Kategorie-Archiv: RWE

Kurzware: Der Spitzname.

Früher war ja mehr Spitzname bei Fußballern. Heute geht es eher in Richtung Verkürzung des Nachnamens, sofern man denn über einen verkürzungskompatiblen Nachnamen verfügt. „Engel“ und „Herze“ sind diesbezüglich gut aufgestellt. Bei Isaiah Young ist es gar der Vorname, der hervorragend zu seinem Alleinstellungsmerkmal „Isi“ reicht. Aber dann wird es schon fast eng.

Am Beispiel von Andreas Wiegel (unserer aktuellen Nummer 7) können wir trotzdem investigativ aufzeigen, wie es sich mit der spontanen Entstehung eines wirklichen Spitznamen verhält, dessen Sinn Außenstehende auf den ersten Blick so gar nicht nachvollziehen können.

Und so trug sich also zu im Heimspiel gegen Wismut Aue aus dem Erzgebirge:

Der Weigel macht das heute wirklich gut.

Wieso Weigel, der heißt doch Wiegel.

Also nicht Weigel wie der mit den Augenbrauen?

Nein, wie Wiegel ohne viel Augenbrauen.

Wie heißt denn der Weigel nochmal mit Vornamen?

Weigel? Theo!

Nennen wir doch Wiegel einfach Theo, dann passt das. 

Und so kam es, das Andreas Wiegel, der nicht Weigel heißt, seitdem ISDT intern Theo genannt wird. 

Bayreuth. Konradsreuth. Weißdorf.

Das war ja schon recht früh, dieser Aufbruch zu einem Spiel von Rot-Weiss Essen um 5:30 Uhr. Aber man konnte ja gar nicht anders, als diesem historischen Ereignis im Hans-Walter-Wild-Stadion zu Bayreuth beizuwohnen. Um die Reisestrapazen zu minimieren, wurde bei der Familie in Konradsreuth übernachtet. Ein schöner Ort, um von dort aus am Sonntagmorgen in Weißdorf dem Frühschoppenspiel des 1.FC Waldstein gegen die SpVgg Selbitz beizuwohnen. Weißdorf, Weißwurst und Weißbier. Die heilige bayerische Trilogie um 11:00 Uhr morgens in einer herrlichen Naturarena. Die Fahrt gen Bayreuth war eine entspannte Reise durch NRW, Hessen und Bayern. Lediglich auf dem Parkplatz Spitzberg-Süd brachte das Anbringen einiger Kleber ein gestrenges, älteres Paar aus Sachsen auf den Plan. Der Rückweg einen Tag später hingegen durch Thüringen, Hessen und NRW brachte die A44 und mit ihr viele Fragen. Vor allem die, warum diese Autobahn andauernd unterbrochen wurde! Das gelobte Land dann die A33 und selbst Paderborn konnte so etwas wie Verzückung hervorrufen. Die obligatorischen 30 Bilder in chronologisch unsortierter Reihenfolge, beginnend mit einer roten Karte. Zu den Fakten: SpVgg Bayreuth – Rot-Weiss Essen 1:1 / 1.FC Waldstein – SpVgg Selbitz 2:0

Kappessupp aus dem Saarland

Danach:

Das, was eigentlich in dieser Form so hätte niemals passieren dürfen ist passiert! Eine Auftaktniederlage in einer höheren Liga ist natürlich immer mit einzuplanen, selbst gegen einen Mitaufsteiger. Und wäre ja auch nicht schlimm und sogar aller Ehren wert, wenn diese nach einem leidenschaftlichem Spiel und großem Kampf erfolgt. Unsere Mannschaft muss auch Niederlagen wieder lernen, das kommt noch hinzu. Klingt banal, ist aber ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Aber eine solche Klatsche wie gegen die SV Elversberg, ohne nennenswerte Gegenwehr und bisweilen vogelwilder Raumaufteilung, das darf einem Meister der vergangenen Saison wirklich nicht passieren. Ohne die Reflexe eines Jakob Golz hätten wir noch drei Tore mehr kassiert, so sehr haben seine Vorderleute darum gebettelt. Man fragt sich dann ja immer gerne: „Woran hat`s gelegen?“ Ohne natürlich eine kompetente Antwort darauf zu bekommen. Rot-Weiss Essen ist zwar stets dafür bekannt, die Dinge auf seine ganz spezielle Art zu händeln, aber wochenlange Aufstiegseuphorie innerhalb von nicht einmal sechsundzwanzig Minuten komplett zu versenken, das ist schon fast ein Fall für das Guinness-Buch der Rekorde.

Das war jetzt auch nicht Straelen 2.0, wie vielerorts zur eigenen Beruhigung diskutiert wird. Die Vorzeichen sowie Art und Weise der Niederlage seinerzeit absolut nicht mit der Niederlage gegen die SV Elversberg zu vergleichen. So wie unser Aufstieg bundesweit von vielen Fans verschiedenster Vereine begrüßt und fast bejubelt wurde, die großen Blätter landauf landab über Rot-Weiss Essen in plakativen Wörtern mehr als wohlwollend zu berichten wussten. Wenn dann noch Sascha Mölders RWE als Geheimfavoriten auf den Aufstieg in die zweite Bundesliga sieht und nicht wenige Fans in ihren Signaturen von einem Durchmarsch schwärmen: Vielleicht hat das alles auch nicht nur gut getan, sondern den Sokrates-Klassiker „wer glaubt, etwas zu sein (Meister), hat aufgehört, etwas zu werden (Drittligist)“ heraufbeschworen.

Es hat ja nicht an der Qualität der Mannschaft gelegen! Diese und direkt alles andere sofort wieder mit in Frage zu stellen, ist natürlich auch wieder so eine dieser Hafenstraßen-Anomalien und so gar nicht hilfreich. Es ist gut, dass unsere Mannschaft gleich nach diesem ersten Spiel einen Ligastopp einzulegen hat. So bleibt genug Zeit, das Spiel so lange in Dauerschleife anzuschauen, bis auch wirklich jeder weiß, was da schief gelaufen sein könnte. Gewollt hat dieses Spiel schließlich keiner. Also das Spiel unbedingt, aber nicht diesen Ausgang natürlich.

Davor:

Lange vor dem Spiel war die Welt natürlich noch in Ordnung, aus allen Ecken kamen die Fans zur Hafenstraße gepilgert, immer noch das Dauergrinsen des Aufsteigers im Gesicht. Wer sich dem Stadion zu Fuß über die Krablerstraße näherte, bekam aus einigen Häusern schon den „Oppa“ auf die Ohren. Fahnen schmückten manches Haus und kleine Kinder in Trikots winkten dem gröhlenden Tross, der zur Hafenstraße zieht, zu. Ein herrlich befreiendes Gefühl voller Vorfreude überall.

Dieses wurde dann vor Spielbeginn lediglich durch die teilweise defekten Boxen auf den Tribünen getrübt. Dies führte dazu, dass wir uns auf der „Gottschalk“ fast die Ohren zuhalten mussten, da wir nun extrem laut angebrüllt wurden, während auf der „Rahn“ teilweise und der „West“ wohl gar nichts mehr verstanden wurde. Das führte zu ungewollten Irritationen, die nicht nur das gewohnte Zelebrieren von „Oppa“ Und „Adiole“ durcheinanderbrachte, sondern auch die Ansprache und Schweigeminute zum Tode von uns Uwe Seeler fast gefährdet hätte. Aber wie auch sollten die vielen Fans auf der „West“ auch wissen, wann die Lieder angestimmt werden oder Zeit ist zu schweigen, wenn man nichts davon mitbekommt?

Und wir, die wir Gegenüber nichts von deren Dilemma drüben wussten, sondern nur die Unruhe bemerkten, fragten uns, warum immer weiter andere Gesänge und Klatschrhythmen initiiert werden, wenn doch unsere beiden Lieder kommen, die wir von Ultra bis Kutte immer alle gemeinsam singen? Ein irritierendes Szenario also von der Gegenseite aus betrachtet. So wurde letztendlich an Uwe Seeler gedacht, während sich der letzte rot-weiße Rauch noch zwischen West und Haupt verzog, vier Fackeln über einer Revolte Fahne leuchteten und endlich auch der letzte notorische Schreihals seine Klappe halten konnte. Es gab also keine Revolte im eigentlichen Sinne, sondern alles war defekter Technik geschuldet. Vielleicht hätten die Broilers oder Fanta 4 etwas von ihrem guten (Boxen-)Zeugs da lassen sollen. Kritik meinerseits grundsätzlich an der Choreo: Das Wort „Terror“ hätte man sich definitiv sparen können. Manchmal ist weniger einfach mehr.

Währenddessen und bald:

Nimmt man also die letzten zwanzig Minuten vor dem Spiel und addiert diese mit den ersten sechsundzwanzig Minuten des Spiels, hat man ein Zeitfenster, welches man wohlwollend als suboptimal bezeichnen konnte. Den drei Fans aus Elversberg, die sich in G1 verirrt hatten, wurde eben in dieser Phase zur eigenen Sicherheit nahegelegt, in einen der beiden Gästeblöcke nebenan zu wechseln. Das Angebot nahmen alle dankend an, schließlich war bei den eigenen Fans ja auch mehr als ausreichend Platz vorhanden. Man stelle sich einmal dieses seelen- und körperlose Gekicke einer Mannschaft von Rot-Weiss Essen irgendwann vor sechs oder sieben Jahren im Oktober vor: Die letzte Chance auf den Anschluss an die Tabellenspitze verspielt, alles versinkt wieder in Lethargie: Unsere Mannschaft wäre von den wütenden Pfiffen vom Platz gefegt worden.

So aber bewiesen die Fans auf den Rängen ihr feines Gespür dafür, dass unsere Mannschaft gerade selbst nicht wusste, wie ihr da auf dem Platz geschieht und daher Hilfe statt Häme benötigt. Und so wurde sich rund um die zweiundsiebzigste Minute erhoben, um noch einmal inbrünstig „Oh immer wieder…“ in den Backofen Hafenstraße zu schmettern. Dinge die helfen, die Krone wieder zu richten. Wir gewinnen und verlieren schließlich gemeinsam. Nach dem Abpfiff und auch schon davor wurde dann der Fokus lautstark auf den kommenden Gegner aus Duisburg gelegt. Dort treffen dann zwei angeschlagene Mannschaften des ersten Spieltags in einem Derby aufeinander. Es wird heiß hergehen im Wedaustadion, auf und neben dem Platz. Dafür braucht man kein Prophet sein. Wer dieses Spiel siegreich gestalten kann, darf das verlorene Auftaktspiel getrost als vergessen abhaken und sich ordentlich Rückenwind der Fans für die kommenden Wochen sicher sein. Ich bin schwer dafür, dass wir diejenigen sein werden, die dann Elversberg abhaken und vergessen können. 

Das Titelbild.

Es war die Ausgabe #179 / Oktober 2016 , als das Magazin für Fußballkultur, Branchenintern auch als 11Freunde bekannt, mit einem großen Artikel über den Fußball im Ruhrgebiet jenseits von Turnhalle und börsennotiert all diejenigen zu berühren wusste, die die weitaus wichtigere Mitte des „Sandwiches Marke Pottfußball“ verkörpern. Neben einem wunderbaren Text von Christoph Biermann und Thorsten Scharr gaben die intensiven Fotos von Theodor Barth diesem Artikel seine Ehrlichkeit. Und so kam es auch, dass das Titelbild dieser Ausgabe definitiv eines der schönsten in der nunmehr zwanzigjährigen Geschichte von 11Freunde darstellt. Und nein, dass hat nichts mit meiner Profession als Fan von Rot-Weiss Essen zu tun.

All die markanten Persönlichkeiten auf dem Titelfoto zeigen RWE so authentisch, wie man sich RWE halt vorzustellen hat: Das Bier und die „Kurze Fuffzehn“ in der Hand, Fischerhut und Bauchtasche, spürbare Anspannung. Der RWE Siegelring und die Sonnenbrille keck auf die wettergegerbte Stirn geschoben. Zuzüglich „Schnörres“ und schelmischen Grinsen. Kein Klischee, einfach das normale Leben rund um die Hafenstraße. Leider ist es dem Fan rechts im Bild nicht mehr vergönnt gewesen, mit allen anderen um ihn herum am 14. Mai 2022 den Aufstieg zu feiern. Schon im September 2017 hat er die Hafenstraße und all seine Lieben für immer verlassen müssen. Ich bin überzeugt, dass dieses Cover noch oft angeschaut wird, um sich seiner zu erinnern.

Wie viele wohl hätten diesen Tag gerne im Stadion miterlebt und mussten nun mit einem Platz irgendwo da oben vorlieb nehmen. Man weiß ja nicht, wie es sich dort mit den Übertragungsrechten verhält, aber ich bin mir ziemlich sicher, das vor allem Günter Barchfeld mit einem Berliner in der Hand bei bester Sicht auf das Spielfeld mitgefiebert hat. Sein Todestag jährt sich nun auch schon, wie kann es bei einem wie Günter anders sein, am 19.07. bereits zum dritten Mal. Es wird also so viel mehr Fans gegeben haben, die uns vor diesem großen Tag verlassen mussten, aber nach Abpfiff sicher ebenfalls eine ordentliche Party auf Wolke 1907 hatten. Mit Frank „Mono“ Malz an der Gitarre, und Ruhrmichell am Mikrofon. Irgendwie so dürfte es gewesen sein, genau erfahren werden wir es zu Lebzeiten wohl niemals.

Der endgültige Knackpunkt, dass es vergangene Saison auch wirklich passieren wird, war das Heimspiel gegen Alemannia Aachen. Dieser Siegtreffer in allerletzter Sekunde, dieses Stauder von „Herze“ auf dem Zaun. Danach wusste ich endgültig: Uns kann keiner, diese Saison passiert es. Und es sollte so kommen. Die Eruption der Gefühle im Anschluss an den letzten Pfiff der Saison bekanntermaßen gewaltig. Eine spontane Welle der Freude eroberte Stadion und Fans hier unten und alle Rot-Weissen dort oben. Mit den gesammelten Freudentränen hätte man einige Jahre die Grabstätten von Helmut Rahn und Georg Melches gießen können. Somit haben sich im Anschluss an das Spiel gegen Rot Weiss Ahlen sicher viele legendäre Momente für die Ewigkeit abgespielt, die allesamt einem Titelbild wie diesem hier würdig gewesen wären. Mindestens.

Und doch beinhaltet gerade dieses Foto hier alles, aber wirklich alles, was Rot-Weiss und Essen für die Menschen bedeutet: „Meine Liebe, Mein Verein, Meine Stadt“ steht auf den T-Shirts, die damals möglicherweise nicht ganz auf Kurs mit der Marketingabteilung von RWE lagen, und zu einem Polo der Marke Fred Perry reichte es auch nicht so wirklich. Aber es sagt doch nur aus, was die Fans hinter dem Wellenbrecher auf der Westtribüne eben empfinden: Ob lebendig oder tot, sie lieben Rot-Weiss-Rot!

Kickstart My Heart (Mötley Crüe)

Es ist nun nicht mehr lange hin, und dann geht es tatsächlich los: Am 23. Juli 2022 um 14:00 Uhr erfolgt der Anpfiff für unsere erste Saison in der 3. Liga. Der Gegner heißt SV Elversberg. Wir waren zuvor durchaus auch schon oft genug drittklassig unterwegs, nur hießen die Spielklassen in diesen insgesamt vierzehn Jahren anders und waren wie in den letzten leidigen Jahren ebenfalls geographisch eingeschränkt: Vier Saisons liefen wir in der Amateur-Oberliga Nordrhein auf, drei in der Regionalliga West/Südwest und deren sechs in der damaligen Regionalliga Nord. Die Drittklassigkeit von heute hat somit mit den damaligen Spielklassen auf gleicher Ebene der Ligenpyramide herzlich wenig zu tun.

Die Fesseln der Regionalität konnten abgestreift werden, endlich geht es wieder raus in die große weite Welt der Republik. Und gegen Verl. Dieser Aufstieg, er ist für mich auch heute noch ein in Watte gepacktes Zeugnis der Glückseligkeit. In Zeiten zumeist dystopischer Aussichten hat tatsächlich Rot-Weiss Essen für das gewisse Momentum an positiven Ausblicken in die Zukunft gesorgt. Zumindest bei all diejenigen, die es dann auch mit Rot-Weiss Essen halten. In Münster somit eher nicht. Der Verein selbst bereitet sich aktuell auf mindestens zwei Ebenen auf die neue Spielzeit und die nicht gerade wenigen Anforderungen des nun zuständigen DFB vor. Zum einen auf der sportlichen, aber vor allem auch auf der administrativen Ebene.

