Monatsarchive: Mai 2019

Freud & Leid

Denkt man gerade noch darüber nach, wie nahe Freud und Leid im Fußball beieinander liegen; wie eng Freud und Leid immer auch mit Rot-Weiss Essen verknüpft sind und wie man das hier in Worte fassen könnte, so plötzlich finden diese Gedanken ein jähes Ende. Denn alles tritt ehrfürchtig in den Hintergrund, wenn zeitgleich eine sehr traurige Nachricht des wirklichen Lebens die Runde macht: Am späten Abend des 20. Mai 2019 wurde bekannt, dass der ehemalige Spieler von Rot-Weiss Essen, Manfred „Manni“ Burgsmüller am 19. Mai 2019 im Alter von 69 Jahren in seiner Essener Wohnung verstorben ist.

Manni Burgsmüller wurde 1949 in Essen geboren und folgerichtig lief auch er als Essener Junge eines Tages für den Verein von der Hafenstraße auf. Er, der er immer der Schmächtigste auf der Straße war und für so manch frechen „Tunnel“ auf dem heimischen Straßenpflaster schon mal was an die Ohren bekam. Nach der Hafenstraße ging es weiter auf eine fast zwanzigjährige Reise durch den Deutschen Profifußball, wo sicher die Jahre in Dortmund und in Bremen die bedeutendsten und erfolgreichsten waren. Auch für den RWE wurden ein zweites Mal die Schuhe geschnürt. Sein fast schon legendäres Selbstbewusstsein und die kreative Einsatzwahl zwischen Mittelfeld und Sturm wusste Manni Burgsmüller in 213 Bundesligatore umzumünzen, was ihm bis heute Platz Vier der ewigen Bundesligatorschützenliste eingebracht hat.

Es gibt von Manni Burgsmüller nicht die vielen Zitate, die ansonsten schon mal von manch Fußballer überliefert werden können. Aber, denkt man an Manni Burgsmüller, denkt man automatisch an den Begriff „Schlitzohr“. Dass das Schlitzohr nun schon so jung an Jahren gehen musste, ist wieder eine leidvolle Erkenntnis. Lieber Manni, ruhen Sie in Frieden. Danke für so viele schöne Momente rund um das runde Leder. Allen Angehörigen und Freunden wünschen wir in diesen Tagen viel Kraft.

Freud und Leid. Im Fußball auf so vielen Ebenen allgegenwärtig. Und so würde es vielleicht auch dem Fußballer Manni Burgsmüller gefallen, dass wir nicht nur das Leid seines Verlustes teilen und darüber traurig sind, sondern aktuell auch sehr erstaunt die Freude mitbekommen, die einem Fußballer zuteil wird, der noch diese Saison die Schuhe für unseren RWE geschnürt hat: Kai Pröger verließ, wie fast schon zu erwarten war, in der Winterpause die Hafenstraße um höherklassig anzuheuern. Zwar hatte sich der nimmermüde Flügelflitzer Pröger in den letzten Spielen vor der Winterpause den stetig sinkenden Leistungen seiner Mitspieler sukzessive angepasst; aber unübersehbar sein fußballerisches Potential: Der Antritt, das Dribbling und solch ein Schuss….früher hätte so einer zusammen mit Manni Burgsmüller im eigenen Team sämtliche Nachbarstraßen auf Pflaster oder Asche nass gemacht.

Nur konsequent also sein Wechsel in den Profifußball mit Ziel Paderborn. Nicht gerade der Nabel der Welt, aber seit vergangenem Wochenende erneut Bundesligastandort. ja Mensch, was soll man da noch groß sagen: Von der vierten in nicht nur sechs Monaten zur ersten Liga. Ich glaube, den Pröger muss man ziemlich oft kneifen, bevor er das wirklich begreift. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Aufstieg. Ein Werdegang so ganz nach dem Geschmack von Manni Burgsmüller. Freud und Leid: Der Fußball ist immer wieder und so oft ein Stück mitten aus dem Leben. Vielleicht ist er sogar unser Leben!

