Monatsarchive: April 2014

Ferry Cross the Mersey

Es gibt Dinge, die verfolgen Dich quasi ein Leben lang und sind bestenfalls immer noch da. In meinem Falle trifft das definitiv auf die Stones zu.  Die WM von 1974; Auf Helmut Schmidt, die WDR Fußballkonferenz und das Ohnsorg Theater.  Auf Helmut Rahn bis zu seinem Tode und U2 seit ihrer Gründung. Dazu gehört aber auch eine Begeisterung für alles britische.

Hier besonders, es mag kaum zu verwundern, den dortigen Fußball. Mit all seinen Facetten. Somit auch negativen Fixpunkten, die da leider noch kommen sollten! Heysel, Bradford oder eben Hillsborough. Die Begeisterung begann recht früh. Eine Schuldzuweisung kann ohne Gewissensbisse in Richtung sonntäglicher Sportschau erfolgen. Aufgesaugte fünf Minuten „First Division“; Woche für Woche. Wogende Menschenmassen hinter den Toren, dessen Traversen unterhalb der Grasnarbe begannen. Vereinsnamen, wunderschöne Embleme und „Nicknames„; Preston North End, Queens Park Rangers, Crystal Palace, Accrington Stanley; „The Quakers, „The Seagulls“, „The Bees“, „Pompey“ seien hier stellvertretend für so viele identifikationsstiftende Maßna[h]men genannt.

Die Neugierde ward geweckt, die Neugierde verlangte nach einem Lieblingsverein. Wie aber diesen unter mehr als 92 Vereinen finden, so weit weg von der Insel ? Die Beatles konnten hier helfen: Den musikalischen Wettstreit zwischen Stones und Beatles hatten die Stones knapp für sich entschieden und konnten auch nicht wirklich einem Fußballstandort zugeordnet werden. Die Beatles hingegen schon. Liverpool also. Und da der Liverpool FC im Gegensatz zu den Evertonians oder Tranmere Rovers den Namen der Stadt, zudem noch aktuelle Meisterehren verkörperte, war dieser Drops gelutscht. Ohne jetzt allerdings in eine Euphorie zu fallen, die nach Fanbettwäsche verlangte. Die Ergebnisse im Kicker reichten da völlig aus.

Der Platz im eigenen Zimmer reichte alsbald jedoch nicht mehr aus, um die große Landkarte auszubreiten, die ich mir erspart hatte. Großbritannien also anderweitig ausgebreitet, begann die Spurensuche nach der Herkunft der Vereine. Farbig mit Stecknadeln auf die einzelnen Ligen abgestimmt. Es war spannend, was die entliehenen Bücher an Informationen preisgaben: Aston Villa kommt also aus Birmingham, ebenso wie Birmingham City; Port Vale FC kommt aus Stoke, ebenso wie Stoke City FC; City und die Rovers kommen beide aus Bristol, und wer alle in London gesteckt werden wollte…Natürlich blieb man in diesen jungen Jahren ziemlich allein mit seinem Wissen,  wen interessierte dieses Mutterland schon. Ich dagegen konnte diese Karte tagelang anschauen.

Eine Sprachreise nach England um 1980 herum brachte leider auch kein Fußballspiel live vor Ort, jedoch die Erkenntnis, dass die Stones auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. „Emotional Rescue“, damit kam ich nicht klar. Wie gut, dass es fast zeitgleich noch die „Message in a Bottle“ gab. In London gab es noch etwas anderes, nämlich auf die bebrillten Augen, aber was suchte ich auch wieder auf eigene Faust in Gegenden, in denen man nichts zu suchen hatte. Die Jahre zogen also über das Land, jenes Internet noch in weiter Ferne. Es galt, sich auf anderem Wege Informationen zu beschaffen. Bücher zum Beispiel, die konnten bestellt werden. Das ging natürlich auch seinerzeit schon im Buchhandel des Vertrauens.

Der Preis allein war schon pfundig,  dass aber ein Buch von Simon Inglis bis zu einem halben Jahr über den Kanal nach Nordhorn brauchte, das kam einem menschlichen Drama gleich. Die Stadien im Bilde und Informationen darüber entschädigten. In den Niederlanden gefundene Zeitschriften über den englischen Fußball boten nicht viel Informationsgehalt, zu sehr auf Bravo getrimmt. Trotzdem immer gerne genommen, gab es beim liberalen Nachbarn zudem noch günstigere Zigaretten und lag direkt neben den Sportheften die horizontale Sportgemeinde zur schnellen Ansicht aus. Mal kurz gucken ohne zu kaufen tat ja nicht weh. Die Fußballzeitung aber war wichtiger.

