Kategorie-Archiv: Auswärtssieg

Fachmänner für Bodenbeläge

Ker, was geht es uns gut gerade. Also im übertragenen Sinne natürlich. Unsere Mannschaft bereitet uns wirklich Freude. Was lange währt, könnte endlich gut werden. Vielleicht schon kommendes Jahr, wenn so viel anderes auch wieder gut werden könnte. Man muss die Jungs in unseren Trikots jetzt nicht mehr vor jedem Spiel fragen, wie es sich anfühlt, ohne Fans zu spielen: Das fühlt sich Kacke an. Punkt! Und wird vor jedem wichtigen Heimspiel neu gefragt einfach nicht besser. Wir fehlen Ihnen und sie fehlen uns. Aber deshalb sind wir trotzdem immer dabei. Wie heißt es doch in den Gesängen: „Wir ziehen voran, als Euer zwölfter Mann. Durch Regen und Stream. Durch Sturm und Radio…RWE ohoooo“. Also, wir wuppen das trotzdem gemeinsam. Speziell schon Morgen wieder gegen die Wuppis.

Natürlich ist man allein aufgrund der Tabellensituation Favorit gegen den WSV. Wir sind oben, und sie relativ im Tal der Tabelle. Aber noch sind wir nicht bei Mittwoch, sondern bei der Aufarbeitung der vergangenen, erfolgreichen Woche. Und bei einer Schlagzeile, die man ewig lesen könnte: „BVB demontiert Schalke und bleibt RWE auf den Fersen“. Natürlich hat sie zwei kleine Schönheitsfehler: Zum einen hätten sich die Blauen mit ihrer Zwoten nur einmal genau so anstrengen können wie noch gegen uns, und zum anderen bleiben doch eher unsere Roten den Schwarz-Gelben auf den Fersen. Realistisch betrachtet, sollten die jungen Borussen ihre beiden Nachholspiele erfolgreich gestalten. Aktuell sind die Spiele aber nicht gespielt, und somit grüßen eben die Kicker von der Hafenstraße ziemlich fröhlich von der Tabellenspitze. Sechs Punkte und sechs Tore die Bilanz der vergangenen Woche. Man muss das als RWE auch einfach beiseite schieben, und kann den BVB jetzt nicht andauernd als über einem schwebendes Damoklesschwert von Woche zu Woche mitnehmen. Das klärt sich alles im Laufe der Saison.

Das Spiel unter der Woche verblüffte Anwesende durch einen Auftritt der jungen Fohlen, der so gar nicht einer traditionell spielstarken Zweitvertretung ähnlich sah. Man überließ uns ja fast komplett Ball und Raum, so dass sich die Essener über mehr Ballbesitz freuen durften, als manch Kind im Bällebad eines Möbelhauses. Ecken und Abschlüsse ebenfalls en masse vorhanden, es war gar von einem Klassenunterschied die Rede, doch der verdiente Lohn in Form eigener Tore blieb bis weit in die zweite Hälfte verwehrt. Sandro Plechaty war es dann mit seinem ersten Saisontor, welches allen Fans vor den Empfangsgeräten den Blutdruck zu senken vermochte. Man kennt das ja aus früheren Jahren, wo eine hemmungslose spielerische Überlegenheit schon mal in einem eiskalten Gegentor mündete. Doch auch das in diesem Jahr kein Thema: In der Schlussminute traf dann Isaiah Young ebenfalls das erste Mal für die neuen Farben und ein Geduldsspiel nahm ein gutes Ende. Gut zu wissen, dass es auch mal die Kollegen waren, die das mit den Toren geregelt haben.

Wieder einmal drei Punkte gegen den Trübsinn der Aktualität und gegen das Gefühl, nichts dazu beitragen zu können, dass es gerade so gut läuft wie es läuft. Aber, besser es läuft gerade ohne uns, als dass es mit uns nicht laufen würde. Ball flach halten, Pobacken zusammenkneifen und Punkte zählen. Das ist das, womit wir gerade am besten helfen können. Shoppen geht natürlich auch. Die neuen Klamotten noch mehr ansehnlich als die „Linie“ der vergangenen Saison schon. Da wird die schlabberige RWE Jeans ganz gebleicht vor Neid, denn endlich bekommen wir den Traum tragbarer Alltagszugehörigkeiten weiter und immer weiter erfüllt.