Und ich behaupte gerne weiter, dass Letzteres mindestens genau so viel Anstrengung erfordert, wie die Arbeit auf dem Trainingsplatz. Wenn der DFB sagt „Unverzüglich“, dann heißt das auch „Unverzüglich“ und bedeutet nicht das „Unverzüglich“ eines Herrn Jades vom WDFV. Die Vorgaben straff, der Maßnahmenkatalog gefühlt dicker als seinerzeit der selige Otto-Katalog im Briefkasten. Alles wird geregelt, selbst der Sohlenabrieb des Ordners vor dem Gästeblock dürfte Vorgabe sein. Nur bekommt die Geschäftsstelle aber nicht zu sofort die Zugänge, wie sie die Mannschaft an Zahl erfährt. Was das bedeutet, ist leicht erklärt: 24/7! Deshalb werde ich auch einfach nicht müde, eine Lanze für die administrative Arbeit zu brechen und um Geduld zu bitten, wenn es mal nicht so schnell geht wie gewünscht. Denn gewünscht ist leider viel zu oft…genau…unverzüglich!

Verständnis und auch mal ein nettes Wort, das ist aber aktuell die Erfolgsprämie für all diejenigen, die auf der Geschäftsstelle ackern. Wir werden alle pünktlich unsere Dauerkarten bekommen, davon bin ich fest überzeugt. Keiner wird den Auftakt gegen die Saarländer von der Kaiserlinde verpassen. Wahrscheinlich fallen mit Anpfiff eher einige Köpfe vor Erschöpfung auf die Schreibtischkante. Unser Erlebnis Hafenstraße haben wir wirklich nicht nur den Männern in Stutzen zu verdanken. Die legen Ihrerseits eine ebenfalls dichte Saisonvorbereitung hin. Es wirkt in sich stimmig und die Mannschaft ebenso punktuell gezielt verstärkt. Hier und heute schon eine sogenannte Startelf zu benennen, das allerdings wäre wohl eine gewagte und zu steile Expertise.

So lange ist das ja auch noch gar nicht her, als viele der drölftausend Regionalliga-Trainer des RWE lediglich eine Stamm-Elf nebst drei potentiellen Einwechselspielern zuzüglich kaum beachteter Tribünenhocker für den heiligen Gral der Fußballmythen hielten. Ich möchte diese kommenden Entscheidungen nicht treffen, wer denn nun für unser wunderbares Emblem auflaufen darf, und wer gerade nicht. Deshalb könnte ich den Trainerjob auch niemals machen: Ich würde alle aufstellen, nur um keine enttäuschten Gesichter zu produzieren. Gut, dass ich kein Trainer bin!

Was ich aber weiß ist, dass alle Spieler der vergangenen Saison ihren neuen Kollegen stolz davon berichten können, was es bedeutet, mit Rot-Weiss Essen aufgestiegen zu sein, und dass sie nun ebenfalls Teil einer Erfolgsgeschichte werden können, an dessen Ende immer die Liebe und Zuneigung von zigtausenden Fans steht. Sie sollten ihren neuen Kollegen aber ebenfalls davon erzählen, wie schnell notorische Unzufriedenheit an der Hafenstraße einziehen kann und dass Meckern unser zweiter Vorname ist. Rein prophylaktisch natürlich nur. Ab irgendeinem Spieltag der kommenden Saison wird auch die Aufstiegseuphorie ihren Geist aufgegeben haben und der Tagesaktualität weichen. Die öfter auch mal null Punkte als deren drei beinhalten könnte. Dessen sollten wir am besten schon jetzt bewusst sein, und entsprechend an unserer Frustrationstoleranz arbeiten, um diese deutlich anzuheben.

Wir werden aber alle miteinander eine richtig tolle Saison erleben, dessen bin ich mir sicher! Es wird Sonderzüge geben, flatternde Schals aus vielen Autos auf den Autobahnen in alle Himmelsrichtungen. Und gen Zwickau. Ja, es wird Pyro gezündet werden und auch manchmal leider Gottes negative Schlagzeilen geben. Fast jeder Gästeanhang wird wenigstens einmal Rot-Weiss Essen lieben und danach vergessen wollen. Aber vor allem wird es ein großes „WIR“ geben, welches uns kommende Saison durch alle Spiele tragen wird. München meldet doch jetzt schon ausgebuchte Hotelzimmer und in Duisburg überlegt man wahrscheinlich fieberhaft, wie man mit uns den großen Reibach machen kann, ohne die eigene Fangemeinde zu verprellen. In Saarbrücken ist man direkt genervt davon, an einem Montag anne Hafenstraße reisen zu müssen. Da wäre in der Tat ein Spiel gegen Verl oder Viktoria Köln besser gewesen. Der Montag leider der saure 3. Liga Apfel.

Aber nun Elversberg. Sicher nicht der erhoffte große Name, zudem ebenfalls euphorischer Mitaufsteiger und mit einem erfahrenen Kader. Aber vor allem haben wir ein Heimspiel. Auf diesen einen Moment, wenn die Mannschaft den Platz betritt, um sich aufzuwärmen, da freue ich mich jetzt schon wie Bolle drauf. Da hat man direkt beim Schreiben schon die Geräuschkulisse vor Augen. Und vielleicht kommen dann endlich die dicken Freudentränen, die am 14.5. noch ausblieben, da mit allem irgendwie überfordert. Spätestens bei Anpfiff weiss ich dann definitiv: Wir sind endlich eine Klasse besser!

Nordwesttrilogie. Teil 2.

Ach, ich bin ja immer so zwiegespalten: Zum einen liebe ich das große Kino RWE mit vollem Stadion und sportlichen Erfolgen. Es war ja auch wirklich an der Zeit. Andererseits gibt es da aber auch diese kleinen Kammerspiele, zumeist als Vorbereitungsspiele bekannt. Irgendwo im Nirgendwo steigt man nach langer bis längerer Fahrt aus, um bekannte Gesichter in überschaubarer Zahl zu begrüßen, und sich schon alsbald an der Gastfreundschaft „kleinerer“ Vereine zu erfreuen. Zumeist gibt es noch schöne Platzanlagen mit ganz besonderem Charme als Zugabe und spätestens nach einer Platzumrundung wird man von mindestens einem oder einer Einheimischen angesprochen. Nicht selten verbunden mit der Einladung auf ein Kaltgetränk.

Fußball ist für einen Verein wie Rot-Weiss Essen somit wohlwollend konträr: In der Vorbereitung das laue Sommerlüftchen und entspannte Miteinander, in der Liga hingegen ab sofort wieder gegnerische Fans en Masse und der jeweilige Ordnungsdienst und Polizeiapparat. Will sagen: Vorbereitung ist schon geil! Zumal, wenn sie dann auch noch im Nordwesten unserer Republik stattfindet. Ziemlich hinter Nordhorn in Emden, Weener und in Holthausen-Biene. Den Auftakt der Nordweststory Freitagabend in Emden noch am heimischen Stream verfolgt und aufgrund Leistung und Ergebnis wohlwollend abgenickt, ging es nicht allzu viele Stunden später über die alte B70 gen Norden. Der „Friesenspieß“ aka A31 wurde wohlweislich gemieden, verhieß doch der Ferienanfang im Lieblingsbundesland NRW zu viele Mitbewerber auf gerader Strecke. Somit ging es also nicht nur vorbei am Stadion des zukünftigen Kontrahenten aus Meppen, sondern auch an der Meyer Werft.

Und dann war sie auch schon erreicht, die hochherrschaftliche Kommerzienrat-Hesse-Straße mit dem Enno-Beck-Platz des TuS Weener am Straßenrand. Ich kenne mich jetzt in Groundhopping Kreisen nicht so aus, aber mit einer überdachten Tribüne versehen, dürfte der Enno-Beck-Platz durchaus schon als Stadion durchgehen. Dieses Spiel in Weener verdankt Rot-Weiss Essen nicht zuletzt einem berühmten Sohn der Stadt: Eberhard Strauch hat zwischen 1972 und 1977 seine Fußballstiefel an der Hafenstraße geschnürt. Fünf Jahre RWE und vier davon im Verbund mit Willi Lippens, das dürfte für ein ganze Leben reichen. Und war sicher auch der Grund dafür, dass unsere geliebte Ente zugegen war, um gemeinsam mit Eberhard Strauch als Schirmherr der Begegnung Rheiderlandauswahl gegen Rot-Weiss Essen zu fungieren.

Im Rahmen der Belastungssteuerung ließ RWE extra für dieses Spiel sieben U19 Spieler einfliegen, während den Herren Profis lediglich ein karges Nachtlager in der Jugendherberge von Leer zugestanden wurde. Den Stadionsprecher in Weener jedoch dürfte die Kadererweiterung kalt erwischt haben, denn keiner der jungen Spieler stand schlussendlich auf der vorab gedruckten Spielerliste. Dafür kennen wir aber  nun die Heimatvereine der Spieler aus der Rheiderland-Auswahl. Und was soll man schreiben: SV Ems Jemgum, Teutonia Stapelmoor oder SV Wymeer-Boen liest sich doch allemal schöner als Gelsenkirchen! Man hätte sich auch so richtig heimisch fühlen können auf dem Enno-Beck-Platz, aber „Uschis Imbiss“ am Spielfeldrand hatte ausgedient und wurde durch einen modernen Imbisswagen ersetzt.

Wie nach Spielende zu erfahren war, wurde die Rheiderland-Auswahl auch deshalb ins Leben gerufen, um verdiente Spieler der Region zu würdigen, die sich schon im Herbst ihrer Karriere befanden. Und die wollten es noch einmal wissen und machten es der „Jugend forscht“ Truppe von Rot-Weiss Essen so richtig schwer. Schwer zu kämpfen hatte auch die Ersatzbank am Spielfeldrand, die gefühlten siebenundachtzig Mitglieder der RWE-Jugendherbergstruppe mussten schließlich auch den Statuten entsprechend untergebracht werden. Übrigens sind ja Fußballer, die gerade nicht spielen, sich aufwärmen oder trainieren ein Phänomen: Man schleppt sich geradezu von einem Ort zum anderen, nur um sich dann schnell wieder hinzuflegeln. Der Fußballer im Ruhemodus ruht tatsächlich und ausdauernd. Am liebsten mit Beine hoch.

Diejenigen auf dem Feld kamen im Laufe der neunzig Minuten noch zu einem deutlichen 5:0 Erfolg für unseren RWE. Sportlich möglicherweise ein Muster ohne Wert, inhaltlich aber eine ganz tolle Begegnung, die ich jederzeit direkt wieder besuchen würde. Und wenn es nur der herrlichen Bratwurst wegen ist. Vergesst Wattenscheid als Titelträger des goldenen Senfordens am Bande: Die Wurst in Weener ist besser. Und dann war da noch der ältere RWE Fan, dessen Vita aufhorchen ließ: Er war schon 1955 bei der Meisterschaft in Hannover dabei, lebt nun im nahegelegenen Ihrhove und wünschte sich nichts sehnlicher als ein gemeinsames Foto mit Willi Lippens. So seine Bitte vor dem Spiel, die mir ehrlicherweise erst kurz vor Spielende wieder einfiel. Aber es gab Entwarnung, denn stolz berichtete er mir davon, schon jemand anderes mit Kamera gefunden zu haben, der seinen Fotowunsch realisieren konnte. Gottseidank, dass hätte ich mir nie verziehen. Gerne hätte ich aber noch herausgefunden, ob sein getragenes Baumwolltrikot lediglich ein Replikat aus dem Fanshop war odertatsächlich dem Meisterjahr entsprungen. Wir werden es wohl nie erfahren. Lerneffekt einmal mehr: Die Fans von Rot-Weiss Essen sind überall verteilt!

Die Möwen flogen über das Feld, die Seeluft war schon zu riechen und überhaupt: Es war schön in Weener. An Tagen wie diesen braucht es eben kein großes Kino.

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben.

Wie heißt es doch so schön: „Eine neue Liga ist wie ein neues Leben“. In Anbetracht der grenzenlosen Euphorie bei der ersten öffentlichen Trainingseinheit zur neuen Saison bleibt einem fast nichts anderes übrig, als diese These mit einem energischen „JA“ zu beantworten. Gute Güte, welch eine Sympathie schlug der Mannschaft an diesem sonnigen Fronleichnam im Juni 2022 entgegen! Die „Alten“ in der Mannschaft genossen diese Zuneigung in dem Wissen warum, und die „Neuen“ durften wohl zunächst große Augen gemacht haben, was das dann erst Recht für die Heimspiele bedeuten würde. Wobei es ja nun mittlerweile auch so ist, dass auch wir in das Regal der gestandenen Fußballprofis greifen konnten und diese  Spieler stimmungsvolle Stadien gewohnt sind.

In Anbetracht des Pro-Kopf Verbrauches an Stauder dürfte jedoch allen eines klar sein: Sie spielen in der größten Trinkhalle des Profifußballs. Und wer kann dass schon von sich behaupten? Willkommen im Büdchen 97a. Rot-Weiss Essen hier also schon sehr gut aufgestellt. Lieber Wegbier als Weghorst, lieber 0,5 als 0,33! Ansonsten erwartet die neuen Spieler natürlich die gesamte Bandbreite zwischen Humba und Pfeifkonzert. Es ist ja nun nicht so, dass die Fans von Rot-Weiss Essen das Spiel der Fußballatmosphäre neu erfunden haben. Es ist hier halt nur ein wenig direkter. Und doch so ganz anders als in den vielen Jahren zuvor. Den Schwung der vergangenen Saison mit in eine Neue nehmen zu können, also dass hatten wir eigentlich schon sehr lange nicht mehr. Vergangene Saison war das ansatzweise schon zu spüren, aber lange nicht damit zu vergleichen, was dieser Quantensprung aus der Regionalliga heraus mit uns allen anstellen würde. Plötzlich wollen alle nach Zwickau. Ich glaube, auf diese Idee kommt man im „normalen“ Leben jetzt nicht unbedingt.

Wie dem auch sei: Wir sind wieder wer, ohne überhaupt jemals einen Schritt in die 3. Liga gesetzt zu haben. Schließlich kennen wir diese Liga ja noch gar nicht, wurde sie doch erst am 25.Juli 2008 gegründet. Und knapp zwei Monate zuvor hatten wir ja auch noch unsere Abschiedsparty aus dem profitablen Fußball. Ist ja auch wurstegal jetzt, denn wir sind endlich drin. In einer Liga, aus der eigentlich auch schon jeder direkt wieder heraus möchte, da ja als Pleiteliga verschrien. Das mag auf einige Vereine auch speziell zutreffen, aber wir als Rot-Weiss Essen müssen jetzt erst einmal dort ankommen und uns angemessen auf und neben dem Platz vorstellen. Ohne Angst, aber mit Respekt. Ohne große Klappe, aber keinesfalls schüchtern. Und endlich hat auch der MSV Duisburg wenigstens bei einem Spiel eine volle Hütte. Meiderich statt Münster. Das klingt nach großer weiter Fußballwelt, auch wenn es direkt um die Ecke ist.

Apropos Münster: Wie der Presse zu entnehmen war, hat der SC Preußen kein Interesse mehr an Dennis Grote, um ihn für die neue Saison unter Vertrag zu nehmen. Wenn es denn so ist, dann war das im vergangenen Winter wirklich eine dusselige Räuberpistole aus Münster, die zum Rohrkrepierer für die eigene Mannschaft wurde. Im Verbund mit der Nachtfrostnummer bei plus 15 Grad und dem Engelmann-Gerücht aus selber Ecke muss man schlicht konstatieren: Diese Trilogie aus Münster hat sich direkt für die goldene Himbeere als schlechteste Serie beworben. Mal sehen, was das Karma dafür nun in der kommenden Saison mit den Adlerträgern vorhat! Schließlich kann ich die Regionalliga-West nicht einfach unbeobachtet lassen, dass klappt nicht von jetzt auf gleich, dafür war es zu lange unsere Heimat.

