Kategorie-Archiv: Kabinenpredigt

Die glorreichen Zwölf

Sie haben es also getan, die glorreichen Zwölf. Ihre eigene Liga gegründet und gestern dann verkündet. Natürlich existiert auch schon eine eigene Internetseite, die nicht verlinkt wird und ein kritischer Wikipedia Eintrag, der natürlich verlinkt wird. Gefühlt wurde die Fußballwelt auf dem kalten Fuß erwischt, obwohl derlei Planungen doch schon seit Jahrzehnten in den Schubladen einiger Vereinsbosse lagen und bei Bedarf immer mal wieder herausgeholt wurden. Meistens dann, wenn die Qualifikation für weiterführende Wettbewerbe verpasst wurde, oder die Schulden mal wieder zu sehr drückten. Wie dem auch sei: Das Damoklesschwert „Closed Shop“ schwebte schon lange über den Ligenpyramiden des Kontinents.

Der Aufschrei also nicht nur der der Überraschung, sondern auch ein wütender. Bisweilen aber einer, der mich dann doch eher verwundert und sogar Galgenhumor hervorruft. Dass ausgerechnet die UEFA, der DFB und die DFL sich mehr als geschockt geben (vielleicht sind sie es ja sogar wirklich), ist schon lustig. Wenn es nicht so bitter wäre. Die angekündigte Reform der Champions League ist doch auch nichts anderes als ein Weg hin Richtung geschlossene Gesellschaft und einer garantierten Geldverteilung. Geldvermehrung nicht ausgeschlossen. Steht da nicht eher Verlustangst hinter der plötzlichen Empörung? Das Vertrauen in die Funktionäre genannter Institutionen ist bei mir dermaßen wenig vorhanden, so dass ich es keinem abnehme, die Super League als Totengräber des Fußballs zu erklären, den wir alle so sehr lieben.

Der Fußball, den wir mal geliebt haben, der ist doch schon lange tot. Den Fußball in klar nach Leistung definierten Wettbewerben mit Auf- und Abstiegen, Pokalspielen ohne Kokolores, sondern nur von Runde zu Runde. Ich bin ja schon froh, dass die Bundesliga nicht kurzfristig aufgestockt wurde, um einen Verein aus Gelsenkirchen vor dem Abstieg zu bewahren. Gar nicht absteigen zu können, das wäre richtig schlimm. Jahr für Jahr nun dieselben Gegner, die immer gleichen Spiele, das ist doch hochgradig langweilig. Dummerweise wissen die Macher aber auch, dass sich die Spiele am TV wohl trotzdem wie geschnitten Brot verkauft und angeschaut werden. Der Fußball dieser Tage ohne die Seele des Spiels, er rollt schließlich auch weiter. Die Tribünen der großen Stadien mittlerweile vollgekleistert mit riesengroßen Werbebannern.

Zurück aber zum DFB und der DFL. Wenn in einer gemeinsamen Erklärung ausgerechnet dieser Häuser von der Zukunft des Volkssports Fußball die Rede ist, dann bereitet mir das Bauchschmerzen. Diesen Traum von einer geschlossenen Gesellschaft, der in der Erklärung angeprangert wird, den leben beide doch auch. Man schaue sich einmal nur unsere Ligenpyramide an. Die geschlossene Gesellschaft ist der Profifußball, gekoppelt mit einer komplett gestörten Verteilung der Gelder.

„Solidarität statt Egoismus“. Spätestens da hatte mich diese Erklärung dann komplett in seinen Bann gezogen. Schließlich haben sich DFB und DFL seit Jahren selbst die Maxime „Egoismus statt Solidarität“ auf ihre Fahnen geschrieben und ihre Optimierung gnadenlos vorangetrieben. Die Verteilung der TV Gelder hier nochmals stellvertretend angemerkt.

Reisende soll man nicht aufhalten, also lasst diese Vereine ihre eigene Liga gründen. Unter einer Bedingung: Schmeisst sie aus den nationalen Ligen raus, verwehrt ihnen den Zugang zu allen anderen Wettbewerben. Sie wollen ihre ganz eigene Blase? Dann sollen sie diese bekommen. Mit allen Konsequenzen. Keine fünf Jahre wird es dauern, bis sich die Vereine gegenseitig so auf den Sack gehen werden, weil sie einander nicht mehr sehen können. Einen Vorteil hat diese Kommune aber, das muss man zugeben: Die Spielpläne können auf zehn Jahre im voraus geplant werden.

Konsequenzen zu ziehen gilt es natürlich nun auch für die Fans der betroffenen Vereine. Es soll ja immer noch viele, viele darunter geben, die an den Verein als solches glauben, an den Wettbewerb in all seinen Facetten. An Tränen der Freude und der Trauer. Es ist ja nichts neues, dass ich mein Fußballherz in England schon einige Jahrzehnte an die Reds verloren habe. Daher hat es mich auch ziemlich getroffen, dass ausgerechnet der Verein (Die Besitzer), bei dem man doch niemals alleine gehen wird, seine Fans so brutal vor den Kopf stößt. Die Erkenntnis, dass man als Fan in so vielen Vereinen doch nur noch Marionette ist, sie kommt manchmal dann doch unverhofft. Obwohl sich dessen schon längst bewusst. Da lobe ich mir Rot-Weiss Essen: Hier biste Fan, hier darfst Du es sein. Natürlich auch der Ligenzugehörigkeit geschuldet. Gott bin ich froh, dass wir für solch eine konstruierte Liga niemals in Frage kommen werden. Lange Rede kurzer Sinn: Die Mitgliedschaft habe ich heute via Mail gekündigt, der Mitgliedsausweis ging in den Schredder. Also der aus Liverpool jetzt.

Das einzig Gute an der neuen Spielwiese der glorreichen Zwölf wäre gewesen, wenn sich der traditionsreiche Arbeiterverein RB Leipzig dazu bereiterklärt hätte, sich allzu gerne in die geplante Aufstockung auf fünfzehn Vereine einzubringen. Man hätte sie dann aus der Bundesliga werfen können und das weitere Schicksal wäre uns allen endgültig Brause. Aber wahrscheinlich würde der DFB den frei gewordenen Platz in der Bundesliga dann an die zweite Mannschaft des BVB vergeben. Als Dank dafür, dass der BVB der neuen Liga (Stand jetzt) ablehnend gegenübersteht. Es ist wirklich gut, dass bislang eine Absage aus München, Wuppertal und Dortmund Richtung Florentino Pérez erfolgt ist. Das dürfte schon der erste Dämpfer gewesen sein, denn Fußball können wir immer noch erfolgreicher als impfen. Die Suche nach den drei noch fehlenden Vereinen gestaltet sich somit durchaus spannend. Wer will sich noch komplett entwurzeln?

Somit gibt es für mich noch drei Ligen, die ich als spannend, erstrebenswert und dem tiefen Sinn des Fußballs entsprechend erlebe: Die zweite Bundesliga, unseren Sehnsuchtsort dritte Bundesliga und die Bezirksliga Weser-Ems. Und das Hallenturnier der Lebenshilfe Nordhorn. Bei den Pokalwettbewerben ist der DFB-Pokal durchaus noch mit der Faszination Fußball einhergehend und wird allein schon durch die Fans aufgewertet und am Leben erhalten. Wie hingegen der traditionsreiche FA-Cup als einstmals wundervollster Wettbewerb aller Wettbewerbe aufgegeben und vernichtet wurde, ist eine ganz eigene Tragödie.

Vielleicht sollten wir die neue Liga einfach komplett ignorieren. Bei Arsenal zum Beispiel klappt das doch auch ohne Super League schon immer hervorragend.

Totgesagte leben länger

Moooooment: Zu den Gefühlen der letzten Tage komme ich noch später im Text und bediene mich dazu in Auszügen der letzten Kolumne. Was ich mich aber gerade komplett irritiert, sind die Abgesänge der 11Freunde und von Liga3-Online auf unseren RWE. Unter der Überschrift lesen sich beide Artikel durchaus zugewandt, lassen bisweilen Bedauern erkennen und beziehen sich auch auf auf das kranke Ligensystem hierzulande, soweit, so gut.

Aber scheinbar wurde sich hier auch der Glaskugel bedient. Zumindest im Hause unser aller 11Freunde! Während man RWE bei Liga3 wenigstens noch auf dem bestem Wege dahin wähnt, einmal mehr am Aufstieg zu scheitern, wird man im Hause der gehobenen Fußballkultur nach dem späten Ausgleich der Kleeblätter direkt beerdigt. In Sachen Aufstiegshoffnungen natürlich nur. Des Artikels erster Satz: Rot-Weiss Essen wird auch nächste Saison nicht in der 3.Liga spielen. Werden wir doch, antworte ich mal ganz patzig darauf!  

Es sind gute und wichtige Artikel, und ich denke, dass sich beide Redaktionen weniger über eine weitere Zweitvertretung in der dritten Liga freuen, als über einen Verein der „Kategorie E“ (Gleiches dürfte für alle anderen Staffeln gelten) zum Beispiel. Das was mich also wirklich ärgert, ist der frühe Zeitpunkt der Trauerreden. Es sind noch zehn Spieltage zu spielen. Da kann man noch bis zu dreißig Punkte sammeln. Das ist ja viel aufregender als Ostern. Und wenn es ganz dramatisch kommt, mischen sich auch noch die schwertlosen aus Münster ein, könnten am Ende allen eine lange Nase zeigen und ihrerseits aufsteigen.

Wenn beide Artikel aber vielleicht nur so eröffnet wurden, um unsere Mannschaft noch einmal richtig zu motivieren, dann ist das in der Tat wahrlich gelungen. Ich würde die ersten Abschnitte vergrößern, kopieren und in der Kabine auslegen. Zehn Spieltage vor Saisonende ist die Messe in dieser Liga noch lange nicht gelesen. Den Deckel drauf machen wir erst, wenn rechnerisch nichts mehr geht! 

Ahlen:

Nach dem Auftritt auf seifigem Untergrund im schummerigen Licht von Ahlen war man natürlich in der Tat mehr als bedient. Der eigene Kompass nach Abpfiff ziemlich gestört. In etwa so wie die Kamera unter dem Dach der Tribüne des Wersestadions, die auch nicht immer auf Ballhöhe war sondern oftmals sinnlos umherfokussierte.

Den Abpfiff in Ahlen habe ich nicht mehr mitbekommen, da kurz vor Schluss aus dem Stream ausgestiegen. Wenn man so lange dabei ist, kann man durchaus schon mal ein Spiel „lesen“ und weiss, was noch passiert. Und so war dann auch der späte Siegtreffer für den Tabellenletzten die logische Konsequenz eines Spiels, welches man nie und nimmer hätte verlieren dürfen. Zu verlieren ist grundsätzlich überhaupt kein Problem, allein die Art und Weise hat mich aber in eine Art Schockzustand versetzt, in dem ich reflexartig und direkt alle eigenen sozialen Kanäle deaktiviert habe. Schließlich weiß man, was nach Niederlagen bei Twitter, Facebook & Co. Mannschaft und Umfeld an ungefilterter Wut ins Gesicht getippt wird. Derlei will ich nicht mehr lesen.

Kolumne

Sinnlos einmal mehr die Anfeindungen im Nachgang eines nicht gewonnenen Spiels. Versuche, unsere Spieler auf ihren persönlichen Accounts in direkten Nachrichten anzugehen sind spätestens ein „No Go“. Da wird eine rot-weisse Linie überschritten. Es ist ja schon unfassbar, was nach einem Spiel wie das in Ahlen in den Kommentarspalten gewütet wird. Vielleicht ist es eines Tages technisch machbar, eine Beleidigung vor dem Absenden noch einmal zu hinterfragen. Drei Sekunden Bedenkzeit können manchmal eine Menge bewirken. Fakt aber: Es sind nur wenige. Leider sind diese, wie im wahren Leben auch, immer so laut, so dass man die weiter an die Mannschaft glaubende Mehrheit nicht direkt wahrnimmt. 

Oberhausen:

Bis zum Spiel in Oberhausen wurde die eigene Krone wieder gerichtet und in Trotz umgewandelt. Dass das Trikot dann trotzdem nach dem Elfmeter ebenfalls frustriert in den Schrank gepfeffert wurde, lag in der punktuellen Natur der Sache. Dort traf es dann auf das noch zerknülltere Gegenstück aus dem Ahlen Spiel. Der abergäubige Fußallfan in mir stellte sich in Anbetracht der weißen Trikots nun die Frage, ob man vielleicht selbst schuld an den ausgelassenen Punkten dieser Woche gewesen sei. Schließlich hätte ich Auswärts ja auch das „Mauertrikot“ tragen können. Hätte ich nicht, da ich es gar nicht besitze. Das Design irgendwie nicht meins. Dafür quillt der Schrank über in den Farben Rot und Weiß. Der Auftritt in Oberhausen trotzdem couragiert und eine Wiedergutmachung für Ahlen. Auch die optische Aufbereitung des Spiels eine ganz andere als noch Tage zuvor. 

Ach Mensch, es ist schon schade, dass die Euphorie der letzten Wochen und Monate temporär  verflogen ist und viele wieder den Hafenstraßen Blues singen. Man wähnte sich auf Gefühlsebene ja fast auf den Spuren der Frankfurter Eintracht bei ihrer Sause im Europapokal. Nun müssen wir wieder für zehn Spiele in den regionalen „Recall“, und dort so vorspielen, so dass es die Konkurrenz nervös macht und ihrerseits zu Patzern zwingt. Dass es am Ende dann doch noch für den bundesweiten „Liga Drei Contest“ reichen kann, ergibt sich eigentlich schon aus unserer eigenen DNA: Wir können nicht einfach mal so mit einer geilen Saison aufsteigen. Wir sind nicht wie die Bayern und halten schon am siebten Spieltag gelangweilt die Schale hoch. Rot-Weiss Essen braucht stets das ganz große Drama, um zu scheitern oder Erfolge zu erzielen. Am letzten Spieltag, in der letzten Minute oder noch lange darüber hinaus am grünen Tisch. Und genau daher beziehe ich meinen Optimismus, dass wir noch lange nicht beerdigt werden sollten. 

Ein Stelldichein überregionaler Presse mit vielen wunderbaren, teils romantisch verklärten, Artikeln folgte Runde um Runde und Dreier auf Dreier. Wir waren zeitweise das moderne Woodstock des Fußballs, brachten Virtuosität und Leidenschaft eines Jimi Hendrix oder Joe Cocker auf und neben den Platz und Liebe in die Herzen der Fans.

Kolumne

Der nächste Gegner nun das Beste, was der designierte Zweitligist aus der Nachbarstadt aktuell zu bieten hat, nämlich seine Zweitvertretung! Die Roten gegen die Blauen. Ein schwerer Gang mit personellen Veränderungen, der fünften Gelben und einer positiven Testung geschuldet. Der Blick auf die Aufstellung also wieder ein sehr spannender. Möge diesmal die Macht wieder mit uns sein. Das Trikot passt ja auf jeden Fall wieder. Diesmal wird es das frisch gewaschene Heimtrikot mit der Nummer einundzwanzig und Spielernamen Aufstieg sein. Nomen est omen!

Diesen Beitrag nun (aktuell) nicht auf eigenen sozialen Kanälen zu teilen, ist ein bisschen wie Fußball früher, als man nach den Spielen eben im Auto oder an der Theke darüber philosophierte oder das Gesehene runterspülen musste. Fünfzehn Jahre „Im Schatten der Tribüne“, da ist man vielleicht auch ein wenig zu alt geworden, um noch im Haifischbecken der sozialen Medien mitzuschwimmen.

Nur der RWE!

PS: Es gab eine vorherige Version dieses Textes, den ich aus Versehen hier gelöscht habe. Der mir aber sprachlich viel besser gefallen hat, da mit mehr Esprit und einem Stauder getippt. Dies also nur der Versuch, den Text sinngemäß wiederzugeben. 

Der Optimist hat nicht weniger oft unrecht als der Pessimist, aber er lebt froher (Charlie Rivel)

Das war eine ziemlich aufregende Sause über 95 Minuten am Mittwochabend im Stadion an der Hafenstraße. Und ich war heilfroh, als der Schlusspfiff ertönte. Realistisch betrachtet hätte es bei andauernder Spielzeit sonst womöglich noch das zweite Tor für die Borussen gegeben oder der Unparteiische hätte irgendeinen Dummsinn gegen uns gepfiffen. Grund zu dieser Annahme bot die unglaublich beeindruckende Physis der Dortmunder. Da waren zum Schluss Duracell-Hasen unterwegs, denen man gefühlt auch noch Flügel verliehen hatte. Da konnten unsere Roten kaum noch mithalten. Aber, wir sind ja auch keine U23 mehr, sondern schon was älter. Und auch der Unparteiische fiel zu oft oft die Dortmunder Theatralik rein. Lass da dann noch mal kurz vor Feierabend einen im Strafraum den Kieler machen, und wir gucken dumm aus der Wäsche..

Ok, es kam glücklicherweise nicht zu meinen schlimmsten Phantasien, weshalb wir auch von den üblichen Verdächtigen nur Unentschieden-Frust zu lesen bekommen und nicht den noch etwas schlimmer ausgearteten Niederlagen-Frust. Also, wenn man es denn liest. Gottseidank ist dieses Spiel nun endlich gespielt. Nach der Pokalsause war es der nächste Akt, auf den sich alles konzentrierte. Zu sehr für meinen Geschmack. Die mahnenden Stimmen, dass die Saison nach diesem Spiel noch lange nicht vorbei ist, verhallten irgendwo zwischen Berne und Tankstelle. Sie ist es aber nicht, und sie geht weiter. Noch lange weiter. Vielleicht ist es das Gefühl des „Nicht mehr in der eigenen Hand zu haben“, was reflexartig immer für großen Kummer sorgt. In der Tat sind wir, stand heute, auf die Schützenhilfe anderer Mannschaften angewiesen. Aber, dass kann sich mit einem Spiel schon wieder ändern. Und dieses Wechselspiel wird uns noch einige Zeit viele Nerven kosten.

Gefühlt spielen wir gerade die Saison 2018/19 der Premier League nach (von der Dramatik her), als Manchester City und die Reds aus Liverpool eine Saison der Superlative spielten und beide den Meistertitel mehr als verdient gehabt hätten. Wieder runtergebrochen auf unsere Regionalliga bin ich aber mehr als optimistisch, dass diesmal der Titel an die richtige Mannschaft gehen wird, und zwar an unsere Roten! Wir müssen einfach nur weiter optimistisch sein und auch dran glauben, nicht jedesmal in Zweifel ausbrechen. Das ist kaum zielführend. Die Probleme, die auch Mittwoch wieder gut zu sehen waren, sehen die Verantwortlichen doch auch, und wohl auch ziemlich kompetenter. Aber wir können uns auf die Schnelle keinen zweiten Engelmann backen, der das Torverhältnis mal eben optimiert.

Rot-Weiss Essen muss nun als Kollektiv in Lauerstellung liegen und immer bereit ein, jeden Dortmunder Stolperer mit eigenen drei Punkten zu kontern. Dass dabei der jeweilige Gegner nicht nach Tabellenplatz bewertet werden darf, das hat die Elf vom Borsigplatz selbst noch vor kurzem in Ahlen erfahren.

Einwurf:

Fühlt sich dieses Kopf an Kopf Rennen vielleicht auch nochmal nerviger an, weil es sich bei dem größten Konkurrenten um eine Zweitvertretung handelt? Möglicherweise, aber eigentlich haben wir uns ja mittlerweile an die vielen Zweitvertretungen gewöhnt, der langen Verweildauer in der Regionalliga geschuldet. Und manchmal stellen die Zwoten durchaus einen sympathischen Fußabdruck ihres Gesamtvereins dar. Auswärts bei Zweitvertretungen Fußball zu gucken hat immer noch ein wenig von Fußball aus einer anderen Zeit, dafür sorgen oft schon die Austragungsstätten wie in Rheydt oder die „Rote Erde“ (Sofern Ordnungskräfte und Sicherheitsbestimmungen nicht wieder alles vermiesen).