Ab und an kam auch mal ein Brief aus England, ein Aufnäher oder eine Anstecknadel. Das örtliche Sportartikelgeschäft offerierte Aufnäher von Leeds United und Millwall FC [Warum gerade diese beiden Vereine mit nachweislich schlagkräftigem Gefolge von schlechtem Ruf, bleibt wohl auf ewig ein Geheimnis des damaligen Abteilungsleiters].

Es kam Heysel. Die Reds im Finale gegen Juve, live und in Farbe am Empfangsgerät. Was passierte ist hinlänglich bekannt und bis heute unfassbar. Keine Lust mehr an diesem Abend auf Fußball. Ich weiss noch, dass ich wie paralysiert in die Stadt gefahren bin. Ramakers Grillstube. Die mit der großen Kühltruhe und den halben Litern Rolinck Pils darin. Tage zuvor schon die schreckliche Tragödie, welche im „Valley Parade“ von Bradford City 56 Fans das Leben kostete.

Der Fußball in England hatte sich verloren: Der Mob wütete, die Stadien marode, Vereine und Polizei ohne Plan. Es gipfelte bekanntermaßen Jahre später in Hillsborough. Ob einer der 96 von Hillsborough vielleicht einer der Randalierer von Heysel war ? Darf man das fragen ? Ich gehe nicht davon aus. Wohl kaum zuvor und glücklicherweise bis heute nicht wieder, haben zwei der schlimmsten Momente der Fußballgeschichte so den Ruf einer [Fußball-]Nation geprägt und die Anhänger der Reds in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt, der bis heute andauert.

Fußball wurde natürlich  weiter gespielt, die Stadien nach und nach zu sogenannten „All Seatern“ um- oder direkt auf der Wiese neu gebaut. Im Gepäck auch bisweilen höchst skurrile Auflagen oder gar die Möglichkeit, den Sitznachbarn via sms zu verpetzen. Ein Privatsender brachte jetzt Sonntag kurz vor Mitternacht Ausschnitte, der nun als Premier League firmierenden First Division. Das Internet ward geboren und die Informationsbeschaffung stellte sich nun plötzlich nicht mehr abenteuerlich dar. Was aber nicht unbedingt mehr Freude bedeutete. Der Reiz des Unerreichbaren war plötzlich weg.

Die Spiele der Reds blieben am Rande interessant, in den Ergebnissen und den Tabellen. Live vor dem Fernseher gab es gegen Deportivo Alavés und AC Milan weitere dramatische Erlebnisse, diesmal aber rein sportlicher und umso aufregender Natur. Persönlich habe ich es nun nach all den ganzen Jahren nicht einmal zu einem Stadionbesuch auf der einstmals gelobten Insel gebracht! Nicht gut, eher peinlich! Aber er war dort. An der der Anfield Road. Hatte live sein YNWA Erlebnis und dieses mit auf die andere Seite genommen. Mein kleiner Anteil daran, fast so schön, wie selbst vor Ort gewesen zu sein. Ein großer Dank gebührte in jenen Tagen auch der 11Freunde Redaktion.

Außerdem habe ich doch die Hafenstraße und den Heideweg. Vergangenen Samstag aber, da habe ich nach fast 30 Jahren Sympathie mein erstes komplettes Ligaspiel der Reds live gesehen. Wenn auch nur am Fernseher. Aber im Trikot und es war episch. Wenn nun jemand wissen möchte, wie zum Beispiel das ehemalige Stadion von Rotherham United einst hieß, da kann ich gerne weiterhelfen. Den Traum von einem Fußballspiel in England, gar an der Anfield Road, oder eine Fotosafari zu den  vielen kleinen Vereinen mit einmaligen, urbanen „Grounds“, er ist zunächst geplatzt. Aber was heißt das schon. „Make Us Dream“

Oh Tannenbaum!

Abends: Folgeüberschriften werden überbewertet, somit wandert die zunächst geplante in den virtuellen Mülleimer. Es hatte ja auch ein wenig von Bescherung, was die Mannschaft von Rot – Weiss Essen an diesem Dienstag ablieferte. Eine Art der Bescherung, wie sie sicher in vielen Familien [leider] vorkommt: Beginnt das Fest, sind alle Streitigkeiten zunächst vergessen, gibt sich ein jeder besonders viel Mühe.

In Anbetracht der vielen Karfreitags- und Aschermittwochskicks dieser Saison rieb sich der lautstarke und freudig erregte Essener Fußballfan auf den gefüllten Tribünen die Augen: Die Spieler in Rot, zumal unterklassig, dominierten das Spiel, ackerten und kombinierten. Erarbeiteten sich Torchancen, hatten die Feldhoheit. Die Zebras wurden an die Leine gelegt.