Unsere Heimat bleibt auf jeden Fall und ein Leben lang die Hafenstraße 97a. Das nur noch mal am Rande erwähnt und abends desöfteren auch weithin sichtbar erleuchtet. Mein Faible für die Mannschaft hinter der Mannschaft und deren Leistung ist seit dem Aufstieg eigentlich nur noch größer geworden. Denn unsere Helden in Stutzen haben den Job bei weitem nicht alleine gemacht. Und daher werde ich einfach nicht müde, um Geduld zu werben. Jede Karte kommt an, jede Anfrage wird bearbeitet und jede Bestellung aufgenommen. Aber dass kann nicht immer in gewünschter Echtzeit funktionieren. Wir haben so viele Jahre auf den Aufstieg gewartet, da dürften ein paar Tage des Wartens auf was auch immer doch kein Problem sein. Auch auf der Geschäftsstelle hat der Tag nur vierundzwanzig Stunden.

Und eigentlich gilt die größte Ungeduld aktuell doch und absolut nur dem Spielplan. Zigtausende Fans und wohl der ganze Verein warten darauf gebannter, als auf die Ziehung der Lottozahlen.  Gibt es zu Saisonbeginn den Jackpot mit Dresden daheim und den Münchner Löwen auswärts? Oder den Royal Flash mit Duisburg auswärts und Waldhof anne Hafenstraße? Eigentlich ja auch egal, denn wir müssen schließlich so oder so gegen jeden Gegner zweimal spielen, also hoffentlich! Aber nach so langer Zeit darf man einfach auch mal Wünsche haben. Der erste Gegner ist mir unterm Strich eigentlich auch egal, aber ein Heimspiel zu Beginn der neuen Saison wäre schon schön. Alle wieder mit an Bord, mit denen wir aufgestiegen sind, zuzüglich einem vollem Gästeblock. Dann dürfte sich auch Magenta Sport kräftig die Hände reiben.

Ob man seitens des WDFV dann auch mal zähneknirschend in die Übertragungen reinschaut, um zu sehen, wie sich der weitere Weg von Rot-Weiss Essen gestaltet? Oder sitzt Magenta TV dort nicht drin, da wir den ganzen Bumms ja nun nicht mehr mitfinanzieren? Man weiß es nicht und eigentlich ist es auch egal. Unglaublich, wir haben uns endlich vom Acker gemacht! Es wird jetzt die Zeit dafür kommen müssen, ein sportliches Gespür für die neue Liga zu entwickeln, um uns selbst dort einordnen zu können. Ich glaube nicht, dass wir Bekanntschaft mit dem Abstiegsgespenst machen werden, dafür ist unsere Mannschaft zu gut und in weiten Teilen zu eingespielt. Aber das hat Viktoria Berlin lange Zeit wohl auch von sich gedacht. Unser RWE wird sicher auch nicht die Rolle des TSV Havelse oder von den Würzburger Kickers übernehmen, die von Beginn an der Musik hinterherlaufen mussten, ohne wirklich jemals ein Bein auf den Boden zu bekommen.

Ich denke, wir alle zusammen auf und neben dem Rasen bekommen eine stabile Saison hin, die am Ende einen einstelligen Mittelfeldplatz und viel Zufriedenheit mit sich bringen wird. Wir werden weiter gewinnen, aber vor allen Dingen auch mehr verlieren als wir es seit einigen Jahren gewohnt sind. Und all das werden wir wünschenswerterweise zusammen tun. Schließlich sind wir Rot-Weiss Essen, die größte Trinkhalle des Profifußballs. 

Stadion an der Hafenstraße.

Es war Freitag, 10. Juni 2022, kurz vor 16:00 Uhr. Fast ehrfürchtig rollt ein betagter Saab die Hafenstraße hinauf, die er vor gar nicht allzu langer Zeit als frischer Drittligist verlassen hat. Im Umkreis der Berne wird immer noch gebaggert und auch sonst ist aus der Hafenstraße kein optisches Ruhmesblatt geworden, was sie dann wiederum von einem Saab unterscheidet. Hier kannst Du von erste bis vierte Liga kicken, doch die Straße bleibt sich immer treu. Und das ist auch verdammt gut so! Der Grund des Besuches ein ganz einfacher: Das Stadion an der Hafenstraße macht sich weiter schick und bekommt zuzüglich zur Türklingel nun auch seinen Hausnamen weithin sichtbar angebracht. Und das sogar zweimal: Der erste Schriftzug am Warmgebäude ist vollständig angebracht, darüber prangt ein LED Bildschirm, der den Paten der Hafenstraße aufzeigt, dass sie auch Paten der Hafenstraße sind. Der weitaus präsentere Schriftzug anne „West“ war noch nicht ganz fertig, hier fehlte noch ein Wort. Aber auch dem Betrachter fehlten erstmal die passenden Worte, denkt man zurück an die Zeit ziemlich genau vor zehn Jahren: Seinerzeit durfte Rot-Weiss Essen nicht mal einen Nagel im Stadion in die Wand schlagen, um einen kleinen RWE Wimpel aufzuhängen.

Mit dem Auszug aus dem Georg-Melches- Stadion wurde der Verein in diesem neuen Stadion der Stadt Essen lange Zeit absichtlich klein gehalten, um in der kritischen Öffentlichkeit ja nicht den Eindruck zu erwecken, das Stadion sei auch noch als Belohnung für die sportlichen und finanziellen Pleiten der Jahre ab 2008 dort hingestellt worden. Nun, im zehnten Jahr nach Eröffnung stellt sich die Gemengelage glücklicherweise ganz anders dar: Unser RWE zwar nicht Eigentümer, sondern weiter Mietezahler und in einer WG mit der SGS Essen lebend, aber man hat diesem Stadion von Jahr zu Jahr mehr seinen Stempel aufgedrückt, es Innen wie Außen mit Devotionalien der stolzen Vereinshistorie und erfolgreichen Dingen aus dem Hier und Jetzt zuzüglich der Herkunft als Arbeiterverein versehen. Man durfte sich nach nicht immer leichten Gesprächen Stück für Stück mehr verwirklichen. Und nun eben die großen Hingucker. Noch lange nicht das Letzte, was sich in Zukunft im Stadion an der Hafenstraße tun wird. Aber auf Gefühlsebene wohl das Wichtigste. Es braucht eben immer einen Namen, mit dem man sich identifizieren kann. Und nun läuft man, flankiert von der so wichtigen „Kleinen Gruga“ auch noch drauf zu, wird in der dunklen Jahreszeit schon von weitem sichtbar willkommen geheißen. Es hätte also alles weitaus schlechter kommen können, dessen sollten wir uns immer mal wieder bewusst sein.  

PS: Bevor hier berechtigte Kritik kommt: Natürlich heißt es Stadion an der Hafenstraße. Und in der Maske selbst war Hafenstraße auch noch Hafenstraße. Leider macht WordPress in der Überschrift dann doch Hafenstrasse draus. Ärgert mich kolossal, und versuche ich weiter zu ändern.

Osterbolzen.

Die Grafikabteilung der Freaks Essen hat ganze Arbeit geleistet, und uns drei wunderschöne Kleber in ihrer Kurzwarenabteilung angeboten. Auf einem dieser Motive ist unter anderem Obelix inklusive einige unserer „Liebsten“ zu sehen. Bei Obelix ist man bei Asterix und somit auch bei dem Running-Gag namens Piraten. Irgendwann ist im Ausguck immer ein Gegner aus Rom, Gallien oder sonst woher zu sehen und aus Angst davor versenkt man sich lieber kurzerhand selbst.

Auch bei Rot-Weiss Essen saß heute scheinbar jemand im Ausguck und hat mitbekommen, wie tapfere Lippstädter den heiligen St.Preußen einen Punkt abnehmen konnten. Während sich der späte Ausgleich in Lippstadt auf den Rängen der Hafenstraße von Block zu Block fortpflanzte und kurzfristig dieselbe in ein Tollhaus verwandeln konnte, kam die Botschaft bei der Mannschaft gefühlt anders an, als erwartet. Auch hier hat man sich in Anbetracht der möglichen Tabellenführung lieber selbst versenkt, als die Geschehnisse proaktiv anzugehen.

Schon ab 14:00 Uhr steckten die Köpfe der Fans nicht nur im Stauder, sondern auch im Liveticker der Wahl. Beide Tore zur temporären Führung der Lippstädter wurden vor dem Hafenstübchen dermaßen bejubelt, dass erleben die Spieler des SV Lippstadt so wohl nicht einmal bei Heimspielen. Konnte ja auch keiner ahnen, dass der Adler jetzt schon Federn lässt. Geplant war das eigentlich erst gegen Fortuna Köln. Aber wer sich aktuell auf die Fortuna verlässt, der ist wohl auch ziemlich verlassen. Es war also eine durchaus heitere Grundstimmung, die sich nach langen Monaten der Kälte und Nässe bei feinstem Sonnenschein rund um das Stadion an der Hafenstraße zu verbreiten wusste. Den letzten Ergebnissen zum Trotze. Doch leider haben wir, wie schon zu erahnen, mal wieder die Rechnung ohne unsere Mannschaft gemacht. Der kurzen Euphorie inklusive Aussicht auf die Tabellenführung wurde fast umgehend auf dem Feld Einhalt geboten. So geht das jetzt aber auch nicht, als dass wir mal eben in den Euphorie-Modus umschalten. Wir sind doch hier nicht im Camp Nou! Die Euphorie auf den Tribünen hat unsere Mannschaft also ziemlich kalt gelassen und vor allem in der zweiten Hälfte dann wurden die Tribünen erstmal auf ruhig gestellt. . Es war ja schon seit Wochen weiterhin Luft nach oben für die schlechtes Saisonleistung. Also sollte dass doch auch endlich abgehakt werden. Und was kann ich sagen? Das ist eindeutig gelungen!

Lässt aber den geneigten und immer noch aufstiegswilligen Fan dann doch ziemlich fassungslos zurück. Das Pfeifkonzert nach dem Spiel mehr als verdient und vielleicht sogar noch zu moderat um endlich aufzuwachen. Das war wirklich alles, aber nicht das Spiel einer Mannschaft, die noch aussichtsreich im Kampf um den so lang ersehnten Aufstieg in die 3.Liga mitspielt. Das war willenlose Destruktivität in Form von Grütze. Dass war gegen die Abmachung, es gemeinsam zu schaffen, denn die Mannschaft hat nichts anderes getan, als uns komplett im Stich zu lassen. Das tat für den Moment im Stadion gar nicht mal so weh, denn da war man immer noch im Kreise seiner Liebsten, Familie und/oder Freunde und einfach nur konsterniert über das Erlebte. Die Enttäuschung über die abermals verpasste Chance macht sich erst jetzt und in diesen Zeilen breit. Wie konnte das passieren? Und vor allen Dingen: Warum? Warum gerade dann, wenn der hochnäsige Adler endlich wieder Federn lässt? Hat man ernsthaft geglaubt, man müsse selbst die eigene Leistung nicht wieder hochfahren, sondern dass es reichen würde, sich auf eventuelle Ausrutscher der anderen zu verlassen?

Echt jetzt: Was haben wir Euch eigentlich getan, dass unsere Hoffnungen mal wieder dermaßen vor den Kopf gestoßen wurden? Nach den „Glorreichen Sieben“ und „The Sixth Sense“ ab kommenden Dienstag also „Fünf gewinnt“. Nach wie vor ist ja alles möglich, aber wenn auch Ihr keine Helden der Hafenstraße werden wollt, dann teilt es uns bitte schon vor Anpfiff mit. Oder Ihr reißt Euch endlich wieder am Riemen, beim Teutates, und vermöbelt den SV Lippstadt so richtig. Ganz vielleicht spielt uns dann auch die Fortuna mal wieder in die Karten. Es kann ja nur besser werden nach diesem Auftritt! Vielleicht hat ja jemand Zugriff auf das Rezept für den Zaubertrank von Miraculix. Denn etwas in der Art bräuchte unsere sportliche Abteilung gerade ziemlich dringend. Aber bloß keine Kleeblätter darin einrühren.

Bolletjes statt Böller.

Auch Tage danach liegt er noch schwer im Magen, drückt auf das Gemüt: Dieser Vorsatz, Menschen absichtlich zu verletzen. Diese Straftat und gezieltes in Kauf nehmen, dass auch noch mehr Menschen durch den Böller hätten verletzt werden können, als die Spieler von Preußen Münster. Das war keine Unzufriedenheit mit dem Spielstand, denn es stand nur Unentschieden in einem hart geführten Spiel, wobei die „Auf die Stöcke und Haltetechniken“ Taktik der Adlerträger von Minute zu Minute immer besser aufzugehen schien. Das war ein Attentat auf Rot-Weiss Essen und ein Stich in unser rot-weisses Herz.

Schon mit dem Knall war klar, dass jetzt prompt und unreflektiert alles über Rot-Weiss Essen und seine vielen korrekten Fans ausgekübelt werden wird, was schon immer an Vorurteilen RWE gegenüber kursiert. Und ja leider temporär immer mal wieder bestätigt wurde. Es war schwer, anschließend mit Fans anderer Vereine in einen sachlichen Austausch zu treten. Es ist also passiert, womit eigentlich nicht gerechnet werde konnte: RWE gehörten die Schlagzeilen, selbst auf Twitter war man zeitweilig bundesweit Gesprächsthema: #Böller war im Trend. Und natürlich gehörten auch die Schlagzeilen sämtlicher Sportmedien uns. Nur eben nicht so wie erhofft. All das auf dem Feld erarbeitete wurde von Außen im wahrsten Sinne des Wortes weggeworfen. Unglaublich wichtig nun die Reaktionen im Nachgang. Ob schon direkt im Stadion, oder in vielen kurzen und langen Statements im Anschluss, bekamen der oder die Verantwortlichen der Tat mitgeteilt, dass sie mit dieser Aktion komplett isoliert dastehen.

Die Begegnung zwischen Rot-Weiss Essen und Preußen Münster liegt also nun auf dem Tisch der Sportgerichtsbarkeit. Ich habe keine Ahnung, wie genau ein solches Verfahren abläuft und was man dort zur eigenen Verteidigung vorbringen darf. Spekuliert wird ja so ziemlich jede Option. Was wir jedoch aktuell tunlichst vermeiden sollten ist, direkt wieder in eine Opferrolle zu verfallen, a`la „Der Verband will uns eh nur schaden“. Klar, der Verband hätte monetär ziemlich viel davon, wenn RWE auch weiterhin unter seiner Fittiche verbleibt. Aber doch nicht so. Ne ne, der Urknall kam von unser Seite. Wenn auch nicht von einem von uns! Zu meinem eigenen Seelenheil gehe ich also von einer 0:2-Wertung gegen uns aus. Wir hätten ja auch so noch das Spiel verlieren können, das darf man nicht vergessen. Alles wartet nun auf ein Exempel, welches es zu statuieren gilt, von daher ist das wohl der einzig gangbare Weg. Einem Wiederholungsspiel würden die Preußen ja kaum zustimmen, befürchte ich. Wenn man als betroffener Verein diese Option überhaupt in Frage gestellt bekommt. Ergo: Die Tabellensituation wird sich wieder enger gestalten, als es das auch vorher schon der Fall war. Klammheimlich können nun stabile Fortunen als Gewinner einer aktuell bescheidenen Gemengelage hinausgehen, ohne das auf diese Art wohl kaum gewollt zu haben.

Vor dem Knall war es ein atmosphärisch dichtes Spiel. Auf dem Rasen und auf den Rängen. Wobei man vielleicht im Jahre 2022 auch einfach mal festhalten muss, dass die gelegentlichen homophoben Gesänge von beiden (!!) Seiten auch einfach nur komplett daneben sind! Man kann sich auch anders verbal seine Abneigung mitteilen, die Palette der sprachlichen Optionen dafür ist schon ausreichend groß genug. Es wird also nun seine Zeit dauern, bis die Hafenstraße wieder in ruhigere Gewässer einlaufen kann.

