wäre das bockstark.

Was nun das ewige Thema Leitwolf angeht: Geht unser RWE in Führung, haben wir direkt elf Führungsspieler auf dem Platz. Ich sehe das somit sehr entspannt, was das sich langsam schließende Transferfenster angeht. Ganz entspannt war auch der für uns heimliche Held des Pokalspiels: Ein junger RWE-Fan im Komplettoutfit tauchte urplötzlich unten in G1 auf, um zu stickern, wie es wohl im Fachjargon heißt. Da es sich dabei ja prinzipiell um eine nicht gewollte Aktion in einem Stadion handelt und sogenannte „Stickermassaker“ (braucht eigentlich keiner) daher von geübten Szenen mittlerweile in Sekundenschnelle durchgeführt werden, verblüffte hier einfach die komplette Ruhe, mit welcher der junge Fan dabei war, den etwas größer geratenen RWE-Kleber von der Trägerfläche zu trennen. Es verging Minute um Minute, bis es endlich so weit war, und der Sticker seine Wand gefunden hatte.

Ich werde versuchen, mir nun diese Ruhe für die zukünftigen RWE-Spiele anzueignen, denn das kann der Gesundheit nur förderlich sein. Zumal es am Wochenende in den Wiesbadener Wellblechpalast geht. Und da wissen wir, was uns blüht: Entweder man wird, sofern man nicht selbst im Stadion ist, von Christian Straßburger angebrüllt, wie bei dem wirklich wahnsinnigen 4:3 Auswärtserfolg der letzten Saison, oder es endet mit der Erfindung der Turban-Brüder noch eine Saison zuvor. Auch da gewannen übrigens unsere Roten das Spiel. Es ist also immer ziemlich viel los, wenn der RWE auswärts in Wiesbaden antritt. Deshalb dürfte auch bei den Wettanbietern ein langweiliges 0:0 sicher richtig Quote bringen. Irgendwas zwischen 3:3 und 7:9 hingegen so viel, wie ein Heimsieg des FC Bayern gegen den FC Schalke, also nix, weil eh klar.

Noch mal zurück zum DFB-Pokal: Das Teilnehmerfeld hat sich nach der ersten Runde halbiert und sowohl wir als auch die Blauen sind noch im Lostopf. Man kommt sich somit wieder einmal näher. Die zweite Runde wird jetzt aufgrund einer Landtagswahl außerordentlich und wahrscheinlich einmalig zugleich, an einem Samstag ausgelost. Die Auslosung selbst beginnt ungefähr zur sechzigsten Minute bei unserem Heimspiel am selben Tag gegen Viktoria Köln. Es könnte also die absolut skurrile Situation entstehen, dass der Gegner in der zweiten Pokalhauptrunde noch während des laufenden Spiels zugelost wird, und allein an den Emotionen auf den Rängen klar sein dürfte, ob es die Blauen werden, oder beispielsweise doch nur der VfL Wolfsburg. Sofern man denn Empfang hat im Stadion.

Wenn schon Blaue, dann bin ich ja wie jede Saison, die wir im DFB-Pokal dabei sein dürfen, beim VfL Bochum und den Lilien als Wunschgegner. Klar, natürlich wäre das einzig richtige Ruhrpott-Derby im Sinne der Derbydefinition RWE – S04. Aber möglicherweise steht da auch die Sorge im Raume, dass es zu Waldhof – Lautern Reloaded ausarten könnte. Braucht kein Fan nochmal, das sollte auch jedem so klar sein. Aber erstmal wieder Liga. Die Pflicht vor der Kür quasi. Und da sollten wir ganz konzentriert versuchen, den zweiten Sieg in Folge einzufahren, um der guten Laune nach dem Pokalsieg weitere folgen zu lassen. Getreu dem Motto: „Turban, Tore, RWE!!

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