Bei der Zwoten aus Dortmund hat sich das Bild mittlerweile kräftig gewandelt. Mit einem Markwert versehen, der ziemlich exakt im Mittelfeld der dritten Bundesliga liegt, verfügt die Mannschaft zudem über die gewaltige Infrastruktur der Fußballmacht Borussia Dortmund. So gepusht und flexibel in der Frage des jeweiligen Spielfeldes hat man es fast mit einem eigenen Verein im Verein zu tun. Trainiert von einem Trainer, der ohne Frage „Meister“ kann, aber mit seinem Auftreten am Spielfeldrand durchaus einen Platz in der „Kreischgau-Combo“ eines Julian Nagelsmann finden dürfte. Allein für solche Auftritte wünscht man sich sehnlichst die Kulisse auf den Rängen zurück. Dieses hysterische Gekreische, kundgetan durch manch Mannschaftsvertreter auf der Bank oder in der Coaching Zone, treibt jedem E-Jugend Vater am Seitenrand die Schamröte ins Gesicht. Und wie wir alle wissen, wird gerade dort oft über Gebühr sinnlos rumgebölkt. Das hat mit Fußballemotionen nicht mehr viel gemein.

Die Dortmunder Zweitvertretung also gefühlt eine Erstvertretung, denen auf schwarz-gelber Fanebene ziemlich viel echte Liebe entgegengebracht wird. Auch das ein Unterschied zu den anderen „Zwoten“. Natürlich wird vor so einem „Kracher“ auch noch die Chefetage aller Dortmunder Borussen hinzugezogen und zu den Ambitionen mit dem Nachwuchs gefragt. Und ebenso natürlich wird von dort bekräftigt, wie wichtig ein Aufstieg für den Gesamtverein ist, um Talente an die Bundesliga heranzuführen und so weiter und so weiter. Das übliche halt. Keiner würde sich doch in München oder Dortmund vor das Mikrofon stellen und sagen, dass es für den Fußball viel besser wäre, wenn die Zweitvertretungen in einer eigenen Nachwuchsrunde spielen um sich zu entwickeln. Entwickelt haben diese jungen Dortmunder hingegen schon die ganze Palette am Habitus der Profikollegen, lassen sich gerne schon mal bedarfsorientiert fallen, wenn es der Situation zuträglich ist. 

Einwurf Ende.

Es ist nun gespielt, und am Status Quo hat sich durch das Unentschieden im Vergleich zu vor dem Spiel nichts verändert. Aber vielleicht können wir uns alle nun wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser bewegen und von Spiel zu Spiel denken. Nicht mehr von Kracher zu Showdown und den vielen anderen Superlativen der vergangenen Wochen. Da wird man ja auch ganz wuschig im Kopf. Die Mannschaft muss malochen was das Zeug hält, und wir sollten optimistisch bleiben. Es geht wie immer nur gemeinsam. Isso!

Niemals aufgeben!

Wer zusammen gewinnt, der auch gemeinsam verliert.

Das sollte unter Sportlern und Fans eigentlich von Haus aus gemeinsamer Konsens sein. Wie wissen aber natürlich alle, dass es leider nicht so ist. Schmerzhaft festzustellen aktuell in den Kommentarspalten nach der ersten Pflichtspielniederlage unserer Mannschaft seit dem 2. Februar 2020. Wenn ich mich in meiner Emotion gerade nicht verrechnet habe, wurde mit dem heutigen Spiel am Flinger Broich seit 389 Tagen wieder das Spielfeld als Verlierer verlassen. Nach dreihundertneunundachtzig Tagen! Soll ich es nochmal schreiben? Bitte: Nach dreihundertneunundachtzig Tagen hat Rot-Weiss Essen mal wieder ein Pflichtspiel verloren.

Und was muss man lesen? Stellvertretend für manch Kommentar darf ich für mich in Auszügen die Krönung der Absurdität vortragen, die ich zu lesen bekam:

„Ihr verspielt uns noch den Aufstieg mit Eurer Rückrunde, dass ist schon vereinsschädigend was Ihr macht. 4 Punkte aus 3 Spielen wie ein Abstiegskandidat. Wenn nicht jetzt was passiert, muss das Konsequenzen haben“.

Facebook

Hier möchte man fragen: Was genau ist daran vereinsschädigend (Ich habe mir erlaubt, die Interpunktion hinzuzufügen)? Und macht ein Abstiegskandidat immer vier Punkte aus drei Spielen? Die Blauen nebenan würden für solch eine Punkteausbeute einiges geben. Und vor allem: Was ist daran vereinsschädigend, wenn man nach, ich schreibe es noch einmal: dreihundertneunundachtzig Tagen ein Pflichtspiel verliert? Das ist aller Ehren wert, aber definitiv nicht vereinsschädigend. Dem Verein schaden kann höchstens eine solche, offen zu Tage gelegte Erwartungshaltung, die keine Niederlage akzeptiert. Und wem verspielt die Mannschaft den Aufstieg? Den, der erst im Mai endgültig entschieden wird? Und uns? Natürlich sind wir alle Rot-Weiss Essen, auch wenn nach solchen Spielen diese Kommentarkultur Zweifel daran gestatten. Aber zuallererst hat sich die Mannschaft an diesem Freitag Abend mit einem Negativerlebnis aus Düsseldorf verabschiedet.

Und sie hat es gar nicht schlecht gemacht, war spielbestimmend. Es gab gute Ballpassagen und der Einsatz hat wie immer gestimmt. Es gab halt dummerweise auch noch einen Gegner, der sich auf das Trefflichste darauf verstanden hat, blitzschnell durch unsere Reihen zu stoßen und daraus drei Tore zu machen. So what? Passiert, nennt sich Sport!

Und Mittwoch bekommen wir vielleicht schon die nächste Klatsche. Ich sach`s ja nur, denn dann könnte man die höhnischen Kommentare schon vorher vorbereiten. Gibt nur ein Problem, wenn wir gewinnen sollten. Dann aber bitte nicht versehentlich die falschen Kommentare abschicken. Sicher ist es dann ja wieder die geilste Mannschaft der Welt, die uns nach Berlin bringen wird, und so weiter und so fort.

Ich bin fast froh, dass unsere großartige Serie gerissen ist. Denn die Mannschaft wurde fast nur noch damit verknüpft. Es bedarf aber auch Rückschläge, um daran wieder zu wachsen und erneut eine Serie zu starten. Man sieht das ja in Gelsenkirchen: Eine großartige Serie wurde durch einen Erfolg zerstört. Dann haben sich alle mal wieder den Mund abgewischt, es wurde einmal durchgeschüttelt und weiter ging es mit der Niederlagenserie. Und so machen das Christian Neidhart und seine Mannschaft nun auch. Natürlich andersherum!

Im Ernst: es ist gut, sich der Last des Unbesiegbaren entledigt zu haben, sich wieder neu konzentrieren und aufstellen zu können. Zudem spielen wir die Saison der Unwägbarkeiten in einer Zeit, die gerade allen so viel abverlangt. Vielleicht, ganz vielleicht, kann man sich dann auch manches Mal einen solchen Kommentar sparen (der hier wirklich nur stellvertretend steht, und keinen an den Pranger stellen will), und der Mannschaft stattdessen für diese dreihundertneunundachtzig Tage danken und ihr die vorbehaltlose Unterstützung weiterhin zuzusichern.

Welche Konsequenzen kann diese Niederlage denn nun haben? Was schwebt dem- oder derjenigen vor? Die einzige Konsequenz kann doch nur lauten, noch lauter „Nur der RWE!“ zu rufen.

Es geht nur gemeinsam!

Drüber hinweg.

Die mediale Vorbereitung auf die zweite DFB Pokalhauptrunde ist schon was feines. Alles ist eine Spur intensiver als vor einem normalen Ligaspiel und die Reichweite unweit größer. Und so geschah es am Tage der Wintersonnenwende im Jahre des Fußballs Zwanzigzwanzig, dass der RWE nach vielen Jahren der Knechtschaft RevierSport wieder auf der Titelseite des altehrwürdigen Kicker zu finden war. Fast zeitgleich wurde auf der offiziellen DFB Seite eines sozialen Netzwerkes ein Bericht eingestellt, welcher sich in wenigen Minuten mit unserem aktuellen Lauf, der Pokalhistorie und überhaupt befasst (Das Marcel Platzek nun schon seit Jahren neben dem Boss vorm Stadion sitzen muss, dass wusste ich nicht. Der Arme!). Nach dem Durcharbeiten beider Berichte manifestierte sich ein kleines Wunder, welches einen möglichen Einzug in Runde drei noch nicht einmal annähernd zum Inhalt hat. Schließlich wäre es kein Wunder, wenn Rot-Weiss Essen gegen Fortuna Düsseldorf gewinnt, sondern das Ergebnis des mindestens einen Treffers mehr.

Das kleine Wunder, wenn man es denn so nennen mag, spielte sich im Kopf ab: Die Schmerzen sind urplötzlich weg. Die erdrückende Last. Dieses ständige Gefühl zu scheitern. Lübeck ist wieder Holstentor und Marzipan statt Gegentor und was auch immer sich negatives darauf reimt. Wenn ich jetzt den Artikel lese und die Vorschau ansehe, dann bin ich stolz auf das bisher erreichte in dieser Saison und erfreue mich an der Traube herumhüpfender Männer in unseren Trikots und an all denen, die sich nach Spielende im ritualisierten Kreis einfinden. Zur Mannschaft gehören doch so viel mehr als die Elf auf dem Rasen. Und schon gar nicht sollten wir nun zulassen, dass sich ewig Unzufriedene mindestens wieder eine „arme Sau“ aussuchen, die es durch das Dorf zu treiben gilt. Das sollte tunlichst unterlassen werden. Es hat sich noch nie gehört, diese Unsitte, aber es gehört sich schon mal gar nicht einer Mannschaft gegenüber, die mit knackigen fünfzig Punkten ungeschlagen an der Tabellenspitze steht! Mein Weihnachtswunsch daher: Jegliche Ambitionen diesbezüglich am besten direkt wieder unter die Tatstatur kehren.

Rot-Weiss Essen hat den Turnaround geschafft, auch wenn mit der inoffiziellen Herbstmeisterschaft natürlich erst ein Etappensieg errungen wurde.  Aber für unser Wohlbefinden ist ist so viel mehr passiert, als nur dieser inoffizielle Titel. Marcus Uhlig hat sich tatsächlich nicht umsonst jahrelang den Mund fusselig geredet, dass alles besser wird, während wir noch und immer wieder abgewunken haben. Die Fusseln lassen sich hinter der Maske ja gerade richtig schön verstecken, so dass das Opfer wenigstens nicht optisch auffällt. Und dann Jörn Nowak: Argwöhnisch beäugt zu Beginn möchte man heute gerne mal einen Blick in seine Telefonkontakte werfen. Bob der Baumeister wäre stolz auf das bisherige Bauwerk Rot-Weiss Essen. Wir haben eine Mannschaft und Jörn Nowak hat daran maßgeblich gewerkelt. Danke dafür! Warum man im Emsland Christian Neidhart bittere Tränen hinterher geweint hat, scheint nun auch von Woche zu Woche klarer zu werden. Die absolut überraschendste Personalie eigentlich, hatten wir doch erst mit seinem Vorgänger den erhofften Hochkaräter und Aufstiegsgaranten an die Hafenstraße gelockt. Aus Gründen musste dieser gehen und so kam eben jener Christian Neidhart, der direkt das Ziel Aufstieg vorgab. Kein herumeiern, sondern klare Kante. Das hat scheinbar weitere Kräfte freigesetzt.

Neben dem genannten Führungstrio sind natürlich so viele andere Rot-Weisse rund um die Uhr für den Erfolg der Mannschaft beschäftigt. Auch ihnen allen herzlichen Dank für diese aktuelle Momentaufnahme und erstem großen Titel seit dem Zwiebelpokal 2015. Wenn diese Erfolgsstory dann tatsächlich bis zum Sommer andauern sollte, dann hat der gleichnamige Peter seinen mehr als großen Anteil daran. Schließlich ist man als Zeugwart und Betreuer immer die Seele einer Mannschaft. Vergangenen Samstag gegen den FC Wegberg-Beeck konnte man zwischendurch den Eindruck bekommen, dass es diesmal die erste Saisonniederlage geben könnte, so aufmüpfig waren die Wegberger auf dem Feld unterwegs. Glücklicherweise schwanden die Kräfte der Wegberger zum Ende des Spiels doch deutlich, auch wenn sie für Schalke 04 wohl noch locker gereicht hätten. Die Generalprobe für das Fortuna Spiel somit ergebnistechnisch geglückt, auch wenn es darstellerisch an diesem Samstag durchaus gehapert hat. Aber genau das macht dann ja wieder den Optimismus für das Pokalspiel aus. Schließlich sind wir drüber hinweg, schauen nach vorne und nicht mehr zurück. Alles auf Sieg! 

Fachmänner für Bodenbeläge

Ker, was geht es uns gut gerade. Also im übertragenen Sinne natürlich. Unsere Mannschaft bereitet uns wirklich Freude. Was lange währt, könnte endlich gut werden. Vielleicht schon kommendes Jahr, wenn so viel anderes auch wieder gut werden könnte. Man muss die Jungs in unseren Trikots jetzt nicht mehr vor jedem Spiel fragen, wie es sich anfühlt, ohne Fans zu spielen: Das fühlt sich Kacke an. Punkt! Und wird vor jedem wichtigen Heimspiel neu gefragt einfach nicht besser. Wir fehlen Ihnen und sie fehlen uns. Aber deshalb sind wir trotzdem immer dabei. Wie heißt es doch in den Gesängen: „Wir ziehen voran, als Euer zwölfter Mann. Durch Regen und Stream. Durch Sturm und Radio…RWE ohoooo“. Also, wir wuppen das trotzdem gemeinsam. Speziell schon Morgen wieder gegen die Wuppis.

Natürlich ist man allein aufgrund der Tabellensituation Favorit gegen den WSV. Wir sind oben, und sie relativ im Tal der Tabelle. Aber noch sind wir nicht bei Mittwoch, sondern bei der Aufarbeitung der vergangenen, erfolgreichen Woche. Und bei einer Schlagzeile, die man ewig lesen könnte: „BVB demontiert Schalke und bleibt RWE auf den Fersen“. Natürlich hat sie zwei kleine Schönheitsfehler: Zum einen hätten sich die Blauen mit ihrer Zwoten nur einmal genau so anstrengen können wie noch gegen uns, und zum anderen bleiben doch eher unsere Roten den Schwarz-Gelben auf den Fersen. Realistisch betrachtet, sollten die jungen Borussen ihre beiden Nachholspiele erfolgreich gestalten. Aktuell sind die Spiele aber nicht gespielt, und somit grüßen eben die Kicker von der Hafenstraße ziemlich fröhlich von der Tabellenspitze. Sechs Punkte und sechs Tore die Bilanz der vergangenen Woche. Man muss das als RWE auch einfach beiseite schieben, und kann den BVB jetzt nicht andauernd als über einem schwebendes Damoklesschwert von Woche zu Woche mitnehmen. Das klärt sich alles im Laufe der Saison.

Das Spiel unter der Woche verblüffte Anwesende durch einen Auftritt der jungen Fohlen, der so gar nicht einer traditionell spielstarken Zweitvertretung ähnlich sah. Man überließ uns ja fast komplett Ball und Raum, so dass sich die Essener über mehr Ballbesitz freuen durften, als manch Kind im Bällebad eines Möbelhauses. Ecken und Abschlüsse ebenfalls en masse vorhanden, es war gar von einem Klassenunterschied die Rede, doch der verdiente Lohn in Form eigener Tore blieb bis weit in die zweite Hälfte verwehrt. Sandro Plechaty war es dann mit seinem ersten Saisontor, welches allen Fans vor den Empfangsgeräten den Blutdruck zu senken vermochte. Man kennt das ja aus früheren Jahren, wo eine hemmungslose spielerische Überlegenheit schon mal in einem eiskalten Gegentor mündete. Doch auch das in diesem Jahr kein Thema: In der Schlussminute traf dann Isaiah Young ebenfalls das erste Mal für die neuen Farben und ein Geduldsspiel nahm ein gutes Ende. Gut zu wissen, dass es auch mal die Kollegen waren, die das mit den Toren geregelt haben.

Wieder einmal drei Punkte gegen den Trübsinn der Aktualität und gegen das Gefühl, nichts dazu beitragen zu können, dass es gerade so gut läuft wie es läuft. Aber, besser es läuft gerade ohne uns, als dass es mit uns nicht laufen würde. Ball flach halten, Pobacken zusammenkneifen und Punkte zählen. Das ist das, womit wir gerade am besten helfen können. Shoppen geht natürlich auch. Die neuen Klamotten noch mehr ansehnlich als die „Linie“ der vergangenen Saison schon. Da wird die schlabberige RWE Jeans ganz gebleicht vor Neid, denn endlich bekommen wir den Traum tragbarer Alltagszugehörigkeiten weiter und immer weiter erfüllt.

Am Samstag ging es dann ja nach Duisburg zur derzeitigen Nummer Eins der Stadt, dem VfB Homberg. Vergangene Saison noch im Wedaustadion des designierten Absteigers ausgetragen, konnte auch diese Begegnung ohne Zuschauer locker auf angestammten Homberger Geläuf gespielt werden. Wobei Geläuf als Begrifflichkeit für das Spielfeld im PCC Stadion der VfB’ler noch sehr charmant umschrieben ist. Trainer Neidhart erwies sich aber als Fachmann für Bodenbeläge und passte diesen einmal mehr Aufstellung und taktische Ausrichtung bestmöglich an. Da auch der VfB Homberg keinesfalls gewillt war, den Essenern den Platz so zu überlassen, wie es noch am Mittwoch in Rheydt der Fall war, entwickelte sich ein munteres Spiel. Mit einer frühen Führung für den RWE! Simon Engelmann war es, der sein Torkonto weiter zu erhöhen wusste. Die kurze Irritation darüber, dass auch andere Rot-Weisse wissen, wo das Tor steht, somit kurzzeitig geklärt.

Anhand der Bewegtbilder wähnte man sich zwischendurch übrigens auf einer Nordseefähre bei Windstärke acht oder neun, so sehr windete es in Rheinnähe und pfiff es aus den Lautsprechern. Die Schleppkähne auf dem Rhein im Hintergrund und die zahlreichen, in ausreichendem Abstand zueinander stehenden Zaungäste vermittelten einmal mehr in dieser Saison ein uriges Gefühl in der Betrachtung. Mitte der ersten Halbzeit knallte dann unser Fußballgott Marcel Platzek den Ball mit einem satten Rechtsschuss in des Gegners Tor und rechtfertigte mindestens damit seinen Platz in der Startaufstellung. Diese Flexibilität aktuell das ganz große Plus bei RWE. Die Aufstellung vor dem Spiel mittlerweile ähnlich spannend wie noch vergangene Saison, aber der Matchplan dahinter irgendwie strukturierter. Da in Rheydt auch Sandro Plechaty Lust am Tore schiessen gefunden hatte, legte er in Homberg zum zwischenzeitlichen 3:0 noch vor der Pause nach. Es ist wichtig, dass immer mehr Spieler treffen und so die Last des Torerfolgs auf mehrere Schultern verteilen. Aber natürlich blieb es doch an Simon Engelmann, die beiden anderen Treffer mit seinem zehnten Tor zu umrahmen, so dass es schlussendlich der erste deutliche Erfolg der Rot-Weissen wurde.