Die oft geteilte Befürchtung, dass die Mannschaft nun einen Knacks bekommen hat, und Entscheidungsträger oder Sponsoren unseren Verein verlassen könnten, das sehe ich so nicht. Ich wäre als Mannschaft aber zurecht stinksauer und hätte erstmal den Papp auf, irgendetwas mit Fans zu machen. Und doch gilt nach wie vor: „Wir für Euch und Ihr für uns“. Diese Mannschaft ist einfach zu gut und zu professionell, will den Aufstieg. Nicht für den Werfer, definitiv nicht. Aber allein schon für die sportliche Vita. Der Samstag in einer Turnhalle wird es zeigen. 

Der 115. Geburtstag. Von Melanie Melches.

Du mein RWE!

Alles Gute zu Deinem 115. Geburtstag, Du mein RWE! Du, noch immer die größte, längste und intensivste Liebe meines Lebens.

Du machst es mir immer noch nicht oft leicht, Dich weiter und auch immer wieder so bedingungslos zu lieben. Nein, ganz gewiss nicht. Aber auch das, nein, gerade das macht Dich doch so einzigartig für mich.

Eine Leidenschaft, die gelegentlich Leiden schafft.

Dennoch: Auf ganz viele weitere, gemeinsame und ab sofort auch richtig schöne, Jahre.

Deine Melanie.

Willi Lippens.

Willi Lippens. Eigentlich könnte dieses Kapitel nun beendet sein, denn Willi Lippens ist Entertainer in eigener Sache und somit trifft Inhalt Überschrift. Aber Willi Lippens gebührt einfach ein eigenes Kapitel, auch wenn seine Vita jedem Rot-Weiss Fan mit in die Wiege gelegt wurde und immer noch wird. Sechsundsiebzig  Jahre alt wird Willi Lippens  heute am 10. November 2021 und strahlt noch immer dieses spitzbübische aus, was ihn neben seinen fußballerischen Qualitäten auch menschlich so wertvoll macht.  Es ist nun schon ziemlich lange her, aber mir immer noch gut in Erinnerung: Die Fußballplaudertasche und Fließbandtastaturbetreiber Ben Redelings holte Willi Lippens am 16. Oktober 2008 im Riff Bochum auf die Bühne. Ein Scudetto Abend war angesagt. Nun ist ja Ben Redelings von Haus aus nicht auf den Mund gefallen, irgendwie muss man ja auch sein Dasein als VfL Bochum Fan kompensieren. Als aber Willi Lippens sich auf die Bühne begab und das Mikrofon zu packen bekam, da war es um und Zuhörer geschehen und konnte sich der gute Ben entspannt zurücklehnen…

Aus: 111Gründe, Rot-Weiss Essen zu lieben

….Willi Lippens plauderte aus seiner aktiven Fußballzeit, so dass es eine wahre Wonne war. Natürlich inklusive der allseits bekannten Anekdoten. Garniert mit vielen, vielen kleinen Geschichten am Rande. Untermalt mit viel Gestik, so dass es ihn kaum auf seinem Hocker hielt und das Auditorium nicht wirklich auf den Sitzen. Immer den Schalk im Nacken und ein Blitzen in den Augen. Hier erzählte einer von sich, der sein Leben als Fußballer mit Witz und gutem Verhandlungsgeschick erfolgreich gemeistert hat. Das war Entertainment vom Feinsten. Das Buch von Dietmar Schott signierte mir Willi Lippens natürlich auch noch mit einer persönlichen Note und der nötigen Zeit. Spätestens nach diesem Abend stellte sich Willi Lippens auf eine Stufe mit Helmut Rahn, geht es um den persönlichen Lieblingsspieler aller Zeiten. Und irgendwie lief man sich in den Folgejahren immer mal wieder über den Weg. Also er mir, denn da er mich nicht kennt, konnte es umgekehrt ja nicht der Fall sein. Und immer waren es Schlüsselerlebnisse auch für den Verein: Insolvenz und Richtfest Stadion Essen zum Beispiel. Einmal, es war gegen Preußen Münster, hat es sogar mal zu einem Foto gereicht. Willi Lippens hat mich so höflich gefragt, da konnte ich nicht nein sagen. Vielleicht war es aber auch andersherum.

Unter dem Strich sagt es aber aus, dass Willi Lippens sich im und um das Stadion Essen ohne einen Hauch von Starallüren bewegt. Er ist einfach immer mittendrin im Geschehen, frei von eigener Entourage. Und auch das nach ihm benannte Maskottchen hat keinen bleibenden Schaden hinterlassen. Sicher mag auch ihm ein wenig das Herz geblutet haben, als die letzten Mauern der Haupttribüne fielen, war diese ja bekanntermaßen einige Zeit sein zuhause. Man munkelte ja sogar, dass er es war, der von Georg Melches in flagranti da oben erwischt wurde. Sein erstes Zuhause und Geburtsort war allerdings das zu Kleve gehörende Städtchen Hau. Direkt an der niederländischen Grenze gelegen. Eine Konstellation wie hier in Nordhorn auch. Der kleine Grenzverkehr in Friedenszeiten brachte viele Paare und Beziehungen zusammen. So war auch Wilhelm Lippens Niederländer. Obwohl diesseits der Grenze lebend und ein eigenes Geschäft betreibend, hegte der Vater von Willi Lippens berechtigten Groll gegen die Deutschen, da er sich während des Krieges Repressalien durch dieses unmenschliche Regime ausgesetzt sah. Ein Groll, der erhebliche Auswirkungen auf die Länderspielkarriere von Willi Lippens haben sollte. Das DFB Angebot wirkte auf Wilhelm Lippens wie ein rotes Tuch, und er drohte seinem Sohn, nicht mehr nach Hause kommen zu dürfen, sollte er mit dem Adler auf der Brust auflaufen. Der Anruf des KNVB kam da schon eher gelegen.

Und so sollte Willi Lippens ein Länderspiel für die Elftaal bestreiten. Das es nur bei einem Spiel im Jahre 1971 für diesen so begnadeten Spieler bleiben sollte, hatte leider auch wieder mit der Geschichte zu tun. Hatte sich das Grenzgeschehen wieder schnell normalisiert, hielten viele Niederländer mit ihrem Hass auf alles Deutsche weiter nicht hinter dem Berg. So auch die Kollegen aus der Nationalmannschaft. Für sie war Willi Lippens der Deutsche. Und damit nicht gewollt. Es muss den jungen Willi Lippens als Mensch und ehrgeizigen Sportler innerlich zerrissen haben: Für die einen durfte er nicht, und die anderen wollten ihn nicht. Bevor er aber dieses für ihn so traurige Kapitel erleben musste, drehen wir das Rad wieder zurück in das Jahr 1965. Das Jahr, in welchem dieser wundervolle Verein aus der wundervollen Großstadt, die Rede ist von Rot-Weiss Essen, ihn unter Vertrag nahm. Der Bauer aus Kleve an der Hafenstraße.

Elf Jahre nun dauerte seine erste Zeit bei RWE. Elf Jahr Dribblings, Sprüche und sicher auch schlechte Spiele. Elf Jahre aber vor allem auch Tore und knallharte Vertragsverhandlungen. Denn ein Schelm er auch war, aber die Monatsabrechnung hatte zu stimmen. Auch hier bekamen wir an jenem Abend im Riff Bochum einige Einblicke in sein Verhandlungsgeschick. Da wurde man allein vom Zuhören manches Mal Rot im Gesicht. Willi Lippens sollte jedem Haus- oder Autokäufer zur Seite stehen. Einen Manager hatte er nicht nötig. Außerdem, so sparsam wie er war: Der kostet ja auch nur Geld. Geld also definitiv auch ein Antrieb. Und vielleicht auch der Grund seiner Kündigung, die Willi Lippens am 28.März 1976 erreichte. Nichts genaues weiß man nicht: Der Verein sprach von überzogenen Forderungen und Willi Lippens selbst von wenigen Mitspielern, die ihn nicht mehr in der Mannschaft sehen wollten. Die Westkurve weinte und auch der Spieler selbst hatte mehr als nur eine Träne im Rot-Weissen Knopfloch. Wenigstens aber blieb er noch zwei weitere Jahre dem Ruhrgebiet erhalten und unterschrieb bei Borussia Dortmund.

Dann allerdings lockte der schnöde Mammon und die recht frische Operettenliga in den Vereinigten Staaten. Das Jahr 1979 verbrachte Willi Lippens zeitweise in Dallas bei den dortigen Tornados. Ich bekomme seine Erzählungen im Zuge dieser Verhandlungen nicht mehr geordnet, aber ich weiss noch, dass wir da die meisten Lachtränen vergossen haben. Jedenfalls trägt er nicht die Schuld daran, dass dieses Franchise im Jahre 1981 aufgelöst wurde. Gruselige Sitten für hiesige Fußballfans. Da lohnte sich nicht einmal der Kauf von Fanartikel. Das Jahr 1979 verbrachte Willi Lippens ab Ende Oktober aber auch noch bei einem ganz anderen Verein und man mag es erahnen: Geld war dann doch nicht alles, und Willi Lippens plagte das Heimweh. Ein Gefühl, welches ihn noch sympathischer macht. Geld ist immer nur eine Währung. Heimat dagegen ist von unschätzbarem Wert. Es ging zurück an die Hafenstraße, zurück zu seiner Herzensangelegenheit Rot-Weiss Essen. Sportlich konnten leider weder Willi Lippens noch der RWE wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen. Der Spieler merkte den Verschleiß und im Verein machte die Führungsetage mal wieder Scheiß.

Es war also der 17. Mai 1981, als die Kultfigur Willi Ente Lippens das allerletzte Mal an der Hafenstraße die Fußballschuhe schnürte. Nur knapp fünftausend Fans wohnten diesem 4:0 gegen Alemannia Aachen bei. Das war es dann. In der Folgezeit gab es noch Engagements bei Vereinen in unteren Ligen; die Monate in Oberhausen übergehen wir hier einfach dezent und landen wie weiland Marty McFly im Jahre 1998. Unserem Verein ging es mal wieder wie üblich schlecht. Der Abstieg in die Amateuroberliga Nordrhein drohte, als sich die Vereinsoberen an Willi Lippens erinnerten und ihn kurzerhand und unentgeltlich als Trainer installierten. Willi Lippens wollte dem Verein etwas zurückgeben und hatte dafür sechs Spiele Zeit. Aber es langte nicht mehr, der Abstieg konnte nicht verhindert werden und somit war auch der Trainer Willi Lippens schnell wieder Geschichte. Und doch konnten weder Verein noch Willi Lippens bis zum heutigen Tag voneinander lassen, zu groß die emotionale Bindung. Und so kommt es, das er auch heute noch regelmäßig an die Hafenstraße pilgert, oder in seinem Restaurant bei günstigem Wind lauscht, ob er einen Torjubel inklusive „Adiole“ hören kann. Willi Lippens, wir Danken Sie für so viel.

„Mit Kummer kann man alleine fertig werden, aber um sich aus vollem Herzen freuen zu können, muss man die Freude teilen.“ (Mark Twain)

Hand aufs Herz: Wer hatte im Stadion oder an den heimischen Empfangsgeräten nicht auch in den letzten zehn- bis fünfzehn Minuten das mulmige Gefühl, dass unser RWE noch RWE-Dinge machen könnte, wie er sie in vergangenen Jahren immer wieder mal gemacht hat? Unser kleinen Schar auf der immer heimischer werdenden Gottschalk-Tribünen-Hälfte ging es jedenfalls so. Schließlich konnten wir von dort aus sehr genau beobachten, wie die Spieler der Alemannia in dieser Phase durchaus auch gefährlich vor unser Tor kamen und der Gegentreffer nur durch gemeinsame Anstrengung und eine gehörige Portion Glück verhindert werden konnte. Da rutschte uns desöfteren das Herz ganz gewaltig in die Hose.

Wir hätten uns die Nerven aber eigentlich auch sparen können:  Schließlich sind wir aktuell nicht mehr das Rot-Weiss Essen der späten und zu unseren Ungunsten entscheidenden Gegentore, sondern wir haben eine Mannschaft, die bis zum Abpfiff ihrerseits niemals aufsteckt und ohne Unterlass versucht, auf das gegnerische Tor zu gehen. Spielanteile mit dem eher ungeliebten „hintenherum“ inklusive. Sogenannte „Mentalitätsmonster“ also für unsere Farben auf dem Rasen unterwegs. Wer nun der Mannschaft immer noch fehlende Emotionalität oder gar mangelnden Zusammenhalt bescheinigt, der wurde spätestens in der fünften Minute der Nachspielzeit eines besseren belehrt: In dem Moment, als Grillmeister Felix mit seinem Tor die Herzen der Alemannia Spieler brach (Herzenbruch, daher also..), eskalierte das vorher beschaulich ruhige Stadion komplett. Die meisten vor Freude, die Gästeanhänger eher weniger deswegen. 

Dieser Schrei aus tausenden Kehlen, die heranstürmenden Mitspieler von draußen, ein Simon Engelmann, der es zunächst vor der Westtribüne herausbrüllte, bevor er auf den Haufen der Kollegen hüpfte. Ein Trainer, der irgendjemand in den Arm nehmen wollte, aber keinen fand, da alle so schnell unterwegs waren. Und dann ganz besonders Oguzhan Kefkir, der auf Krücken irgendwie hinterher gehumpelt kam. Oder später, als Daniel Heber, auch auf Krücken, im Kreise seiner Mannschaft vor der West stand und gefeiert wurde. Und dann war da noch das wohl schönste Sportfoto der letzten Jahre (von Marcel Rotzoll für jawattdenn) geschossen: Ein glücklicher Felix Herzenbruch sitzt auf dem Zaun, strahlt über alle Backen, ein frisch gezapftes Stauder in der Hand. Mit der allerletzten Spielaktion hat es die Mannschaft geschafft, die logischerweise (wir sind in Essen) drohende Unruhe im Umfeld abzuwenden und weiter alleiniger Tabellenführer dieser so spannenden Liga zu bleiben. Ich glaube, in unserer Mannschaft stecken mehr Emotionen, als wir von außen erkennen können. 

Was mich aktuell aber noch mehr umtreibt ist die Frage, warum wir von außen nicht mehr die positiven Emotionen in das Spiel bringen, um unserer Mannschaft durchgehend zu helfen. Je länger wir Tabellenführer sind, und je mehr Zuschauer wieder zugelassen sind, umso leiser und kritischer werden wir gefühlt. Exemplarisch dafür die erste Spielhälfte des vergangenen Samstag im Spiel gegen Alemannia Aachen. Unermüdlich wurde zwar im kleineren Kreis auf der Westtribüne durchgesungen, nur wurde es kaum noch von den anderen Tribünen aufgenommen. Ich könnte verstehen, wenn man dort irgendwann mal sagt: „Keinen Bock mehr“. Spätestens die Pfiffe zur Halbzeit haben mich dann richtig geärgert. Natürlich haben wir um das Gegentor gebettelt, so wie wir es immer regelmäßig tun. Aber wir lagen nicht zurück, haben den Gegner weitestgehend dominiert und eine Halbzeit war noch zu spielen: Da sind Pfiffe für mich keine Option. Sind wir bei „We only sing when we`re winning“ angekommen, oder nimmt uns aktuell die tabellarische Spannung die Leichtigkeit des Seins auf den Tribünen, um auch unseren Teil zu versuchen beizutragen? 

Und ganz schlimm wird es dann, wenn unsere eigenen Spieler dem Hörensagen nach auch noch persönlich beleidigt werden. Von einer ganz kleinen Minderheit glücklicherweise nur, aber mal ganz ehrlich: Unsere eigenen Spieler? Geht’s noch? Eine Eintrittskarte beinhaltet leider nicht automatisch die Drei Punkte für ein Halleluja oder eine spielerische Gala auf dem Spielfeld. Und natürlich verpflichtet sie uns auch nicht dazu, neunzig Minuten lang anzufeuern. Aber sie berechtigt keinesfalls dazu, ausfällig gegenüber unseren Spielern zu werden, die gerade von Spiel zu Spiel versuchen, unser aller Traum in die Tat umzusetzen. Da braucht es Unterstützung, anstatt jeden Fehler im Spiel anschließend bis auf das Kleinste zu sezieren. Außerdem habe ich noch keinen Sportler gesehen, der bei einem Gegentor glücklich ausschaut. Da sieht jeder unglücklich aus.