Europapokalfunktionsteam 1994!

Was wäre eigentlich, wenn es die drei Bremer Tore nicht gegeben hätte? Was wäre also gewesen, wenn in diesem Finale nur Rot-Weiss Essen durch Daouda Bangoura in jener 50. Minute das Tor getroffen hätte? Richtig, dann wäre das Finale mit 1:0 für uns ausgegangen, iss klar. Gleichbedeutend aber auch mit der Qualifikation für den damaligen Europapokal der Pokalsieger. Daran hätte uns nicht einmal der DFB hindern können. Ok, es kam jetzt vor 25 Jahren nicht dazu: Wir verloren ja das Finale, die Lizenz war eh schon weg und der Respekt vor dem DFB latent auch nicht mehr vorhanden. Mindestens seit 1971. Trotzdem waren wir an diesem Abend in Berlin gefühlt doch der Sieger!

Grund genug also, uns fünfundzwanzig Jahre später doch noch für den Europapokal der Pokalsieger 1994/95 zu qualifizieren und ihn als Konjunktiv auszuspielen: 

Der Jubel über den Pokalsieg gegen den SV Werder war gerade erst verklungen, als allen Verantwortlichen im Verein bewusst wurde, dass man sich ab sofort nicht nur mit der drittklassigen Regionalliga West/Südwest, sondern auch mit dem Europapokal und der dafür anstehenden Auslosung zu beschäftigen hatte. Wer aber sollte sich darum kümmern, bei all den Zwistigkeiten unter den Herren Himmelreich und Arnold? Ein harmonierendes Europapokalfunktionsteam musste also her, um unseren Verein bestens zu vertreten: Die Wahl fiel schnell auf Günter Barchfeld (als einer der wenigen mit Europapokal Erfahrung), Lothar Dohr (spezialisiert auf laute Zwischenrufe) und Detlev Jaritz (Der machte das mit den Fähnchen und Wimpeln). Die drei machten sich also am 15. Juni 1994 auf nach Bern, wo im noblen Hotel Savoy alljährlich die Auslosungen für die verschiedenen Europapokalwettbewerbe durchgeführt wurden. Im Falle des RWE die zur Qualifikation für den eigentlichen Europapokalwettbewerb. Für Günter, Lothar und Detlev ein gutes Omen, bei dem Namen „Bern“ klingelten allen direkt dem Horst seine Glocken. Übrigens die letzte, in Bern stattfindende, Auslosung, war für das kommende Jahr 1995 der Umzug der UEFA in das schweizerische Nyon geplant. Ein gutes Omen also.

Es war der späte Vormittag des 16. Juni, als der Ziehungsleiter der UEFA, Cash Moneypenny, zu den Lostöpfen schritt und die Losfee Kevin Keegan bat, zur Tat zu schreiten. Es ging ganz schnell, denn schon die ersten beiden Namen aus dem Topf zur Qualifikation brachten Rot-Weiss Essen und Tiligul Tiraspol aus Moldawien zusammen. Den drei Essener Vertretern stand zunächst das Fragezeichen auf die Stirn geschrieben: „Tiligul Watt?“ Aber, der Erstkontakt mit den Vertretern von Tiligul konnte weitestgehend alle Fragen klären. Tiraspol hat immerhin 148.917 Einwohner und wurde 1792 gegründet. Eine Stadt also, nur unwesentlich älter als unser RWE. Gespielt wird dort im „Stadionul Municipal“. Auf die zwei Spieltermine konnten sich die Delegationen beider Vereine abends an der Theke schnell einigen. Es gab ein Hin- und ein Rückspiel. Fettich! Ruhrpottpragmatismus eben. Erst später fiel den Dreien auf, dass man ja gar nicht über die Termine verhandelt hatte. Das konnte dann aber fernmündlich doch noch geklärt werden.