Man könnte sagen, dass die Torkuh vom Eis geholt und der Torbock umgestossen wurde. Man kann es aber auch lassen, weil es sich irgendwie bescheuert liest. Was man aber unglaublich erleichtert zur Kenntnis nehmen kann ist, dass Simon Engelmann bei uns einfach dort weitermacht, wo er in Rödinghausen aufgehört hat. Das ist eine der großen Überraschungen dieser Saison. Bislang war es doch eher so, dass neue Spieler oftmals ihre großen Qualitäten beim abgebenden Verein im Spind haben liegen lassen. Wir haben da so unsere Erfahrungswerte gesammelt. Ein weiteres Indiz also für die (sportliche) Saison der Saisons.

Abseits der Hafenstraße gab es rund um das runde Leder noch zwei bemerkenswerte Meldungen: Der FSV Mainz hat sein erstes Saisonspiel gewonnen und damit Gelsenkirchen den Platz der Plätze überlassen. Und der von mir sehr geschätzte Kicker fragt in einem großen Interview ausgerechnet den Boss der Dosen, wie sich die Zukunft des Fußballs darstellen kann. Ey, dann kannste auch eine Pizza fragen, ob sie sich eine Zukunft nach dem Backblech vorstellen kann. Da bedarf es anderer Stimmen, die gehört werden müssen. Aber definitiv nicht die aus Fuschl am See.

Emotional Rescue (Stones)

Man ist ja mittlerweile soweit, dass man sich vermehrt Sportdokumentationen verschiedenster Mannschaftssportarten aus vergangenen Jahren anschaut, nur um mal wieder ein wenig Flair genießen zu dürfen. In einer dieser Dokumentationen sprach ein Trainer davon, dass seine Mannschaft und die Fans ein enormes emotionales Investment vornehmen müssten, um das Derby zu gewinnen. „Emotionales Investment“, vielleicht genau die Begrifflichkeit, mit der sich umschreiben lässt, was uns allen zur Zeit aus gegebenem Anlass so sehr fehlt.

Spielergebnisse, Tabellen, Neuverpflichtungen, taktische Spielereien und so weiter, dass alles ist die eine Seite des Fußballs. Die Seite, die wir ja auch ohne Probleme (es sei denn, Spiele müssen aufgrund positiver Verdachtsfälle/Erkrankungen abgesagt werden) weiter verfolgen können. Und so konnten wir am Samstag den erneut temporären Sprung unserer Rot-Weissen an die Tabellenspitze der Regionalliga West verfolgen. Also im eigentlichen Sinne. Denn aus Bergisch-Gladbach gab es keine Bewegtbilder zu betrachten. Verwöhnt durch die eigenen, mittlerweile richtig stabil laufenden, Übertragungen aus der Sendeanstalt „97a“ sowie von den bisherigen Auswärtsspielen machte sich fast Verblüffung breit, als es zu realisieren galt, dass wir ausschließlich den alten Tugenden Fanradio und Liveticker die volle Aufmerksamkeit schenken durften.

Beide Medien konnten aber nicht viel Glanz in ihre Berichterstattung bringen, denn die auf einigen Positionen veränderten Rot-Weissen brachten auch gegen den Gastgeber und Kellerkind SV Bergisch-Gladbach wohl eher keine Kür, sondern die Pflicht auf den Rasen. Sich mit Schwung dem Strafraum zu nähern fiel auch diesen Samstag erneut etwas schwerer. Und so können wir froh sein, dass jedes Spielfeld auch Elfmeterpunkte beinhaltet: Letztendlich mussten zwei Elfmeter her, um nach dem Spiel mit Drei Punkten nach Hause zu fahren. Weiter ungeschlagen! Wieder gewonnen und erneut an der Tabellenspitze. Eigentlich könnte uns allen doch die Sonne aus den Knopflöchern strahlen, was sie im tabellarischen Sinne auch durchaus zu tun vermag.

Aber, da ist zum einen diese ungerade Tabelle, die bei einer Mannschaft acht gespielte Spiele aufweist, bei einer anderen wiederum schon deren vierzehn. Doch da ist auch das Gefühl, dass was fehlt. Das irgendwas lähmt. Und da kommt für mich wieder das emotionale Investment ins Spiel. Unsere Spieler machen gerade alle ihren (guten) Job und sind sicher mehr als froh, diesem weiter nachgehen zu dürfen. Aber Fußballer spielen nicht nur für sich selbst. Fußballer stehen selbst in der Kreisklasse auf einer Bühne und leben von der Anfeuerung und den Emotionen von außen. Fußballer bei Rot-Weiss Essen bedeutet sogar die ganz große Bühne. Die große Klaviatur der Emotionen, negativ wie positiv. Vielfach rauf- und runter zwischen Anpfiff und Abpfiff gespielt.

Alles wirkt auf dem Platz gerade langsamer und freudloser ohne Fans. Ohne die verschiedensten Lager vor Ort, die ein Stadion zu bieten hat. Keine aktive Szene, keine Dauernörgler. Keine Kutte und kein Modefan. Wir, die wir die Ergebnisse sonst in Freude vereint rausschreien oder nach schlechtem Ausgang aus Frust verbal vor uns hin rotzen, nehmen die Ergebnisse nur noch wohlwollend hin. Nicken diese ab und halten durch. Dem Gebot der Stunde folgend. Je weniger Kontakte, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass weitergespielt wird. Immer weiter. Und mit jedem positiv gestaltetem Spiel steigen unsere Chance, dass ersehnte Ziel Aufstieg zu erreichen. Man kann nicht mal applaudierend anerkennen, wie lange unsere Jungs nun schon ungeschlagen von Spiel zu Spiel eilen.

Der Funke, der sonst vom Feld auf die Tribünen springt und umgekehrt. Dieser Auslöser jedweder Emotionen im Kulturgut Stadionbesuch, dieser Funke kann aktuell einfach nicht gezündet werden und hockt irgendwo verzweifelt in den Stadionkatakomben. Wartet drauf, wieder ins Spiel eingreifen zu dürfen. Man kann das auch nicht kompensieren, indem zum Beispiel die Stadionregie in höheren (TV-) Ligen trotz verwaister Tribünen das komplette Animationsprogramm abzieht und bei Toren schier eskaliert. Das ist schlicht peinlich. Wir müssen nun irgendwie einen Weg finden, unserer Mannschaft trotz Abwesenheit zu vermitteln, dass es für uns das Größte ist, wenn sie auflaufen und für unser Emblem alles geben. Dass unser Tag trotzdem von diesen neunzig Minuten dominiert wird, in denen Rot-Weiss spielt. Und das wir uns bei ihr genau diese Emotionen wünschen, als wenn wir da wären. So schwer es auch fallen mag. Vielleicht also müssen wir den Spielern noch einmal auf andere Art vermitteln, dass wir auch jetzt den Schub geben wollen, den sonst nur ein volles Stadion zu geben vermag. Aber wie kann solch schwieriges Unterfangen gelingen?

Abseits dieser Gedanken wurde die zweite Runde des DFB Pokals ausgelost. Und was soll man schreiben: Corona hat auch seine guten Seiten! Endlich werden Auslosungen wieder wie Auslosungen durchgeführt und nicht zu einer peinlichen Show verhunzt. Ich muss ja gestehen, mich hat die schiere Angst gepackt, dass wir es ausgerechnet jetzt mit den Blauen zu tun bekommen. Das einzig wahre Derby nach so vielen Jahren, und dann vor leeren Tribünen. Dann hätte 2020 endgültig den Hut nehmen können. So bliebt es weiterhin eher das kalendarische Gelsenkirchen. Die Ziehung nun für uns direkt eine „Auslosung interruptus“, denn schon nach der vierten Kugel war alles vorbei: In der zweiten Runde des DFB Pokals ist erneut die Düsseldorfer Fortuna zu Gast. Ebenso wie gegen Arminia Bielefeld der zweite Anlauf unserer Roten binnen weniger Jahre.

Und nehmen wir Bielefeld als gutes Omen, steht der dritten Runde ja nicht viel im Weg. Außer, dass wir auf den Rängen wohl immer noch nicht in emotionales Investment investieren dürfen. Aber, hoffen darf man immer!  

„Früher war alles gut, heute ist alles besser. Es wäre besser, wenn wieder alles gut wär“ (Heinz erhardt)

Eines ist klar: In einigen Wochen wird keiner mehr über das vergangene Spiel gegen den einzig wirklichen Namensvettern aus Ahlen reden. Es steht dann als schlichtes 3:2 in den Weiten der Spieltagsschemata gängiger Sportportale oder auf der eigenen Homepage. Ebenso wie auch das 1:0 gegen Arminia Bielefeld irgendwann nur noch ein Ergebnis aus der ersten DFB Pokalhauptrunde sein wird. Aktuell aber beschäftigt uns das Spiel vom Mittwochabend wohl mehr, als es uns lieb sein dürfte. Das zudem auf mehreren Ebenen.

Unter dem Strich bedeuten drei Punkte im Fußball zuallererst, alles richtig gemacht zu haben! Schließlich hat man doch die maximale Ausbeute aus den neunzig Minuten herausgeholt. So weit, so gut. Aber der Weg dorthin an diesem Abend gegen Rot-Weiss Ahlen war ein besonders holperiger. Bisweilen unerklärlicher! Sowohl auf dem Platz, als auch vor den Empfangsgeräten. Ein defekter Router, soviel mittlerweile bekannt, der Grund dafür, dass weite Teile des Spiels nicht wie gewohnt zu sehen waren. Das kann passieren und fühlt sich im Nachgang natürlich bei weitem nicht mehr so schlimm an, wie am Abend selbst, wenn man für Übernachtungsgäste aus der Schweiz alles für einen schönen Fußballabend vorbereitet. Der Onkel als leidenschaftlicher FC Zürich und sein Sohn als Grasshoppers Fan sind sportlichen Kummer gewohnt, daher wollte ich ihnen endlich einmal tollen Fußball zeigen. Das die beiden entgegen meiner Planung erst nach Abpfiff von einer weiteren familiären Verabredung zurück waren, war also unter dem Strich so schlecht nicht. Sämtliche emotionale Handlungen meinerseits dem Standbild und zwischenzeitlichen Ergebnissen gegenüber blieben den beiden somit glücklicherweise verborgen.

Man geht heutzutage wohl nur noch davon aus, dass Technik immer zu funktionieren hat. Zumal die Erstausstrahlung gegen den SC Wiedenbrück von „B“ wie Bild bis „K“ wie Kommentierung eine ziemlich runde Sache und jeden Euro wert war. Es war diesmal leider eine frustrierende Angelegenheit, Punkt! Galgenhumor oder der Verweis auf Preis/Leistung in den sozialen Medien nach sich ziehend. Beleidigungen Soccerwatch gegenüber jedoch genau so unangebracht wie Beleidigungen der Mannschaft oder Verantwortlichen des Vereins ob der gezeigten sportlichen Leistung gegenüber. Nur weil es (einmal mehr wohl) in der Liga nicht direkt so läuft, wie erwartet. Wem hilft das außer keinem? Natürlich hat sich der Verein in Anbetracht seines Kaders und dem natürlichen Anspruch weit aus dem Fenster gelehnt und diesmal das Ziel in Großbuchstaben ausformuliert. Kein kleingedrucktes mehr. Und natürlich hat das die Ligakonkurrenz auch dankend angenommen und RWE schon mal vorab zum Meister gekürt ( Wohlwissend warum). Blöderweise führt das jetzt gelegentlich dazu, dass unser heimischer Viertligist mit einem notorischen Dauermeister aus München verglichen wird. Unter 8:0 alles eine Enttäuschung also. Da packste Dich doch an den Kopp, das kann in unserer Realität einfach nicht funktionieren. Auch die ersten Forderungen zur Trainerentlassung können schlicht nicht ernst gemeint sein. Klar, wir haben natürlich schon Herbstanfang, aber man sollte einem Trainer trotzdem erst einmal zehn Spiele Zeit geben, bevor wir seinen Kopf auf das Schafott legen. Die Saison hat doch auch erst später begonnen. Aber klasse, das wir wenigsten wieder einen Torwart wie die berühmte Sau durch das Dorf treiben wollen. Man hatte es ja fast schon vermisst. Applaus, Applaus.

Man kann doch einfach auch mal so enttäuscht sein über die Leistung. Sogar entsetzt über das leichtfertige Entstehen zum Beispiel des ersten Gegentores. Von dem Ding da kurz vor Spielende ganz zu schweigen. Man kann auch sein Unverständnis darüber äußern, warum gegen Bielefeld eine solch knorke Mannschaft auf dem Feld steht, gegen Wiedenbrück und Ahlen dann aber eher ein Arbeitskreis, der noch erarbeiten muss, wer für welche Aufgaben auf dem Feld zuständig ist. Aber das ist doch ganz einfach: Alle für alle natürlich. Hafenstraße Essen ey, da wird malocht und schon mal einer umgehauen, wenn es dem eigenen Erfolg dienlich ist. Nette Abendbegleitungen für den Gegner bedarf es da nicht. Nee, das hat einmal mehr Nerven gekostet. Und doch ist es ganz am Ende ein Dreier für uns geworden. Kein flotter natürlich, denn normalerweise verlieren wir solch ein Spiel. Und wahrscheinlich hätten wir es vor vollen Tribünen sogar wirklich verloren, denn wir alle wissen, welche (verständliche) Unruhe bei solch Spielverlauf auf den Rängen geherrscht hätte. So aber bleibt unter dem Strich doch noch eine kleine Erfolgsgeschichte zu verbuchen. Eine Erfolgsgeschichte, die uns einmal mehr hat altern lassen.

Samstag geht es für unsere Mannschaft nach Lippstadt. Schon in der vergangenen Saison kein leichter Gegner, wird es auch diesmal sicher kein leichter Gang. Jeder will doch dem RWE ein Bein stellen auf dem Weg in die Drittklassigkeit. Für die Mannschaft wird es nun wichtig sein, der vorhandenen Qualität auch die nötige breite Brust und Drecksackmentalität folgen zu lassen, die es als Favorit auf den Titel braucht. Nochmal: Wer uns aus dieser Liga führt, der baut sich sein eigenes kleines Denkmal an der Hafenstraße. Allein dafür lohnt es sich zu rennen und zu kämpfen, bis der Abpfiff ertönt und der Sieg unser ist. Und wir alle da draußen, vielleicht atmen wir einfach noch einmal etwas lockerer durch den Rot-Weissen Schlüpper, bevor wir schon wieder alles in Sack und Asche kommentieren. Der Fairness halber: Das war aber auch wirklich schwere Kost gegen den Aufsteiger aus Ahlen ( Allein schon für deren wildes herumgeschreie hätte es doch mal auf die Socken geben müssen…).

Alles wird gut! Nur der RWE!

Wir alle leben mit einer an unseren Sehnsüchten gestrandeten Seele…(Elmar Kupke)

Zitate sind was schönes, lassen sie doch ab und an sogar auf einen intellektuellen Text hoffen. Um dann doch eher der Vertiefung eigener Gedanken zu dienen. Als Fan von Rot-Weiss Essen leben wir ja schon lange mit unserer gestrandeten Seele. Allerdings war die Sehnsucht bis vor wenigen Wochen noch eine ganz andere. Diese tief in uns verankerte Sehnsucht nach was Besserem. Eine Sehnsucht zudem, die bei zuverlässiger Nichterfüllung der vergangenen Jahre zu oft in zu vielen von uns Verhaltensmuster zu Tage brachte, die einem guten Miteinander nicht förderlich waren. Was haben wir die Mannschaft verbal lang gemacht; uns von ihr und Verein abgewandt. Natürlich gerne verbunden mit dem Satz aller Sätze frustrierter Fußballfans: „Hier komme ich nie wieder hin, nächsten Samstag wird gegrillt…“

Ach, was waren das noch für Sehnsüchte. Wie schön war es doch, den eigenen Verein Scheiße zu finden. Es konnte doch keiner ahnen, dass es mal eine Zeit geben wird, in der  wir uns nicht damit befassen „müssen“, was unser aller RWE Woche für Woche so anstellt. Hans-Christoph Neuert (Wer kennt ihn nicht…) hat irgendwann mal geschrieben:

„Seit Du nicht mehr da bist vermisse ich auch mich“.

Ich denke, dieser Satz trifft es ganz gut, unsere Sehnsucht mit der aktuellen Situation zu verbinden. Der Fußball ruht, die Gesellschaft pausiert und unser RWE (Wie  so viele andere auch) steht somit an einem dramatischen Scheideweg! Sein oder nicht sein ist vielleicht noch nicht die Frage, aber sie kann eines Tages eine werden. Natürlich ist der RWE aktuell noch da, und befeuert unsere Sehnsüchte nach ihm auch ziemlich vortrefflich mit Einspielungen im leeren Stadion, Spielszenen und dergleichen online. Die Medienabteilung zeigt dem Virus den Mittelfinger und uns, was uns fehlt.

Uns fehlt der RWE, den wir besuchen und „anfassen“ können. Er ist gerade nicht da (Den Umständen entsprechend ist das auch mehr als gut so) und somit vermisse ich auch mich. Also mindestens den Teil von mir, der Rot-Weiss Essen lebt. Was ist das denn für ein Leben, wenn man sich nicht mehr auf ein Spiel freuen darf, nur um sich danach doch nur darüber aufzuregen? Was macht man nun mit den Tagen und Stunden, in denen man ständig „Opa Luscheskowski“ oder anderes vor sich hin gesummt hat?

In seinen Antworten auf ausgewählte Fragen zur aktuellen Situation lässt „Zeheoh“ Marcus Uhlig mehr als nur durchblicken, dass die Lage ernst ist. Denn es betrifft nicht nur einen (unseren) Verein als solches. Es betrifft auch Sponsoren, die schlimmstenfalls ihrerseits seit Wochen ohne Einnahmen sind. Wie will man da seinen Verpflichtungen nachkommen, auch wenn das Rot-Weisse Spenderherz noch so gerne sein Füllhorn über den Verein ausschütten würde? Und wie soll der Fan seinen Verein aktuell virtuell oder via Online Shop unterstützen, wenn er ebenfalls in Kurzarbeit geschickt wurde; vielleicht sogar kurz davor steht, seinen/ihren Job zu verlieren? Wir sind Essen, da hat man außer seinem RWE nicht allzu viel auf der Tasche!

Aber, noch ist nicht aller Tage Abend und ich glaube, dass wir eines Tages wieder anne Hafenstraße pilgern werden! Das am Fancontainer frisch erworbene „Rot-Weiss Essen, Corona ficken & vergessen“ Shirt in der einen und das reelle Stauder in der anderen Hand. Vielleicht haben wir Probleme, die üblichen Bekannten zu entdecken, da das Haupthaar eher an Siebziger Jahre Parties erinnert denn an aktuelle Frisuren und manche Matte die Augen trübt. Aber, egal gegen wen das erste Spiel „danach“ auch stattfinden wird, und egal in welcher Liga: Unsere Lieder dürften so intensiv gesungen werden, wie lange nicht mehr.

Geht man dieser Tage mit dem gebotenen Abstand  vor die Tür, so ist festzustellen, dass die Natur einen so freundlich begrüßt, wie schon seit Jahren nicht mehr. So bedrohlich das Szenario auch ist, so beunruhigend zudem…so sehr sehe ich auch eine Chance darin, daraus zu lernen. Zu reduzieren; Wertschätzung zu zeigen. Respekt und Zusammenhalt zu leben. Und dann kann auch Rot-Weiss Essen weiterleben. Als Einheit zwischen Verein, Fans und Finanzen. In der Gewissheit, dass unsere Seele alles verkraften würde: Außer einem Leben ohne Rot-Weiss Essen. Und vielleicht gucken wir einfach noch mal auf unser Konto, ob nicht doch noch ein Besuch im Online Shop drinsitzt. Jeder Cent hilft unserer Perle vonne Hafenstraße.

Bleibt gesund!