Am Samstag ging es dann ja nach Duisburg zur derzeitigen Nummer Eins der Stadt, dem VfB Homberg. Vergangene Saison noch im Wedaustadion des designierten Absteigers ausgetragen, konnte auch diese Begegnung ohne Zuschauer locker auf angestammten Homberger Geläuf gespielt werden. Wobei Geläuf als Begrifflichkeit für das Spielfeld im PCC Stadion der VfB’ler noch sehr charmant umschrieben ist. Trainer Neidhart erwies sich aber als Fachmann für Bodenbeläge und passte diesen einmal mehr Aufstellung und taktische Ausrichtung bestmöglich an. Da auch der VfB Homberg keinesfalls gewillt war, den Essenern den Platz so zu überlassen, wie es noch am Mittwoch in Rheydt der Fall war, entwickelte sich ein munteres Spiel. Mit einer frühen Führung für den RWE! Simon Engelmann war es, der sein Torkonto weiter zu erhöhen wusste. Die kurze Irritation darüber, dass auch andere Rot-Weisse wissen, wo das Tor steht, somit kurzzeitig geklärt.

Anhand der Bewegtbilder wähnte man sich zwischendurch übrigens auf einer Nordseefähre bei Windstärke acht oder neun, so sehr windete es in Rheinnähe und pfiff es aus den Lautsprechern. Die Schleppkähne auf dem Rhein im Hintergrund und die zahlreichen, in ausreichendem Abstand zueinander stehenden Zaungäste vermittelten einmal mehr in dieser Saison ein uriges Gefühl in der Betrachtung. Mitte der ersten Halbzeit knallte dann unser Fußballgott Marcel Platzek den Ball mit einem satten Rechtsschuss in des Gegners Tor und rechtfertigte mindestens damit seinen Platz in der Startaufstellung. Diese Flexibilität aktuell das ganz große Plus bei RWE. Die Aufstellung vor dem Spiel mittlerweile ähnlich spannend wie noch vergangene Saison, aber der Matchplan dahinter irgendwie strukturierter. Da in Rheydt auch Sandro Plechaty Lust am Tore schiessen gefunden hatte, legte er in Homberg zum zwischenzeitlichen 3:0 noch vor der Pause nach. Es ist wichtig, dass immer mehr Spieler treffen und so die Last des Torerfolgs auf mehrere Schultern verteilen. Aber natürlich blieb es doch an Simon Engelmann, die beiden anderen Treffer mit seinem zehnten Tor zu umrahmen, so dass es schlussendlich der erste deutliche Erfolg der Rot-Weissen wurde.

Man könnte sagen, dass die Torkuh vom Eis geholt und der Torbock umgestossen wurde. Man kann es aber auch lassen, weil es sich irgendwie bescheuert liest. Was man aber unglaublich erleichtert zur Kenntnis nehmen kann ist, dass Simon Engelmann bei uns einfach dort weitermacht, wo er in Rödinghausen aufgehört hat. Das ist eine der großen Überraschungen dieser Saison. Bislang war es doch eher so, dass neue Spieler oftmals ihre großen Qualitäten beim abgebenden Verein im Spind haben liegen lassen. Wir haben da so unsere Erfahrungswerte gesammelt. Ein weiteres Indiz also für die (sportliche) Saison der Saisons.

Abseits der Hafenstraße gab es rund um das runde Leder noch zwei bemerkenswerte Meldungen: Der FSV Mainz hat sein erstes Saisonspiel gewonnen und damit Gelsenkirchen den Platz der Plätze überlassen. Und der von mir sehr geschätzte Kicker fragt in einem großen Interview ausgerechnet den Boss der Dosen, wie sich die Zukunft des Fußballs darstellen kann. Ey, dann kannste auch eine Pizza fragen, ob sie sich eine Zukunft nach dem Backblech vorstellen kann. Da bedarf es anderer Stimmen, die gehört werden müssen. Aber definitiv nicht die aus Fuschl am See.