Wir sind nicht nur Tabellenführer unserer Liga, sondern aktuell die wohl reifste Frucht im Fußball, was einen Aufstieg angeht! Und so sollten wir das Stadion doch mit der breiten (Fan-) Brust eines Spitzenreiters betreten und unseren Teil während des Spiels dazu beitragen, dass es auch so bleibt. Erfolgreicher Fußball bedeutet doch nicht, dass wir nur noch singen, wenn die Mannschaft liefert. Wir können ja auch mal wieder in Vorleistung gehen und den Trend stoppen, dass wir uns gerade Richtung englische Fußballkultur bewegen. Aber nicht der Kultur von gestern, für die wir gefeiert und gefürchtet wurden. Zudem hat unsere Mannschaft gerade echt die Kacke am dampfen, was das Verletzungspech angeht. Da sollte es doch umso mehr Zuspruch geben für all die Spieler, die jetzt auflaufen, um Rot-Weiss Essen weiter auf Meisterkurs zu halten. In den Vorjahren hätte ich auf jeden Fall mehr Sorgen, dass das klappt, als in der aktuellen. Und überhaupt: In der 3.Liga versuchen namenhafte Vereine aktuell diese am Ende der Saison nach oben oder unten zu verlassen, nur um in der kommenden Saison nicht gegen uns antreten zu müssen. 

Ich weiß, dass sich vielleicht nun manch einer, manch eine auf den Schlips getreten fühlen dürfte, wenn er oder sie diesen Text liest, da Spiel für Spiel lautstark dabei. Das ist natürlich nicht mein Ansinnen. Aber ich suche einfach eine Antwort auf die für mich unverständliche Frage, warum wir Tabellenführer sind, und auf den Rängen tragen wir dem aktuell daheim kaum Rechnung. Ist das noch die Pandemie, deren Schatten weiterhin die Leichtigkeit verdunkelt, und die wir erst gemeinsam aus dem Weg räumen müssen? Oder ist es die Angst, am Ende doch wieder zu scheitern? Auch das ist möglich, eine Saison ist lang und alles kann passieren. Aber wir sollten gerade doch als Fans im Hier und Jetzt leben. Und vor allem Tante Lotte mal so richtig die Ohren klingeln lassen.

Was Hafenstraße wirklich kann und drauf hat, das haben wir dann ja in den schon erwähnten letzten Minuten und danach gesehen. Das war Rot-Weiss Essen vereint in Ekstase und Leidenschaft auf und neben dem Feld, da konnten wir auf einmal alle singen und klatschen. Das sind Momente, aus denen Aufsteiger gemacht werden! 

Ein ganz herrlicher Moment aktuell immer nach einem Spiel, wenn das Stadion verlassen wird und schon aus der Ferne die Töne eines Dudelsacks zu hören sind. Und wenn der Dudelsackpfeifer unter anderem auch noch den „Steiger“ vor der wunderbaren Kulisse der „kleinen Gruga“ zum Besten gibt, dann spürt man immer noch die Magie rund um unseren RWE. Holen wir sie auch wieder in das Stadion. Dies wird unsere Saison. Aber zusammen!

Rheinische Momente.

Es drohen zwei ekelhafte Auswärtsspiele für Stauder verwöhnte Essener Gourmet-Kehlen zu werden: Erst das komische Kölsch und dann auch noch das abstruse Alt. Und obendrauf werden diese rheinischen Momente auch noch bei den Zweitvertretungen des 1.FC Köln und Fortuna Düsseldorf verköstigt. Also wir müssen da jetzt echt mal raus aus der Liga, ist wirklich gut gewesen. Bei Magenta TV bricht man mittlerweile immer öfter in Tränen aus, wenn die Zuschauerzahlen vonne Hafenstraße bekannt werden, um dann seinerseits das ganze Equipment beispielsweise an einem herbstlichen Montag in Lotte für das Spiel des SC Verl gegen den TSV Havelse aufzubauen. Verfolgt von lediglich 576 Zuschauern im Ausweichstadion am Lotter Kreuz. Ein Spiel als Blaupause für den ganzen DFB Wahnsinn! Warum muss ein solches Spiel in einem Stadion stattfinden, welches zwingend vorgeschrieben 10.001 Zuschauern Platz bietet?

Der eigentliche Wahnsinn rund um den Fußball aber hat aktuell und ausnahmsweise einmal nicht in den DFB-Stuben oder im Büro von Olli Bierhoff stattgefunden, sondern im Norden von England: Die Fans von Newcastle United drehen völlig frei, seitdem bekannt wurde, dass die heimischen „Magpies“ von einem Konsortium aus Saudi-Arabien übernommen werden. Wer nun kritische oder mahnende Stimmen erwartet hätte, das zukünftig „Blutgeld“ von einem bisweilen menschenverachtenden Regime an den St.James Park wandern wird, der sah sich getäuscht. Während in Liverpool, bei ManUnited und sogar bei Chelsea gegen die bekloppte „Super League“ auf die Straße gegangen wurde, regierten vergangenes Wochenende  in Newcastle um den Kopf gebundene Bettlaken und die Flagge Saudi-Arabiens als Verkaufsschlager. Das kann ja heiter werden. Soweit so schlecht.

Ganz so schlecht, wie es sich vielleicht anfühlt, war der vergangene  Wochenendausflug in unsere Liga des Vertrauens nach einigen Tagen Abstand dann doch wieder nicht. Unsere Roten sahen sich schlicht der Problematik ausgesetzt, dass der Gast aus Wiedenbrück sich fest vorgenommen hatte, ein Fußballspiel im eigentlichen Sinne komplett zu verweigern. Und für solch eine destruktive Spielweise muss man erst einmal ein Gegenmittel erfinden. Zumal, wenn der Schnapper aus Wiedenbrück ausgerechnet gegen uns einmal mehr seinen Sahnetag erwischt. Es hatte also was von einem Handballspiel auf ein Tor, allein der erlösende Treffer blieb versagt. Chancen gab es einmal mehr als genug, und wenn es nach dem „Hafenstraßen-Roar“ gegangen wäre, hätte der Abschluss einfach und öfter aus der zweiten Reihe erfolgen sollen: Einfach mal auf das Tor schießen, anstatt bis in den Fünfer zu kombinieren.

Akustisch hat das echt was, wenn das ganze Stadion bei eigenem Ballgewinn aufschreit, dann in einem langgezogenen „Schiiiiießßßß“ verweilt um sich dann in einem lauten Stöhnen der vergebenen Torchance hinzugeben. Leider kann nun kein 0:11 und 0:0 in ein 0:10 und 1:0 umgewandelt werden. Schließlich ist auch die Regionalliga kein „Wünsch Dir was“, sondern immer noch ein „So isses“! Was aber Bestand hat, ist unsere Tabellenführung. Das wird bei einem torlosen Unentschieden und der damit oft geäußerten Enttäuschung gerne mal vergessen. Zudem haben sich die nachfolgenden Mannschaften glücklicherweise der Möglichkeit verweigert, sich unserem Kuschelverein punktuell anzunähern. Daher ist doch weiter alles gut. Außerdem werden die Zweitvertretungen aus Köln und Düsseldorf definitiv nicht unterschätzt. Kopf hoch und nach vorne schauen. Nicht immer nur das Schlechte im Heuhaufen Hafenstraße sehen und sich daran festbeißen. Das gilt auch für die Diskussion in Sachen Stimmung. Wem es zu leise ist: Mund auf. Das ist die einfachste aller Lösungen.

Ganz wichtig: Daniel Heber, dem wir alles alles Gute und rasche Genesung wünschen, ebenso wie Kevin Holzweiler und allen anderen im rot-weissen Lazarett natürlich auch, fällt bekanntermaßen aus. Das ist vor für Daniel Heber bitter, da sicher sehr schmerzhaft. Aber nicht für unseren RWE. Denn wir haben glücklicherweise Grillmeister „Herze“, nun wird er halt den Gegner abkochen. Und genau daraus nehme ich den Optimismus für diese Saison: Unser Kader passt. In der Tiefe, in seiner Spitze und vor allem in der Breite, womit nun alle Floskeln benannt wurden. Die kommenden rheinischen Momente sind allesamt Wundertüten, da Zweitvertretungen. Man weiß irgendwie nie, wen man als Gegner bekommt. Aber Manschetten? Um Himmels Willen, wir sind der amtierende Tabellenführer. Da ist die Brust mindestens so breit, wie die von Alexander Dolls. Also stimmen wir lauthals an: „Auswärtssiege, Auswärtssiege….“

„There Is A Light That Never Goes Out“ (The Smiths)

Während die meisten von uns im Stadion waren, wurden die vielen anderen RWE-Fans durch Hafenstraße-Live, Radio Hafenstrasse oder auch diverse Liveticker auf dem Laufenden gehalten. Oder durch WhattsApp und seinem Anverwandten namens Messenger. Damals also, als die Dienste noch funktionierten und nicht das Ende der Welt bedeuteten. Moderne Medien, die uns unseren RWE (nicht immer) frei Haus liefern.

Etliche Jahre zuvor wurden wir, also die Älteren unter uns, wohl auch durch die legendäre Bundesliga-Schaltkonferenz auf WDR 2 für den Fußball sozialisiert, sofern wir nicht schon längst dem runden Leder nachjagten. Vorzugsweise gehört, während das Familiengefährt am Samstagnachmittag mit Schwamm und ordentlich Schaum vom Dreck der vergangenen Woche befreit wurde. Oder wenn es in die Badewanne ging. Mit Haare waschen natürlich. Jochen Hageleit und Kurt Brumme immer dabei. Da seinerzeit noch alle Spiele einer Liga zur selben Uhrzeit angepfiffen wurden, gab es keine Zeit für einen unterklassigen „Sidekick“. Heutzutage gibt es die ARD Bundesliga-Konferenz auf WDR 2 immer noch. Unterhaltsam und informativ zugleich geleitet durch Sven Pistor.

Und nun wird es spannend: Durch die zerstückelten Spieltage beschränkt man sich aktuell nicht mehr nur auf eine Liga, sondern kann innerhalb einer Sendung schon mal die Ligenpyramide rauf und runter von den Plätzen berichten. Vergangenes Wochenende (nach einer halben Ewigkeit) somit auch mal wieder von der Essener Hafenstraße im Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen, wie mir im Nachhinein von Freunden berichtet wurde. Selbst keine Stadiongänger, aber immer noch ziemlich treue „Liga live“ Hörer. Rot-Weiss Essen war also tatsächlich nach unglaublich vielen Jahren endlich wieder Bestandteil der Samstagnachmittag  Bundesliga-Konferenz. Das kann den Stadionbesuch natürlich nicht ersetzen, aber schön wäre es trotzdem gewesen, diesen Moment am Äther mitzuverfolgen.

Der Spezi von Sven Pistor, Burkhard Hupe, hat das Spiel RWE – RWO für den WDR am Mikrofon begleitet und soll sich in seinen Sprechzeiten immer wieder begeistert über das ganze Ambiente Hafenstraße geäußert haben, so dass er seinen Kommentatorenplatz eigentlich gar nicht mehr verlassen und direkt dableiben wollte. Sinngemäß die Antwort von Sven Pistor: Es würde ihm in diesem Fall wohl irgendein Essener Schnittchen vorbeibringen, weil die Essener halt so sind. Unserem Kuschelverein wurde also relativ unverhofft und doch einmal mehr bundesweite Aufmerksamkeit zuteil. Zudem diesmal durchweg positiv. Fein!

Durchweg positiv wären natürlich drei Punkte aus dem Spiel gegen die Nachbarkleeblätter gewesen. Aber die Punkteteilung entsprach ziemlich authentisch dem Spielverlauf: Halbzeit Eins RWE plus Halbzeit Zwei RWO gleich Unentschieden. Trotzdem bleiben wir an der Tabellenspitze und sollten darauf nicht nur stolz sein, sondern weiter aufbauen. Klar, es gibt von außen immer etwas zu bemängeln, irgendwo müssen wir ja auch hin mit unserem Fußballwissen als unbezahlte RWE-Trainer auf freiwilliger Basis. Nach dem deftigen Schlag ins Kontor gegen Straelen ging es zumeist gegen Mannschaften aus dem oberen Regal der Liga und das ziemlich erfolgreich. Es sieht gut aus, die Mängelliste ist der Mannschaft selbst bekannt und die Saison noch lang. Kommenden Samstag nun steht ein ganz schweres Spiel auf dem Programm und alle glücklichen Ticketgewinner dürfen für sich einen neuen Stadionpunkt verbuchen: Die Fußballnomaden des KFC Uerdingen haben aktuell ihre Zelte im neuen Velberter Stadion aufgeschlagen.

KFC Uerdingen, da geht man natürlich von einem hohen Sieg aus. Aber die Mannschaft hat sich gefunden und ist leider nicht mehr die Truppe, die unserem Nachbarn RWO (Seit wann ist Hajo Sommers eigentlich so dünnhäutig geworden?) einen mehr als guten Start in ein positives Torverhältnis beschert hat. Das wird beileibe kein Selbstgänger, denn wir wissen ja auch um die Motivation, wenn es gegen RWE geht. Diesmal wird das Spiel wohl nicht öffentlich-rechtlich begleitet, schließlich ist ja mal wieder Länderspielpause. Kann auch weg. Keiner will nach Katar. Platzt der Torknoten oder wird es langes Geduldspiel in Velbert? Wird also ein spannendes Spiel werden, an dessen Ende hoffentlich weiterhin die Tabellenführung steht. Das sieht einfach zu verlockend aus, unser wundervolles Emblem ganz oben auf dem Tableau. Ich finde, wir sollten auch mal aufsteigen, bevor die attraktiven Vereine ihrerseits endgültig die 3.Liga nach oben oder unten verlassen.

Verlassen hat mich auch Christian Kohlund. Fairerweise hat er mich natürlich nicht verlassen: Sein Management hat erst gar nicht auf meine Anfrage reagiert, ob Herr Kohlund mit seiner unglaublich markanten Stimme zum fünfzehnten Geburtstag von „Im Schatten der Tribüne“ einen älteren Blogtext einlesen könnte. Man liegt dort wahrscheinlich immer noch vor Lachen auf dem Tisch bei solch einer Anfrage. Auf meiner Liste standen auch noch Bastian Pastewka, Max Giermann oder Ulrike Stürzbecher. Ich habe dann Vernunft walten lassen und keine weiteren Anfragen gestartet, so dass Im Schatten der Tribüne auch weiterhin zuallererst als Lesestoff erscheint. Morgen also Geburtstag: Fünfzehn Jahre Blog. Mehr Abstiege denn Aufstiege. Insolvenzen. Keimzelle für mittlerweile drei Bücher und die wöchentliche Kolumne in der WAZ: „There Is a Light That Never Goes Out“! Wenigstes bis zum ersehnten Aufstieg.

Zum Schluss noch eine Bitte an die örtliche „Leitzentrale An- und Abreise“: Wir hatten oftmals schon mehr Zuschauer als vergangenen Samstag im Stadion. Wir hatten Jahrzehnte nicht einmal den Parkplatz, den wir jetzt haben. Aber irgendwie war das alles nicht so schlecht organisiert wie vergangenen Samstag. Manchmal ist weniger mehr. Und wenn schon Hafenrundfahrt, dann wenigstens mit dem Typen aus der Hornbach Werbung.

Offenherzigkeit ist die Seele der Eintracht.

Rot-Weiss Essen spielt diesmal nicht am Freitag Abend, sondern gönnt sich den Samstag Nachmittag in Lippstadt. Eine schöne Gelegenheit, um einmal mehr den Heideweg in Nordhorn zu besuchen, da mein lokaler Hero SV Eintracht eben diesen milden Herbstabend ausgesucht hat, um den Ligakonkurrenten Olympia Laxten aus Lingen unter Flutlicht zu empfangen. Die ehemalige Bernhard-Niehues Kampfbahn, lange Jahre als Eintracht Stadion am Heideweg bekannt, dient ja mittlerweile als Sportpark-Blanke einigen Vereinen als Zuhause. Das hat ein wenig was von den ganzen Umbenennungen der großen Stadien nach Sponsoren Gusto. Für die verbliebenen Weinroten der Stadt ist es trotzdem weiterhin die Heimat des SV Eintracht. Früher hat man es sich übrigens noch einfacher gemacht, da hieß es schlicht: „Und, Sonntag auch am Platz?“

Am Platz unter TV-tauglichem Flutlicht im wunderschönen Herbstambiente mit Anpfiff die knapp über dreistellige Zahl derer, die es weiterhin mit dem SV Eintracht als Erst- oder auch Zweitverein halten. Die einzige Zaunfahne hängt am Wellenbrecher und auch dahinter gestaltet es sich eher entspannt. Ein Fanclubmitglied der Rot-Weißen Treue ist im Urlaub. Das macht optisch gleich was aus, aber die Lücke wird geschlossen. Manchmal kommt man halt etwas später an den Platz, die Bezirksliga hat dafür Verständnis. Dafür waren die Pommes heute nicht so lecker, wie man von den später hinzugekommenen zu vernehmen wusste.

