Kategorie-Archiv: Titz

Rucksack? Tonne!

Schon vor der letzten Saison hatte Marcus Uhlig im Rahmen eines kleineren Zusammentreffens seine Meinung kundgetan, dass es, sinngemäß, endlich an der Zeit sei, „Lübeck“ zu vergessen. Dass es sich nicht mehr lohnt, sich daran abzuarbeiten! Sondern nur der Blick nach vorne zählt, um unser aller RWE auch sportlich wieder nach vorne zu bringen. Zugegebenermaßen war ich fast pikiert ob dieser Einstellung, denn es lässt sich weiterhin doch so trefflich leiden, geht es um diese verdammten letzten 90 Minuten an diesem verdammt heißen Tag jener verdammten Saison. Verdammt nochmal, ich bin damit einfach nie fertig geworden. Weil dieser Tag sportlich bis heute nie wieder repariert wurde. Die wundervolle NRW Saison einmal ausgenommen. Aber, irgendwie zählt die nicht im Kontext Lübeck. Wie dem auch sei: Es gab nun scheinbar wenigstens einen Verantwortlichen im Verein, für den Lübeck abgehakt ist; der ausschließlich nach vorne schaut.

Sicher auch ein Muss für ihn, denn er ist nun der Boss. Also nicht der natürlich, der bleibt einmalig, aber eben unser aktueller Chef. Und als solcher musste er natürlich auch durch die letzte Saison. Gemeinsam mit uns allen. Fand diese sportlich wohl genau so suboptimal wie wir alle, konnte trotzdem aber im Hintergrund Sponsoren davon überzeugen, hier und jetzt nicht abzuspringen. Neue gewinnen. Also da sach ich mal: Chapeau Herr Uhlig! Sollte ja auch mal erwähnt werden. Von nix kommt schließlich nix! So, das also der eine „Entscheider“ mit dem Schuss Optimismus, welcher uns schon lange abhanden gekommen ist. Und nun haben wir tatsächlich einen Zweiten hinzubekommen: Den auf sportlicher Ebene. Und auch Christian Titz macht aktuell ganz viel richtig in seiner noch so jungen Amtszeit. Und das, obwohl noch nicht ein Pflichtspiel stattgefunden hat. Gemeinhin werden Trainer ja zuallererst und völlig zurecht an Ergebnissen gemessen.

Bei Christian Titz stellt sich das aktuell ein wenig anders dar. Er überzeugte bisweilen besonders durch seine Interviews. Natürlich muss er sich nicht mehr dem Mediengewitter stellen, wie es in seiner Zeit beim HSV noch der Fall war. Aber, vielleicht ist dieser kleinere Rahmen das Geheimnis, welches die Einstellung des Trainer und Menschen Titz offenbart, die uns gerade erstaunt und für unbekannte (Vor-) Freude sorgt. In angenehmen Sprech erzählt Christian Titz u.a., dass nicht Trainer und Spieler einen Verein ausmachen, sondern all die Menschen, die diesen Verein leben. Nicht, dass wir das nicht wüssten, aber diese Demut vor dem Verein als Institution von einem zu hören, der auch mal wieder gehen wird, während wir immer bleiben: Das tut gut und zeigt das Bestreben, für den RWE und seine Menschen zu arbeiten, nicht nur für den eigenen Lebenslauf.

Dann, ja tatsächlich dann kam ein Statement, welches nun gänzlich überraschte: Aufkeimende Euphorie begrüßt der Titz, kein Witz! Und ich dachte noch hier, lass uns mal nicht euphorisch werden, dass geht wieder nach hinten los. Euphorie sieht Christian Titz also als Motor, nicht als Hemmschuh. Er will den Rucksack abschnallen, von dem gefühlt alle Vorgänger erzählten, lief es auf dem Platz nicht rund. OK, im Pott ist die Bauchtasche eh mehr gefragt als ein sperriger Rucksack. Packen wir also Lübeck in den Rucksack, schnallen diesen endlich ab und kloppen ihn in die Tonne…..

Cappeln-Hagelage Ost

Es ist 23:30 Uhr auf dem Rastplatz Cappeln-Hagelage Ost auf der A1, halbe Strecke zwischen Essen und Hamburg gelegen. Sanfte Nebelschwaden ziehen über die angrenzenden Felder, die Trucker sich ihr Schlafshirt an. Die letzte Zigarette ist geraucht, der letzte Smalltalk gehalten. Es gilt die Ruhezeiten einzuhalten, bevor es wieder auf die Bahn gehen darf. Keine außergewöhnlichen Vorkommnisse also. Somit bekommt auch keiner mit, dass ein Wagen mit Essener Kennzeichen leise auf den Rastplatz rollt und die Lichthupe zweimal betätigt (Gut, dass man sich vorher auf zweimal geeinigt hat, denn eintausendneunhundertundsiebenmal wäre für ein Geheimtreffen dann doch des Guten zu viel gewesen). Aus dem Dunkeln heraus blinkt nun ebenfalls zweimal die Lichthupe, und wie von Geisterhand gesteuert rollt aus dem Unterholz ein Fahrzeug der gehobeneren Klasse mit Kennzeichen HH dem Wagen mit Essener Kennzeichen entgegen.

