Schuld und Sühne

Wie lange kann und soll das denn nun noch weitergehen, so mit und rund um den SV Eintracht? Wie oft kann sich ein Verein die Schlagzeile erlauben, einmal mehr kurz vor der drohenden Insolvenz zu stehen ? Wie oft kann man um fünf vor zwölf noch den Kopf aus der Schlinge ziehen, nur damit diese noch etwas enger geschnürt wird? Und, wen interessiert es denn überhaupt noch, ob das einstige sportliche Aushängeschild der Stadt Nordhorn gerettet wird?

Es gibt keine Demonstrationen für den Erhalt des (unbestritten) erfolgreichsten Fußballvereines der Stadt; Es wurden am Heideweg keine Kerzen angezündet, oder gingen Fans gar „Klinken putzen“, um Gelder zu akquirieren. Mechanismen, die an anderer Stelle greifen wenn ein Verein vor dem Aus steht. Auch die Fusionsgedanken zwischen der Eintracht und dem SV Vorwärts schlugen in Nordhorn keine so hohen Wellen. Relativ betrachtet. Kurzum: Warum sollte der SV Eintracht nicht endlich in die Insolvenz gehen und, so wie es sicher viele Schenkelklopfer am liebsten hätten, direkt auch aus dem Vereinsregister gelöscht werden? Ja warum eigentlich auch nicht? Mit dieser Fragestellung beschäftige ich mich nun sehr intensiv seit einigen Tagen. Vielleicht auch schon Wochen. Oder sind es gar Jahre?

Jahre in denen man sich immer wieder gefragt hat: Wie lange wird dem SV Eintracht denn noch vorgehalten, früher vielleicht an der ein oder anderen Stelle zu intensiv um die Talente der Grafschaft geworben zu haben? Macht es heute noch Sinn, wo Tag für Tag die Mehrsitzer des FC Twente die jungen Spieler unserer Region einsammeln, um sie im Nachbarland auszubilden ? Um es an dieser Stelle aus meiner Sicht als jahrzehntelanger Fan der Eintracht ganz deutlich zu sagen: Ja, der SV Eintracht ist immer mal wieder in ein Fettnäpfchen getreten, sei es moralisch, sportlich oder „vom Kopfe her“.

Die Schuldfrage also eindeutig zu Lasten des SV Eintracht geklärt? Auch weil es zum Beispiel nicht gelungen ist, über Jahre hinweg eine stabile Jugendabteilung aufzubauen (in einem schwierigen Umfeld) ? Oder weil es nicht verstanden wurde, neue Zuschauer zu mobilisieren? Sicher könnte ich hier noch viele weitere Negativbeispiele aufzählen. Natürlich sind auch Auswirkungen des Mäzenatentums zu kritisieren oder ganz besonders das Wirken von Vereinsvorsitzenden, welches bisweilen schon vereinsschädigend wirken konnte.

Mitnichten! Es gilt wie immer zwei Seiten zu bedenken. Schwingt da bisweilen nicht auch etwas sportlicher Neid aus den Reihen der größten Kritiker mit? Kein hochklassiger Fußball, trotz bewundernswerter Arbeit im Jugendbereich ? Sicher ist es auf Dauer frustrierend, klasse Spieler in den eigenen Reihen auszubilden, deren Lust am Fußball zu sehen, und dann kam auf einmal ein Angebot des SV Eintracht, und der Spieler gab seinen Spielerpaß ab. War es so? Klärt mich auf, damit ich es verstehe.

Der VfL WE war in den 80ern mal dran am SV Eintracht, spielte in der Landesliga vor teilweise respektablen Zuschauerzahlen und auch an ein spannendes Pokalspiel am gut besuchten Ootmarsumer Weg kann ich mich erinnern. Der SV Vorwärts (Der Verein, für den ich einst selbst relativ erfolglos, aber mit großer Begeisterung die Schuhe geschnürt habe) war vor kurzer Zeit ganz nahe dran, die ersten richtige Lokalderbys in Nordhorn innerhalb einer gemeinsamen Liga spielen zu dürfen. Leider kam es nicht dazu. Es dürfte allen klar sein, wie die Sympathien bei diesen beiden Spielen verteilt gewesen wären. Und dann Sparta, der einstmals große Konkurrent der Weinroten, heuer sportlich auch innerhalb Nordhorns in den Niederungen. Aber mit einer wachsenden Infrastruktur, einem „Plan“ und der genialen Idee, eine Fanbasis aus dem eigenen Verein heraus zu schaffen, bei wichtigen Spielen zu mobilisieren und anschließend medienwirksam in Szene zu setzen.