 

 

 

Und jetzt das Wetter…

Der DFB als Weltbester Spaltpilz hat es einmal mehr geschafft, den Fußball unseres Landes effektiver zu teilen, als es jeder Trennschleifer vermag. So stellt es sich mir nach einem Fußballwochenende dar, welches sportpolitisch zu den schwärzeren gehören dürfte. Jetzt ist der DFB  nicht einmal der Auslöser gewesen, waren das aktuell die allseits bekannten Protestplakate. Nun ist seit Samstag sehr viel darüber geschrieben und berichtet worden. Sehr viel einseitiges aus dem Hause Sky, Sport1 und ZDF zum Beispiel. Weiterhin hetzte das Hetzblatt Nummer 1 auch wieder ungefiltert und unreflektiert darauf los usw. Zudem werden gar Inhaftnahme und andere Sanktionen gefordert. Ach, es war bisweilen zum Fremdschämen, wie sich dort aufgeführt wurde.

Zur Einordnung: Ich muss jemanden nicht mögen, aber ein Konterfei hinter einem Fadenkreuz gehört für mich nicht öffentlich ausgestellt. Und die Beleidigung, der Sohn einer rechtschaffenen Mutter im horizontalen Gewerbe zu sein, höre ich im Stadion nur zu oft. Ich mag es einfach nicht mehr hören. Unabhängig von den aktuell handelnden Personen. Man kann auch jemanden kritisieren, indem man witzig und kreativ agiert. Hoppe, Hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er. Ach so: Gegen Kollektivstrafen!

Beide Banner wurde aber gezeigt und das hatte etwas zur Folge, was ich in dieser Vehemenz nicht erwartet hätte. Einmal abgesehen von den Spielunterbrechungen natürlich. Zum einen die peinlichste TV Darstellung, die ich jemals im Fußball erlebt habe: Während ein Sky Kommentator hyperventilierend die Bannerverantwortlichen im Bayern Block seinerseits „durchbeleidigt“, wird der Beleidigte von jenem Mann auf das Feld geführt, der sich seinerseits schon mal beleidigend gegen den Verein des Beleidigten geäußert hat. Und sich selbst nicht wirklich zur Moralinstanz unseres Landes zählen dürfte. Der Rest dieses Tages ist bekannt.

Wie aus heiterem Himmel schienen intern längst abgesprochene Schritte auf beiden Seiten zu greifen: „Yippie Yah Yei Schweinebacke“, endlich Eskalation! In Folgespielen und unabhängig von der Liga zeigten Fans, bisweilen auch zum Unwillen vieler andere Fans, ebenfalls Transparente und Banner. Der DFB seinerseits reagierte direkt mit dem Griff zum roten Telefon: Der Stufenknopf wurde gedrückt. „Wenn wir schon nicht gegen Rassismus und Diskriminierung vorgehen, dann schützen wir wenigstens einen der Unseren“. So stellt es sich dem verblüfften Betrachter dar, der sich nun auf ständig wechselnde Zeiten einstellen darf, wann ein Spiel beendet wird. Die folgenden Sendungen verschieben sich ab sofort um XY Minuten!

Das Dumme dabei: Keiner hat den Unparteiischen nun explizit mitgeteilt, welche Schriftstücke und Bildformate nun eine Unterbrechung nach sich ziehen. So wurde in Meppen beispielsweise für eine „Tapete“ unterbrochen, die von einem durchaus respektablen Reim geziert wurde. Keine einzige Beleidigung, Bedrohung oder dergleichen stand dort geschrieben. Der Pfiff erfolgte trotzdem. Sogar zum Unverständnis mancher Protagonisten auf dem Feld. Der DFB hat mal wieder den zweiten vor dem ersten Schritt gemacht und vergessen, zuerst in Gelsenkirchen einen Keller zu mieten, aus welchem sich zukünftig der #BAR melden wird. Der Banner Assistent Referee wird sich dann noch einmal die strittigen Banner anschauen und dem Unparteiischen zeitnah mitteilen, ob unterbrochen wird, oder eben nicht. Ohne #BAR wird wahrscheinlich in Zukunft bei jedem Banner abgepfiffen; selbst wenn es sich um eine blanko Raufaser oder ein unbemaltes Bettlaken handelt.

Ist Stand also momentan: Sogenannte Szenen gegen den DFB (beziehungsweise stellvertretend dafür gegen eine Person). DFB gegen Mitglieder sogenannter Szenen, die bisweilen gar mit Terrorzellen verglichen werden (Überspitzt formuliert). Fans gegen Szenefans. Viele TV Anstalten, die abhängig von Fußballübertragungen sind gegen Szenefans. Rechtsanwalt gegen Szenefans. Fananwälte gegen Vorverurteilung, vernünftig reflektierende Medien gegen einseitig agierende Medien usw. usw. Und zum allen Überfluss haut man in Leipzig eine Love & Peace Choreo raus, um im selben Spiel Besucher rauszuwerfen, die man via Herkunft als potentielle Virusträger verortet.

STOP! Bitte alle mal schütteln oder tief durchatmen.

So geht das alles nicht mehr weiter. Merkt Ihr selber, woll? Ich weiß, ich kann hier keine Intellektuelle Aufarbeitung der Geschehnisse in einem ausgewogenen Kontext anbieten, wie es einige gestern und heute schon gemacht haben. Schon gar nicht als harmoniesüchtig bekannter „Rosamunde Pilcher der Fußballblogger“. Aber ich kann in meinen Worten darlegen, dass es so kein gutes Ende nehmen wird. Und dann sind wir am Ende alle die Verlierer. Denn einen Gewinner wird es lange nicht mehr geben. Den feuchten Traum des DFB, die Premier League mit all seinen Nachteilen Vorteilen auch in Deutschland zu etablieren, wird der hiesige Fan nicht mitträumen. Keiner will per App den Nachbarn denunzieren, weil er steht. Wir wollen weiter stehen, uns mal Dinge verbaler Natur an den Kopf werfen; ein gepflegtes rektaler Ausgang oder ähnliches zum Beispiel nach Foul oder nicht gegebenem Elfer. (Und nochmals: Ich kann das H****sohn einfach nicht mehr hören), Wir wollen unbequem sein und uns einmischen. Eben, weil man sich beim DFB und seiner Ausrichtung einfach einmischen muss. Der DFB dieser Tage möchte wohl am liebsten eine Dreier Liga mit den Bayern (ohne dessen Ultras), der TSG Hoffenheim und natürlich dem Konstrukt aus Leipzig. Der einfache Fan hingegen wünscht sich aber leider wohl eher Rot-Weiss Essen gegen Chemie Leipzig. Klar, dass man so nicht zusammenkommt.

Der DFB lebt nach dem Motto „Was kümmert mich mein Versprechen von gestern“, und bekommt nun genau das von einigen Tribünen vor die Füße geworfen. Leider schaffen es diese Tribünen nicht, den Protest so zu gestalten, dass er nicht als justiziabel und skandalös erachtet wird. „12:12“, das war zum Beispiel ein Protest, der richtig Wirkung gezeigt hat. Im Stadion und an den TV Bildschirmen. Hier wurde keiner ins Fadenkreuz genommen, sondern gemeinsam ein Weg gefunden, zu protestieren. Diese laute Stille war seinerzeit mehr als beeindruckend! Daher glaube ich, dass wir aus der aktuellen Nummer nur rauskommen, wenn wir Fans zeigen, dass wir die Klügeren sind und mit Witz und Biss malen und protestieren, wenn es etwas zu protestieren gibt.

Und nun zum Wetter!

Prolog:

Reinhold Ertel war von 1972 – 1975 Trainer des damaligen Zweitligisten Barmbek -Uhlenhorst. Auch als „BU“ bekannt. Nach einem Spiel sprach er 1975 folgenden Satz in das Reportermikrofon: „Ich muß noch mal die Dilettanterie in Hinnahme der Gegentore ansprechen“. Wie schön konnte man doch seinerzeit das scheinbare Versagen der eigenen Mannschaft in punkto Abwehrverhalten erklären. Auch ohne jedwede Beleidigung wusste man respektvoll: Das war Mist! Manches war früher durchaus besser.

Das Foto.

Die Berufsbekleidung des Fußballers ist sein Trikot. Natürlich gehören auch noch die anderen Dinge wie passende Hose, das Paar Stutzen und jede Menge atmungsaktives Zeugs in lang oder kurz, je nach Witterung, dazu. Nicht zu vergessen natürlich die Fußballschuhe. Das Trikot jedoch ist das Stück Stoff (Polyester), welches die so ziemlich emotionalste Verbindung zwischen Fan und Verein darstellt. Genaugenommen erst, seit es die Möglichkeit gibt, Trikots auch käuflich zu erwerben. Ganz früher, wir hatten ja nichts anderes, war die selbstgenähte Fahne und der selbst gestrickte Strickschal in den Vereinsfarben das Nonplusultra. Den passenden Wimpel dazu konnte man oft auf der Kirmes, am Schießstand treffend, bekommen.

Das Trikot heutiger Tage kommt im Stadion auf den Rängen vorzugsweise in den warmen Monaten des Jahres zur Geltung. Interessante Details inklusive: Manchmal stellt es eine spannende Beziehung zwischen Textil und Bauch dar. Zudem unterscheidet der Schnitt nicht zwischen den Geschlechtern: Ein Trikot kleidet den Fan jeden Geschlechts stets mit Stolz und Hingabe. Egal wie es dann sitzt! Oftmals ist die Frage des neuen Trikots für die kommende Saison wichtiger als die eines weiteren Spielers. Die Präsentation der neuen Spielkleidung hat schon so manch Vorfreude getrübt.

Solch ein Trikot hat also mittlerweile einen unschätzbaren emotionalen Wert für uns Fans. Und es gibt nicht wenige, die sie sammeln. Es gibt Bücher über Trikots. Der Fußball hat legendäre Trikots; hat schöne Trikots. Leider auch königsblaue Trikots. Die sind weder schön, noch legendär!

Im Job getragen (also während der neunzig plus x Minuten) ist es für uns auf den Rängen durchaus wichtig, dieses emotionale Kleidungsstück frei von Senfflecken oder Bierduschen zu halten, schließlich schadet zu häufiges Waschen dem Flock. Auf dem Platz hingegen schadet ein sauberes Trikot nach Abpfiff dem Ansehen seines Trägers. Die einfache Gleichung: Sauberes Trikot: Kein Einsatz! Dreckiges Trikot: Sauber, was ein Einsatz!

Unser aller RWE hat nach dem erfolgreichen Spiel in der Kampfbahn Rote Erde ein Foto online gestellt, welches unseren Zeugwart eventuell vor Probleme, und Freunde von sogenannten „Matchworn“ Trikots schlaflose Nächte bereiten dürfte: Fein aufgereiht hängen dort die pottendreckigen Trikots unserer Spieler, zeugen von einem großartigen Einsatz. Belegen einen nimmermüden Kampf für die so wichtigen drei Punkte. Natürlich waren die Platzverhältnisse in Dortmund auch optimal für ein solch emotionales Kleiderständerfoto. Auf Kunstrasen bekommt man derlei nach Abpfiff nicht geboten, egal wie sich die Spieler auch wund grätschen mögen. Vielleicht waren die hellen Heimtrikots auch nur deshalb gewollt, um möglichst dreckige Trikots präsentieren zu können.

Dem ist natürlich nicht so, und wenn, dann wäre es natürlich auch völlig wumpe! Denn dieses Foto ist eines der schönsten, Rot-Weiss Essen betreffend, der letzten Dekade. Ein einfaches Foto nur, aber doch eine Botschaft: Hier wird malocht für den Verein, bis der Abpfiff ertönt. Hier sind aktuell Kumpels am Werk, die sich für den anderen dreckig machen.

Dieses Foto ist mehr Mannschaft, als es das offizielle Mannschaftsfoto vor einer Saison jemals sein könnte. Dieses Foto ist ein Teil von uns. Dieses Foto zeigt den Charakter von Rot-Weiss Essen dieser Tage. Die Legende besagt, dass Rot-Weiss Essen ein Arbeiterverein ist. Ich würde, stand heute, sagen: Die Legende lebt! Hier wird für den Erfolg gearbeitet. Freitag nun kommt der VfB Homberg. Unter Flutlicht. Welch ein Omen…

Der Herbst ist der Frühling des Winters. (Henri de Toulouse-Lautrec)

Eine gute Nachricht für alle „Herbstverzweifler“ rund um die Hafenstraße vorweg: Ein Maler wie de Toulouse-Lautrec sah mit ganz anderen Augen auf die Dinge und seiner These nach zu urteilen, können wir nicht erneut schon im Herbst die Saison aufgeben, da wir keinen Herbst haben. Wir haben Frühling und es kann immer noch ein goldener Oktober werden. Für den goldenen Oktober bedarf es aber dann mehrerer Halbzeiten wie jene Erste Hälfte vergangenen Donnerstag im Grenzlandstadion zu Rheydt. Inklusive mehr Torgefahr. Die zweite Halbzeit wird als genau das in Erinnerung bleiben, was Christian Titz sicher nicht von ungefähr stets gerne zu Protokoll gegeben hat: Der RWE dieser Saison steht immer noch am Anfang einer länger dauernden Findungsphase. Mal gibt es gute Phasen, wie in den ersten Spielen; gelegentlich finden sie sich leider nicht so richtig zurecht. So wie gegen Verl und nun auch gegen die Zweitprofis der Fohlen. Beide Spiele wurden als Mannschaft verloren, gewinnt und verliert man doch zusammen. Und, so doof sich das auch lesen mag: Genau diese letzten beiden Spiele haben aufgezeigt, wie viel Arbeit noch vor unseren Spielern und dem Trainerteam liegt. Erfolg vermag auch Schwachstellen zu kaschieren. Diese liegen nun auf dem Tisch des Hauses und können besprochen werden. Das Ergebnis der intensiven Aufarbeitung sollten wir dann spätestens unter Flutlicht gegen die Kölner Fortuna zu sehen bekommen.

Vielleicht wieder vor einer fünfstelligen Kulisse an der Hafenstraße. Sofern der Kredit weiterhin besteht und die letzten beiden Spiele die Kreditlinie nicht beeinträchtigt haben. Wenn jemand nun aussetzen möchte, da ergebnisorientiert denkend, ist das sein gutes Recht und gilt es sie/ihn über Erfolge wieder zurückzuholen. So funktioniert Fußball, so regulieren sich Zuschauerzahlen. Apropos Zuschauer: „Wann ist ein Fan ein Fan“, möchte man in bester Grönemeyerscher  Abwandlung fragen? Jetzt stellt sich mir persönlich die Frage nicht, denn es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob jemand RWE Fan ist, oder eben nicht. Aber es hat mich schon irritiert, warum denjenigen, die nach dem vierten Gegentor gegangen sind, ein lautstarkes Absprechen der Fanidentität hinterhergerufen wird.

Der Fan als solches bezahlt bei Eintritt und schließt keinen Vertrag bis zum Schlusspfiff ab. Er handelt selten rational und wird angetrieben durch seine Emotionen. Daraus entstehen bisweilen Übersprungshandlungen, die sich bei negativem Spielverlauf in fluchtartigem Verlassen des Stadions äußern oder auch in wüsten Beschimpfungen der eigenen Mannschaft. Mir persönlich ist in dem Fall lieber, dass jemand gesenktem Hauptes das Stadion verlässt. Dabei fluchend gegen die erstbeste, am Boden liegende, Stauderflasche tretend verkündet, nie wieder kommen zu kommen (um dann nächstes Heimspiel doch wieder da zu sein). Dagegen den Schlusspfiff abzuwarten, um den Zaun zu entern und mal so richtig loszupöbeln, ist jetzt nicht so meine Wunschvorstellung vom Umgang mit Niederlagen. Wir (Nein, nicht wir, sondern unsere Spieler) haben diesbezüglich in den letzten Jahren viel schlimmes erlebt. Ich empfinde es somit nicht als zielführend, sich nun in eine vermeintliche Diskussion „Gute Fans, schlechte Fans“ zu verstricken. Bei einer solchen Diskussion kann es keinen Gewinner geben. Vor nicht allzu langer Zeit noch sind ganze Fangruppen in den (verständlichen ) Boykott getreten, nachdem sie, in Vorleistung getreten, gespürt haben, dass die Mannschaft sie nicht mehr erreicht. Oder umgekehrt. Kaum einer ist damals auf die Idee gekommen, ihnen abzusprechen, RWE Fans zu sein. Der Konsens war ob der schlechten sportlichen Leistung gegeben.

Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wir haben eine ganz neue Mannschaft. Aber glücklicherweise immer noch die alten Fans mit ihren uralten Träumen. Gestehen wir einem jeden davon den eigenen Umgang mit den Dingen an der Hafenstraße zu. Es gibt auch Fans, die zahlen Eintritt und sehen nichts vom Spiel, da am Bierstand versackend. Dem Moment und der Situation geschuldet. Es gibt auch Fans wie mich, die sich bisweilen dem Spielgeschehen aus gesundheitlichen Gründen entziehen. Dann tut es mir nicht gut, muss ich mal kurz weg. Oder schnell raus und bis zum Ende von außen zugucken. Auch das kann ich nicht beeinflussen. Die Alternative wäre, gar nicht mehr zu fahren. Aber, dann würde mir fehlen, was ich so sehr liebe. Ich denke also, wir sollten uns auf den Rängen nicht in die möglicherweise nächste Baustelle stürzen. Denken? Ich bitte vielmehr darum! Ein jeder hat so seine Dinge, die ihn heutzutage in einem Stadion stören: Handy statt Spielfeld; auswärts eingepfercht statt Platz satt; Staatsfeind Nummer Eins statt Fußballfan; Spielstandabhängiger statt Spielstandunabhängiger Support usw. usw. Es gäbe eine nicht enden wollende Liste. Aber unter dem Strich bleibt wohl, dass kein Rot-Weisser dass Recht hat, einem anderen Rot-Weissen zu sagen, was er zu tun hat und was eben nicht. Wir sind doch Familie.

Und als Familie sollten wir uns schon auf das nächste Familientreffen freuen. Geht es doch gegen die ollen Kamellen der Südstadt Fortunen. Ewige Weggefährten. Endlich wieder Südstadion im kommenden Frühjahr. Gut, dass war jetzt ein Scherz!

Lassen wir unseren RWE jetzt nicht hängen und kommen Freitag trotzdem. Machen die Hütte voll. Schließlich brennt das Flutlicht. Aber dabei sollte jeder nach seiner eigenen Rot-Weissen Fasson selig werden (dürfen).

 

New York – Rio – Tokyo ? Köln – Rödinghausen!

Alle Achtung. Oder besser: Alle Neune! Unser aller RWE hat aus den ersten drei Saisonspielen das Optimum an Punkten herausgespielt und war in jedem dieser Spiele jeweils um ein Tor besser als der Gegner. Das klingt zunächst erst einmal sehr effizient. Zum anderen aber auch nach richtig harter, schwerer Arbeit, die es tatsächlich auch war. Der RWE dieser Saison vermag aufgrund der personellen Neuausrichtung aktuell sicher zum Favoritenkreis auf den Relegationsplatz (Meister müssen aufsteigen!) gehören, aber er wird definitiv nicht die Liga in Grund und Boden spielen.

Geduld ist angesagt. Geduld und fortwährende Unterstützung, gepaart mit nimmermüden Glauben daran, dass es nach vielen Jahren sportlicher Tristesse wirklich einmal eine Saison werden kann, die das lange vermisste Miteinander zwischen Verein, Fans und Mannschaft wieder aufleben lässt; als Fundament für sportliche Zukunft dienen kann. Von dem bekannten Kinderbuchautor Janosch stammt wohl jener Satz, der vielleicht das Leben der RWE Fans in der letzten Dekade recht trefflich beschreibt: „Das Glück liegt in der Ferne“ sagte der Esel, „und die Ferne ist immer dort, wo man gerade nicht ist“. Wir waren vergangene Saison schon mal kurz davor, uns aufzumachen. Wollten die Ferne heranzoomen. Doch dann wurde aus dem Zoomobjektiv schnell wieder eine Festbrennweite. Wir kamen nicht näher heran!