Emotional Rescue (Stones)

Man ist ja mittlerweile soweit, dass man sich vermehrt Sportdokumentationen verschiedenster Mannschaftssportarten aus vergangenen Jahren anschaut, nur um mal wieder ein wenig Flair genießen zu dürfen. In einer dieser Dokumentationen sprach ein Trainer davon, dass seine Mannschaft und die Fans ein enormes emotionales Investment vornehmen müssten, um das Derby zu gewinnen. „Emotionales Investment“, vielleicht genau die Begrifflichkeit, mit der sich umschreiben lässt, was uns allen zur Zeit aus gegebenem Anlass so sehr fehlt.

Spielergebnisse, Tabellen, Neuverpflichtungen, taktische Spielereien und so weiter, dass alles ist die eine Seite des Fußballs. Die Seite, die wir ja auch ohne Probleme (es sei denn, Spiele müssen aufgrund positiver Verdachtsfälle/Erkrankungen abgesagt werden) weiter verfolgen können. Und so konnten wir am Samstag den erneut temporären Sprung unserer Rot-Weissen an die Tabellenspitze der Regionalliga West verfolgen. Also im eigentlichen Sinne. Denn aus Bergisch-Gladbach gab es keine Bewegtbilder zu betrachten. Verwöhnt durch die eigenen, mittlerweile richtig stabil laufenden, Übertragungen aus der Sendeanstalt „97a“ sowie von den bisherigen Auswärtsspielen machte sich fast Verblüffung breit, als es zu realisieren galt, dass wir ausschließlich den alten Tugenden Fanradio und Liveticker die volle Aufmerksamkeit schenken durften.

Beide Medien konnten aber nicht viel Glanz in ihre Berichterstattung bringen, denn die auf einigen Positionen veränderten Rot-Weissen brachten auch gegen den Gastgeber und Kellerkind SV Bergisch-Gladbach wohl eher keine Kür, sondern die Pflicht auf den Rasen. Sich mit Schwung dem Strafraum zu nähern fiel auch diesen Samstag erneut etwas schwerer. Und so können wir froh sein, dass jedes Spielfeld auch Elfmeterpunkte beinhaltet: Letztendlich mussten zwei Elfmeter her, um nach dem Spiel mit Drei Punkten nach Hause zu fahren. Weiter ungeschlagen! Wieder gewonnen und erneut an der Tabellenspitze. Eigentlich könnte uns allen doch die Sonne aus den Knopflöchern strahlen, was sie im tabellarischen Sinne auch durchaus zu tun vermag.

Aber, da ist zum einen diese ungerade Tabelle, die bei einer Mannschaft acht gespielte Spiele aufweist, bei einer anderen wiederum schon deren vierzehn. Doch da ist auch das Gefühl, dass was fehlt. Das irgendwas lähmt. Und da kommt für mich wieder das emotionale Investment ins Spiel. Unsere Spieler machen gerade alle ihren (guten) Job und sind sicher mehr als froh, diesem weiter nachgehen zu dürfen. Aber Fußballer spielen nicht nur für sich selbst. Fußballer stehen selbst in der Kreisklasse auf einer Bühne und leben von der Anfeuerung und den Emotionen von außen. Fußballer bei Rot-Weiss Essen bedeutet sogar die ganz große Bühne. Die große Klaviatur der Emotionen, negativ wie positiv. Vielfach rauf- und runter zwischen Anpfiff und Abpfiff gespielt.

Alles wirkt auf dem Platz gerade langsamer und freudloser ohne Fans. Ohne die verschiedensten Lager vor Ort, die ein Stadion zu bieten hat. Keine aktive Szene, keine Dauernörgler. Keine Kutte und kein Modefan. Wir, die wir die Ergebnisse sonst in Freude vereint rausschreien oder nach schlechtem Ausgang aus Frust verbal vor uns hin rotzen, nehmen die Ergebnisse nur noch wohlwollend hin. Nicken diese ab und halten durch. Dem Gebot der Stunde folgend. Je weniger Kontakte, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass weitergespielt wird. Immer weiter. Und mit jedem positiv gestaltetem Spiel steigen unsere Chance, dass ersehnte Ziel Aufstieg zu erreichen. Man kann nicht mal applaudierend anerkennen, wie lange unsere Jungs nun schon ungeschlagen von Spiel zu Spiel eilen.