Und so betrat Rot-Weiss Essen am 11.08.1994 erstmalig nach dem 12.10.1955 in Edinburgh wieder europäischen Fußballboden. Ein geschichtsträchtiges Datum somit. Das Spiel eher weniger für die Geschichtsbücher, konnte das holprige Geläuf im warmen Tiraspol kaum zu einem hinreissenden Spiel verleiten. Und doch konnte der Drittligist Rot-Weiss Essen einen hart erkämpften 1:0 Erfolg mit zurück an die Hafenstraße nehmen. Die 97a mitgereisten RWE Fans feierten stürmisch ihre Mannschaft und gönnten sich noch ein verlängertes Wochenende am Schwarzen Meer. Jürgen Wegmann sagte anschließend im Anpfiff Interview zu Uli Potofski: „Zuerst hatten wir kein Pech, und dann kam auch noch Glück dazu.“ Der Europapokalauftakt also mehr als gelungen. 

Dreizehn Tage später kam es zum Rückspiel an der Essener Hafenstraße. Aus Sicherheitsgründen durfte der RWE nur 1.907 Eintrittskarten verkaufen. Es haperte also ein wenig an europäischem Flair auf den Rängen, dafür aber war das Spielfeld an diesem 24.08.1994 ein Gedicht: Jupp Breitbach hatte Grashalm für Grashalm zu einem wunderschönen Grasteppich wachsen lassen. Reinreden durfte ihm dabei keiner. Wehe wenn…! Das Spiel ein wesentlich besseres als noch im Hinspiel, der 0:1 Rückstand durch Lugilit Lopsarit konnte schnell durch Wolfram Klein egalisiert werden. Adrian Spyrka war es dann, der mit einem Doppelpack zum 3:1 Endstand traf. Welch ein Jubel nach Abpfiff. Helmut Rahn und Willi Lippens lagen sich auf der Tribüne in den Armen und selbst die Kontrahenten Himmelreich und Arnold nickten einander zu. 

Nur unser Europapokalfunktionsteam bekam plötzlich richtig Brassel: Es dämmerte den Herren Barchfeld, Dohr und Jaritz, dass es schon wieder nach Bern gehen würde, stand doch die nächste Auslosung vor der Tür. Wenigstens hatte sich der Verein in seinen Strukturen langsam erholt und brachte die Qualifikationsrunde auch die ein oder andere Mark in die sanierungsbedürftige Vereinskasse. Somit wurde ein nagelneuer Neunsitzer angeschafft, mit dem nun relativ bequem am 30.08.1994 nach Bern gefahren wurde. Durch stetige Fahrerwechsel kam man flott voran und wer nicht gerade am Steuer saß, konnte die Zeit anderweitig nutzen: Günter aktualisierte seine Statistik der Anzahl an Berlinern, die er mittlerweile der Geschäftsstelle vermacht hat. Lothar übte verschiedene Tonlagen, um seinen Schreck noch schreck….äh schöner durch das Stadion schallen zu lassen und Detlev bastelte an Ideen für den Fanshop und verwaltete die Reisekasse. 

Der nächst Vormittag, wieder im noblen Hotel Savoy. Tag der Auslosung. Geschlafen wurde aus Kostengründen im Neunsitzer, drei Zimmer im Savoy saßen finanziell nicht drin. Ritualisiert begann Cash Moneypenny mit der Auslosung, bevor es zu einem Eklat kam: Losfee heute war „Erwin“. Als unsere drei Essener Jungs das Gelsenkirchener Maskottchen an der Lostrommel stehen sahen, machten sie auf der Stelle kehrt und ließen das Gremium und die UEFA wissen, dass der Gegner dieser ersten Runde nur unter Protest angenommen wird.