Gegen die hochgehandelten Kölner Zweitprofis gab es wie schon gegen den BVB das entscheidende Tor erst in der Schlussminute. Tore für den RWE in den letzten Zügen eines Fußballspiels….das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen und genießen: Welch ein süßer Abgang. Ganz anders als der bittere Stoff der Gegentore in selbem Zeitraum. Siegtore fast mit dem Abpfiff, das sorgt für turbulente Szenen auf den Tribünen, für Stauderdusche, dem temporären Verlust der angestammten Stehtraverse und manch fremden Fan in den Armen. Das sorgt für Glücksgefühle und ein „Adiole“, welches in punkto Lautstärke das Ordnungsamt auf den Plan hätte rufen müssen.

Auf den Plan gerufen hat de facto unsere Mannschaft auch ihren Trainer. Und zwar in seiner Aufgabe als „Ordnungsamt“ dieser. In der ersten Halbzeit wurde nicht so wirklich die Ordnung eingehalten, jene welche von Trainerseite vorgegeben wurde. Zudem waren die kleinen Geißböcke extrem bockig. Wie dem auch sei: Das Trainerteam hat erkannt, dass da etwas nicht rund lief in der eigenen Mannschaft und hat, wie branchenüblich, nicht bis ca. zur fünfundsiebzigsten Minuten gewartet, um die erste Auswechslung vorzunehmen, sondern tat dieses unter dem Raunen des Publikums bereits nach zweiunddreißig und sechsunddreißig Minuten.

Dass es sogar den Kapitän der Hafenstraße traf (mit Gelb vorbelastet), sollte nicht überbewertet werden, auch wenn es in mancher Mannschaft der Fußballgeschichte sicher einer Majestätsbeleidigung gleichen würde, müsste der Mann mit der Binde noch in der ersten Halbzeit vom Feld. Es zeigt unter dem Strich nichts anderes, als dass Christian Titz als Hauptverantwortlicher im Sinne der Mannschaft/des Erfolgs handelt. Und zu dieser Mannschaft zählen eben mehr als die ersten Elf der Anfangsminute. Es zählt jeder dazu. Jeder! Schöner Gedanke eigentlich, ein Fußballspiel recht früh neu zu gestalten, anstatt erst gegen Ende mit Umstellungen zu beginnen. Spitzenreiter. Ist das schön!

Heute dann wieder nach Rödinghausen. Des Essener weiteste Auswärtsfahrt, welche das Fußballspiel zudem nur unter erschwerten Bedingungen betrachten und erleben lässt. Als wäre der Gegner aus Rödinghausen an sich nicht schon auf dem Feld ein gar Unangenehmer und uns in den direkten Duellen um einige Punkte voraus, so wird zudem von Seiten des Gastgebers auch richtig viel unternommen, um möglichst wenig Fans des RWE an heimischer Stätte zu empfangen. So fühlt es sich auf jeden Fall an.

Der längsseitige Gästebereich für den stehenden Rot-Weissen, welcher es sich auf ca. 100 Metern Länge auf bis zu drei Stufen und hinter armdicken Gitterstäben gemütlich machen darf, ist ausverkauft, so dass es dort vor Ort keine Karten mehr geben wird. Unglaublich, was heutzutage alles von den Verbänden als Zuschauerbereich durchgewunken wird, passt es nur annähernd ins Schema. Auf jeder Eintrittskarte für diesen Verschlag müsste der Vermerk „Sichtbehinderung“ stehen und entsprechenden Nachlass nach sich ziehen.

Dass wir auf der Tribüne nicht erwünscht sind, hat man uns ja zudem online recht perfide spüren lassen: Die Essener Postleitzahlen wurden direkt mal geblockt (Ist das eigentlich rechtens, da es an Diskriminierung grenzt?) und im Nachgang weitere Bereiche mit der Vier vorneweg, als es Bestellungen gab, die der SV Rödinghausen wohl nicht mehr seinen Amigos zuordnen konnte. Als es den Küchenplanern dann wohl zu bunt, beziehungsweise zu Rot-Weiss wurde, stampfte man den Onlineverkauf kurzerhand ein. So geht das heute.

Gestern dann entsprechend zum Thema ein Online Artikel der Neuen Westfälischen. Hier werden ohne Karte anreisende Fans direkt mit Randale und Ausschreitungen in Verbindung gebracht. Auf die Idee, dass man vielleicht auch noch guter Hoffnung ist, eine Karte für das Spiel seines RWE zu ergattern, kommt man erst gar nicht. Verkauft sich ja als Schlagzeile auch nicht wirklich gut. Randale macht Quote, man muss sich ja langsam aber sicher den Kommentarspalten anpassen. Wie dem auch sei, jener Artikel  steigert sich in in seiner Dummsinnspirale gegen Ende geradezu ekstatisch, wenn aus unser aller RWE ein uns unbekannter EWE wird. Und das nicht nur einmal. Gnadenlos ziehen die beiden Lokalreporter dieses EWE Dingen durch. Ein Hoch auf das Lektorat!

Das schönste Zitat jener knallharten Recherche: „Die Polizei Herford rechnet am Samstag mit einem hohen Ausschreitungs-Potential auf Seiten der Essener Fans“. Ist das die Begründung, um direkt eine Hundertschaft einzusetzen, oder fusst diese Vermutung auf inhaltlich knallharten Fakten? Gegen wen sollte sich die latent durchaus vorhandene Gewaltbereitschaft des Essener Anhangs heute richten? Herrgott von Bentheim, schafft ordentliche Bedingungen für Auswärtsfans, und solche reisserischen Artikel können uns in Zukunft erspart bleiben. Ich sehe es doch schon kommen: Einem Essener sitzt ein Pups quer, und direkt wird dann ein Böller raus gemacht. Was am besten hilft: Einfach locker durch den Schlüpper atmen. Auf allen Seiten.

Ach klar, gespielt wird ja auch noch. Es wird ein gutes Spiel werden und 1:2 für unseren RWE ausgehen. Wir sind nach dem letzten Gewinn des Zwiebelpokals einfach mal wieder dran. Das entscheidende Tor für unseren RWE in der Nachspielzeit fällt in jener und durch einen unserer Spieler. Da lege ich mich mal fest. Der Rest wird Jubel sein.

 

 

 

 

 

Befindlichkeitsrunde.

Gut, ich fange dann mal an, nehme mein Herz in die Hand und beginne diese fiktive Befindlichkeitsrunde, zu der ich gerade selbst und ziemlich spontan nach Abschluss der Hinrunde eingeladen habe. So spontan, so dass natürlich kein Vertreter des Vereins oder der Mannschaft; keine anderen Fans, Sportjournalisten oder sonst irgendjemand aus dem Umfeld der Hafenstraße auch nur den Hauch einer Chance hat, daran jetzt auch teilzunehmen. Gerne kann das aber im Nachhinein geschehen, denn ich glaube, wir haben nach der Hin- eine Befindlichkeitsrunde mehr als nötig. Ja ich weiß, das kann man auch als pädagogischen Müll abtun, den keiner braucht. Aber, liest man diese Beschreibung, so ist es gar nicht so abwegig, sich einmal (wieder einmal) hinzusetzen und zu reden:

In Befindlichkeitsrunden werden keine Fragen gestellt, keine Diskussionen geführt oder Lösungen gesucht – die strikte Struktur kann entlastend wirken: Man kann Probleme artikulieren ohne dass sofort Lösungen gefunden werden müssen. Sollten Fragen oder Diskussionen aufkommen ist es die Aufgabe der Leitung, auf die Spielregeln (Der/ die den Redegegenstand hat spricht von sich, die anderen hören mit voller Aufmerksamkeit zu, es werden keine Fragen gestellt oder Diskussionen begonnen.) hinzuweisen.

Also: Die Hinrunde der Saison 2018/19 ist seit Samstag Geschichte und mir geht es auf unseren RWE bezogen schlecht und ich bin hilflos wie seit Jahren nicht mehr. Es war ein suboptimaler Start in diese Saison;  zuzüglich einer mehr als unglücklichen Verletzung durch einen neuen Hoffnungsträger. Auf dem Feld hatte Kevin Freiberger nach Rödinghausen direkt lange frei, Welch Ärger. Der Rot-Weisse Tross ließ sich aber davon nicht beirren, feierte die Mannschaft, machte ihr Mut. Und sich selbst ein wenig auch. Es folgten Festwochen des kleinen Mannes; datiert ziemlich genau zwischen dem 5. August 2018 und dem 5.September 2018. Spitzenreiter waren wir. Eine Einheit, Hoch4 auf und neben dem Rasen. Da konnte Hoch3 einpacken, hatten wir das doch gar nicht mehr auf dem Schirm, gab es doch nichts zu bemängeln und (noch) keine Sau verbal durch das Dorf zu treiben.

Doch dann kam der 8.September 2018 und es kam der SV Lippstadt. Wir verloren. Aber hielten zusammen. Fuhren nach Verl, erkämpften ein Unentschieden. Hielten anschließend weiter zusammen. Ebenso gab es kein Murren nach den sieglosen Spielen gegen Straelen, Mönchengladbach 2 und der Heimniederlage gegen die Aachener Alemannia. Im Pokal mühsam eine Runde weiter folgte die nächste Niederlage gegen den finanzoptimierten Verein aus Köln, den auch dort eigentlich keiner so wirklich mag. Aber, das nur am Rande, uns mögen ja auch nicht wirklich viele.

Die nachfolgenden Spiele brachten noch einmal sieben Punkte aus drei Spielen: Dem Sieg in der nahen Lohrheide folgte ein Unentschieden gegen die Kleeblätter von nebenan. Zuzüglich dem fast schon gewohnten Erfolg in Wiedenbrück keimte noch einmal wieder etwas Hoffnung auf, der schon enteilten Viktoria hinterher hecheln zu können und einen Angriff auf Tabellenplatz drei zu starten.

Das die Bemühungen in roter Erde erstickten und nicht nur an der Kaderaufstockung des BVB lagen ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Zu guter Letzt erfolgte mit der Heimpleite gegen Fortunas Zwote ohne mit welche aus der Ersten dann endgültig der spielerische Offenbarungseid. Gepaart mit atmosphärischen Störungen, die bei Auswechselungen beobachtet werden konnten oder auch in den Gesichtern der nur noch knapp 5.300 Fans an diesem tristen Novembertag.

Der Zug im Kampf um die vorderen Plätze somit einmal mehr frühzeitig abgefahren, die Torquote tendiert seit langer Zeit gegen mau. Die Anzahl der Verletzten und Gesperrten gingen einmal mehr wieder über das Normalmaß hinaus. Die sportliche Leitung blieb ruhig, es wurde dem übergebliebenem Kader vertraut. Somit gab es keine weiteren Verpflichtungen. Vielleicht dem schmalen Portemonnaie geschuldet, vielleicht wirklich sportlicher Natur. Aus heutiger Sicht betrachtet ein Fehler. Aber finde auch mal den einen Spieler, der sofort weiterhilft….

Zwischendurch traten immer mehr atmosphärische Störungen zutage, unter anderem einer Kolumne geschuldet, die scheinbar bis zum heutigen Tage nicht aufgearbeitet erscheint. Und die doch eigentlich so belanglos ist. Niedergeschriebene Gedanken aus einem Herzen, welches vor Hafenstraße überquillt, das muss man offiziell einfach aushalten und vielleicht auch mal hinterfragen. Auf jeden Fall sollte man miteinander reden. Wir haben doch vor der Saison auch zusammengesessen und kontrovers diskutiert.

Mir geht es auch schlecht, weil mir die Vater/Sohn Debatte zu einseitig geführt wird. Ich sehe das auch kritisch, aber einen Spieler der eigenen (!) Mannschaft schon vor dem Spiel auszupfeifen…sagt mal, geht`s noch?  Wir haben stets elf Spieler auf dem Platz und schon länger ruft nicht mehr ein jeder die Leistung ab, die er abzurufen imstande ist. Manchmal wirkt das Spiel sogar gehemmt. Ein anderer wiederum arbeitet sich gerne am Unparteiischen ab oder quittiert seine Auswechselung  eher ungebührlich. Auch ein Faktor, der mich hilflos stimmt. Unser Trainer auf den Rängen endlich einmal nicht in der „Verlosung“, doch stimmt intern alles? Solltet Ihr in der Kabine vielleicht auch einmal eine dringend notwendige Befindlichkeitsrunde durchführen?

Vielleicht verdeutlicht obiger Tweet die Befindlichkeit, die in dieser Saison gefühlt noch viel schlimmer ist, als all die langen erfolglosen Jahr zuvor. Wir waren endlich einmal dran. Wir standen vorne. Ganz oben auf dem Weg direkt nach oben. Ohne Relegation. Meister müssen aufsteigen. Der Meister wird diese Saison aufsteigen. Ohne Wenn und Relegation. Doch wir werden es einmal mehr nicht sein. Und nun beginnt die richtig problematische Befindlichkeit, denn sie versteht es nicht. Normalerweise bekommt ein Tabellenführer, ein Spitzenreiter eine solch breite Brust, so dass er kaum noch durch die Kabinentür passt. Und was macht unser aller RWE? Er schaltet auf dem Feld vom sechsten in den zweiten Gang zurück und stottert ab sofort über selbiges, anstatt weiter Gas zu geben, das Stadion nebst Punktekonto voll zu spielen.

Nun ist es wieder leer. Das Stadion. Tristesse, die Fahnen werden eingerollt.

?

Geht der Blick auf die kommende Saison, so wird dieser aktuell eher trübsinnig. Verträge laufen manchmal leider aus, Verträge bleiben manchmal leider bestehen. So ist das halt.  Hoch3 war trotzdem eine gute Sache, ein ehrbarer Versuch. Keiner wurde gezwungen mitzumachen. Wir sollten uns nun aber trotz allem niemals von dem abwenden, was wir alle im Herzen tragen: Wir sollten uns niemals von Rot-Weiss Essen abwenden. So schwer es gerade auch mal wieder fällt.

Soweit meine Befindlichkeit. Wer mag als nächstes?

Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann. (Leo Tolstoi)

Wer kann schon warten? Wir gefühlt nicht mehr, aber wir werden es wohl müssen! Gleich zwei Wochen, um dann ausgerechnet gegen die allseits beliebte Viktoria von Wernzes Gnaden den nächsten Versuch zu starten, wieder zurück in diese ach so schöne Erfolgsspur zu kommen. Der strahlende Sommer und die Tabellenführung, welche uns so fröhlich aus dem Allerwertesten schienen, sind aktuell dem beginnenden Herbst gewichen, der uns nun mit seiner (tabellarischen) Mittelmäßigkeit (trotz weiter strahlendem Sonnenschein) kalt und trübe um die Nase weht.

Der Bonus ist nach der sonntäglichen Niederlage gegen die Aachener Alemannia scheinbar aufgebraucht, die Ursachenforschung in vollem Gange. Sozial medial wie üblich zumeist fair und sachdienlich (Das war jetzt ein Scherz) intern hoffentlich konstruktiv. Den Einsatz, den kann man erneut nicht bemängeln, die Mannschaft hat nicht im Ansatz die Köpfe hängen lassen und bis zum Schluss versucht, den Ausgleich zu erzielen. Ebenso bis zum Schluss leidenschaftlich von den Rängen unterstützt. Bisweilen schien es so, als wollten die drei Heimtribünen selbst den Ball in das Tor tragen, wenn es doch der stürmerlosen Mannschaft einfach nicht gelingen will.

An den Neuzugängen liegt es nicht, sie spielen (fast) alle durch und sie spielen (zumeist) gut. Die meisten von ihnen sogar richtig gut. Selten einer mit Luft nach oben. Die Verletzungen gehen irgendwie auf das Konto von Kollege „Schicksal“. Dieser Typ, mit dem wir schon viel zu lange hadern und uns herumärgern. Soll wegbleiben, der nervt! Dann die Etablierten und diejenigen, die bei voller Kaderstärke den zweiten Anzug hätten tragen sollen: Vielleicht benötigt der ein oder andere von Ihnen mal eine kreative Pause. Aber, das muß warten. Eben aus Gründen. Bleibt also die Frage aller Fragen: Hätten wir personell nachlegen sollen, gar müssen? Ach, dieser verfluchte Konjunktiv im Fußball: Gäbe es den Knipser, der auf freier Wildbahn für schmales Geld zu haben wäre….ja dann wäre er natürlich nicht zu haben.

Kein Kicker von Klasse mit hundertprozentiger Fitness und gehobenem Regionalliganiveau rennt noch vertragslos durch die Gegend. Und einen wie Zlatan kannste Dir weder backen, noch finanzieren. Also um es auf den Punkt zu bringen: Ja, wir hätten nachlegen müssen, aber nein, es hätte den idealen Spieler mit eingebauter Direkthilfe einfach nicht zu sofort gegeben! Und somit blieb unserem Trainer schlicht nichts anders übrig, als in Sachen (verbliebender) Mannschaft von „klein, aber fein“ zu reden und sie zu stärken.

Was nun gegen Aachen nicht gelingen wollte, waren die vermeintlich leichten Sachen im Fußball. Bisweilen wurde für mich zu kompliziert der Weg Richtung Strafraum gesucht, wo dann schlicht und einfach der Zielspieler fehlte, um richtig für Alarm zu sorgen. Und kommt dann in der eigenen Abwehr auch noch ein individueller Fehler hinzu,  kassiert man halt das alles entscheidende Gegentor. Aber, wie schon erwähnt: Aufgegeben haben sich unsere Roten mit dem Text aller Texte auf dem Trikot nie. Zu keiner Minute. Und das macht trotz temporärem Sturz in das Niemandsland der Tabelle weiter Mut. Da lässt offensichtlich noch keiner die Köpfe hängen. Im Mai 2019 wird abgerechnet. Nicht Ende September/Anfang Oktober 2018.

Unglaubliche 9.462 Fans bislang im Schnitt an den sechs Heimspielen im Georg-Melches Stadion an der Hafenstraße. Diese Zahl werden wir im kommenden Heimspiel gegen Viktoria Köln wohl, und sicher auch zurecht, nicht erreichen. Kommt aus Köln ja auch nur der übliche Neunsitzer. Aber vielleicht haben wir dann wieder Alternativen. Im Feld und auf der Bank. Natürlich soll jetzt bitte keiner glauben, dass P (röger) & P (latzek) mal eben alles im Alleingang wegballern, was ihnen im Wege steht. So einfach ist Fußball dann leider doch nicht. Was mir aber vorschwebt ist eine Gemeinschaftsproduktion zwischen Mannschaft und Tribünen, um gemeinsam zurückzufinden in die vielzitierte Erfolgsspur, die uns so viel Freude bereitet hat.

Erst irgendwie das Pokalspiel in Velbert überstehen (sollen ja schon Pokalsieger dagegen verloren haben), dann Kräfte sammeln und bündeln.

Und vielleicht….ganz vielleicht, schaffen wir ja ausgerechnet gegen diese angebliche Übertruppe alle zusammen den Turnaround. Es ist noch nichts verloren. Und schon gar nicht vorbei.

Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann!

Nur der RWE!

 

Ballast der Republik.

Weil es auch nach der Stunde Null weiterging.

„Wenn ich schon da gewusst hätte, bald zu sterben; ich hätte mich nach Abpfiff von der Tribüne gestürzt“ Diese tragischen Worte erreichten mich einige Wochen nach dem Lübeck Spiel. Mein Freund Peter hatte gerade erfahren, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Während er diese Worte relativ gelassen in unserer Küche sprach, um direkt wieder auf sein Lieblingsthema Rot-Weiss Essen zu kommen, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Um dann zu reagieren, wie ich es einige Wochen zuvor nicht konnte: „Laber nicht, wir kriegen das hin“.