Der Funke, der sonst vom Feld auf die Tribünen springt und umgekehrt. Dieser Auslöser jedweder Emotionen im Kulturgut Stadionbesuch, dieser Funke kann aktuell einfach nicht gezündet werden und hockt irgendwo verzweifelt in den Stadionkatakomben. Wartet drauf, wieder ins Spiel eingreifen zu dürfen. Man kann das auch nicht kompensieren, indem zum Beispiel die Stadionregie in höheren (TV-) Ligen trotz verwaister Tribünen das komplette Animationsprogramm abzieht und bei Toren schier eskaliert. Das ist schlicht peinlich. Wir müssen nun irgendwie einen Weg finden, unserer Mannschaft trotz Abwesenheit zu vermitteln, dass es für uns das Größte ist, wenn sie auflaufen und für unser Emblem alles geben. Dass unser Tag trotzdem von diesen neunzig Minuten dominiert wird, in denen Rot-Weiss spielt. Und das wir uns bei ihr genau diese Emotionen wünschen, als wenn wir da wären. So schwer es auch fallen mag. Vielleicht also müssen wir den Spielern noch einmal auf andere Art vermitteln, dass wir auch jetzt den Schub geben wollen, den sonst nur ein volles Stadion zu geben vermag. Aber wie kann solch schwieriges Unterfangen gelingen?

Abseits dieser Gedanken wurde die zweite Runde des DFB Pokals ausgelost. Und was soll man schreiben: Corona hat auch seine guten Seiten! Endlich werden Auslosungen wieder wie Auslosungen durchgeführt und nicht zu einer peinlichen Show verhunzt. Ich muss ja gestehen, mich hat die schiere Angst gepackt, dass wir es ausgerechnet jetzt mit den Blauen zu tun bekommen. Das einzig wahre Derby nach so vielen Jahren, und dann vor leeren Tribünen. Dann hätte 2020 endgültig den Hut nehmen können. So bliebt es weiterhin eher das kalendarische Gelsenkirchen. Die Ziehung nun für uns direkt eine „Auslosung interruptus“, denn schon nach der vierten Kugel war alles vorbei: In der zweiten Runde des DFB Pokals ist erneut die Düsseldorfer Fortuna zu Gast. Ebenso wie gegen Arminia Bielefeld der zweite Anlauf unserer Roten binnen weniger Jahre.

Und nehmen wir Bielefeld als gutes Omen, steht der dritten Runde ja nicht viel im Weg. Außer, dass wir auf den Rängen wohl immer noch nicht in emotionales Investment investieren dürfen. Aber, hoffen darf man immer!  

Die Schwierigkeiten scheinen nur da zu sein, um überwunden zu werden (August Heinrich Hoffmann von Fallersleben).

Ich denke, wir sind uns alle einig: Den Stadionbesuch als solches kann nichts ersetzen. Niemals. Kein noch so großer Flachbildschirm zuhause; kein Kneipen- oder Rudelgucken. Das wirkliche Erlebnis Fußball mit allen „Aaaaahs“ und „Oooooohs“ gibt es nur am Platz oder im Stadion. Außer in Gelsenkirchen. da hat man weder Platz noch Stadion. Die Vorfreude auf der Hinfahrt und die Stille oder der Singsang auf dem Heimweg. Die Wurst und das Stauder. Die Sanitäranlagen, die man sich im Gegensatz zur heimischen Kachel mit Hunderten anderer Drangwütigen teilt. Es gibt eigentlich keine Alternative zum Spielbesuch vor Ort. Außer man ist sauer auf den eigenen Verein und benötigt eine Auszeit. Oder, man muss arbeiten.

Also kein Stadion. Doch was dann? Videotext? Klar, geht immer. Also, wenn dieser überhaupt noch existiert. Liveticker und Radio Hafenstraße gehen auch. Der Liveticker des RS hatte bisweilen das Problem, dass es sich zutrug, den letzten Eintrag in der 90. Minute bei 1:0 Führung RWE abzusetzen. Dann kam die Stille. Der hektische Klick auf „aktualisieren“. Nichts. Minuten der Verzweiflung. Was tun? Das Herz bubbert, die Pochen schläfen. Oder andersherum. Dann endlich, nach gefühlten 35 Minuten aktualisiert sich der Liveticker. Doch plötzlich steht da: Abpfiff in der 90. +8 Endstand: 1:2. Der RWE hat in der Nachspielzeit verloren und seine Fans am Ticker sind wahrscheinlich in ein Zeitloch gefallen.