Ungefähr eine Stunde später sollte der draußen wartenden RWE Delegation der Erstrundengegner des nun wirklich richtigen Europapokal der Pokalsieger mitgeteilt werden: Der Deutsche Austauschschüler und Praktikant der UEFA, Uwe H. wurde angewiesen, die Essener wieder hineinzubitten. Zudem hatte er sich im Namen der UEFA dafür zu entschuldigen, mit der Wahl von „Erwin“ als Losfee die Gefühle der Essener verletzt zu haben. Das empfand Uwe H. als eine solche Erniedrigung, so dass er sich schwor, eines Tages selbst bei RWE zu arbeiten, um den Bergeborbeckern dann als Akt der Rache von innen heraus zu schaden. 

Wie dem auch sei: Der Gegner stand fest, stammt aus Finnland und heißt Helsingin jalkapalloklubi. Kurz: HJK Helsinki. Mehr Europapokal geht nicht, dachte Detlev, während Lothar stumm auf seiner Knifte kaute und dabei sinnierte, was „Schreck vom Niederrhein“ wohl auf finnisch bedeuten könnte. Günter hingegen machte Nägel mit Köpfen, holte die Berliner aus seinem Aktenkoffer und begab sich damit zu der Delegation des HJK. Irgendwann will man ja auch die Dinge geklärt wissen und zurück nach Hause. Schließlich gilt es wie immer dem Training beizuwohnen. Schon nach den ersten Minuten der Unterredung stellte man fest, dass man einander sehr sympathisch fand und es wurde gar euphorisch, als beide Delegationen entdeckten, dass ihre Vereine im Jahre des Fußballgottes 1907 gegründet wurden. Bevor man sich nun in launiger Atmosphäre ganz in den Geschicken seit 1907 verlor, einigte man sich noch auf die Austragungstermine. 

Diesmal hatte der RWE zuerst Heimrecht. Und Recht auf volles Heim. Die UEFA hatte eingesehen, dass an der Hafenstraße nur sympathische Fans unterwegs sind und wollte aus möglichen Problemen nun keinen Löwen machen. Zudem waren aus Helsinki nicht unbedingt viele Fans zu erwarte. Somit war das Georg-Melches Stadion an diesem lauen Herbstabend des 13.09.1994 pickepackevoll, die Stimmung ziemlich toll. Was folgte war ein beinhartes Kampfspiel, welches die Kicker aus Helsinki den Ballzauberern aus Essen auferlegten. Leider ließ sich Jürgen Wegmann davon beeinflussen, so dass er einen gegnerischen Spieler mit dem wilden Ruf „Ich Kobra, Du Lappe“ rücksichtslos von hinten zu Fall brachte. Der RWE danach nur noch zu zehnt auf dem Platz. Dumm gelaufen. Durch die nimmermüde Unterstützung von den Rängen biss sich die dezimierte Mannschaft aber durch die neunzig Minuten und kam mit zwei Toren in der Nachspielzeit noch zu einem nicht erwarteten Heimsieg. RWE Tore in Nachspielzeit, das klingt natürlich unglaubwürdig. Aber so war es: Robert Ratkowski zum 1:0 in der 90.+2, und Dirk Helmig mit einem Distanzschuss zum 2:0 Endstand in der 90.+4. Minute!