Eine blödere Reaktion gibt es wohl kaum auf solche tragischen Worte, aber ich meinte tatsächlich ihn. Den RWE konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr meinen. Was also war passiert? Was meinen wir heute mit dem „Lübeck Spiel“? Es war schwülwarm diesem Samstag, den 31. Mai 2008. Eine Woche zuvor hatte der RWE in Magdeburg gewonnen. Unerwartet, zudem von Tausenden Fans ohne Unterlass unterstützt. Die Qualifikation für das neue Baby des DFB namens Dritte Bundesliga war wieder möglich, der zweite Abstieg hintereinander schien noch vermeidbar. Ein lächerlicher Punkt, es musste nun nur noch ein lächerlicher Punkt her, dazu noch gegen den schon abgestiegenen VfB Lübeck. „Läuft“, so der Tenor rund um die Hafenstraße.

Gronau, Westfalen: Nach dem Frühdienst, diesmal zu zweit, wurden wir direkt von Peter aufgegabelt, der seinerseits bei der Arbeit hat alles stehen und liegen gelassen, nur um schnell an die Hafenstraße zu gelangen. Die gemeinsamen Fahrten gestalteten sich meistens so, dass Peter immer ziemlich viel loswerden musste und erst kurz vor Bottrop fragte: „Und, bei Dir/ Euch?“ Das Thema Karten blieb zumeist außen vor. Hatten wir diese meistens schon im Vorfeld organisiert und ausverkauft war auch schon lange nicht mehr. Der die Karten zahlt, zahlt keinen Sprit und umgekehrt.

Es kam nun kurz hinter Bottrop zu einem weiteren, fast schon legendären Dialog: „Hast Du die Karten?“ „Nein, Du?“ „Oh, dann haben wir ein Problem, ich auch nicht“ „Ja, ich glaube das haben wir“. Schuldzuweisungen waren jetzt fehl am Platz, der Weg war das Ziel, es sollte schließlich voll werden im Georg- Melches Stadion. Spätestens zu erkennen daran, wie viele Fahrzeuge schon auf der geheimen und natürlich allen bekannten Parkmöglichkeit „Welkerhude“ abgestellt wurden. Viele, es waren viele! Das anschließende Anstehen in der Mittagssonne vermittelte ein Gefühl, wie es sich im sogenannten Glutofen anfühlen könnte.

Zu zweit standen nun mein anderer Freund und ich an jeweils einem anderen Kassenhäuschen an, während Peter auf dem Vorplatz der Osttribüne wie ein Tiger im Käfig hin und herlief; uns via Handy zu koordinieren versuchte. Endlich, nach gefühlten, ebenfalls endlos dauernden Minuten wurden noch Karten an eines der Kassenhäuschen geliefert. Der RWE Countdown näherte sich dem Ende. Bereit, dem nahenden Anpfiff Platz zu machen. Die Luft surrte; alles und alle war und waren zum Zerreissen angespannt. Eine unwirkliche Atmosphäre hier und heute, ein Gemisch aus Anspannung, Schweiss und Alkohol auf den Tribünen. Die Lockerheit und der Optimismus nach Magdeburg hat es nicht unter die Hitzeglocke Georg-Melches Stadion geschafft.

Geschafft aber hatten wir wenigstens das Existenzielle an diesem Tag: Dreimal Stehplatz „Nord“. Das diese schon prall gefüllt war, als wir endlich in unser Wohnzimmer konnten, dürfte klar sein. Zum einen lief das Spiel schon und zum anderen waren 18.027 Fans im GMS zugegen. Der RWE begann eigentlich recht furios und rannte immer wieder an, darum nicht! Aber, rückblickend betrachtet wussten wir schon nach einigen Minuten im Stadion: Das Ding hier und heute, das geht in die Hose.

Inwieweit vertragliche Gründe einiger Spieler dazu beitrugen, im Kopf und Trikot schon bald woanders aufzulaufen, vermag ich nicht zu beweisen. Aber die Spielerwechsel nach dem Super GAU Abstieg sprachen allesamt für sich. Der Klassenerhalt und somit eine weitere Saison an der Hafenstraße war von einigen Helden in Stutzen nicht erwünscht. Je länger das Spiel andauerte, umso klarer wurde das allen die es nicht mit den Gästen von der Lohmühle hielten. Und das waren prinzipiell fast alle im Stadion. Schon ein Jahr zuvor bettelte der RWE im letzten Heimspiel der Saison (Wacker Burghausen, 1:1), förmlich um das Gegentor. Und doch war seinerzeit fast alles anders. Wurde in der zweiten Halbzeit gegen Wacker auch zu tief gestanden, anstatt mutig offensiv zu agieren, stimmte trotzdem der Kampf; die Leidenschaft. Für den Verein und den Klassenerhalt.

Das gab es an diesem Samstag nicht. Die locker aufspielenden Lübecker hatten ja nichts mehr zu verlieren und fanden somit immer mehr in das Spiel hinein, kontrollierten es, bekamen Chancen. Hatten Spaß. Es war die 88. Spielminute; die tausende von Fans trotz der Hitze eiskalt erwischte: Der VfB Lübeck ging mit 1:0 in Führung. Das Ende ist bekannt, kein Ausgleich mehr. Abstieg! Die Sicherungen brannten nun gleich reihenweise durch. Die Kombination aus Trauer, Wut, Alkohol und Temperatur liess Zäune überwinden. Sinnlose Jagdszenen auf dem Rasen. Es dauerte lange Minuten, bis die Polizei die Situation unter Kontrolle hatte. Fassungslos diejenigen, die auf den Tribünen stehen und mit ihrem Abstiegsschicksal alleine gelassen wurden.

Gestandene Männer lagen sich in den Armen, weinten hemmungslos. Suchten Trost bei ihren Frauen. Leere Blicke. Wüste Beschimpfungen. Nichts und niemand konnte in diesen Stunden nach Abpfiff an der Hafenstraße Trost spenden. Die Fans litten, während der Söldner seinen Spind räumte und klammheimlich von dannen fuhr. Richtung nächster Verein. Wir waren zu apathisch, das Stadion zu verlassen. Erst als wir dazu aufgefordert wurden, verliessen wir die „Nord“, über die teilweise verwüstete „Ost“ Richtung Stadionkneipe. Umgeknickte Zäune, Reste der Choreographie, auch hier weinende Fans. Wer noch eine Woche zuvor in Magdeburg war, der wusste schlicht nicht, wie ihm hier und heute geschah. Viertklassig, und das bis zum heutigen Tage.

Die Stadionkneipe übrigens, integriert in die wohl schönste Haupttribüne der Republik, war von außen nicht zu erreichen, ohne an Helmut Rahn vorbeizukommen. Seine Statue zeugte von besseren Tagen. Und von einem Menschen, dem ich mich sehr verbunden fühle. Warum auch immer. Er gab uns jedenfalls einen Moment der Ruhe und Zeit für ein Foto. Betrachte ich es heute, sehe ich Peter, Helmut und mich. Eine Statue, zwei Fans mit traurigen Blicken; unwissend, dass in einem von ihnen schon der Krebs wütet. Die Stadionkneipe, dieser rauchgeschwängerte VIP Raum des kleinen Mannes, war an diesem Tag natürlich auch nicht dazu angetan, die Stimmung aufzuhellen. Zudem trauerten Mitglieder der „Crazy Boys“ noch um einen der ihren. Es war einfach alles nur noch zum heulen.

Fußball kann so weh tun, lebt man ihn als Fan. Fußball kann aber auch so schön sein, ist man selbst in tiefster Enttäuschung doch niemals alleine. Die Hundertdreißig Kilometer Heimfahrt lassen natürlich immer viele Emotionen zu, doch kann ich mich daran erinnern, dass es eine ungewöhnlich ruhige Heimfahrt war. Zuhause angekommen, bat mich Peter noch auf ein „Terrassenbier“ bleiben zu dürfen. Er konnte so einfach nicht weiter nach Hause. Wollte gar in den Arm genommen werden. Ein Mann, der auch schon manch dritte Halbzeit erlebt hat. Dieser Tag war einfach zu viel für den Fan, der es mit Rot-Weiss Essen hielt. Es war die Stunde Null. Aber es ging trotzdem weiter. Leider nur für den RWE. Einige Wochen später bekam Peter seine Diagnose: Speiseröhrenkrebs. Unheilbar. Aber zu Beginn der neuen Saison waren wir trotzdem wieder im Stadion. Es war seine letzte Saison.

Take It Easy!

Ein kluger Kopf sagte vor nicht allzu langer Zeit in gemütlicher Atmosphäre zu mir, dass unserem RWE und seinem Umfeld komplett das positive Denken abhanden gekommen sei. Der Optimismus mehr in Trümmern als noch vor einiger Zeit unser seliges Georg-Melches Stadion. Egal was da komme und wolle: Alles doof!

Na ja, die letzte Dekade gibt ja sportlich auch nicht wirklich Anlass dazu, Konfetti und gute Laune zu verbreiten. Im aktuellen Fußballgeschehen halte ich es persönlich natürlich für eine unglaubliche Leistung, dass unser aller Verein auf Eigenkapitalbasis agieren kann und der chronischen Verschuldung ade gesagt hat. Das finden sicher auch die Spieler toll, deren Gehalt so gesichert war und ist. Dummerweise kamen sie ihrem Auftrag jedoch nicht in gleichem Maße nach und verwalteten unseren Verein weiterhin zuverlässig in der Regionalliga West. Die Sorgen gingen tabellarisch eher nach unten, denn euphorisch nach oben. Den Sorgen folgte die schlechte Stimmung und so ging alles den Bach hinunter.

Letztendlich haben wir es aber auch in dieser Saison mal wieder geschafft, die vierte Klasse zu halten und parallel erneut in das hiesige Pokalendspiel einzuziehen. Alles wie immer also. Und doch ist auch hier in Nuancen einiges anders als in den Vorjahren. Dieses aber nur am Rande. Am Rande hat sich übrigens auch die Option ergeben, die letzte Dekade unseres Vereins in Nuancen über eine unwesentlich erfolgreichere Band abzuwickeln:  Die Eagles haben, so glaube ich, nicht wirklich Lieder über Liebe und den ganzen anderen Kram gesungen, über den man so singt. Das ganze ist viel spektakulärer: Sie haben schon damals Lieder über Rot-Weiss Essen geschrieben. Glaubt Ihr nicht? Dann lest selbst:

Wasted Time

Wasted Time ist natürlich ein ziemlich harter Einstieg in diese musikalische Mutmaßung, bedeutet es doch übersetzt „verschwendete Zeit“. Denjenigen RWE Fans unter uns, die lediglich die erste Liga als Lebensraum für unseren Verein zulassen, mag es natürlich ein willkommener Opener sein. Zuallererst haben die Eagles diesen Song jedoch für all diejenigen unter uns geschrieben, die nach zehn Jahren Regionalliga zermürbt den rot-weissen Schal an den berühmten Nagel gehängt haben. Don Henley erklärte in einem Interview zu diesem Song, dass er nicht die Treue der RWE Fans in Frage stellen wollte, aber doch  festgestellt hat, dass diese Dekade alle an der Hafenstraße zermürbt hat, so dass es für manch einen verschwendet Zeit darstellt. Künstler und ihre Sicht auf die Dinge halt.

One Of These Nights

Es war der 29. Juli 2011. Glenn Frey war auf Promotion Tour in Essen und kam nur durch Zufall an eine Karte für das Erstrundenspiel des RWE im DFB Pokal gegen die Eisernen aus Berlin-Köpenick. Zunächst durchaus verwundert darüber, warum ein Fußballspiel in einem halb verfallenem Stadion stattfindet, zeigte sich der in Detroit, Michigan geborene Musiker von Minute zu Minute mehr begeistert über das, was er da auf dem grünen Rasen geboten bekam. Aus Essener Sicht natürlich. Es war ein Freitag für die Geschichtsbücher. Gerade noch Insolvent und in die fünfte Liga versenkt, tauchte der Deutsche Meister von 1955 wieder als Meister auf. Einige Etagen tiefer halt, aber mit einem Schwung, der einfach zu begeistern wusste. All das entlud sich an diesem Abend im altehrwürdigen Georg-Melches Stadion. Das war definitiv einer dieser Nächte. Zu schade, dass sie nicht konserviert werden konnte. Wenigstens konnte Glenn Frey seinen Bandkumpels davon erzählen und dieses Lied darüber schreiben.

Already Gone 

Gerade noch euphorisiert durch ein Pokalspiel verfolgte Glenn Frey die Geschicke des RWE auch in den fernen Staaten weiter. Hoffte Jahr für Jahr auf eine sportliche Erfolgsmeldung, sah Spieler und Trainer kommen und gehen. Manchmal so schnell, so dass man auch als treuester der Treuen den Überblick verlieren konnte. Spieler und Trainer kamen und gingen, die vierte Liga blieb. Glenn Frey griff in die Tasten und schrieb sich somit musikalisch von der Seele, dass der Profifußball für den einstmals so stolzen Verein Rot-Weiss Essen bereits gegangen sein könnte. In Anbetracht dieser langen Zeit in der Fußballunterschicht liegt der Verdacht natürlich nahe. Aber, die Hoffnung…..

Love Will Keep Us Alive

Seufzend legte Ursula Kasuppke die Montagsausgabe der Tageszeitung beiseite und nahm einen großen Schluck Kaffee aus dem Kaffeepott. Rot-Weiss Essen hatte verloren. In irgend so einem relativ unbekannten Dorf mal wieder. Ihr längst verstorbener Mann Willi würde sich im Grabe umdrehen, dachte Ursula so bei sich und überlegte schon, was sie ihrem Willi denn sagen könnte, um die Niederlage so gut wie möglich zu verkaufen. Andererseits kann sich Willi ja auch nicht mehr groß darüber aufregen, sinnierte sie bei einem weiteren Schluck Kaffee und einem tiefen Zug aus der Zigarette, schließlich ist Willi ja tot. So hatte sie aktuell nicht nur ganz alleine die Sorgen um den geliebten RWE auf ihren mittlerweile schmalen Schultern zu tragen, sondern musste sich zudem ständig ausdenken, wie sie ihrem Willi im montäglichen Zwiegespräch auf dem Margareten Friedhof das Wochenendspiel schönreden konnte. Im Falle einer Niederlage natürlich. Denn wenn ihre Jungs das Spiel gewinnen konnten, da sprudelte es nur so aus ihr heraus. Manchmal kam es ihr dann auch so vor, als könnte sie spüren, wie Willi mit ihr leidet oder sich freut.

An diesem Punkt hielt Ursula stets kurz inne, denn manchmal ist es nach so vielen Jahren nicht mehr wirklich leicht, sich daran zu erinnern ob erst die Liebe zu Willi oder zu RWE ihr Leben bestimmte. Oder ergab das eine dann auf einmal auch das andere? Wenigstens, so sinnierte Ursula weiter, wenigstens lebt der Verein immer weiter. Wie gerne würde sie noch einmal Hand in Hand mit Willi die Hafenstraße Richtung Stadion hinaufgehen. Wie viele ältere und ganz alte Fans gibt es wohl, die nicht mehr in das Stadion gehen, weil es den Partner nicht mehr gibt. Oder weil es alles zu aufregend geworden ist oder manchmal auch nicht nicht mehr schön wegen der vielen Polizei und der Knallerei. Sie wusste darauf keine Antwort. Und eigentlich kannte sie „ihre Jungs“ ja auch schon lange nicht mehr beim Namen, so oft wie die Spieler kamen und gingen. So reicht ihr mittlerweile das Endergebnis und der Spielbericht. Den Rest konnte sie sich aus so vielen Jahren und Spielen an der Hafenstraße denken. Willi bekam das Spiel auf jeden Fall immer mit Leidenschaft nacherzählt. 

Ursula und Willi Kasuppke….diesem Paar konnten sich die Eagles einfach nicht entziehen und widmeten ihnen somit diesen Song.

After The Thrill Is Gone

Was hat Glenn Frey nicht alles versucht, um seinen alten Kumpel und Bandkollegen Don Henley zu einem Besuch an der Hafenstraße zu bewegen.  Der Stimmung wegen und so. Der Henley Don lässt sich also überreden und kommt im Frühjahr 2018 das erste Mal an die Hafenstraße zu einem Spiel von Rot-Weiss Essen. Und was iss? Nix iss! Lösungen werden gesucht, die Mannschaft kickt für sich und ein Großteil der Fans verweigert bisweilen und bis auf weiteres die eigene Unterstützung. Leicht irritiert greift Don Henley zum Notenblock und skizziert einen Song, in welchem es darum geht, dass die ganz große Euphorie, der sogenannte „Thrill“, um den RWE aktuell mehr als vorbei ist. Man schleppt sich so durch. Recht hat er. Und doch würde ich persönlich ihm nun sagen wollen, dass diese Phase vielleicht mal Not tat und helfen konnte, die Negativspirale zu durchbrechen. Manchmal hilft eine Auszeit beiden Parteien auf Mannschaft/Fan Ebene. Eines sei der Mannschaft aber versichert: Das Einstellen sämtlicher Aktivitäten bedeutet nicht das Ende der Vereinsliebe. Es ging halt bei einigen aktuell nicht mehr und das ist zu respektieren. Diesbezüglich jedoch ist das kommende Pokalfinale natürlich von Interesse: Gilt hier die Ausnahme der Regel oder wird weiter konsequent nach Lösungen gesucht?

The Long Run

Natürlich haben die Eagles nicht einen Gedanken, beziehungsweise eine Note an unseren RWE verschwendet und ist alles in diesem Beitrag auf sie bezogen fiktiv. Und doch kommen sie in ihren Songs dem RWE ziemlich nahe: „Good Day In Hell“, „Take It To The Limit“, „The Sad Cafe“. „The Best Of My Love“, „How Long“ oder gerade auch „Life In The Fast Lane“…. alles Titel, die so oder so ähnlich wirklich auf den RWE hätten geschneidert werden können.  Und somit ist natürlich hier und heute alles nur fiktiv aufgeschrieben; zudem würde ich dem RWE nur annähernd eine ähnliche Virtuosität am Ball wünschen wie den Musikern der Eagles an ihren Instrumenten.

Glenn Frey verstarb am 18. Januar 2016 in New York.

Take It Easy, RWE!

 

Rückrufaktion!

Seit vergangenen Sonntag ist das mit dem RWE und den Kommentarspalten mal wieder so wie manchmal in einer ganz normalen Familie kurz vor Weihnachten: Die Vorfreude wurde getrübt, weil einer aus der Familie (Hier: Mannschaft RWE) Mist gebaut hat. Darüber können oder wollen sich andere Familienangehörige, die oft und gerne schlechte Stimmung verbreiten (Hier: Die üblichen Verdächtigen), einfach nicht beruhigen. Und nun soll morgen Abend gemeinsam das Fest (Hier: 1. Runde DFB Pokal) gefeiert werden, so als ob Wuppertal nicht stattgefunden hat. Inklusive Vorfreude. Kaum vorstellbar für so manchen.

Aber warum eigentlich nicht? Zur realen Weihnachtszeit klappt das auch auch jedes Jahr aufs Neue und kommen Unstimmigkeiten (sofern denn vorhanden) erst nach den Geschenken und frühestens am zweiten Feiertag wieder auf. Vielleicht gibt es ja morgen für alle Geschenke (Hier: Aufopferungsvoller Kampf Mannschaft RWE). Auf jeden Fall gibt es volle Hütte, Flutlicht und gutes Bier.

Wuppertal liegt definitiv noch schwer auf der Seele und erst das Heimspiel gegen die Kölner Zweitvertretung wird die daraus gezogenen Lehren zeigen. Wird Wegweiser sein für die nächsten Wochen im viel wichtigeren Alltag Ligabetrieb. Das sollte uns aber trotzdem jetzt nicht daran hindern, dass Pokalduell gegen Borussia Mönchengladbach einfach als willkommenes Fußballspiel anzunehmen und entsprechend zu begehen. Natürlich in dem Wissen: Die Chance auf ein Weiterkommen gegen einen arrivierten Erstligisten ist jetzt wahrlich keine besonders Große. Also komme ich ja eigentlich schon in Erwartung einer Niederlage an die Hafenstraße; so wie die Fans der Borussia ihrerseits von einem deutlichen Sieg ausgehen. Und von nichts anderem.

