Kategorie-Archiv: Auswärtssieg

Die Schwierigkeiten scheinen nur da zu sein, um überwunden zu werden (August Heinrich Hoffmann von Fallersleben).

Ich denke, wir sind uns alle einig: Den Stadionbesuch als solches kann nichts ersetzen. Niemals. Kein noch so großer Flachbildschirm zuhause; kein Kneipen- oder Rudelgucken. Das wirkliche Erlebnis Fußball mit allen „Aaaaahs“ und „Oooooohs“ gibt es nur am Platz oder im Stadion. Außer in Gelsenkirchen. da hat man weder Platz noch Stadion. Die Vorfreude auf der Hinfahrt und die Stille oder der Singsang auf dem Heimweg. Die Wurst und das Stauder. Die Sanitäranlagen, die man sich im Gegensatz zur heimischen Kachel mit Hunderten anderer Drangwütigen teilt. Es gibt eigentlich keine Alternative zum Spielbesuch vor Ort. Außer man ist sauer auf den eigenen Verein und benötigt eine Auszeit. Oder, man muss arbeiten.

Also kein Stadion. Doch was dann? Videotext? Klar, geht immer. Also, wenn dieser überhaupt noch existiert. Liveticker und Radio Hafenstraße gehen auch. Der Liveticker des RS hatte bisweilen das Problem, dass es sich zutrug, den letzten Eintrag in der 90. Minute bei 1:0 Führung RWE abzusetzen. Dann kam die Stille. Der hektische Klick auf „aktualisieren“. Nichts. Minuten der Verzweiflung. Was tun? Das Herz bubbert, die Pochen schläfen. Oder andersherum. Dann endlich, nach gefühlten 35 Minuten aktualisiert sich der Liveticker. Doch plötzlich steht da: Abpfiff in der 90. +8 Endstand: 1:2. Der RWE hat in der Nachspielzeit verloren und seine Fans am Ticker sind wahrscheinlich in ein Zeitloch gefallen.

Das Zeitloch bei Radio Hafenstraße gab es nicht, dort gibt  man gefühlt nichts auf Zeiten. Kommentiert wird das, was unten auf dem Rasen geschieht. Mit Leidenschaft. Leider schaffte dieses gelegentlich auch Leiden, nämlich immer dann, wenn die erforderliche Technik nicht bereitgestellt werden konnte. Mit „Edge Technologie“ war man manche Saison vielleicht auf Spielhöhe mit dem RWE, aber für eine flüssige Übertragung aus dem Stadion reichte es in dem Falle dann doch nicht. Trotzdem: Vielleicht auch mal eine Gelegenheit, um einfach nur Danke zu sagen für die ehrenamtliche Leidenschaft, uns alle am Spiel teilhaben zu lassen.

Seit nicht allzu langer Zeit gibt es nun eine weitere Alternative, nämlich die des Streaming. Unterm Dach hängt eine Kamera, die nicht von Kameramännern oder -Frauen geführt wird, sondern die auf den Ball programmiert ist. Beim Aufwärmen schon eingeschaltet bedeutet das für die Kamera zunächst eine komplette Überforderung in Anbetracht der vielen Bälle zeitgleich auf dem Platz. Man bekommt also keine Totale, oder Schwenks in die Zuschauer, sofern welche  vor Ort sind. Was im Falle der Auswärtsspiele des RWE  ja immer der Fall ist. Man bekommt den Laufweg des Balls. Aber, man ist irgendwie auch dabei, kann mitreden.

Nach der Winterpause nun stand das enorm wichtige Spiel in Köln bei der U23 des Effzeh an. Ebenso wie ein Spätdienst. Daher die komplette Technik eingepackt und den einzigen fußballaffinen Klienten schon seit Tagen auf das Spiel eingeschworen.  Wie üblich an Spieltagen mit irgendwas an RWE Bekleidung zum Dienst und entsprechend nervös. Die Erholung der Winterpause war gänzlich vorbei; zu sehr lastete der Dreiklang  von Effzeh, Röding- und Oberhausen auf meinen schmalen Schultern. Doch die gedankliche Vorbereitung und vermeintlich gute Planung im Dienst wurde durch einen Notruf gestört, den wir zu tätigen hatten. Und so fand ich mich alsbald zur Betreuung im Krankenhaus wieder. Empfang? Keiner! Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens erledigt, gab es dann doch noch die Chance, in einem Krankenzimmer kurz vor 19:00 Uhr auf „Sendung zu gehen“. Bei geöffnetem Fenster konnte ich sogar auf LTE zurückgreifen. Der Klient war eingeschlafen und ich war drin. Auf Kleinstbildschirm auch in Köln dabei. Wenn auch nicht mittendrin.  Die 18% Akku bereiteten mir bis dorthin noch keine Sorgen. die 10% nach zwanzig Minuten Spiel hingegen schon.