Jene Fanbasis, die dem SV Eintracht immer weiter weggebrochen ist. Es kamen keine neuen Fans hinzu. Tröpfenweise vielleicht, oder spielbezogen. Die schon großen Lücken aber wurden stets und von Jahr zu Jahr größer und nicht wenige bekannte Gesichter bekamen auf der letzten Seite der Grafschafter Nachrichten einen Namen. Müßig, jetzt auch noch hinzuzufügen, daß der Fußball allgemein in Nordhorn viele Zuschauer an den Handball, das Eishockey (in den Hochphasen) und sogar den FC Twente verloren hat. Zudem kommen in unserer Region ganz klare Standortnachteile zum Tragen: Mit dem Rücken zur Grenze beginnt doch schon ab Lohne das Einzugsgebiet eines ehemaligen Zweitligisten. Rheine war früher selbst eine Fußballhochburg mit dem VfB ( mittlerweile irgendwie auch an der Fusion gescheitert), dann kommt schon das neuzeitliche Phänomen Lotte und direkt danach der VfL aus Osnabrück. Und wie viele von uns kehren am Wochenende der Fußballgrafschaft nicht den Rücken zu, um lieber als Fans in das Ruhrgebiet, an den Niederrhein oder Richtung Norden zu fahren? Im Prinzip umweht Fußball Nordhorn also der Nimbus eines gallischen Dorfes, nur das uns hier auch nicht der Himmel auf den Kopf fallen wird.

An den Gegebenheiten kann es meiner Meinung auch nicht liegen, denn ich kenne kaum eine zweite Stadt, welche über so viele und gepflegte Sportanlagen verfügt. Ich glaube, Nordhorn allein hätte es schaffen können, eine gmeinsame Basis für erfolgreichen, höherklassigen Fußball zu schaffen, wenn die Vereine aufgehört hätten, immer nur gegeneinander statt miteinander zu wirken. Ich denke an dieser Stelle stets an eine Szene aus „Braveheart“, wo die Grundlage für eine eigenständige, erfolgreiche Zukunft erkämpft wurde, stets aber am „Clandenken“ und der Kiltfarbe scheiterte. Vergessen werden sollten auch nicht die sportlichen Momente, in denen es der SV Eintracht fast bis in den bundesweiten Fußballfokus geschafft hätte: Ich erinnere hier an Spiele gegen den VfL Wolfsburg, oder das schon legendäre Spiel gegen den SV Wilhelmshaven. Spiele vor großer Kulisse, die sich bestimmt nicht nur aus Eintrachtlern zusammensetzte.

Zeit aber, sich dem anzunähern, was ich mir für den SV Eintracht wünsche. Wir sind nicht Essen, wir sind nicht RWE. Dort haben wir Fans den Verein am Leben erhalten, indem wir zu Tausenden auch in der fünften Liga auf der Tribüne standen. Nein, wir sind Nordhorn und keiner mag uns. Aus Gründen, die ein jeder mit sich selbst abmachen muß. Und wir, die wir den SV Eintracht mögen (aber auch stets kritisch begleitet haben), wir können den Lauf der Dinge nicht aufhalten, oder auch nur ansatzweise in Nordhorn mit guten Argumenten für diesen Verein werben.

Nein, es muß für mich ein Schlußstrich gezogen werden: Der SV Eintracht aus diesen wunderbaren Filmen von Georg Woltmann, der SV Eintracht mit dem wunderbaren Fußball unter Theo Vonk, dieser SV Eintracht sollte in die Insolvenz gehen. Einen Schlußstrich ziehen, seine Finanzen klären, und sicher auch seine Wunden lecken. Dann können die anderen sehen, ob es ihnen nun besser geht, oder ob so mancher sein Ziel erreicht hat.

Aber: Mit dem SV Eintracht geht auch der höherklassige Fußball aus Nordhorn und wird wohl nie wiederkommen. Und auch hier kann es leider kaum ein Gegenargument geben, denn den Ranghöchsten Verein will in der Grafschaft kaum einer mehr sehen. Also besteht auch kein Bedarf. Und wo kein Bedarf, da kein Markt mit seinen Wechselwirkungen. Insolvenz Eintracht: Für mich muß sie nun kommen! Aber, und hier bitte nun ganz genau lesen: Eine Insolvenz, gar eine Vereinslöschung stellt für mich kein Ende dar. Sondern ist die Chance für einen Neuanfang. Nicht so groß und imposant wie an der Hafenstrasse beim RWE. Aber vielleicht kann ein kleiner Verein entstehen, der einfach nur Fußball spielen will und in Eintracht agiert. Traurig wäre ich trotzdem und nicht nur für mich allein…..

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