Zu einem Eintracht Spiel zu fahren, hat auch durchaus etwas therapeutisches, auch wenn eigentlich kaum einer etwas mit RWE am Hut hat. Obwohl: “ Was war denn da in Münster los, war doch lange Zeit ruhig um RWE?“ Man beschäftigt sich also mit Rot-Weiss Essen, und hätte diesen, unseren Verein, endlich auch gerne eine Klasse höher verortet. Früher war die aktive Eintracht-Szene in etwa gleich aufgeteilt in Anhänger der Mönchengladbacher Borussia und denen aus Gelsenkirchen. Hinzu kamen wir Essener als Splittergruppe sowie der obligatorische Anteil der BVB & FCB Fraktion. Während sich die Fraktion Königsblau weitestgehend in den Ruhestand verabschiedet hat, sind es vor allem die Fans der Fohlen, die ihrem Heimatverein die Treue halten. Und da hat der RWE durchaus einen guten Stand. Mag aber auch an meinem Charme liegen.

Nach einigen Jahren hat es unsere Eintracht mal wieder in die Spitzengruppe der Bezirksliga verschlagen. Und auch hier ist eine Zeitvertretung wohl der unerreichbare Konkurrent um den Aufstieg. Dummerweise auch noch denjenigen aus Meppen. Tja, dieses Phänomen ist also nicht nur ein höherklassiges, sondern zieht sich durch bis ganz unten. Das 1:0 zur Pause gestaltete sich relativ verdient, schließlich war auch die Fahne des Linienrichters nicht ganz auf unserer Seite.

In der Pause selbst Smalltalk, wie sich jener halt immer wieder auf den Stehtraversen gestaltet. Man reflektiert die erste Halbzeit, sinniert über die fettige Bratwurst und darüber, wann die Bäume rund um den Platz endlich die fotogenen Farben des Herbstes tragen. Und wir reden über die anderen Mitbewerber der Stadt. Sind uns darüber einig, das wohl erst ein Spiel gegen Sparta 09 ein wirkliches Nordhorner Derby bedeuten würde. Historisch betrachtet. Aber dafür müsste die Spartaner Jungs endlich einmal die Kreisliga verlassen und aufsteigen. Während die Spiele gegen Vorwärts und VfL WE leider keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt, könnte ein Spiel SV Eintracht – NS Sparta 09 durchaus noch Emotionen hervorrufen.

Das heutige Spiel gewann der SV Eintracht Nordhorn gegen den SV Olympia Laxten mit 3:1. Maßgeblich einmal mehr daran beteiligt, die Nordhorner Antwort auf Simon Engelmann, Kamalljit Singh. Um Strom zu sparen, wurde das Flutlicht fast mit dem Abpfiff abgeschaltet, so dass sich der anschließende Smalltalk stetig zu verdunkeln wusste. Der SV Eintracht seinerseits hat ziemlich dunkle Zeiten durchlebt, um einmal im Bilde zu bleiben. Das er wieder in seiner ursprünglichen Form existiert, ist eine Sache, die auch Ernst Fuhry gefallen dürfte.

Der Traum von einem Freundschaftsspiel zwischen dem SV Eintracht Nordhorn und Rot-Weiss Essen um den Peter Simons Pokal im Stadion am Heideweg, er lebt weiterhin für mich. Schön war es mal wieder, daheim zuhause.

Nach wie vor, Eintracht empor.

Es hätte alles nur schön sein können.

Bei dem ersten Entwurf für diesen Artikel sollte dieser noch flapsig „Stirb langsam. Die Küsters Chroniken“ heißen. Der tagelange Versuch des RevierSport, dass Spiel Preußen Münster – Rot-Weiss Essen ausschließlich als Remake des Skandalspiels von 2002 zu bewerben musste schließlich irgendwie kanalisiert werden. Wie dreist kann man eigentlich sein, ein Spiel von solch sportlicher Tagesaktualität fast ausschließlich auf den damaligen Platzsturm zu reduzieren? Das leidvolle Ding hat ja nicht einmal zwanzigjähriges Jubiläum. Es musste also ein anderer, uns allen unbekannter Redaktionsauftrag existieren, der diese befremdliche Art von Vorberichtserstattung an den Start gebracht hat. Selten zuvor habe ich einen solch massiven Versuch erlebt, längst vergessene schwarze Stunden wieder in Erinnerung zu rufen und gleichzeitig die so erfreuliche Gegenwart auszublenden.

Es dürfte somit ja fast redaktionelle Hochstimmung geherrscht haben, als das Nachspiel im Preußen Stadion begann und die Laufduelle sich vom Rasen auf die Tribünen verlagerten. Das Remake von 2002, es fand tatsächlich statt. In kleinerem Rahmen zwar, aber immer noch viel zu groß, um die anschließenden, bundesweiten, Negativschlagzeilen für unseren RWE zu verhindern. Ein hart erarbeiteter sportlicher Erfolg wurde in wenigen Minuten nach Abpfiff zu einer gefühlten Niederlage gewandelt. Menschlich betrachtet. Die Frage nach dem „Warum“ wird wohl niemals eine zufriedenstellende Antwort bekommen, denn es gab ja nicht einmal einen irrationalen Grund für diesen Gewaltausbruch. Wir hatten doch gewonnen. Einen deutlichen Rückstand in einen knappen Sieg umgewandelt. Der erste Sieg in Münster seit was weiß ich.

Es ist nun passiert und lässt sich leider nicht mehr ändern. Der Imageverlust für RWE enorm, schließlich werden nun vielerorts ziemlich unreflektiert die vielen RWE-Fans komplett über einen Kamm geschert. Allein auf Twitter hat sich so ein Preußen Account endlich und vollumfänglich in seiner Abneigung gegen unseren Verein bestätigt gesehen und diese eigentlich auch nur als komplette Beleidigung formuliert. Für ihn sind wir alle so wie diejenigen, die vergangenen Dienstag keinen guten Auftritt hingelegt haben. Es gibt nun auf vielen Ebenen ganz viel aufzuarbeiten, was sich rund um dieses Spiel zugetragen hat. Und das ist definitiv nicht nur Sache von Rot-Weiss Essen. Das fängt beim RevierSport an und hört bei der Polizei auf. Mindestens! Und wenn jetzt irgendeiner der Beteiligten doch noch mal anfängt, über die Geschehnisse zu grübeln, dann legt einfach zusammen und schickt dem älteren Herrn einen dicken Blumenstrauß als Entschuldigung. Er wollte einfach nur Fußball schauen.

Fußball schauen wollten auch viele, die keine Karten für das Stadion bekommen konnten. Leider klappte dass dann online nicht so, wie im Vorfeld angepriesen. Wir „Onliner“ bekamen Standfußball, gar keinen Fußball oder bisweilen nicht einmal eine Verbindung geboten. Das lief nicht mal ansatzweise so flüssig wie das Spiel des RWE in der zweiten Halbzeit. Was hier einfach sauer aufstösst ist die Vorankündigung, dass mit drölf Kameras, bester Qualität und was weiß ich gestreamt wird und wir ein TV Erlebnis nahe an „Anpfiff“ oder „Ran“ zu erwarten haben. Und dann kommt Gelsenkirchen bei raus. Eine realistischere Einschätzung der gegebenen (Leitungs-) Möglichkeiten hätte hier einfach für mehr Klarheit gesorgt. Eine Kamera in SD Qualität, die dafür das ganze Spiel über stabil läuft, hätte es dann auch getan. Wir waren durch Corona doch auch ganz andere Übertragungsmöglichkeiten gewohnt. Dann einen Fünfer verlangen, und alles ist gut.

Ach, das Spiel. Nach dem 0:2 aus unserer Sicht musste wieder der Hund herhalten, um an frischer Luft einen klaren Kopf zu bekommen. Nein, ich war kein sogenannter Vogel, der gleich die komplette Saison in die Tonne gekloppt hat, aber das Spiel habe ich zu dem Zeitpunkt einmal mehr als Münster-Verschwörung zu den Akten gelegt. Bei 0:2 in Münster durchaus legitim, diese Enttäuschung. Ich konnte doch nicht ahnen, dass in der Halbzeitpause die Erkenntnis der bisher falschen Taktik direkt eine Korrektur zur Folge hatte. Diese Selbstkritik bei Christian Neidhart und seinem Trainerteam gefällt mir extrem. Und die Reaktion der Mannschaft auf diese taktische Erkenntnis noch mehr. Unglaublich, welche Wucht da bisweilen Richtung gegnerisches Tor auf den Weg gebracht wird. Das ist „Isi-living“ vom Feinsten.

Es hätte alles einfach nur schön sein können.

obstupefacere.

Ich habe mit allem gerechnet: Einem zähen Spielverlauf und vielleicht daraus resultierend reingeeumelten Siegtreffer kurz vor Abpfiff. Auch ein Unentschieden hatte ich auf dem Schirm. Schließlich ist auch der SV Straelen gut in die Saison gestartet und die Kabinenpsychologie ist in manchen Köpfen vielleicht doch noch dabei, mit dem SV Straelen die Legende eines Angstgegners aufzubauen. Ein lässiges 5:0 kam mir also überhaupt nicht in den Sinn! Wir waren somit nicht nur gewappnet, sondern hatten weit vor Anpfiff auch noch unverhofften und zugleich netten Parkplatzsmalltalk mit einem ehemaligen RWE-Profi, der weitgereist nicht nur für RWE, sondern auch für Bayer 04, die Huftiere und den kommenden Gegner aktiv war. Inklusive Fazit, dass die Zeit bei RWE alles andere atmosphärisch zu toppen wusste. Auf den Tribünen und so. Als ob wir das bezweifelt hätten.

Derart gebrieft ging es dann Richtung temporärer Aufenthaltsstätte Rahn-Tribüne. Oder kurzzeitig auch nicht, denn eine neues Handy ist nicht nur wie ein neues Leben, sondern auch ohne die alten Inhalte. Und somit war nichts mehr zu lesen von der eigenen Impfung. Glücklicherweise gab es noch eine andere App, die den Nachweis dann erbringen konnte. Die eigene Vorbereitung auf das Spiel also schon eher ungenügend. Aber wer konnte zu dem Zeitpunkt schon ahnen, dass unsere Mannschaft nahtlos nachlegen würde? Die Einlasssituation ansonsten gestaltete sich relativ entspannt. Das wurde von RWE akribisch und nachhaltig so dezent vorbereitet, so dass man bisweilen fast vergessen konnte, was die Umstände gerade so mit sich bringen.

Die Vorfreude war den Fans in den Gesichtern abzulesen. Die Rückkehr der Fans zugleich auch „The Return of Einkaufswagen“. Irgendwo muss der endlich wieder einzusammelnde Flaschenpfand ja gesammelt werden. Ein schneller Blick auf die gelagerte Pfandware ließ folgende Schätzung zu: 99% Stauder, 1% Fremdartikel. Damit kann man arbeiten. 

Entweder zu viel in der Sonne, oder gar nicht gearbeitet hatte ein Fan, bei dessen Verhalten man im weiteren Spielverlauf direkt aufgezeigt bekam, was in den letzten Monaten definitiv nicht gefehlt hat: Ein Vertreter der Spezies lattenstrammer RWE Fan, der sich über 90 Minuten einfach nur weiter betrinkt, die gegnerischen Fans permanent homophob beleidigt, Bierbecher und Feuerzeuge auf das Feld wirft, um fast selber von der Tribüne zu fallen, seinen Sitzplatz und Umgebung in einem See verschütteten Stauder hinterlässt und sich natürlich auch nicht zu blöd ist, alles und jeden als „Uhrensohn“ zu deklarieren.

Aber, leider war dieses Verhalten immer noch nicht das wirkliche Drama im ersten Heimspiel der neuen Saison.  Dafür sorgte plötzlich und unerwartet tatsächlich unsere eigene Mannschaft mit einer verdienten 1:4 Klatsche gegen den SV Straelen. Die möglicherweise extra für dieses Spiel ins Leben gerufenen Vereinigung der „Hardcore – Bauern“ konnte ihr Glück kaum fassen und spulte via Megafon sämtliches Liedgut der „Best-of-Ultras“ CD ab.

Unsere Mannschaft spulte außer einigen Kilometern auf dem Feld ihrerseits leider nichts nahrhaftes ab. Die Resonanz zur Halbzeit irgendwo zwischen „Wie soll ich denn die nächsten 45 Minuten überstehen“ und „Scheiße, ich habe eine Dauerkarte“. Die fröhliche und geduldige Vorfreude machte Platz für das Entsetzen, was uns schon bald darauf bevorstehen sollte. 

Da passte auf dem Feld an diesem historischen Abend so gut wie nichts. Stürmer, die sich im Weg standen. Bälle, die nicht kontrolliert werden konnten und immer dieses hintenherum. Das kann und wird immer wieder passieren, und ist grundsätzlich ja auch nicht tragisch, wenn unter dem Strich die Ergebnisse stimmen.

Aber an diesem Freitag-Abend war dieses Spiel mehr als tragisch. Es war der ungewollt gefühlt sportliche Schlag ins Gesicht alle derer, die nach langen Monaten endlich wieder ihre Mannschaft im Stadion sehen durften. Sich dafür im neuen Trikot schick gemacht hatten, das Grinsen vor lauter Vorfreude bisweilen gar nicht mehr aus dem Gesicht bekommend.

Und dann das Unerklärliche auf dem Feld….

Es gibt viel zu tun bis Wuppertal. Sehr viel. Auf der langen Rückfahrt wurde vor allem eines: Geschwiegen. Nicht mal mehr mit sich selbst wurde geredet. Vielleicht verstehe ich diese Niederlage erst in einigen Monaten. Glückwunsch an die Mannschaft des SV Straelen, so viel Fairness muss drinsitzen. Und „Feuer frei“ für die chronischen Dauernörgler. In der Szene herrscht heute sicher schon Partystimmung.

AUSWÄRTSSIEG!

So schön sind die Reisen niemals gewesen, wie sie in den Augenblicken des Heimkommens sind (Erich Kästner).

Kommenden Freitag dürfte für viele der erste Stadionbesuch seit langen Monaten anstehen. Und möglicherweise stellt sich dem einen oder der anderen die Frage, wie das noch geht, so mit dem Stadiongang. Also ganz langsam und der Reihe nach:

Das Spiel beginnt um 19:30 Uhr. Eine angenehme Zeit, um nach dem Frühstück mal raus zu kommen. 

Man darf natürlich im Jogger kommen. Wenn die Buxe dann auch noch im Fanshop bestellt wurde, reden wir hier von einer klassischen Win-win Situation. Wichtig ist nur, dass man untenherum überhaupt etwas trägt. Was bei Zoom Konferenzen noch durch die Arbeitsplatte gerettet werden kann, kommt im Stadion leider nicht zum Tragen. Daher sollte man also komplett angekleidet erscheinen.

Der Herbst kommt mit aller Macht und es wird abends schon mal frisch. Daher vielleicht lieber den Seidenschal zuhause lassen und schon den Übergangsschal in Balkenoptik umwickeln. Empfehlenswert auch noch der kurze Blick nach unten, bevor die Wohnung verlassen wird: Pantoffel oder Adiletten sind nicht strafbar, könnten aber für frische Füße sorgen.

Die geliebte Fernbedienung muss nicht mitgenommen werden. Der neue Bildschirm ist nicht für Netflix oder Disney+ gedacht, sondern dient als neue Informationsquelle und stellt zugleich ein neues optisches Highlight der Hafenstraße dar. Man kann sich dort also nicht einloggen.