Mehr als zwei Wochen später hieß es dann „Alle nach Helsinki“: Es waren fast 2.000 Fans des RWE, die dem Aufruf folgten und auf vielen Wegen am 29.09.1994 die Reise nach Finnland antraten. Die 1550 gegründete Stadt Helsinki mit ihren 635.181 Einwohnern ist natürlich keine reine Fußballstadt wie Essen zum Beispiel. Aber eine an Kultur und Natur reiche Schönheit, die manch Fan verzaubern konnte. Abends ging es dann aber von den Sehenswürdigkeiten weg in das eigentliche Ziel der Reise, das 1915 eröffnete Tölen Pallokenttä Stadion hinein. Recht weitläufiges, nach oben hin offenes Stadion, aber mit viel Charme. Das Spiel als solches weniger charmant, ging das wilde Getrete  aus dem Hinspiel direkt weiter. Man fühlte sich an das siebte Spiel einer Play Off Serie im Eishockey erinnert. Rolf Töpperwien unterlegte seinen Sport-Reportagen Bericht zum Spiel unter anderem mit dem Satz: „Eine unfaire Art der HJK Spieler, wie ich sie in 23 Berufsjahren außer im Parkstadion noch nie erlebt habe“. Sampo Kotiranta war es schließlich, der in der 53. Minute zum doch verdienten 1:0 des HJK traf. Lange Zeit danach sah es so aus, als würde der RWE hier nun untergehen, aber die Rot-Weissen konnten sich mit Mut und einem überragenden Zoran Zeljko im Tor aus dem finnischen Aufguss befreien und (erneut vor Schluß) ausgleichen. Oliver Grein machte ihn aus kurzer Distanz rein. Da griente der Grein. Fein. Abpfiff. Der RWE in Runde Zwei des Europapokal der Pokalsieger. Als Drittligist. Dem DFB war das in seinen Publikationen und Veröffentlichungen immer noch keine Notiz wert. Den RWE Fans in diesem Moment aber egal, sie feierten ihre Mannschaft und purzelten vor Freude in ihrem Block umher. Es wurde eine launige (lange) Rückfahrt und kostete nicht wenige Fans noch in den Folgemonaten Dispo Zinsen, da das Bier in Finnland fast unbezahlbar ist. 

Da unsere Freunde Lothar, Günter und Detlev natürlich auch in Helsinki vor Ort waren, ging es für sie diesmal nur kurz zurück nach Essen. Das „Trio Berniale“: Eben noch Fan, und am nächsten Tag schon wieder kommissarischer Funktionär. Man ahnt es, die Drei mussten wieder nach Bern. Die nächste Auslosung stand an, diesmal sehr zeitnah. Durch den sportlichen Erfolg stiegen auch die Einnahmen aus dem Europapokal und dem Europapokalfunktionsteam wurden weiter Erleichterungen zuteil: Für den Neunsitzer gab es nun eine Kühlbox und endlich durfte auch im Berner Savoy selbst übernachtet werden. Am Vormittag des 2.10.1994 erklärte Cash Moneypenny gewohnt hochnäsig die Auslosung für eröffnet und wies Lottofee Vicky Leandros an, die Mannschaften zu ziehen. Mittlerweile hatte ein jeder so seine Wünsche, wo es in der nächsten Runde hingehen sollte: Detlev wollte gegen die Grasshoppers aus Zürich spielen, schließlich kennt man den Weg in die Schweiz schon in- und auswendig. Günter würde gerne gegen Feyenoord Rotterdam gelost werden, weil nicht so weit weg von Frau und Zuhause. Lothar würde gerne gegen Sampdoria Genua spielen, da man ihm von der einzigartigen Akustik im Stadio Luigi Ferraris berichtet hat. So hingen unsere drei Helden im Auditorium sitzend ihren Zweitrundenträumen nach und bekamen fast nicht mit, als das Zettelchen mit dem Namen Rot-Weiss Essen hochgehalten wurde. Aber nur fast, denn reflexartig war die Aufmerksamkeit wieder da und steigerte sich noch, als dem RWE der Name Association de la Jeunesse Auxerroise zugelost wurde. Halleluja, es geht nach Frankreich in das schöne Burgund. 