Und so stellt sich aktuell die Frage aller Fragen: Schon mit schlechter Laune ankommen, weil: Zweiter Spieltag, die Liga ist (angeblich) mal wieder gelaufen, alle raus! Oder trotzdem mit Vorfreude zur Hafenstraße kommen. Wir haben doch eh keine Chance, aber warum sollten wir diese dann nicht wenigstens nutzen? Wer weiss denn schon, was passieren könnte, bleiben die Rot-Weissen so lange wie möglich ohne Gegentor; nehmen die Tribünen mit und starten auf dem Feld eine „Rückrufaktion“ in Sachen Fanunterstützung? Plötzlich trägt man sich gegenseitig durch das Spiel. Auch das könnte passieren.

Alles Spekulationen und  Hoffnungen natürlich (Der Fußball ist eben doch meistens „Hätte, hätte, Fahrradkette“). Verbunden aber trotzdem einmal mehr mit dem tiefen Wunsch danach, sich davon zu verabschieden, dass sportliche Leistungen durch Beleidigungen oder Schuldzuweisungen in den Kommentaren gesteigert werden können. Das tun sie definitiv nicht. Und das ist auch gut so.

Fußballer und Verantwortliche in Zeiten vor „Social Media“ machen sicher jeden Tag die berühmten drei Kreuze, weil ihnen nach schlechten Spielen definitiv viel erspart geblieben ist. Sofern sie es denn gelesen hätten. Was natürlich nicht bedeutet, dass an den Stammtischen und auf den Tribünen seinerzeit weniger gemotzt wurde.

Apropos motzen: Ich würde mir ab und an etwas mehr aktives Coaching wünschen. Ich bewundere unseren Trainer für seine Ruhe und hätte gerne selbst ganz viel davon. Auch braucht es sicher keine wild herumhüpfende „Taxofit Kappe“. Vielleicht jedoch helfen einer Mannschaft gelegentliche Korrekturen inklusive Präsenz in Echtzeit. Man weiß es nicht.

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich also nun leichten Herzens dazu entschieden, mich auf das DFB Pokalspiel unter Flutlicht gegen Borussia Mönchengladbach zu freuen. Denn, wenn ich mich nicht freue, wird das Spiel trotzdem gespielt. Und, rein spekulativ: Sollte kurz nach Mitternacht der entscheidenden Elfmeter für uns verwandelt werden, dann hätte ich direkt ein super Geburtstagsgeschenk bekommen. Geradezu unbezahlbar wäre das.

Und nach dem Pokal, dann ist wieder (Niederrhein-)Pokal. Aber dann ist wieder Regionalliga. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir kein „Wuppertal“ mehr erleben werden. Lasst uns mal optimistisch werden.

Nur der RWE!

Das (Fußball-)Buch ihres Lebens

Was als erstes auffällt ist die Haptik dieses Buches: Bedingt durch den stabilen Einband aus fester Pappe liegt es wunderbar in der Hand und klappt sich entsprechend zu (und wieder auf). Alle Bücher sollten sich so anfühlen und in der Hand liegen. Ein geradezu erwärmendes Gefühl. Eine der Autorinnen dieses Buches fand dann in einem „Post“ noch viel passendere Worte:

„Bücher soll man nicht nach ihrem Aussehen beurteilen, sagen sie. So´n Quatsch! Illustration vorne drauf, Konturlack auf dem Titel, Tornetz als Vorsatzpapier, der ganze Einband ein Liebeserklärung der Buchgestaltung an den Fußball“

Es bleibt aber nicht nur bei diesen Liebeserklärungen zur Buchgestaltung. Die Texte als solche sind es auch: Eine Liebeserklärung, Leiden inklusive! Vierundzwanzig sehr intelligente und schreibende (Fußball-) Menschen haben diesmal ihren Intellekt Intellekt sein und das (Fußball-) Herz sprechen, beziehungsweise schreiben lassen. Vierundzwanzig Mal ging es um das Spiel ihres Lebens. So erklärt sich auch der Titel des Buches: „Das Spiel meines Lebens“.

Warum das Buch einen so berührt sind bisweilen die Sätze, mit denen das Gefühl Fußball beschrieben wird. Das reine Ergebnis ist eigentlich sekundär, denn fast noch schöner als Fußballgeschichte sind doch Geschichten über den Fußball. Viel interessanter als Statistiken das, was das Spiel an jenem Tag mit den Menschen gemacht hat. Es entspringt diesem Buch das ganz große Gefühl, mit bisweilen ganz viel Hingabe. Der Leser liest von Stellvertreterdramen, Luizidem Vorsterbezustand; wird an Murdo MacLeod und das meinerseits schon vergessene „Silver Goal“ erinnert. Es handelt sogar von Arminia Bielefeld, Holstein Kiel, BFC Dynamo. Von Energie Cottbus, dem FC Carl-Zeiss Jena und nicht von Rot-Weiss Essen. Und von einigen anderen ganz bekannten Vereinen. Aber lest selbst.

Wobei Rot-Weiss Essen tatsächlich einmal erwähnt wird. Auf Seite 263.

Wer aktuell mit vielen Dingen rund um den Fußball dieser Tage hadert, der wird daran erinnert, was den Fußball wirklich ausmacht und warum wir doch immer wieder Tag für Tag auch unseren Verein leben. In diesem Buch dürfen Ball und die Neunzig Minuten endlich wieder glücklich sein. Für einen langjährigen Fan kann dieses Buch möglicherweise zweierlei bedeuten: Es kann einen schönen Abschluss der eigenen Fankarriere bedeuten, indem man sich selbst an die guten Zeiten erinnert und nun den Fußball komplett der Geldgier überlässt. Es kann aber auch einen Neuanfang bedeuten und uns darin ermutigen, dass wir die aktuell eher „kranken“ Entwicklungen im Fußball nicht gewinnen lassen werden.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass man diesem Buch unbedingt einen zweiten und dritten Teil wünscht, und dass das schönste Paar von Berlin auch heute noch das schönste Paar von Berlin ist.

Das Licht am wo auch immer.

Nach der Saison ist vor der Saison. Was bedeutet, dass auch der RWE in absehbarer Zeit wieder in den Ligabetrieb einsteigen wird. Vorbei somit die Zeit der relativen Stille und entspannter Testkicks. Es wird Ernst. Und wir alle wissen, dass mittlerweile mit dem RWE nicht mehr zu spaßen ist. Den Grund kennen wir alle, ist er doch tief in fast zehn Jahren relativ sportlicher Bedeutungslosigkeit verwurzelt. Würde Pöbeln, Häme und Beleidigungen einen Aufstieg herbeiführen, so würden wir heute direkt wieder Bundesliga spielen; das ist ja mal klar.  Aber so einfach ist die Geschichte leider nicht, und das ist eben noch viel klarer. Der Verband aller Verbände rückt von dieser sportlichen Perversion namens Regionalliga nicht ab, und somit hat nicht nur der FC Bayern die Arschkarte und darf als Meister nicht direkt aufsteigen, sondern auch einige Vereine tief im Ligenunterholz darunter. Nun gut, der RWE braucht sich um derlei eigentlich auch noch gar nicht groß zu kümmern: Von einer Meisterschaft war man ebenfalls in den letzten Jahren ziemlich weit entfernt.

Aber, es ist auf jeden Fall gut, sich gegen die derzeitige Regelung zu positionieren, denn eines Tages ist man hoffentlich selbst davon betroffen. Und vielleicht leuchtet das Licht am Ende des so ewig langen Tunnels vielleicht schon in der kommenden Saison ein wenig heller als in den vergangenen Jahren. Es ist nicht nur der überraschende Erfolg im Testspiel gegen den scheinbar übermächtigen BVB, welcher die Hoffnung auf bessere Zeiten bestärkt. Es ist auch den vielen Abgängen geschuldet. Natürlich haben wir einen kleinen Kader und natürlich darf das vermaledeite ewige Verletzungspech nicht weiter wirken. Natürlich war auch das Testspiel in Bocholt kein wirklich guter Auftritt. Aber, diese permanente Fluktuation, diese ach so vielen Neuzugänge; diese spielerischen Enttäuschungen in unseren Trikots: Es wurde ein Schnitt vollzogen, der auf den ersten Blick eher etwas von ausbluten hat, aber auf den zweiten Blick einfach auch Sinn macht.

Es sind Spieler gegangen (gegangen worden), die unseren geliebten Verein einfach nicht weitergebracht haben. Geblieben jedoch ist ein eingespielter Stamm, welcher es nun leichter haben dürfte, gezielt verpflichtete Neuzugänge auf dem Feld zu integrieren. Aber wie geschrieben, immer unter der Prämisse, dass das Verletzungspech sich in der kommenden Saison einfach mal von der Hafenstraße fernhält.

Was leider aber auch geblieben ist, ist der gefühlte Fakt, dass alle anderen Vereine die Saison bei Null Punkten beginnen, unserer RWE die seine jedoch bei Minus was auch immer Punkten. Immer mal feste drauf auf das, was man doch eigentlich liebt. Immer kräftig dagegen anstänkern, dessen Fan man doch eigentlich ist. Fairerweise muss man sagen, dass es sich ja immer noch einigermaßen die Waage hält. Geduld ist schwer. Geduld nach nun fast zehn Jahren bisweilen unerträglich schwer. Aber noch einmal die Bitte: Kein Aufstieg wurde jemals durch Beleidigungen erreicht. Einen Aufstieg erreicht man nur zusammen.

Wir alle können dieses so lang ersehnte Ziel nur zusammen erreichen. Und das können wir, auch wenn wir inhaltlich trotzdem nicht immer einer Meinung sind. Das muss auch gar nicht. Der Fan darf seine Meinung haben. Der Verein natürlich auch seine. Der Ultra hat seine Meinung. Der Hool auch und der Meckeropa sowieso. Aber wir haben doch alle zusammen eines gemeinsam. Einen großen gemeinsamen Nenner: Wir alle haben Rot-Weiss Essen und Rot-Weiss Essen hat uns. Vielleicht können wir uns erst einmal auf diesen gemeinsamen Nenner verständigen und gucken mal, was in den ersten Spielen so geht. Das große Ziel können wir eh nur gemeinsam erreichen. Vielleicht aber noch eher zusammen.

Zusammen.

Fünf Jahre. (Aus`m Buch)

Weil wir das Georg-Melches Stadion hatten und verabschieden durften. Mussten.

Wenn das Fußballerlebnis des Jahres mit Abstand das traurigste, aber auch das schönste zugleich ist, dann muss es fast zwangsläufig etwas mit Fußball zu tun haben! Denn wo sonst treten Gefühle so gebündelt, so ungefiltert auf? Sind nicht nur einfach gut oder einfach schlecht, sind bisweilen unerklärlich!

Es war der 19. Mai 2012, an welchem das allerletzte Pflichtspiel im Georg Melches Stadion an der Hafenstraße in Essen Borbeck stattfinden sollte. Es war ein warmer Tag, die Sonne schien uns allen gnädig. „Fritz Walter Wetter“ hätte aber auch gepasst. Unser aller “GMS”, diese alte „Kabachel“. Abgewrackt, amputiert und heruntergewirtschaftet. So wie kurz zuvor noch der ganze Verein. Und doch bis dato voller Stolz auch dem modernen Fußball trotzend. Schließlich war man ja mal wer und Vorbild für viele anderen Stadien der 50er Jahre und noch weit darüber hinaus.

Egal auch, in welcher Liga der RWE gerade mal wieder herumwurschtelte, an Spieltagen waren die schon weit entfernt sichtbaren Flutlichter Fixpunkte für all die Fans, welche die Hafenstraße nun in Richtung Hausnummer 97a bevölkerten. Dort angekommen gleich für diese unvergleichliche Geräuschkulisse auf dem Vorplatz der Osttribüne sorgend. Immer auch unter den wachsamen Augen der Staatsmacht.

Essen ist kein einfaches Fußballpflaster: Essen ist rau, kann böse werden. Dich aber auch in den Arm nehmen! Dein Schicksal teilen; ist immer ehrlich und fast mit ganzem Herzen rot-weiss (Die Fahrzeuge mit Essener Kennzeichen und Schalke Aufkleber einmal ausgenommen. Das sind schwere Einzelschicksale). So wurde auch Fußball gespielt an der Hafenstraße; wurde es sogar erwartet. Also ehrlich und mit ganzem Herzen. Wehe dem Spieler, der nur sein Trikot spazieren trägt. So richtig schöne Fußballspiele waren eher selten.

All das war also das Georg Melches Stadion und eben noch viel mehr. Bis zu diesem letzten Spieltag der Regionalliga West, Saison 2011/2012: Rot Weiss Essen gegen SC Fortuna Köln hieß die letzte Paarung an traditionsreicher Stätte. Diesem Mythos, dem Stadion Töpperwien’scher Lobpreisung („Eine Begrüssung, wie ich sie in 23 Berufsjahren, ausser in Mexico City, Atztekenstadion, noch nie erlebt habe“)

Es sollte ein unvergesslicher Abschied werden. Gefühlt viel früher als sonst strömten die Fans aus allen Richtungen herbei, wurden Traditionen längst vergangener Tage wieder zum Leben erweckt („Kokosnüsse jemand hier“) und scheute fast ein jeder den Blick Richtung alte Westkurve, wo die neue Heimat Stadion Essen schon in Lauerstellung lag. Heute galt es, sich noch ein letztes Mal an gewohnter Stelle mit gewohnten Weggefährten zu treffen. Alles mittlerweile ritualisiert.

Im Stadion selbst bereiteten die Ultras Essen und Umfeld eine Choreo vor, um damit dem geliebten Stadion gebührend Tschüss sagen zu können. Und als die schon erwähnte Lobpreisung durch Rolf Töpperwien (Dem TV Publikum seinerzeit begeistert im Rahmen einer DFB Pokalbegegnung gegen Bayer Leverkusen kundgetan) krächzend aus den altersschwachen Boxen ertönte, zeitgleich eine unglaubliche “Choreo” hochgezogen wurde, da flossen erste Tränen!

Zu sehen aber nur von der Haupttribüne aus, denn hier wurde das mit den Fähnchen gemacht. Die Stehtribünen waren auf den Resten der „Nord“ unter einem riesigen Konterfei Georg Melches, sowie auf der „Nord“ unter einer gigantischen Bildergeschichte versteckt. Welch ein Erlebnis an einem Tag zu einer Zeit, in der es sich persönlich nicht nur von einem Stadion zu verabschieden galt. Ein Abschied in eine bessere Zukunft übrigens. Zu viel der Emotionen, zu viel der Tränen um einen herum. „An der Hafenstraße, RWE“ wurde in einer klassischen Version abgespielt, „Adiole“ in Originalfassung; gestandene Männer, welche mehr schluchzten denn sangen. Alles in allem Emotionen, die sich zwangsläufig in Tränen auflösen mussten. Es floss also an allen Ecken munter vor sich hin. Die Ultras Essen und alle an diesen Momenten beteiligten Fans hatten sich selbst ein Erbe gesetzt. Und der Welt gezeigt , dass sie besser sind als Messi.

Mit dem Anpfiff eines überraschend kurzweiligen Spieles in Anbetracht seiner sportlichen Bedeutungslosigkeit begannen dann die letzten 90 Minuten im Erbgut von Georg Melches. Es herrschte einige Minuten fast völlige Ruhe, es galt wohl allerorten, das gerade erlebte zu verarbeiten als aus irgendeiner Ecke der Haupttribüne dieses unvergleichliche “Oh immer wieder” angestimmt wurde.
Was soll ich sagen? Fußballerlebnis halt. So intensiv.

Es spielte sich dann harmlos, aber wie schon erwähnt, kurzweilig weiter. Der Unparteiische pfiff mal an, mal ab und zum Schluss pfiff er den Schlusspfiff. Aus, aus, aus…das Spiel war aus und sechsundachtzig Jahre Georg Melches Stadion waren Geschichte. Fassungslose Gesichter bisweilen, die vielleicht jetzt erst realisiert hatten, dass es wirklich nun Abschied zu nehmen galt. Das Stadion leerte sich dementsprechend langsam. Viele blieben einfach in ihrem Block stehen, kauerten auf ihren Sitzen oder formierten sich noch einmal und sangen ihre Lieder. Auf der Haupttribüne wurde “Mexico” gesungen, einige der Sänger durften vielleicht erst jetzt nach dem allerletzten Abpfiff und Jahren wieder ein Stadion betreten. Aber auch das gehörte zur Fußballkultur im Georg Melches Stadion.

Dieser Tag, definitiv das Fußballerlebnis im Jahre 2012, trotz so unglaublich vieler anderer intensiver Momente rund um das runde Leder. Ein Tag, welcher die Bedeutung dieses Vereins für die Menschen so unfassbar intensiv wiedergegeben hat, der aber noch viel mehr gezeigt hat, dass ein Stadion, richtig gelebt, kein Konstrukt aus Beton ist, sondern eine Seele hat. Tausende sogar. Ein Stück Heimat ist. Das Georg Melches Stadion an der Hafenstraße war Heimat. Aber die Fans von Rot Weiss Essen wären nicht sie selbst, hätten sie die Seele des GMS nicht schon einige Meter weiter mit hinübergenommen in das Stadion Essen an der Hafenstraße. Auch, wenn es Richtung Mythos noch ein ganz, ganz langer Weg sein wird.

Jetzt tanzen alle Puppen, macht auf der Bühne Licht! Macht Musik bis der Schuppen wackelt und zusammenbricht.

Soweit die Eröffnungsstrophe aus dem Titellied der sicher allseits bekannten und beliebten Muppets Show. Kermit kurz vor der Eskalation. Natürlich muß er sein Ensemble euphorisch präsentieren und die Inhalte der folgenden Show in den höchsten Tönen loben. Aber Kermit darf das, denn er ist zum einen ein Frosch aus Plüsch und zum anderen eine (seinerzeit wundervolle) Erfindung der Unterhaltungsindustrie.

Das Fußballmagazin 11Freunde bereichert mein fußballkulturelles Leben seit Ausgabe 1 nach Gründung und Fußball am TV schaue ich, seit begriffen habe, warum diese vielen Männer in kurzen Hosen auf dem kleinen schwarz/weiß Bildschirm (wir hatten ja damals nichts anderes) einem Ball hinterherlaufen. Die Ausgaben der 11 Freunde waren und sind wie Spiele von Rot-Weiss Essen: Auf drei gute Ausgaben folgt bisweilen eine Ausgabe, die inhaltlich etwas schwächelt (bei RWE ist das Verhältnis ehrlicherweise eher andersherum) und die Fußballreportagen waren geprägt von einer nüchternen Anmoderation und sachlich-fachlichen Kommentatoren. Man könnte auch sagen: Das war bisweilen dröge, aber das Spiel stand im Mittelpunkt.

Heute haben wir Privatfernsehen. Internet. Und scheinbar gingen mit ihnen die Maßstäbe, Vernunft, das ehrliche Miteinander und ein Mindestmaß an Streitkultur und Respekt verloren. Das Leben soll ein buntes Knallbonbon sein. Alles wird aufgebauscht, muss toll sein, nur keine Schwäche zeigen oder Langeweile erzeugen.

Und so kam es dann wohl eines Tages, dass Redakteure sich überlegt haben, wie sich die diversen Ligen noch besser verkaufen können. Fortan spielte nicht mehr die zweite Bundesliga, sondern die beste zweite Liga aller Zeiten. Die erstklassige zweite Liga; die Liga, die zweitklassig besser die erste sein könnte, die tollste Liga ohne den RWE usw. Die Ligen spielen den besten Abstiegskampf aller Zeiten, das spannendste Aufstiegsrennen seit Jesu Christi Geburt und haben den besten Zuspruch ever,ever,ever. Das aber nun schon seit einiger Zeit Saison für Saison.