Unbedingt Hartgeld in die Bauchtasche packen. Hartgeld könnte an den Verzehrständen wichtig sein, denn die erste Stadionwurst seit viel zu langer Zeit mit Karte zu bezahlen hat fast was von Frevel und ist wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Und vielleicht esst Ihr einfach eine Wurst mehr und gönnt Euch den Extrabecher Stauder. Wir sind beileibe nicht die einzigen, die magere Zeiten durchlebt haben.

Tiefkühl-Pizzen können nirgendwo aufgebacken werden. 

Toilettenpapier hängt wie immer auf den dafür vorgesehenen Toilettenpapierhalterungen. Wer nur noch heimische Feuchttücher gewohnt ist, muss diese selbst mitbringen. Gibt es aber auch in Reisegröße.

Es könnte nach den Monaten der Stille ungewohnt laut werden. Daher empfiehlt der Verband zugelassener HNO`s die Mitnahme von Ohropax, um sich und seine Ohren im Bedarfsfalle zu schützen. 

Wenn sich jemand einen Senflecken einfängt: Senfflecken haben ihren Schrecken verloren. Sie können uns nichts mehr anhaben und gelten ab sofort als Beleg dafür, seinen Verein wieder im Stadion anzufeuern. Übrigens: Wer ungeduscht zum Spiel erscheint, hat in Anbetracht unserer Stürmerqualitäten gute Chancen, frisch (Bier-)geduscht nach Hause zu fahren.

(Und mal ernsthaft: Wir werden uns sicher wieder recht schnell an den „Umstand Stadion“ gewöhnen, der aber in der aktuell abgespeckten Form für viele verständlicherweise nicht die gewohnte Umsetzung der Eigeninterpretation Stadionerlebnis bedeutet. Das gilt es definitiv zu respektieren. Vielleicht können wir es einfach kompensieren, indem wir für alle mitschreien, die mit der Rückkehr noch warten wollen oder schlicht noch keine Karte bekommen konnten)

Supercalifragilisticexpialigetisch

Samstag geht es endlich wieder für uns los. Keine neue Liga ist eben auch wie ein neues Leben. Dort wo einstmals der große Helmut Schmidt mit seiner Loki eine nach der anderen durchgezogen hat, beginnt für Christian Neidhart und seine Mannen der abermalige Versuch, dieser Regionalliga zu entfliehen. Es wird auch wirklich an der Zeit, diesen Schritt zu gehen, denn wenn seriöses Finanzgebaren Hand in Hand mit Uerdingen funktionieren soll, dann fragt man sich manchmal schon, was dass alles eigentlich noch für einen Sinn hat. Aber dem Hören nach bekommt man in Krefeld doch noch kurz vor knapp eine Mannschaft auf die Beine gestellt. Hat halt nicht jeder Verein mal eben siebenundfünfzig Spieler auf dem Deckel. Ist ja auch alles wumpe, denn wir schauen einmal mehr nur auf uns.

Am Samstag im Sportpark Nord zu Bonn schauen wir nicht mehr alle in die Glotze, sondern dürfen tatsächlich auswärts wieder unser Unwesen treiben. Bier trinken, Bratwurst essen und den Duft der Stehtraversen einatmen. Je mehr Pieks, desto besser. Der Bonner SC ja immer eher der Kandidat für die unteren Regionen, aber durchaus daheim auch unangenehm zu spielen. Das wird also nicht einfach für unsere Roten, die auswärts nun eher in Weiss auflaufen dürften. Dem Vernehmen nach gilt ja der RWE einmal mehr zu den Topfavoriten auf den Aufstieg. Das hat man ja ganz selbstbewusst und insbesondere nach der famosen letzten Saison auch so kommuniziert. Wir haben mit dem Aufstieg halt einfach kein Problem. Das Problem liegt eher darin begründet, dass er einfach nicht gelingen will. Der diesjährige Preis des „In die Suppe spucken“ Pokals soll laut Expertenmeinung nach Münster zu den dortigen Adlerträgern gehen.

Gerne geben wir die Favoritenrolle an die Hammer Straße ab und gönnen dem SC Preußen noch weitere Runden im DFB-Pokal. Natürlich nur zum Zwecke, dass die Konzentration auf die Liga darunter leidet. Das war aber schon ein beeindruckendes Spiel gegen die Radkappen aus Wolfsburg und wahrscheinlich wird die Niederlage ja noch gewandelt, da es der VfL an der Seitenlinie ja irgendwie verbommelt hat.

Unsereins konnte sich parallel zur ersten Runde im DFB-Pokal an einem erfrischenden Offensivauftritt gegen den SC Verl erfreuen (Die Älteren mögen sich erinnern: Der SC Verl hat mal ziemlich lange mit uns in einer Liga gespielt.). Acht Tore in dem Premierenspiel für die neue LED Anzeige über der noch mehr geteilten Gottschalk-Tribüne. Das war doch geplant, um der Stadionregie mit dem ersten Spiel so richtig an den LED-Reglern einzuheizen. Das Teil ist schon beeindruckend. Möge es oft für unsere Farben aufleuchten. Und nur für unsere Farben! Ich glaube, dass wir in dieser Saison noch schneller unterwegs sind als in der vergangenen. Dass sich einige Spieler individuell verbessert haben und wir weniger Rückpässe erleben werden. Gut, dass ich nicht die Aufstellung vornehmen muss. Aber egal, wer da in unseren neuen Trikots auch aufläuft: Sie alle freuen sich, dieses endlich wieder vor Fans tun zu dürfen.

Wenn ich das Gebaren von PSG und einigen anderen Vereinen (?!) auch heute wieder so anschaue, dann ist unsere Liga doch gar nicht so schlecht und um einiges realistischer. Leider eben viel zu schlecht wahrgenommen und vergütet. Wenn, wie in der vergangenen Woche geschehen, in der 3.Liga Viktoria Berlin auf Viktoria Köln und der SC Verl auf Türkgücü München trifft, dann kann man emotional um einiges entspannter sein, als wenn zeitgleich in der Regionalliga West der Wuppertaler SV auf Preußen Münster und Rot-Weiss Essen auf Alemannia Aachen treffen würde. Dummerweise sind wir nicht in der 3.Liga, sondern eine darunter und haben kein Magenta oder ähnlich an der Seite. Im Stadion selbst und zu normalen Zeiten, da würden die letztgenannten Partien natürlich einiges mehr an Fans im Stadion begrüßen dürfen.

Fans und Stadion. Es war ja sehr entspannend, die erste Runde im DFB-Pokal am heimischen Empfangsgerät zu verfolgen. Das ist schon interessant: Ein RWE Spiel auch ohne Zuschauer vor Ort lässt mich völlig entnervt und mit allen Emotionen zurück, während ein Spiel vor Fans und mit Atmosphäre bei anderen Vereinen doch eher gelassen verfolgt werden kann. Das hat aber allein schon deshalb Spaß gemacht, weil eben Fans in den Stadien waren. Man spürte förmlich den Duft der Bratwurst und sah wie Hanswurst seinen Bierbecher durch die Gegend schmiss. Welch eine Verschwendung.

Wir sind also auf dem Weg zur Normalität, auch wenn dieser noch ein beschwerlicher sein wird. Mit Rückschlägen versehen und mit viel Solidarität durchgeführt. Das würde ich mir auf jeden Fall wünschen. Und ich wünsche mir nicht nur einen gelungenen Saisonauftakt beim Bonner SC, sondern viel mehr auch ein Umdenken in den Kommentarspalten. Dies ist unser Verein. So ziemlich das Größte, was es für uns gibt. Und wir wollen alle zusammen hoch.

Der Sonntagsanzug

Taufkleid und Kommunionanzug. Brautkleid und Hochzeitsanzug. Die Kleidung für den Abschlussball oder auch die würdevollen Textilien für den allerletzten Gang. Die Frage nach dem „Was ziehe ich an“ ist wohl eine der bedeutendsten in der Geschichte der Menschheit. Außer, man (oder Frau) ist Fußballfan. Dann stellt sich mittlerweile vor jeder Saison eine noch viel bedeutendere Frage: Und zwar die nach dem Heimtrikot der kommenden Saison.

Als einzig (wenn überhaupt) das Vereinsemblem die guten alten Baumwolltrikots schmückte, da war diese Frage noch nicht ganz so so wichtig. Es variierte lediglich der Kragen oder das Bündchen am Ärmel. Die Frisuren der Fußballer im Rückblick damals das viel spannendere optische Element. Heutzutage dagegen werden die modernen Kunstfasern bis zur Präsentation unter Verschluss gehalten, wie sonst wohl nur die Kronjuwelen der Queen oder Schuldscheine auf Schalke. Es gibt auch keine Erlkönige, wie in der Autoindustrie, die zu Vermutungen animieren könnten. Schließlich muss ein Trikot ja nicht Probe gefahren werden. Die Belastungen beginnen erst ab XL, darunter hängt es sich einfach aus.

Dem legendären Kicker-Sonderheft blieb es in vielen Jahren vorbehalten, als Erstes alle neuen „Kollektionen“ auf einen Blick vorzustellen. Und es hat gewirkt, wurden doch zuerst die Mannschaftsfotos hektisch durchgeblättert und auf das Aussehen hin kommentiert. Wie anmaßend eigentlich, war man doch selbst auch nur das Spiegelbild der jeweiligen modischen Epoche und mit Koteletten und dicker Hornbrille gestraft. Und doch war es natürlich auch eine sportlich schöne Zeit, gab es doch noch keine Trikots aus Fuschl am See zum Beispiel. Ein dortiger Trikotsammler hat aber auch Vorteile: Aufgrund der riesigen Tradition seines Vereins reichen wenige Kleiderbügel für die bisherige Trikothistorie aus.

Eine Trikotpräsentation der heutigen Generation läuft in kleinen Appetithäppchen ab mit dem Ziel, uns den Mund wässrig zu machen. Sozial-Medial wird da alles rausgehauen was geht und selbst der Testspielpartner wird im entscheidenen Vorhang-auf-Spiel dem Trikot untergeordnet. Daher ja auch der SC Verl. Und da wir eben in diesen in modernen Zeiten leben, wird das erste Foto eines Spielers im neuen Sonntagsanzug vonne Hafenstraße zeitnah eine wahre Eruption der Bewertungen auslösen.

Zwischen „Kacke“ und „Edel“ ist dann meistens alles dabei. Die Zustimmung wird oftmals in weniger Worte gekleidet als die Enttäuschung. Wie im wahren Leben halt. Es freut sich immer ein wenig leiser, als dass es sich laut pöbelt. Interessanterweise kann sich die Ansicht über die Optik im Laufe einer Saison ja auch durchaus schon mal verändern. Das Trikot der vergangenen Saison hat mir von Spieltag zu Spieltag immer besser gefallen, denn es war ja auch auf der Erfolgsspur unterwegs. Punkte machen Kleider. Während ich vom geplanten Kauf des schwarzen Mauertrikots Abstand genommen hatte, da ich es irgendwie mit unglücklichen Spielergebnissen verknüpfte. Obwohl durchaus auch mit optischen Reizen behaftet.

Nun, ich bin sehr gespannt, die Latte scheint mal wieder sehr hoch zu hängen und wie jedes Jahr bleibt uns mindestens die Erkenntnis: „Danke lieber Gott, dass ich kein Königsblau tragen muss“. Aber auch die Angst davor, wie das Trikot letztendlich geschnitten ist. RWE allein ist doch schon spannend genug. Da möchte ich meinen Sonntagsanzug gerne etwas fluffiger tragen.

Endlich wieder Senfflecken auf dem Trikot.

Herzlake:

Erstaunen lag in seinem Gesicht, als Roland Sauskat neunzig Minuten vor Spielbeginn aus dem Hasetal-Stadion kam. War es doch kein Problem, einfach dort hinein zu spazieren. Das Tor sperrangelweit geöffnet, so dass auch die komplette Mannschaft des RWE nebst Entourage über den eigentlichen Gästeeingang Zugang fand, um mit Sack und Pack über den Platz zu den Kabinen zu latschen. Vielleicht war es aber auch so gewollt, denn die beiden großen Busse aus Emmen parkten fein aneinandergereiht vor dem Haupteingang. Wie dem auch sei: Der Gästeeingang blieb geöffnet und jeder zufällig vorbeikommende Fußballfreund hätte so das Stadion betreten können. Was dann tatsächlich doch irgendwann auch einem Verantwortlichen des sehr netten Gastgebers VfL Herzlake auffiel. Und so war genau dann Schicht im Schacht, als eine kleine Essener Reisegruppe Einlass begehrte. Die Handys wurden gezückt wie weiland die Colts in einem beliebigen Western. Und eine Lösung gefunden, die aus Zaun- Tribünengäste werden ließ. Für so dröge Emsköppe war das ein richtig schneller Move. Unter Zuhilfenahme des RWE natürlich, das sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

So viele neue Gesichter im Kader unseres Herzensvereins. da ist man froh, wenn man direkt einen „Herze“ entdeckt. Oder einen der anderen aus der vergangenen Saison. Die Saisonvorbereitung und seine Testspiele sind immer auch aus der Kategorie „Namen lernen und Gesichter dazu merken“. Vielleicht ist auf dem kommenden Ausweichtrikot daher der Spielername wesentlich größer geschrieben als der unseres Vereins. Ein Trikot welches den Spielern auf den sportlichen Leib geschneidert ist, und sowohl in seiner Schlichtheit als auch der kernigen „Typo“ zu überzeugen weiß. Aber, der Verein steht immer über dem Spieler. Diese kommen und gehen. Der Verein jedoch bleibt. Deshalb wäre meine einzige Kritik an dieser Stelle das minimalistische Rot-Weiss Essen im Verhältnis zum Spielernamen. Ich hoffe da stark auf ein Umdenken im Heimtrikot, welches nach Aussage von Marcus Uhlig das Schönste sein wird, was wir je hatten. Um direkt im Anschluss augenzwinkernd hinzuzufügen, dass er dass ja vor jeder Saison sagt, es diesmal aber wirklich stimmt! Es wird also stofftechnisch spannend bleiben bis zu dem Vorbereitungsspiel gegen den langjährigen Rivalen mit ohne passendem Stadion aus Verl.

Das ist ja schon fast ein Treppenwitz, der uns da aus Verl erreichte: Warum ist man plötzlich geschockt über die (fragwürdigen) DFB-Richtlinien in Sachen Stadionkapazität? An der Zahl von 10.001 hat sich auch durch Corona nichts geändert. Das war also bekannt, und man hätte an der Poststraße reagieren können, oder wie geschehen, eben nicht. Daher wundert man sich eher darüber, dass man sich in Verl darüber wundert. Aber, um auch für den SC Verl zu schreiben: Man hat sich dort ein zweckdienliches und den eigenen Ansprüchen komplett ausreichendes Stadion geschaffen. Designtechnisch gar nicht mal unterste Schublade. Der Zuschauerschnitt passt dazu und überhaupt: Womit ist diese Zahl von 10.001 für die 3.Liga begründet? Nun treten mittlerweile fast alle in Lotte den dortigen Sportfreunden den Rasen kaputt und zu den Hochsicherheitsrisikospielen gegen den TSV Havelse, Türkgücü München oder Viktoria Berlin zum Beispiel muss man wohl auf die Bielefelder Alm ausweichen. Das ist alles teuer und fern jeglicher Realität. Verbandswesen halt.

Aber zurück zu unserem Spiel in Herzlake gegen den Eredivisie Absteiger des FC Emmen. Das war eine gute erste Halbzeit, die unsere Mannschaft gegen die ebenfalls neuformierte Mannschaft aus Emmen gespielt hat. Man hat es geschafft, sich aus anfänglicher Umklammerung zu lösen um seinerseits immer wieder Torchancen zu kreieren. Was die Emmener Mannschaft geritten hat, zwischenzeitlich aus unserer Mannschaft Hackfleisch machen zu wollen, wusste im Stadion kein Mensch. Weder stand ein Derby an, noch musste die Deutsch-Holländische Fußballrivalität belebt werden. Das waren keine Emmentaler, dass waren Emmener Heißsporne. Aber, auch so kann man als Mannschaft lernen, dagegenzuhalten. Was in der zweiten Halbzeit dann nicht mehr so wirklich gelang. Einem Freistoßtor der Marke „Unhaltbar“ folgten zwei eher unglückliche Gegentore.