Der Einsatz mündete in einer Führung, welche egalisiert Elfmeterschiessen bedeutete. Können wir aber nicht. Die Konsequenz daraus: Die Niederlage, das Ausscheiden! Raus aber mit Applaus. Müßig, nun eine zufriedenstellende Antwort auf die drängende Frage zu erwarten, warum nur in diesem Spiel eine solch Leistung abgerufen wurde. Fußball also doch mehr Kopf- denn Fußsache ? Die ewig währende Geschichte vom Pokal und seinen eigenen Gesetzen, Jörg Dahlmann am Mikrofon,  die vielen Menschen am Spielfeldrand und derer tausend Werbekunden an den Empfangsgeräten ?

Wir werden es wohl nicht erfahren. Somit hält sich die Freude über diesen grandiosen Pokalauftritt der eigenen Mannschaft in Grenzen, wird doch die aktuelle Saison auch als spielerisches Armutszeugnis in Erinnerung bleiben. An diesem Abend jedoch, das als Erkenntnis unter dem Pokalstrich, wäre ein Erfolg verdient gewesen. Ohne hätte, wenn und aber!

Mittags: Wer an diesem Tage sehr früh an der Hafenstraße vor Ort war, der konnte den Eindruck gewinnen, dass Essen sich gegen die Übernahme einer Großmacht wappnet: Truppenbewegungen an allen neuralgischen Punkten, ein Wasserwerfer fuhr hin und fuhr her! Stetig verfolgt vom über ihn kreisenden Hubschrauber, welcher seinerseits von einer Reiterstaffel kritisch beäugt wurde. Zivilisten in zivil mit Verkabelung im Ohr, Zivilisten in schwarz mit Handschuhen in der Hosentasche, erste Fans in Vereinsfarben.

Die Presse hatte mobil gemacht und viele waren diesem Aufruf gefolgt. Die Hochrechnung sollte doch irgendwie aufgehen. Fußballgewalt ist der Sex der Neuzeit, um medial Quote zu machen. Zudem zogen Unmengen von Beschäftigten Richtung Stadion. Staunend verfolgt der Betrachter, wie viele Personen es mittlerweile bedarf, um eine Großveranstaltung durchzuführen. Früher war zwar mehr Lametta, dafür sind heute mehr Köpfe.

Dumm allerdings, wenn dann nach dem Spiel die linke Hand nicht mehr weiß, was die rechte macht und umgekehrt. So wurden mit dem letzten Elfmeter am Ausgang zwischen Haupt- und Stehtribüne nicht einfach alle Tore geöffnet, sondern nur eine einzige Tür. Zudem blockiert von einer grimmig dreinblickenden Ordnerin, zu allem entschlossen. Es staute sich in Sekundenschnelle. Eine Nachfrage aus dem Pulk der sich im Stau befindlichen, warum nicht alle Tore geöffnet werden, wurde ebenso grandios wie lapidar beantwortet: „Ich habe keinen Schlüssel“.

Vor Anpfiff: Die Sonne schien, die vorbereitete Choreo auf der West flatterte in der steifen Brise. Das Stadion füllte sich und es tat dies mit einer Gemächlichkeit und Ruhe, die im Inneren nicht die Anspannung vermittelte, die draußen spürbar war. Die Stadionregie tat ein übriges dazu und gab alles zum Besten, was jemals im Tonstudio mit Bezug zum RWE aufgenommen wurde. Hier gab es auf die Ohren und zwar einzig musikalisch. Und nein, wir wollen keine „La Ola“. Immer noch nicht. Die Sturheit der Tribünen an dieser Stelle war schon bemerkenswert. Und trotzte auch dem dritten Versuch, diese doch noch irgendwie in Gange zu bringen.

Kurz darauf erstrahlte die neue, alte West im Glanze, „Opa“ wurde intoniert. Zum anschliessenden „Adiole“ in der Originalfassung betraten die Mannschaften das Spielfeld. „Oooooh RWE“. In der Folgezeit boten uns Mannschaften, Fans und Wetter ein intensives Fußballspiel mit Fußball, donnernden Gesängen und Regenschauern. Ruhrpottfußball von der allerfeinsten Sorte. Der Rest ist bekannt und verstörte einmal mehr.

Nachts: Unruhe. Unverständnis. Dieser Fußball wird nicht mehr lange der meinige sein. Und da es scheinbar keinen geben wird, um auf der großen Bühne die Verhältnisse jemals wieder gerade zu rücken, bleibt nur der Rückzug des kleinen Fans. Apropos Fans: 20.000 Fans haben heute für eine Atmosphäre gesorgt, die seinesgleichen sucht. Und werden nicht erwähnt…..