Das Zeitloch bei Radio Hafenstraße gab es nicht, dort gibt  man gefühlt nichts auf Zeiten. Kommentiert wird das, was unten auf dem Rasen geschieht. Mit Leidenschaft. Leider schaffte dieses gelegentlich auch Leiden, nämlich immer dann, wenn die erforderliche Technik nicht bereitgestellt werden konnte. Mit „Edge Technologie“ war man manche Saison vielleicht auf Spielhöhe mit dem RWE, aber für eine flüssige Übertragung aus dem Stadion reichte es in dem Falle dann doch nicht. Trotzdem: Vielleicht auch mal eine Gelegenheit, um einfach nur Danke zu sagen für die ehrenamtliche Leidenschaft, uns alle am Spiel teilhaben zu lassen.

Seit nicht allzu langer Zeit gibt es nun eine weitere Alternative, nämlich die des Streaming. Unterm Dach hängt eine Kamera, die nicht von Kameramännern oder -Frauen geführt wird, sondern die auf den Ball programmiert ist. Beim Aufwärmen schon eingeschaltet bedeutet das für die Kamera zunächst eine komplette Überforderung in Anbetracht der vielen Bälle zeitgleich auf dem Platz. Man bekommt also keine Totale, oder Schwenks in die Zuschauer, sofern welche  vor Ort sind. Was im Falle der Auswärtsspiele des RWE  ja immer der Fall ist. Man bekommt den Laufweg des Balls. Aber, man ist irgendwie auch dabei, kann mitreden.

Nach der Winterpause nun stand das enorm wichtige Spiel in Köln bei der U23 des Effzeh an. Ebenso wie ein Spätdienst. Daher die komplette Technik eingepackt und den einzigen fußballaffinen Klienten schon seit Tagen auf das Spiel eingeschworen.  Wie üblich an Spieltagen mit irgendwas an RWE Bekleidung zum Dienst und entsprechend nervös. Die Erholung der Winterpause war gänzlich vorbei; zu sehr lastete der Dreiklang  von Effzeh, Röding- und Oberhausen auf meinen schmalen Schultern. Doch die gedankliche Vorbereitung und vermeintlich gute Planung im Dienst wurde durch einen Notruf gestört, den wir zu tätigen hatten. Und so fand ich mich alsbald zur Betreuung im Krankenhaus wieder. Empfang? Keiner! Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens erledigt, gab es dann doch noch die Chance, in einem Krankenzimmer kurz vor 19:00 Uhr auf „Sendung zu gehen“. Bei geöffnetem Fenster konnte ich sogar auf LTE zurückgreifen. Der Klient war eingeschlafen und ich war drin. Auf Kleinstbildschirm auch in Köln dabei. Wenn auch nicht mittendrin.  Die 18% Akku bereiteten mir bis dorthin noch keine Sorgen. die 10% nach zwanzig Minuten Spiel hingegen schon.

Der Anfang gestaltete sich für unseren RWE ganz gut; zielstrebig ging es Richtung gegnerisches Tor, welches man seinerseits jedoch nicht zu treffen wusste. Hinten stand man dafür um so sicherer. Die Arbeit im Trainingslager schien sich auszuzahlen.

Derweil waren im Krankenhaus die Modalitäten geklärt und es ging flott zurück zur Einrichtung. In Köln war nun Pause, Zeit also für Übergabe und notwendige Eintragungen. Zeit auch für den Feierabend und einem kurzen Sprint zum Auto. Die zweite Halbzeit begann justament. Bei nur noch 1% Akkuladung. Kaum vom Hof gefahren war klar: Hier und jetzt wird das nichts. Handy tot. Kein Kontakt während der dreißig Minuten Heimfahrt zu irgendjemanden, der mich auf dem Laufenden halten könnte. Eine Mischung aus Panik, Sorge und Befreiung machte sich breit. Was erwartet mich zuhause? Liegen wir hinten und ist alle Vorfreude dahin? Führen wir vielleicht schon und die Rödinghausen Karten gehen weg wie die berühmten warmen Semmeln? Und warum fährt das Auto vor mir so langsam? Das macht der doch extra! Man ey!

