Alles auf Rot!
Es ist nicht mehr weit hin bis zum Anpfiff in Fürth. Und einmal mehr kann keiner voraussagen, wie wir uns alle fühlen werden, wenn im Ronhof der finale Pfiff ertönt. Aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt auch völlig egal, denn eines kann uns allen, die wir im Hinspiel das Glück hatten, im Stadion dabei sein zu dürfen, keiner mehr nehmen: Eben genau dieses Hinspiel und seine einzigartige, wohl unvergleichliche Atmosphäre. Das war das Meisterstück eines Stadions und seiner Tribünen. Das war eine perfekte Symbiose zwischen Mannschaft und Fans, die sich nicht spontan ergeben hat, oder vielleicht ausschließlich dem Anlass entsprechend stattgefunden hat.
Das was wir bei diesem hart erkämpften 1:0 Hinspielsieg gegen die SpVgg Fürth erlebt haben, war die ausgelebte Konsequenz einer nervenaufreibenden Saison mit dermaßen vielen Höhen und Tiefen, die manchmal auch hätte zum Bruch führen können, aber letztendlich alle (die üblichen Verdächtigen gerne ausgenommen) miteinander immer fester zusammengeschweißt hat. Um dann in der ekstatischen Nachspielzeit in Ulm in dem Erreichen der Relegation zu münden. Darauf war wahrscheinlich keiner eingestellt. Zu Beginn der Saison hätten wir Platz 3 hingegen sicher blanko unterschrieben.
Nun ist Fußball immer auch eine Charakterfrage. Je länger eine Saison dauert, vor allem, wenn man plötzlich noch eine Relegation zu bestreiten hat, und für viele Spieler vielleicht nicht klar ist, wo der weitere berufliche Weg hingeht, kann das schon mal ablenken. Aber auch was das angeht, hat unsere Mannschaft schon gewonnen: Die arbeiten und leben RWE, aber vor allem auch das Miteinander als Mannschaft. Da muss man einfach mal auf die vielen kleinen zwischenmenschlichen Momente während eines Spiels achten. Es passt, so erlebe ich das.
Und was nicht passt, wird halt passend gemacht, dachten sich vergangenen Freitag wohl alle Fans, die es mit dem RWE hielten. Gerade noch bei einstelligen Temperaturen in Ulm in der Übergangsjacke den Arsch nass bekommen, konnte ein kontinuierlicher und schweißtreibender Temperaturanstieg endlich das Vorhaben „Alle in Rot“ umsetzen. Und was soll man schreiben: Wohin man, an der Hafenstraße angekommen, auch blickte: Essen war und ist Rot! Aber es war nicht nur die Kleiderwahl, die an diesem Abend Einigkeit zelebrierte. Es war, als hätte jeder Fan seine eigene Motivationsdusche Relegation genommen.
Mit Anpfiff ging von allen Tribünen dermaßen die Post ab, so dass mir kurz der Atem stockte, denn wie wollte man das über die gesamte Spielzeit so durchhalten? Verbunden mit der Frage, warum kann es nicht immer so sein? Die erste Frage war erst nach Abpfiff beendet: Es wurde nicht nur durchgehalten seitens der Fans, sondern die Lautstärke wurde im weiteren Spielverlauf sogar noch sukzessive gesteigert. Abzüglich der Minuten, bei denen aufgrund eines medizinischen Notfalls auf der Rahn beiderseits geschwiegen wurde. Direkt danach erneut Gesänge, wohin das Ohr auch hörte. Koordiniert, unkoordiniert, alles schrie bisweilen durcheinander, um unsere Mannschaft zu unterstützen. Eine Grätsche wurde zum Jubel, eine verhinderte Ecke zum Jubelsturm, das famose Freistoßtor von Torben Müsel zum Orkan. Und nein, dass ist nicht übertrieben.
Das war ein „Once in a Lifetime“ Spiel. Und so haben wir es auf den Tribünen angenommen. Die West als Taktgeber und pulsierendes Element des Stadions hat sich schon lange etabliert. Aber dass die Rahn an diesem Abend einen solchen Erweckungsmoment der eigenen Leidenschaft erlebt und endlich die legendäre „Nord“ vergessen lassen konnte, damit war in dieser Form nicht zu rechnen. Die Haupttribüne konnte ihren Ruf als eine der lautesten und emotionalsten im Profifußball untermauern und auch unsere Gottschalk wird immer mehr ein Schmelztiegel rot-weißer Leidenschaft anstatt temporärer Aufenthaltsort für niederländische Hopper, Kegelvereine oder sich möglichst unauffällig verhaltende Auswärtsfans. Das war in Summe Atemberaubend.
Vielfach wurde sich in der Halbzeit gefragt, wie eine solche Lautstärke trotz der offenen Ecken überhaupt möglich ist. Beziehungsweise: Wie wird es dann erst bei einer geschlossenen Hafenstraße werden? Was dann die zweite Frage direkt beantworten konnte: Natürlich wird ein normales Ligaspiel auch bei geschlossenen Ecken nicht diese Intensität, die Lautstärke erreichen können, wie bei diesem Spiel gegen die SpVgg Fürth. Es ist eigentlich nie ruhig bei einem Spiel von Rot-Weiss Essen. Aber es war im neuen Stadion auch noch nie so laut wie am vergangenen Freitag Abend.
Für eine solche Atmosphäre braucht es immer noch die sportliche Besonderheit. Und für diese hat die Wichtigkeit der Begegnung, aber vor allem auch die Leistung unserer Mannschaft gesorgt. Zur Halbzeit der Relegation führt unser aller RWE mit 1:0. Es ist in Summe jetzt noch nichts gewonnen. Aber: Wir führen. Das ist wichtig. Das macht Mut und dass muss das Kleeblatt erstmal egalisieren. Wir können deshalb als Fans nicht nur die traditionell große Essener Klappe haben, sondern als Mannschaft vor allem auch die vielzitierte breite Brust. Wir führen und das darf gerne bis Abpfiff auch so bleiben.
Die Fürther können absteigen und alles verlieren, wir hingegen aufsteigen und nur gewinnen. So einfach ist das. Aber wenn der große Wurf nun nicht gelingt, dann bin ich trotzdem stolz auf unsere Mannschaft und habe eine Saison erlebt, die es in dieser Intensität kaum einmal zuvor gegeben hat. Ich habe am 13. Mai 2007 das Georg Melches Stadion desillusioniert nach dem Unentschieden gegen Wacker Burghausen verlassen, es war das bislang letzte Heimspiel in der zweiten Bundesliga für Rot-Weiss Essen. Die Atmosphäre vergangen Freitag war um Welten besser als seinerzeit gegen Wacker Burghausen in der alten Kabachel GMS.
Das hat nichts für Teil zwei der Relegation zu bedeuten, steht jedoch sinnbildlich für diesen Weg, den RWE in den letzten zwanzig Jahren genommen hat. Das war einmal eine große Tüte mit alles dabei. Und die Tüte war richtig groß! Aber Dienstag nun, da könnten wir tatsächlich zurückkehren in das Unterhaus der Bundesliga. Und es muss doch einen tieferen Sinn haben, warum die Blauen und die aus Münster jeweils nach oben und nach unten vor uns flüchten. Mannschaft und Fans von Rot-Weiss Essen haben im Hinspiel schon Geschichte geschrieben. Dienstag im Rückspiel können sie den Druckauftrag dafür geben.