Das Endergebnis von 0:3 ging somit aufgrund der zweiten Halbzeit in Ordnung. Grundsätzlich und überhaupt sollte man den Testspielergebnissen keine zu große Beachtung schenken. Hier gibt es keine Tabelle, sondern nur Erkenntnisse. Und nur, weil wir im vergangenen Jahr noch gegen denselben Gegner gewonnen haben (damals sogar noch Erstligist), bedeutet dass im direkten Umkehrschluss keineswegs, dass unsere Mannschaft aktuell schwächer ist. Aber wir wissen ja: Selbst Vorbereitungsspiele sind im Ergebnis Wasser auf den Mühlen der Dauernögler.

Wielen:

Die Fünfhundertfünf Köpfe zählende Gemeinde Wielen mit seinem ASC GW 49 Gastgeber und Gegner zugleich für das zweite Vorbereitungsspiel im Rahmen des diesjährigen Trainingslager. Morgens noch trainiert, im Mittag die Koffer gepackt und am Nachmittag raus aus dem Emsland in die schöne Grafschaft. Als der Mannschaftsbus ca. eine Stunde vor Spielbeginn den Sportplatz am Heideschlösschen erreichte, wirkte er in Relation zu dem ländlichen Umfeld viel größer als sonst an der Hafenstraße. Der erste Schock für die Medienbeauftragten des RWE direkt nach dem Aussteigen: In der Niedergrafschaft und besonders in Wielen sind die Tornetze oftmals stabiler als das Funknetz. Ganze Spiele im „offline“ sind hier keine Seltenheit. Vielleicht wirken die Menschen hier daher um einiges entschleunigter. Komplette Entspannung also vor dem Eingang, Smalltalk und nette Begrüßung inklusive. Die aktuell geltenden Einlassmodalitäten wurden mit Grafschafter Bierruhe und Essener Lässigkeit flott erledigt.

Endlich wieder Bratwurst in der Hand und Senfflecken auf dem Trikot. Nirgendwo findet man übrigens lässiger Menschen an einer Spielfeldbande stehen, wie rund um einen Fußballplatz. Meistens ein Bein vorgestellt, den Poppes etwas nach hinten gekippt und eine Bierflasche in der Hand. Bier und Bratwurst, die Essenz des Fußballs umrahmten dieses Testspiel somit ebenso wie die etwa vierhundertfünfzig Zuschauer aus nah und fern. Die aus der Ferne bekamen durch den Stadionsprecher zusätzlich noch neunmal eine Kostprobe für das „rollende R“ der Niedergrafschaft auf die Ohren. Es passte einfach alles.

Damit es auch am Ende einer intensiven Woche für alle Spieler passt, hat Trainer Christian Neidhart gleich zwei Mannschaften aufgeboten. Wenn ich richtig liege, haben bis auf Keeper Daniel Davari und die Rekonvaleszenten alle Spieler in Wielen Einsatzzeit bekommen. Und präsentierten sich überaus spielfreudig und ehrgeizig zugleich. Sowohl die Mannschaft der ersten Hälfte, als auch die Truppe in der Zwoten. Der Kampf um die Plätze in vollem Gange. Da auch die Mannschaft des ASC GW 49 richtig Lust auf das Spiel hatte, war das Geschehen auf dem Platz durchaus interessanter, als es das Endergebnis von neun zu null für unseren RWE vielleicht auf den ersten Blick vermuten lässt.

Der erste Auftritt von Rot-Weiss Essen in der Grafschaft Bentheim überhaupt ein ziemlich gelungener. Und spätestens nach einigen Kilometern auf der Heimfahrt gen Pott (Oder gen Nordhorn) war auch das Netz wieder stabil, was zu Erleichterung bei vielen geführt haben dürfte.

Den Verantwortlichen des ASC GW 49 und den vielen Ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen gebührt der Dank für einen rundum gelungenen und schönen Fußballabend. Und wie wir ja aus der Historie wissen: Immer, wenn der RWE in der Grafschaft zu Gast war, gelang am Ende der Saison der Aufstieg…

Das war`s und ab dafür.

Das Endspiel ist gespielt, mein absolutes Lieblingsland hat daheim leider in seiner Königsdisziplin Elfmeterschießen nicht oft genug eingenetzt. Die Queen ihrerseits war sicher not amused. Ich hätte es den „Three Lions“ nach fünfundfünfzig Jahren durchaus gegönnt, mal wieder etwas in die Höhe stemmen zu können. Auch wenn ich mit dem Wunsch spätestens dann so ziemlich allein auf weiter Flur stand, als der Kurs durch den Sterling doch arg gefallen war. Egal, dann eben in Katar. Wobei: Das dann wirklich ohne mich, denn spätestens dann schaffe ich es auf jeden Fall, ein Turnier komplett zu boykottieren. Die England Trikots gehen also nun in die Wäsche und werden im Anschluss daran wieder fein säuberlich unter den RWE Stapel einsortiert. Was bleibt, ist einmal mehr das Entsetzen darüber, wie Menschen ungefiltert ihren Hass gegenüber Mitmenschen freien Lauf lassen, die sie bei positivem Spielausgang als Helden hätten hochleben lassen. Es ist immer noch ein Spiel. Mehr nicht!

Rein sportlich betrachtet hat es es sich tatsächlich gelohnt, irgendwann im Verlauf der Vorrunde den geplanten TV-Boykott aufzugeben. Abseits des ganzen UEFA-Irrsinns wurde einfach toller Fußball geboten. Das darf man dann auch mal so konstatieren, dafür sind wir alle Fans. Der Gewinner dieser letzten Wochen ist also nicht nur Italien, sondern auch der Fußball als solches. Eigentlich eine schöne Erkenntnis, dass der Fußball auf dem Feld noch immer nicht durch die Gier der Verbände und ihrer Protagonisten kaputt zu bekommen ist. Es hatte fast den Eindruck, als ob sich das Spiel auf dem Feld dagegen auflehnen möchte. Dumm nur, dass das in den Kommandozentralen auch wieder falsch verstanden wird: Je begeisterter wir über unser Spiel sind, desto mehr wird versucht, daraus noch mehr Kapital zu schlagen. Zum kotzen!

Nebenbei darf man auch den heimlichen Gewinner der EM bekanntgeben, der für mich weiter Sandro Wagner heißt und am Mikrofon als sogenannter Co-Kommentator tätig war. Sein Schnorres heißer als es jemals ein Spiel sein könnte, seine verbalen Eingaben intuitiv und oft auf den Punkt gebracht. Vielleicht, oder wahrscheinlich sogar auf jeden Fall, war das Duo der ARD mit der aparten Jessy Wellmer und dem kampferprobten Bastian Schweinsteiger die optisch bessere Wahl. Verbal kamen die beiden aber auf keinen Fall an Sandro Wagner vorbei. Wenn der Sidekick sogar den etablierten Kommentator in einem besseren Licht erscheinen lässt, dann ist Wagner Zeit.

Seine für mich jetzt schon legendäre Erkenntnis aus dem Finale „Der wollte ihn vier Mal foulen und hat nicht mal das geschafft“ hat definitiv das Potential für langfristige Einlagerung in den Köpfen der Fußball-Zitatfreunde.

Ab sofort zählt also wieder einzig und allein Rot-Weiss. Unsere Mehrgenerationenmannschaft ist seit kurzem wieder im Training, so als Truppe mit Aufstiegsambitionen. Morgen beginnt der Testreigen mit dem Spiel gegen die Schwatten vom Bocholter Hünting. Nebenbei auch als verdientes Abschiedsspiel für Marcel Platzek und Kevin Grund deklariert. Die beiden haben wahrlich einen angemessenen Abschied nach so vielen Jahren verdient, auch wenn sich dieser leider eher durch die Dauer der Vereinszugehörigkeit anstatt über sportliche Erfolge unseres Vereins definiert. Wie gerne wären beide nicht nur als Fans geblieben, sondern auch als Aufsteiger gegangen.

Es ist immer schwierig für einen Fan, wenn die letzten Konstanten einer langen Ära den Verein verlassen. Ganz besonders, wenn sie dann auch noch in einer Dekade unter Vertrag stehen, in der Rot-Weiss Essen mehr Spieler hat kommen und gehen sehen, als manch Essener Stadtteil Einwohner hat. Cedric Harenbrock und Daniel Heber halten nun die Fahne der Spieler hoch, die am längsten den Arbeitsplatz Hafenstraße ansteuern. Beides Akteure, die ihrerseits glücklicherweise nahtlos an die Sympathiewerte von Kevin Grund und Marcel Platzek anknüpfen können und das Zeug zu neuen Identifikationsfiguren haben. Sogar mit Option auf den Aufstieg.

Dieser Aufstieg. Man mag manchmal gar nicht mehr drüber philosophieren. In der vergangenen Saison war ich so darauf fixiert, dass ich so manches Mal gar nicht mehr wirklich den ansehnlichen Fußball unserer Mannschaft verfolgt habe. Die Uhr war viel wichtiger, besonders dann, wenn unsere Mannschaft auch noch in Führung lag: Fertig werden, drei Punkte einsacken, auf die Tabelle gucken und auf das nächste Spiel warten. So ging das von Spieltag zu Spieltag. Die wirklichen Blicke auf das Spiel boten wohl nur die Auftritte als #freilos. Die fanden losgekoppelt von dem Aufstiegsantrieb statt. Ich hätte Lebenszeit für diesen einen Moment gegeben. Total bekloppt eigentlich, denn es ist eben doch nur ein Spiel, wie man bei der EM dann doch wieder feststellen durfte.

Daher gilt für die kommende Saison , dass ich zwar weiter das wie in Stein gemeißelte Ziel habe, was das Saisonende angeht. Aber vorrangig möchte ich wieder und hoffentlich schönen Fußball schauen. Optimalerweise im Stadion. Ich möchte das Spiel unserer Mannschaft wieder über das Ergebnis und die Hatz zum nächsten Spiel stellen. Kein „Don’t Stop Believin’“ von Journey mehr. Eher „Bestes Leben“ von Silbermond. Ein Lied wie ein süffiges Stauder an einem herrlich unbeschwerten Sommerabend im Kreise der Liebsten. Gedreht in warmer Optik, 4:3 Format und unmöglichen 70er Jahre Klamotten.

„Heute ist schön
Heut‘ ist geborgen
Morgen vielleicht schon nicht mehr
Aber es ist mir egal
Heute knallen korken
Und ich schau‘ in meiner Lieblingsgesichter“

Das allein klingt doch auch nach Hafenstübchen, Hafenstraße und unserem Verein. Selbst wenn wir uns gerne immer etwas rauher darstellen möchten und wohl auch sind. Aber, wir sollten nun die Verbissenheit ablegen, mit welcher wir schon so lange versuchen, dass gelobte Land zu erreichen. Die Aufreger kommen schon noch von alleine und früh genug. Der KFC Uerdingen zum Beispiel liegt mir da gerade noch etwas quer im Magen. Der Verein hat unglaublich rührige Fans, die alles versuchen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen und zeitgleich die so wunderbare Grotenburg auf Vordermann zu bringen. Aber, bis zum heutigen Datum hat der Verein nicht einen Spieler unter Vertrag. Darf aber in der Regionalliga West antreten. „Hallo?“ möchte man da den noch für uns zuständigen Verband fragen. Das macht keinen Sinn und könnte von Saisonbeginn an wieder für Unregelmäßigkeiten im Spielbetrieb sorgen. Wer läuft für die Krefelder auf? Elf Grotifanten? Oder machen sie den Wattenscheid-Move innerhalb der Saison und alle Punkte gehen flöten? Selten hatte man einen so unsicheren Protagonisten in der Liga. Aber, das kommt davon, wenn man sich hemmungslos einem Investor zu Füßen wirft.

Sie geht also bald los. Eine weitere Saison. Wie es immer weiter gehen wird mit Rot-Weiss Essen. Der Kader steht, Herzlake wartet und wir Fans können nun auch Gin erwerben. Warum auch immer. Auf geht’s RWE, auch in 2021/22! Durch Regen und Wind, durch Sturm und Schnee, RWE ole´!

Eine Ode an das Spiel. Und an Sandro Wagner.

Ich habe es wirklich versucht, beziehungsweise war es mir zu Beginn wirklich Wumpe: Das Interesse an dieser gerade laufenden Europameisterschaft war einfach nicht vorhanden. Es passt für mich nicht wirklich in das aktuelle Zeitgeschehen, dass Mannschaften kreuz und quer durch unseren Kontinent jetten um Fußball in Stadien zu spielen, die mal konform, und mal über Gebühr gefüllt sind. Der DFB gerade auch nicht auf der Höhe seiner Integrität anzusiedeln und die ausführende UEFA verpasste gleich relativ zu Beginn der Spiele die große Chance, mal Menschlichkeit statt auf „Teufel komm raus“ durchzuführendes Szenario zu exerzieren.

Es gestaltete sich also ziemlich schleppend. Ich weiss gerade nicht einmal, wo die Trikots meiner sonst so heiß geliebten „Three Lions“ im Schrank zu finden sind. Wahrscheinlich direkt unter dem erdrückenden Stapel der vielen Rot-Weiss Essen Trikots, die mich durch diese so intensive Saison begleitet haben. Es existieren natürlich auch Trikots der DFB Auswahl, was eine Begegnung England – Deutschland immer ein wenig kompliziert macht. Man möge mir verzeihen, dass die Sympathien stets ein wenig mehr den Kickern von der Insel gehören. Der Vollständigkeit halber: Es finden sich in besagtem Schrank auch noch ein Trikot der „Hibs“ aus Edinburgh und mehrere der „Reds“ aus Liverpool.

Hier und dort dann doch mal reingezappt, und sogar das eine oder andere Spiel letztendlich doch in Gänze verfolgt, alles andere gibt es mittlerweile dann doch auf Abruf. Der Bergdoktor kann warten. Auf diesen 28. Juni im Jahre des Fußballgottes 2021 war ich dann aber einfach nicht vorbereitet. Es traf mich ziemlich unerwartet und mit einer Wucht, wie sie wohl nur dieses verdammte Spiel schafft: Der Fußball hat mich zurückgeholt. Kein Marketing oder musikalisches EM-Geplärre, keine Zeitungsartikel oder was auch immer haben das geschafft: Es war der Fußball ganz allein, der in den beiden Begegnungen dieses Achtelfinaltages gespielt wurde. Die Begegnungen Kroatien gegen Spanien und ganz besonders Frankreich gegen die Eidgenossen haben auf den Punkt das abgeliefert, wofür wir Fans eigentlich alle leben! Diese Spiele kannst Du in ihrer Dramaturgie nicht erfinden. Diese Spiele kannst Du nur mit klopfendem Herzen und rasendem Puls verfolgen und schaffst es nicht, Dich davon loszureissen.

Und wenn Du dann auch noch das Glück hast, dass das Abendspiel von Sandro Wagner an der Seite von Oliver Schmidt im „Zett Dee Eff“ kommentiert wird und dieser mehrfach zwischen trocken und leidenschaftlich konstatiert, was eigentlich gerade Sache ist, dann ist man dem Fußball doch näher dran als aktuell machbar und wünscht sich nichts sehnlicher als die Rückkehr aller in ein Stadion zurück. Was eigentlich auch wieder komplett irrational ist, angesichts der vielen Fans, die ihre Fußballreise gerade mit einer Infizierung bezahlt haben.

Unter dem Strich bleibt aber nach den Achtelfinals des 28. Juni 2021, dass einzig dieses (unser) Spiel in der Lage ist, Emotionen freizusetzen, die nicht annähernd mit irgendwelchen Marketing-Aktionen der Verbände in Verbindung stehen. Dem Fußball sind Slogans egal, der Fußball ist wie Udo Lindenberg und macht sein eigenes Ding. Und wenn er es so macht wie in besagten zwei Begegnungen, dann hast Du einfach keine Chance, ihm zu widerstehen. Zudem in beiden Begegnungen für negative Auswüchse wie das immer mehr in Mode kommende Zeitspiel oder die Spezies der sterbenden Schwäne auch nach nicht stattfindender Berührung einfach kein Platz war. Fußball pur, herrlich!

Frankreich gegen die Schweiz war runtergebrochen auf unseren kleinen Kosmos irgendwie auch die Doublette des Titelkampfes in der Regionalliga West: Eigentlich hätten beide Mannschaften ein Weiterkommen verdient.

Und am Ende wird der TSV Havelse Europameister.

Faszination Fußball!

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