Nur nach vorne Geh`n [Der Prolog]

Es funktioniert nicht. Nicht einmal in Anbetracht dieser bisher so schmerzhaften Saison. Auch nicht in Anbetracht der eigenen kritischen Worte und Beiträgen mit fast schon bettelhaften Charakter um selbigen auf dem Spielfeld. Das mittlerweile gelegentlich vorbeischauende Abstiegsgespenst konnte nichts daran ausrichten und schon gar nicht der Status Quo eines Viertligisten.  Der Dienstag als ungewohnter Spieltag, inklusive Verlust eines Urlaubstages, wird ignoriert und diverse Viertelfinals in einem anderen Pokalwettbewerb ebenfalls.

Nichts hat also Abhilfe schaffen können. Diese Saison wird wohl auf ein Spiel des Jahres reduziert werden. Was einzig zur Folge hat, dass es sich nun einen Tag vor Anpfiff anfühlt, wie das Champions League Finale des kleinen Mannes. Man möchte die Minuten zählen, den Zeiger der Uhr einfach vordrehen. Ein Spiel kann eine ganze Saison retten, hüben wie drüben. Natürlich könnte ein optionales Finale grandios versemmelt werden, auch der Abstieg sitzt noch drin. Wovon wir natürlich nicht ausgehen.

Nun aber gilt es: Rot Weiss Essen vs MSV Duisburg. Ausverkauft. Rot gegen Blau, hier die Guten, da der MSV.  Schimanski gegen Haferkamp. Alles bisher gewesene mit Anpfiff vergessen und einfach nur Fußballleidenschaft leben. Den da draußen an den Empfangsgeräten zeigen, dass sich auch unterklassiger Fußball im Stadion lohnen kann. Allen gegenteiligen Bemühungen des DFB zum Trotze. Und, wo wir schon mal dabei sind: Ein ganz klein wenig Mythos an einem flachen Dienstag würde uns allen mal wieder gut zu Gesicht stehen.

Hinterm Horizont geht`s weiter.

Geschrieben spontan am Abend des 1. April 2009. Nie verändert. Du fehlst, und bist doch da.

Heute morgen um 8.00 Uhr ist Peter nach langer Krankheit verstorben. Peter war noch nicht bereit zu gehen, aber ich bin sicher, dass auf ihn ein nächstes Leben, eines ohne Schmerzen, wartet.

Unsere erste Begegnung fand natürlich beim Fussball statt: Es war in der Oberliga Saison 1979/1980 am Heideweg beim Spiel des SV Eintracht gegen den VfB Oldenburg. Seit diesem Treffen hat sich viel ereignet. Und nicht nur das, haben auch wir viele Phasen einer Männerfreundschaft durchlaufen. Das gemeinsame Interesse am Fußball, der Leidenschaft für diesen Sport, der heimische SV Eintracht und der schicksalhafte RWE, Dinge die verbinden.

Peter ist kein einfacher Mensch, aber jemand, der einen niemals im Stich lassen würde und der sein Leben im Gegensatz zu mir oftmals auf der Überholspur hat stattfinden lassen. Oft haben wir uns gegenseitig beklagt, warum wir nicht “ordentliche” Vereine abbekommen haben.

Aber ich bin der festen Überzeugung, ein FC Bayern hätte nicht zu Peter gepasst. Er brauchte die Hafenstraße und die Hafenstraße brauchte ihn, auch wenn sie es nicht wusste, schließlich gibt es in Essen zig Fans von seinem Schlag. Mir fehlen nun die richtigen Worte, passende gibt es in solch einer Situation sowieso nie.

Mir bleibt nur “DANKE” zu sagen für die vielen Jahre, die gemeinsamen Spiele, die Fahrten nach Essen oder zu Auswärtsspielen des RWE, für Deine vielen ungeplanten Besuche zu den unmöglichsten Zeiten, usw. Es wird seine Zeit dauern bis ich begreifen werde, dass Du nicht mehr an Dein Handy gehst, wenn ich anrufe oder dass auch der Heideweg Dich nicht mehr an Deinem Platz stehend erleben wird. Ganz davon abgesehen, dass ich nun mehr alleine den Weg von Nordhorn nach Essen antreten muss.

Danke auch für den Brief, den Du mir geschrieben hast, da war er endlich, der weiche Kern unter der rauen Schale. Eines werde ich übrigens ab sofort oft machen: Ich werde nach oben in den Himmel schauen, und wenn sich dort Wolken gefühlt zu Fußbällen formen, dann weiß ich, das Du den lieben Herrgott mit Deiner Leidenschaft für den Fußball angesteckt hast. Mach es gut und lass mal was von Dir hören…..