Derweil zeigte die Uhr im Auto irgendwas um 20:29 Uhr an, als das Zuhause erreicht wurde. Jetzt galt es den stets freudig erregten Hund zu umgehen, was wunderbar gelöst wurde, als mir zum einen meine Tasche aus der einen Hand genommen und in die andere direkt ein Lekekerli gereicht wurde, welches ich fast Staffelähnlich direkt an die Fellnase weiterzugeben wusste. Hund abgelenkt, der Weg zum Rechner war frei. Dort lief auch schon das Spiel, Gattin sei Dank. Welch Vorbereitung. Und es stand noch 0:0. Riesengroße Freude und minimale Enttäuschung zugleich. Aber ich konnte das Spiel noch 14 Minuten plus Nachspielzeit verfolgen. Dankbarkeit, die sich einige Minuten später in Jubel entlud, als Amara Condé nicht nur zur Führung sondern auch zum Endstand traf. Rot-Weiss Essen mausert sich immer mehr zu einem „Last Minute Anbieter“. Das war man schon mal für einige Jahre, aber dann bekam man das Gegentor. Aktuell erzielt man es selbst, bleibt ruhig und glaubt an seine Chance, auch wenn zu viele Torchancen weiter und leider ungenutzt blieben.

Der Jahresauftakt 2020 ist also geglückt. Das extrem wichtige Spiel in Köln wurde gewonnen, was sicher Auswirkungen auf den Kartenvorverkauf gegen die Küchenjungs auf Rödinghausen haben dürfte. Dann ohne Stream, RH oder Ticker, sondern dort, wo es am Schönsten ist: An der Hafenstraße, RWE!

Fanherzen…und die ganz, ganz große Liebe.

Es stand seit der elften Minute 1:0 für den 1.FC Kaan-Marienborn, als sich rund um die zweiunddreißigste Minute mehrere Dinge fast zeitgleich zutrugen: Ein junger Fan auf der Tribüne mit Salzbrezel in der Hand rief laut nach seinem Vater. Ein Essener Spieler wurde ungeahndet im Mittelfeld gefoult und blieb liegen. Daraus entwickelte sich direkt eine Torchance für die Kaan-Marienborner, die grandios durch Lukas Raeder vereitelt wurde. Vielleicht waren diese rasch aufeinanderfolgenden Ereignisse auf dem Feld der Wendepunkt im bis dahin sehr behäbigen Spiel des RWE. Und auch der junge RWE Fan fand seinen Vater auf der sehr gut besuchten Tribüne schnell wieder.

Bis zu dieser Minute hatte der RWE eigentlich nur einen sehr langsamen Spielaufbau zu bieten; das konsequente Vernachlässigen der linken Seite inbegriffen und mehr Rückpässe zum eigenen Torwart zu verzeichnen, als der Gastgeber Nackenkoteletts auf dem Grill hatte. Waren diese doch sehr schnell ausverkauft, so machte es gerüchteweise die Runde. Aber, wer wollte zu dieser Phase des Spiels noch genüßlich ein Kotelett im Brötchen verzehren, lag doch das aktuell Gesehene schon schwer genug im Magen. Es machte sich auf der Tribüne leichtes Murren breit. Unterschwellig (noch) bei den meisten, aber dieses Gefühl der Angst, hier und heute zu verlieren war nahezu greifbar. Es war für den Moment so, als ob Wuppertal niemals existiert hatte. Doch dann kam die siebenunddreißigste Minute und mit ihr der Ausgleich. Über die linke Seite! Welch eine Erleichterung, hier wenigstens egalisieren zu können.

Was jedoch nicht zur Folge hatte, dass Blatt direkt wenden zu können. Zuvor gab es in der vierundvierzigsten Minute eine mehr als brenzlige Situation zu überstehen, als Daniel Heber für seinen Torwart in letzter Sekunde klären konnte. Heber klärt den Lupfer. Danach war endlich Pause.