Der Anfang gestaltete sich für unseren RWE ganz gut; zielstrebig ging es Richtung gegnerisches Tor, welches man seinerseits jedoch nicht zu treffen wusste. Hinten stand man dafür um so sicherer. Die Arbeit im Trainingslager schien sich auszuzahlen.

Derweil waren im Krankenhaus die Modalitäten geklärt und es ging flott zurück zur Einrichtung. In Köln war nun Pause, Zeit also für Übergabe und notwendige Eintragungen. Zeit auch für den Feierabend und einem kurzen Sprint zum Auto. Die zweite Halbzeit begann justament. Bei nur noch 1% Akkuladung. Kaum vom Hof gefahren war klar: Hier und jetzt wird das nichts. Handy tot. Kein Kontakt während der dreißig Minuten Heimfahrt zu irgendjemanden, der mich auf dem Laufenden halten könnte. Eine Mischung aus Panik, Sorge und Befreiung machte sich breit. Was erwartet mich zuhause? Liegen wir hinten und ist alle Vorfreude dahin? Führen wir vielleicht schon und die Rödinghausen Karten gehen weg wie die berühmten warmen Semmeln? Und warum fährt das Auto vor mir so langsam? Das macht der doch extra! Man ey!

Derweil zeigte die Uhr im Auto irgendwas um 20:29 Uhr an, als das Zuhause erreicht wurde. Jetzt galt es den stets freudig erregten Hund zu umgehen, was wunderbar gelöst wurde, als mir zum einen meine Tasche aus der einen Hand genommen und in die andere direkt ein Lekekerli gereicht wurde, welches ich fast Staffelähnlich direkt an die Fellnase weiterzugeben wusste. Hund abgelenkt, der Weg zum Rechner war frei. Dort lief auch schon das Spiel, Gattin sei Dank. Welch Vorbereitung. Und es stand noch 0:0. Riesengroße Freude und minimale Enttäuschung zugleich. Aber ich konnte das Spiel noch 14 Minuten plus Nachspielzeit verfolgen. Dankbarkeit, die sich einige Minuten später in Jubel entlud, als Amara Condé nicht nur zur Führung sondern auch zum Endstand traf. Rot-Weiss Essen mausert sich immer mehr zu einem „Last Minute Anbieter“. Das war man schon mal für einige Jahre, aber dann bekam man das Gegentor. Aktuell erzielt man es selbst, bleibt ruhig und glaubt an seine Chance, auch wenn zu viele Torchancen weiter und leider ungenutzt blieben.

Der Jahresauftakt 2020 ist also geglückt. Das extrem wichtige Spiel in Köln wurde gewonnen, was sicher Auswirkungen auf den Kartenvorverkauf gegen die Küchenjungs auf Rödinghausen haben dürfte. Dann ohne Stream, RH oder Ticker, sondern dort, wo es am Schönsten ist: An der Hafenstraße, RWE!

Fanherzen…und die ganz, ganz große Liebe.

Es stand seit der elften Minute 1:0 für den 1.FC Kaan-Marienborn, als sich rund um die zweiunddreißigste Minute mehrere Dinge fast zeitgleich zutrugen: Ein junger Fan auf der Tribüne mit Salzbrezel in der Hand rief laut nach seinem Vater. Ein Essener Spieler wurde ungeahndet im Mittelfeld gefoult und blieb liegen. Daraus entwickelte sich direkt eine Torchance für die Kaan-Marienborner, die grandios durch Lukas Raeder vereitelt wurde. Vielleicht waren diese rasch aufeinanderfolgenden Ereignisse auf dem Feld der Wendepunkt im bis dahin sehr behäbigen Spiel des RWE. Und auch der junge RWE Fan fand seinen Vater auf der sehr gut besuchten Tribüne schnell wieder.

Bis zu dieser Minute hatte der RWE eigentlich nur einen sehr langsamen Spielaufbau zu bieten; das konsequente Vernachlässigen der linken Seite inbegriffen und mehr Rückpässe zum eigenen Torwart zu verzeichnen, als der Gastgeber Nackenkoteletts auf dem Grill hatte. Waren diese doch sehr schnell ausverkauft, so machte es gerüchteweise die Runde. Aber, wer wollte zu dieser Phase des Spiels noch genüßlich ein Kotelett im Brötchen verzehren, lag doch das aktuell Gesehene schon schwer genug im Magen. Es machte sich auf der Tribüne leichtes Murren breit. Unterschwellig (noch) bei den meisten, aber dieses Gefühl der Angst, hier und heute zu verlieren war nahezu greifbar. Es war für den Moment so, als ob Wuppertal niemals existiert hatte. Doch dann kam die siebenunddreißigste Minute und mit ihr der Ausgleich. Über die linke Seite! Welch eine Erleichterung, hier wenigstens egalisieren zu können.