Ein Fenster öffnet sich langsam und ein leises „Marcus?“ ist zu hören. Gegenüber geht eine Autotür. Ein Mann steigt aus, schüttelt sich vom langen Sitzen vergeblich die vierte Liga aus den Beinen und antwortet ebenso leise „Christian?“….

Natürlich hat sich die erste Kontaktaufnahme zwischen unserem neuen Trainer Christian Titz und Marcus Uhlig so nicht zugetragen. Und nein, es stand auch nicht schon seit fast dreizehn Tagen fest, dass Karsten Neitzel seines Amtes enthoben werden würde. Man schätzte Karsten Neitzel und seine Arbeit an der Hafenstraße, wusste um einen Trainer, der fachlich wie menschlich durchaus zu den besseren der letzten Dekade an der Hafenstraße gehört hat. Dummerweise konnten die Ergebnisse dieses nicht belegen und  rutschte ihm auch der ein oder andere etwas unglückliche Satz heraus. Das emotionale Umfeld an der Hafenstraße leicht verärgernd. Die Punkte, diese untrügliche Kennziffer erfolgreichen Arbeitens, sie stimmten einfach nicht mehr mit den Ansprüchen überein. Zu wenig davon wurden unter Karsten Neitzel erreicht. Und das nach dem so erfolgreichen Saisonbeginn.

Trotzdem hatte man weder einen neuen Trainer auf dem Schirm, noch die Absicht, den alten von seinen Pflichten zu entbinden. Gleichfalls aber sah man schon die Stimmung der letzten Saison; sah die Unzufriedenheit auf den Rängen, die sich immer öfter auch in dem einfachen Reflex „Trainer raus“ Gehör verschaffte. Eine verfahrene Situation für alle im Verein, dreht man doch gerade im Kader alles auf Links, hört dazu die Wünsche und Vorstellungen des Trainers. Und kein Witz: Auf keiner Rechnung stand bislang der Titz!

Es werden schwere Stunden gewesen sein, in welchem die Erkenntnis gereift ist, dass der „Rucksack“ auf Karsten Neitzels Rücken für 2019/20 vielleicht ein doch zu schwerer sein könnte (Wir alle schleppen dieses unförmige Teil seit „Lübeck“ mit uns herum, wissen wie schwer es wiegt).  Wer auch immer jetzt den Namen Christian Titz in das Rot-Weisse Spiel gebracht hat….ich weiss es nicht. Was ich weiss ist, dass es eine Option war, die sich ziemlich plötzlich und unerwartet ergeben hat. Es gab keine Verhandlungen im Vorfeld mit Christian Titz, während fröhlich weiter mit Karsten Neitzel geplant wurde. Es hat sich alles auf eine Schnittstelle zugespitzt, an welcher fast zeitgleich eben jene zwei Entscheidungen getroffen wurden. Manchmal ist das halt so, und hoffentlich endlich zum Wohle von Rot-Weiss Essen (und somit von uns allen, denn wir sind der RWE!)!

Lieber Karsten Neitzel, es hat auch bei Ihnen nicht sein sollen. Wer weiss, bei wem es überhaupt eines Tages passieren wird. Auf jeden Fall danken wir Ihnen für die Zeit an der Hafenstraße.

Christian Titz also nun der amtierende Trainer an der Hafenstraße. Ja, was soll man dazu sagen? Medial als Königstransfer; als Kracher, Transferhammer und Lösung für fast alle Probleme gehandelt, die ein viertklassiger Verein eben so haben kann. Ich musste ihn erst googeln…. fand ihn aber sehr sympathisch in der Pressekonferenz und auch seine berufliche Vita gibt durchaus Anlass zur Hoffnung, mal etwas längerfristig auf der Trainerposition denken zu dürfen. Lieber Herr Titz, herzlich willkommen anne Hafenstraße. Machen Sie sich unsterblich. Keiner kann vorher erahnen, was sportlicher Erfolg mit Rot-Weiss Essen bedeutet. Glauben Sie mir, etwas vergleichbares würden Sie nie wieder erleben. Diese Leidenschaft für diesen Verein. Diese Sehnsucht nach was besseres. Helfen Sie uns dabei und Sie werden erleben, wie wir Fans Ihnen und unserer Mannschaft helfen können und werden. Nur der RWE!