Zeit durchzuatmen und dabei wieder feststellen dürfen, welch schönes Stadion doch dieses Leimbachstadion ist. Wie entspannt es hier in und um das Stadion herum zugeht. Man darf sich auf der Tribüne frei entfalten und wird nicht in kleine Blöcke gezwängt. Ist Fan anstatt Vieh. Mann pinkelt noch in die Rinne und überall bröckelt die Farbe. Manchmal auch ab. Die Stühle der Presseplätze wurden wohl eines Nachts aus einer Lokalität der fünfziger Jahre entwendet und über den Zweck der Markise unter dem Dach werde ich weiter nachdenken. Alles schön also, da durfte das kleine Pflänzchen (Fußball-) Euphorie aus Rot-Weisser Sicht nicht direkt wieder im Keime ersticken.

Dachte sich Karsten Neitzel wohl auch in der Pause und fand scheinbar die richtigen Worte für die zweite Halbzeit. Auch wenn es der Gastgeber war, der in der fünfzigsten Minute noch einmal zu einer sehr guten Chance kam, so begann unser aller RWE den zweiten Durchgang nicht mehr allzu lethargisch und übernahm langsam aber sicher die Kontrolle auf dem Feld. Nutzte zudem endlich das ganze Feld. Was ja so richtig Freude macht ist die Tatsache, dass Kai Pröger in Florian Bichler einen Klon in Sachen Schnelligkeit und Dribbling bekommen hat. Werden sie nun auf ihren Seiten effizient eingesetzt und nach hinten hin aufmerksam abgesichert, so stellen beide jede gegnerische Abwehr noch vor manch große Herausforderung. Das aber nur nebenbei, ging doch der nötige Ruck durch die ganze Mannschaft.

Jener Kai Pröger war es dann, der mal eben volley den Ball zur Führung in das Netz des Siegener Stadtteilvereines drosch. Der Mann kann scheinbar nur die schwierigen Tore. Mit der Führung entledigte sich der RWE dann auch sämtlicher Altlasten aus Halbzeit eins und kam fast wieder in den „Wuppertal Flow“ der vergangenen Woche. Schon drei Minuten später war es der Neuzugang Enzo Wirtz, der sich dachte, so wird´s was und ebenfalls einfach mal richtig stehend das Tor traf. 1:3 aus Kaan-Marienborner Sicht nun für unseren Altmeister aus Bergeborbeck. Die Kurve sang munter weiter und die Tribüne stand. Die Brust wieder breiter. Die Klappe natürlich groß wie eh und je schon. Es machte plötzlich wieder richtig Freude, irgendetwas ist passiert mit unserer Mannschaft.

Nicht nachlassend fiel ein weiteres Tor: Torschütze Philipp Zeiger. Jener Philipp, der mir in der ersten Halbzeit ein wenig mit seinen permanenten Rückpässen auf den Zeiger ging. Aber, so ist Fußball, das hat er sicher geplant: Fünfzehn Rückpässe = ein eigenes Tor. Die über zweitausend RWE Fans besangen ihren Verein, der wieder da ist und bejubelten ihre Mannschaft, die sie nach dreißig Minuten noch in die Tonne kloppen wollten. Ker noch eins, ein ganz klein bißchen sind wir wirklich wieder da, nur müssen wir uns noch daran gewöhnen. In den vergangenen Jahren hätten wir dieses Spiel nach Rückstand verloren. Die Mannschaft hätte einen internen Krampf bekommen.

Hier jedoch hat sie sich selbst aus einem spielerischen Krampf befreit. Diesen in Spiel umgewandelt und Gegner und Ball laufen lassen. Es ist noch lange nicht alles Gold was glänzt. Aber es wird langsam etwas Rot und Weißer.

Über zweitausend fahren der Mannschaft hinterher. Das nächste Mal sind es vielleicht noch mehr. Auf dem Heimweg hat mich heute ein Auto mit flatterndem RWE Schal überholt. Das Kennzeichen? B wie Berlin! Ich habe mich grinsend im Fahrersitz zurückgelehnt, die RWE CD eingeworfen und Gas gegeben. Wie meine Mannschaft in der zweiten Halbzeit. Wir sind wirklich wieder da.

Genießen wir den Augenblick.