Was jedoch nicht zur Folge hatte, dass Blatt direkt wenden zu können. Zuvor gab es in der vierundvierzigsten Minute eine mehr als brenzlige Situation zu überstehen, als Daniel Heber für seinen Torwart in letzter Sekunde klären konnte. Heber klärt den Lupfer. Danach war endlich Pause.

Zeit durchzuatmen und dabei wieder feststellen dürfen, welch schönes Stadion doch dieses Leimbachstadion ist. Wie entspannt es hier in und um das Stadion herum zugeht. Man darf sich auf der Tribüne frei entfalten und wird nicht in kleine Blöcke gezwängt. Ist Fan anstatt Vieh. Mann pinkelt noch in die Rinne und überall bröckelt die Farbe. Manchmal auch ab. Die Stühle der Presseplätze wurden wohl eines Nachts aus einer Lokalität der fünfziger Jahre entwendet und über den Zweck der Markise unter dem Dach werde ich weiter nachdenken. Alles schön also, da durfte das kleine Pflänzchen (Fußball-) Euphorie aus Rot-Weisser Sicht nicht direkt wieder im Keime ersticken.

Dachte sich Karsten Neitzel wohl auch in der Pause und fand scheinbar die richtigen Worte für die zweite Halbzeit. Auch wenn es der Gastgeber war, der in der fünfzigsten Minute noch einmal zu einer sehr guten Chance kam, so begann unser aller RWE den zweiten Durchgang nicht mehr allzu lethargisch und übernahm langsam aber sicher die Kontrolle auf dem Feld. Nutzte zudem endlich das ganze Feld. Was ja so richtig Freude macht ist die Tatsache, dass Kai Pröger in Florian Bichler einen Klon in Sachen Schnelligkeit und Dribbling bekommen hat. Werden sie nun auf ihren Seiten effizient eingesetzt und nach hinten hin aufmerksam abgesichert, so stellen beide jede gegnerische Abwehr noch vor manch große Herausforderung. Das aber nur nebenbei, ging doch der nötige Ruck durch die ganze Mannschaft.

Jener Kai Pröger war es dann, der mal eben volley den Ball zur Führung in das Netz des Siegener Stadtteilvereines drosch. Der Mann kann scheinbar nur die schwierigen Tore. Mit der Führung entledigte sich der RWE dann auch sämtlicher Altlasten aus Halbzeit eins und kam fast wieder in den „Wuppertal Flow“ der vergangenen Woche. Schon drei Minuten später war es der Neuzugang Enzo Wirtz, der sich dachte, so wird´s was und ebenfalls einfach mal richtig stehend das Tor traf. 1:3 aus Kaan-Marienborner Sicht nun für unseren Altmeister aus Bergeborbeck. Die Kurve sang munter weiter und die Tribüne stand. Die Brust wieder breiter. Die Klappe natürlich groß wie eh und je schon. Es machte plötzlich wieder richtig Freude, irgendetwas ist passiert mit unserer Mannschaft.

Nicht nachlassend fiel ein weiteres Tor: Torschütze Philipp Zeiger. Jener Philipp, der mir in der ersten Halbzeit ein wenig mit seinen permanenten Rückpässen auf den Zeiger ging. Aber, so ist Fußball, das hat er sicher geplant: Fünfzehn Rückpässe = ein eigenes Tor. Die über zweitausend RWE Fans besangen ihren Verein, der wieder da ist und bejubelten ihre Mannschaft, die sie nach dreißig Minuten noch in die Tonne kloppen wollten. Ker noch eins, ein ganz klein bißchen sind wir wirklich wieder da, nur müssen wir uns noch daran gewöhnen. In den vergangenen Jahren hätten wir dieses Spiel nach Rückstand verloren. Die Mannschaft hätte einen internen Krampf bekommen.

Hier jedoch hat sie sich selbst aus einem spielerischen Krampf befreit. Diesen in Spiel umgewandelt und Gegner und Ball laufen lassen. Es ist noch lange nicht alles Gold was glänzt. Aber es wird langsam etwas Rot und Weißer.

Über zweitausend fahren der Mannschaft hinterher. Das nächste Mal sind es vielleicht noch mehr. Auf dem Heimweg hat mich heute ein Auto mit flatterndem RWE Schal überholt. Das Kennzeichen? B wie Berlin! Ich habe mich grinsend im Fahrersitz zurückgelehnt, die RWE CD eingeworfen und Gas gegeben. Wie meine Mannschaft in der zweiten Halbzeit. Wir sind wirklich wieder da.

Genießen wir den Augenblick.