Wenn aber doch schon die vergangene Saison die beste aller Zeiten war, wie zum Teufel kann denn dann auch die aktuelle Saison wieder die beste aller Zeiten sein? Und wie wird die kommende Saison betitelt?

Ich verstehe das nicht mehr. Aber ich bin ja auch nur der beste Blog aller Zeiten mit dem erstklassigsten Verein aller Zeiten.

Und warum nun sitzen seit einiger Zeit die Online Redakteure der von mir so geschätzten 11Freunde vor dem Rechner und teilen bisweilen kleine Clips in schlechter Qualität oder von nicht wirklich besonders interessantem Inhalt und verkaufen diese als etwas ganz tolles? Man muss doch nicht bei jedem Fundstück gleich wieder so aus dem Sattel gehen, als ob dem RWE endlich mal wieder ein Aufstieg geglückt ist. Es wird gejuchzt und gekreischt vor dem Monitor, als ob auf einer Dessous Party David Beckham aus der Torte springt. Ich weiss nicht, ob es nur mir so geht, aber wenn ich mich doch mal wieder fangen lasse und das Video anklicke, dann sehe ich die Sensation nicht immer sofort. Und manchmal auch gar nicht. Was aber vielleicht auch an der Qualität des Internetfundstücks liegen mag. Na ja, ich muss das ja nicht gucken.

Borussia Mönchengladbach zum Beispiel hat in Florenz beim dortigen AC eine fulminante zweite Halbzeit hingelegt. Ich habe nur diese eine Halbzeit gesehen und war als Fußballfan von dem Spiel der Fohlen sehr angetan. Der Kommentator auf Sky hingegen bekam fast einen verbalen Höhepunkt; stufte das Spiel als eine Legende ein, die gleichzusetzen sei mit der Mutter aller Europapokal-Arithmetik-Spiele Bayer 05 Uerdingen gegen Dynamo Dresden, bekam sich bisweilen gar nicht mehr ein. Mooooment, dachte ich so bei mir: Dieser Vergleich wollte sich mir nicht so richtig erschließen, waren doch Torfolge und Dramatik damals noch eine Spur intensiver als das Spiel in Florenz. Ich kann mich aber auch erstklassig täuschen.

Heutzutage wird alles so schnell hochgejubelt und übertrieben angepriesen. Wollte ich nur mal loswerden, lag mir auf der Fußballseele.

Es ist und bleibt trotzdem nur Fußball. Unser Spiel.

 

Gestern. Heute. Morgen.

Gestern gab es Rot-Weiss Essen. Heute gibt es Rot-Weiss Essen und auch morgen wird es den RWE geben. So hoffe ich jedenfalls, denn ansonsten wäre ich um einen großen Prozentsatz meines Lebens ärmer. Rasenballsport Leipzig zum Beispiel gibt es erst seit 2009. Das ist lange nach gestern. Ganz ganz lange! Und doch beschleicht sich aktuell das Gefühl im hiesigen Fußball, man müsste sich bisweilen eher dafür entschuldigen, Fan eines vor 2009 gegründeten Vereins zu sein, als sich zu eben einem solchen Verein zu bekennen. Nicht ganz unschuldig daran der unzweifelhaft erfolgreiche Fußball, den die „Leipziger“ da spielen. Diese sportliche Leistung sollten wir im Gegensatz zu allem anderen, was das Konstrukt ausmacht, auch anerkennen. Das gebietet die sportliche Fairness.

Nun gibt es ja zwei Optionen: Entweder man wechselt mit fliegenden Fahnen in das Lager der Dosen, befreit sich von allem Ballast der Tradition; geht steil ob der sportlichen Höhenflüge und feiert dann alsbald den Meistertitel mit den ganzen neuen Erfolgsfans in diversen sozialen Medien. Oder man bekennt sich weiterhin zur Erfolglosigkeit der eigenen Mannschaft, des eigenen Vereins und seiner Historie. Als Bayern Fan ist die Entscheidung nicht schwer, in Dortmund natürlich auch nicht; stimmt dort doch auch der sportliche Ertrag. Selbst in Köln und Frankfurt ist man dieser Tage höchsterfreut über den Tabellenplatz und hat keine Zeit für sonst dort gern gesehene Emotionen ausschließlich in den Farben schwarz  oder weiß.

Wir haben diesbezüglich mal wieder die Arschkarte gezogen. Eine tolle Tradition können wir temporär durchaus vorweisen, aber das war es dann leider auch schon. Wir Fans von Rot-Weiss Essen können uns zwar zur Tradition bekennen; können diese aber nicht mit aktuellen sportlichen Erfolgen kompensieren. Wir folgen einem dieser Vereine, der von seiner Historie lebt. Meisterschaft und Pokalsieg stets wie eine Monstranz vor sich her tragend. Zum Glück haben wir an der Hafenstraße etwas, was viele dieser gestern erfolgreichen Vereine nicht mehr haben: Rot-Weiss Essen kann sich wenigstens der unerschütterlichen Treue seiner Fans erfreuen, auch wenn das Verhältnis aktuell vielleicht nicht das Beste zu sein scheint. Viertklassig seit 2008, da bröckelt schon mal so manch Fangeneration schlichtweg weg. Daß wir dennoch in so großer Zahl und in solch verschiedenen Generationen immer wieder zur Hafenstraße pilgern, ist nicht normal und wohl eben dieser Tradition zu verdanken. Daher sollten wir dankbar für diese sein.

Der Verein sollte ganz ganz sensibel und  vorsichtig mit seinem höchsten Gut, den Fans, umgehen, denn ohne Fans wäre Rot-Weiss Essen auch nur noch Staub in der Wüste der gescheiterten ehemaligen hochklassigen Ruhrpott Vereine. So jedoch sind wir auch in der Dürre der Viertklassigkeit immer noch eine Oase an Vereinstreue. Darauf könnte man aufbauen, sofern es denn endlich mal eine Mannschaft geben würde, die Stein um Stein so platziert, ein sportliches Fundament legt, auf dem wir Fans uns sicher fühlen und den Aufbau beständig begleiten können.

Der benachbarte Verein Westfalia Herne hat aktuell auf seiner Homepage einen Slogan, um den ich den Verein fast beneide: „Aus Tradition wird Zukunft….“ steht dort geschrieben. Ein Slogan, der eigentlich alles aussagt und zugleich beinhaltet, dass Tradition nicht zwingend Ballast sein muss, sondern auch jede Menge Chancen beinhaltet. Ein Konstrukt namens Rasenballsport hat vielleicht Zukunft, aber noch lange keine Tradition. Rot-Weiss Essen jedoch hat Tradition und Zukunft. Wenn wir es schaffen, all das Wunderbare, was unseren Verein ausmacht zu bündeln mit dem gewissen Hauch an (schwerer) Geduld. Verbunden mit der Gewissheit, dass es uns auch dann noch geben wird, wenn der Dosenverkäufer eines Tages keine Lust mehr hat und vielleicht gen China abwandert, wo die Perversion des Geldes gerade einen neuen Höhepunkt zu finden scheint.

Wir können natürlich jederzeit gehen. Oder wir bleiben treu und üben uns in Geduld, was nicht wirklich immer einfach ist. So einfach ist das! Ich für meinen Teil bin lieber ehrlich unterklassig als hochklassig Dose.

Der offene Blog an den DFB

Lieber DFB, natürlich kannst Du nicht jedes Deiner einzelnen Fußballschäfchen kennen. Dafür sind wir doch viel zu viele und zählen Millionen. Also versuche ich einfach mal so, Dir einen Wunsch zukommen zu lassen, der mich schon seit längerer Zeit beschäftigt:

Vielleicht ist es Dir ja noch gar nicht aufgefallen vor lauter strategischen Planungen die Zukunft betreffend. Zudem will muss auch das Sommermärchen aufgearbeitet werden und nimmt viel Zeit in Anspruch. Der eigene Fanclub will koordiniert werden, denn natürlich bedarf ein jedes noch so unwichtige Spiel seine eigene Choreo; die Amateure als Basis unseres so geliebten Sports wollen beruhigt und eigentlich doch nur abgezogen werden. Der TV Fußball soll nun über allem stehen. Die DFL natürlich auch sehr wichtig. Neue Schlagwörter wie Setzlisten und angestrebte weltweite Präsenz der führenden Vereine bestimmen aktuell das Geschehen. Und noch so viel mehr ist zu tun. Da ist es also, um darauf zurückzukommen, kein Wunder, dass Dir noch nicht aufgefallen ist, was uns (ältere) Fans immer mehr beschäftigt:

Es gibt zu viel Fußball am heimischen Empfangsgerät. Natürlich gibt es diejenigen die gar nicht genug Fußball gucken können und auf diversen Internet Plattformen auch noch das Derby Lions Gibraltar FC gegen Gibraltar United FC anschauen würden. Zum Beispiel jetzt. Bestenfalls noch mit der geöffneten App der Wettanbieters der Wahl um noch schnell eine Wette zu platzieren. Der Rubel muss schließlich rollen. Oft genug erscheint es heutzutage so, als ob eben jener rollende Rubel wichtiger ist als die rollende Kugel. Ich jedoch, als Kind von 1966 und durch Uwe Seeler zu seinem Vornamen gekommen; endgültig fußballerisch sozialisiert mit der WM 1974 im eigenen Land, möchte den Fußball noch als etwas besonderes erleben und mich darauf freuen. Oft genug habe ich in kalten und zugigen Stadien der 80er Jahre gestanden. Und es war auch toll! Nach der Schule die Hausaufgaben vernachlässigt, weil sich Eberhard Stanjek via schlechter Telefonleitung aus dem nebeligen Sofia gemeldet hat, um ein Europapokalspiel der Landesmeister in der ARD zu kommentieren. Nachmittags wohlgemerkt. Das Rückspiel im UEFA Pokal 1980 zwischen der Frankfurter Eintracht und der Borussia aus Mönchengladbach habe ich abends im Radio verfolgt obwohl kein Fan eines der beiden Finalisten. Fußball im Radio, bisweilen und auch immer noch, eine packende Art, Fußball zu verfolgen. Weisst Du noch, die legendäre Schlusskonferenz 1999? Das war Fußball pur. Heute verkommt Fußball bald zu einer Art Ramschware: Alles muss raus, alles muss gezeigt werden. Fußballübertragungen fluten den Fernseher wie Castingshows.

Heutzutage blicke ich oftmals gar nicht mehr durch, welcher Wettbewerb gerade mal wieder am Fernseher gezeigt wird, oder um welchen Spieltag es sich überhaupt handelt. Es muss ja alles auseinander gezerrt werden, um möglichst viele Spiele live zu zeigen. Auf die Fans im Stadion nimmst Du dabei schon lange keine Rücksicht mehr. Willst Du überhaupt noch Fans im Stadion? Man kann doch technisch sicher schon Stimmung simulieren. Schließ uns doch komplett aus, dann kannst Du endlich Spiele ansetzen, wie Du lustig bist. Aber jetzt mal im Ernst: Vielleicht ist das Angebot für Fans jeden Alters, die kaum über Stadionerfahrung verfügen und diese wohl auch nicht mehr bekommen werden, durchaus ein gutes. Aber wir, die wir wissen, dass kein TV Spiel jemals den Stadionbesuch ersetzen kann, wir brauchen das nicht immer! Der FC Bayern und der BVB zum Beispiel erfreuen sich einer stets immer größer werdenden Fanschar, aber eben aufgrund der medialen Präsenz in Einklang mit den vielen sportlichen Erfolgen. Es wird dabei fast vergessen, dass auch diese beiden Vereine über Jahrzehnte schon von Fans begleitet wurden, die auch schlechte Zeiten und nicht immer gefüllte Stadien mitgemacht haben. Für sie tut es mir manchmal leid, dass sie sich heute ihren Verein mit dem modernen (TV) Fan teilen dürfen. Aber auch das nur nebenbei, ich schweife ab. Die Emotionen.

Gestern Abend also, das Testspiel in Mailand gegen Italien zum Beispiel: Ich kenne die TV Quoten nicht und mache mir jetzt auch nicht die Mühe, diese zu recherchieren. Denn ich weiss von so vielen Fußballfans, die sich dieses oder ähnlich gelagerte Spiele nicht angeschaut haben und in Zukunft auch nicht anschauen werden. Das geht nicht gegen den Fußball oder Deine Mannschaft, die ja auch die unsere ist. Nur es ist für alle außerhalb Deines Trainerstabs ein Spiel ohne sportlichen Wert und daher nicht sonderlich von Interesse. Und wenn Du ehrlich bist, weisst Du das auch. Daher frage ich Dich einfach mal ganz frech: Warum muss das letzte Spiel des Jahres auch erst um 20:45 Uhr beginnen? Die Vorweihnachtszeit beginnt gerade und somit wäre doch auch schon jetzt mal die Zeit für ein Geschenk gewesen: Millionen junge Kicker und Kickerinnen schnüren ab der G- Jugend (Bambini) die Fußballschuhe und versuchen oftmals noch im Rudel das Runde in das Eckige zu bekommen. Gleichwohl müssen sie aber früh zu Bett, denn schon am nächsten morgen klingelt früh der Wecker, da Schule. Warum also machst Du nicht mal Deiner Zukunft in Stutzen ein Geschenk und überträgst ein solches Testspiel nicht schon um 17:00 oder 18:00 Uhr?

So bekommst Du sicher auch Deine erhoffte TV Quote und Millionen Nachwuchsfußballer hätten vielleicht das Gefühl, dass ihre Nationalmannschaft, von der sie doch insgeheim alle träumen, ausschließlich nur für sie spielt. Ja, das wollte ich Dir eigentlich nur schreiben. Denk doch bitte einmal darüber nach.

Und wenn Du schon mal nachdenkst, dann vergiss auch bitte nicht die unselige Aufstiegsregelung aus den Regionalligen. Da besteht dringend Handlungsbedarf. Aber das ist natürlich nur ein rein egoistisches Anliegen meinerseits. Mir jedoch ganz wichtig ist: Verliere einfach nicht den Bezug zu uns, den wir den Fußball lieben. Denn lieber DFB: Wer meint etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

Herzlichst,

Uwe

Scherenschnitt

Hans-Joachim Watzke möchte nicht so enden wie unser aller RWE, und muss daher mit dem BVB immer den Sprung auf monetäre und globale Züge schaffen. Egal in welche Richtung diese auch fahren; Thomas Müller beklagt sich zurecht über aufgeblähte Qualifikationsrunden zu immer mehr aufgeblähten Turnieren bei Gegnern, die immer öfter nur noch sportliche „Opfer“ sind. San Marino jedoch kontert mindestens und wohl noch mehr zurecht, dass auch die Großen die Kleinen brauchen. Um geerdet zu werden und da sich im kleinen eben jene Seele des Spiels wiederfindet, die die Großen vor lauter Geldgier gegen ein Fußballherz aus Beton eingetauscht haben. Und wenn die Großen nicht mehr gegen die Kleinen antreten wollen, woher bekommen wir dann in Zukunft noch den Stoff für jene Fußballgeschichten, über die noch in zig Jahren geredet wird und die wir so lieben? Das sind doch die Begegnungen Groß gegen Klein, aber wohl kaum ein Spiel aus einer wie auch immer gearteten Setzlisten Liga.

Das klassische Derby Chemie gegen Lok weckt selbst im unterklassigen Pokalwettbewerb mehr Emotionen, als es der erste Titel des kommenden Meisters aus der selben Stadt jemals schaffen wird. In England wird ein klassischer Underdog Meister und ein Fanverein (AFC Wimbledon) überholt nach vielen Jahren in der Tabelle eben jenen Verein, (Milton Keynes Dons) für den der angestammte, insolvente und geliebte Verein (FC Wimbledon) einst in die Tonne gekloppt und „outgesourct“ wurde. Der Fußball aktuell mal wieder am Scheideweg. Also eigentlich wie immer. Allmählich jedoch verhält es sich im Fußball wie mit der Erderwärmung: Die Auswirkungen sind langsam aber sicher immer spürbarer. Ein schleichender Prozess, der da stattfindet und uns immer mehr die Luft zum Fußballatmen nimmt, passen wir nicht endlich auf unseren so geliebten Sport auf. Die WM mit dutzenden Teilnehmern will doch keiner wirklich am TV sehen, gleichwohl man aber auch eben jenem San Marino zum Beispiel nicht das Spiel des Lebens und die ehrliche Freude am Fußball verwehren möchte. Schwierig, da allen gerecht zu werden.

Bestimmt nicht mehr sehen möchte man die mittlerweile immer häufiger stattfindenden „Treibjagden“ auf gegnerische Spieler oder Unparteiische, wie sie bisweilen im Unterbau des Fußballs stattfinden. Ihr Schläger auf Asche habt im Fußball genau so wenig verloren wie Korruption und Setzlisten von denen da ganz oben. Fußball ist immer noch ein Spiel und das soll es auch bleiben. Aber auch der DFB benimmt sich immer mehr wie ein Trumpeltier und möchte die Spieltage der ersten Bundesliga noch weiter auseinander zerren. Ingolstadt gegen Wolfsburg jetzt auch noch zur besten und traditionellen Anstoßzeit der Amateure Sonntag Nachmittag auf Sky. Da möchte doch kaum noch einer Rot-Weiss Essen gegen Alemannia Aachen vor Ort im Stadion sehen. Obwohl, also da kann man sich in seiner Prognose schon mal vertun….

Jetzt aber zum eigentlichen Anliegen: Ich habe letztens unter einem Artikel den Kommentar eines RWE Fans gelesen, welcher für sich und besonders Rot-Weiss Essen den Anspruch 1. Bundesliga proklamiert und somit weder eine Dauerkarte gekauft hat, noch auf Hoch3 reingefallen ist (eigene Definition).  Da musste ich erst einmal kräftig durchatmen, denn dieser Fan wird zeitlebens an seinen eigenen Ansprüchen scheitern und ein ewig unzufriedener bleiben. Und somit ja in gewisser Art und Weise auch andauernd negative Stimmung verbreiten, denn wer seine Ansprüche nie erreicht, wird nicht gerade frohlocken. Wie kann ich überhaupt einen solchen Anspruch formulieren, war doch mein Verein vor mittlerweile geschlagenen vierzig Jahren das letzte Mal erstklassig? Da kann ich doch als Fan Saison für Saison ständig nur scheitern und immer verbitterter im meinem rot-weissen Dasein werden. Keine Dauerkarte zu kaufen ist nicht schlimm, und auch den Weg Hoch3 mitzugehen kann keiner verlangen. Zumal sich jetzt herausstellt, was ich vor der Saison angemahnt habe: Ein Timo Brauer kann eben nicht über Wasser gehen und einen Aufstieg garantieren. Er ist Teil einer Mannschaft, die es nur gemeinsam richten kann. Eines Tages.

Den eigenen Anspruch gilt es somit mit Blick auf die traurige momentane Realität ein wenig zu reduzieren. Könnte auch der eigenen Gesundheit zuträglich sein. Keiner ist an der Hafenstraße gerne viertklassig. Aber sportlich gehören wir nun schon so lange dazu: Wir sind Inventar und leider schon lange kein Ausrutscher mehr. Mein eigener sportlicher Anspruch an den RWE ist die dritte Liga. Der Zuschauerzuspruch ist zweite Liga und das Stadion sogar bereit für die erste Liga. Die Vergangenheit für eine Dekade legendär erfolgreich und mit Mythen behaftet. Unter dem Strich also: Der Scherenschnitt Rot-Weiss Essen vs Anspruch Fans ist mindestens genau ein so schwieriger wie der zwischen den Großen und Kleinen überhaupt im Fußball dieser Tage.  Es bleibt spannend.

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