Die drei verabschiedeten sich recht schnell von ihren Wunschgegnern und setzten sich mit der Delegation aus Auxerre zusammen. Zuerst jedoch wurde der Punkt mit den Gastgeschenken abgehakt: Der RWE bringt einige Kisten Stauder mit nach Auxerre und der AJ einige Kartons Chablis Grand Cru Les Preuses. So spielen beide nicht nur gegeneinander, sondern lernen auch Spezialitäten aus der Region kennen. dabei beließen es die Delegationen an diesem Abend in Bern aber und einigten sich flott auf die Ansetzungen: Das Hinspiel findet am 20.10.1994 an der Hafenstraße in Essen statt. Das Rückspiel dann am 3.11.1994 im Stade de l’Abbé-Deschamps der 34.000 Einwohner Stadt Auxerre. Recht schweigsam die Rückfahrt nach Essen, denn im Tagesgeschäft, der Regionalliga West/Südwest, lief es nicht so wie gewünscht. Vielleicht ist die Doppelbelastung Europapokal und Liga für die neuformierte Essener Mannschaft etwas zu viel des Guten. Aber, es ist wie es ist und Essener geben niemals auf. Also wurde die Planung Auxerre mittlerweile gewohnt routiniert in Angriff genommen. 

Die Franzosen brachten wie verabredet den guten Burgunder mit an die abermals ausverkaufte Hafenstraße mit. Leider aber auch einen verdammt guten Abend auf dem Feld, was sich in einer 2:0 Halbzeitführung zeigte. Die Wände der Heimkabine müssen gewackelt haben und der Trainer die Mannschaft definitiv erreicht, denn Christian Schreier und Christian Dondera trafen noch zum glücklichen Ausgleich. Aufgrund der Auswärtstorregel ein klarer Vorteil für die AJ Auxerre. Trotzdem wurden die Rot-Weissen Kicker einmal mehr mit Applaus verabschiedet. Ohne viel Hoffnung fuhr der RWE Tross mit 2.500 Fans im Schlepptau gen Auxerre. Und diese Hoffnungslosigkeit spiegelte sich dann an einem tristen Abend Anfang November auf dem Feld wieder: Unser RWE unterlag der AJ Auxerre mit 0:2. Irgendwie alles Scheisse an diesem Abend: Das Wetter, die eigene Leistung, die Unterstützung. Es hat halt nicht sein sollen. Traurig trottete die Mannschaft in die Kabine; etwas sprachlos blieben die Fans in ihrem burgundischen Block zurück. Doch nach einigen Minuten begriffen Fans und Mannschaft, was sie in den letzten Wochen und Monaten geleistet haben und hatten sich noch einmal am Zaun lieb. Es hallten trotzige Gesänge eines Drittligisten in den französischen Himmel, dann war sie vorbei für Rot-Weiss Essen, die Zeit im Europapokal der Pokalsieger 1994/195. 

Schön war’s in Europa. Nur der RWE!

Pokalfinale 1994! Von Freilos bis Berlin.

Rot-Weiss Essen stand am 15. März 1994 um 13.04 Uhr endgültig als frischgebackener lizenzloser Zwangsabsteiger fest. Dieses teilte das ständige, natürlich neutrale Schiedsgericht des Deutschen Fußballbundes dem Anwalt des RWE, Dr. Reinhard Rauball (Seit April 2019 erneut kommissarischer (Mit-)Präsident des Deutschen Fußballbund) mit. Zwar wurde die Lizenz schon im November 1993 entzogen, aber die Hoffnung und Einspruchsfristen sterben bekanntlich zuletzt. Die verbleibenden Spiele bis Saisonende wurden in Gänze für den jeweiligen Gegner gewertet. Weiterhin wurde Rot-Weiss Essen kompromisslos an das Tabellenende und die ganzen, schon erspielten Punkte auf Null gesetzt. Jeder Verkehrssünder würde weinen vor Freude, an der Hafenstraße aber flossen einmal mehr Tränen der Verzweiflung, der Wut und Trauer. Besonders bitter, hatte doch der RWE in diesen Jahren eine richtig gute Mannschaft zusammen. Ein Team im eigentlichen Sinne zudem!

Als Baumeister kann getrost ihr Trainer Jürgen Röber bezeichnet werden; zudem mein persönlicher Lieblingstrainer bei RWE. Jürgen Röber hat neben Fachkompetenz auch eine ziemlich mitreissende, begeisternde Art; beherrschte scheinbar Teambuilding. Sympathisch obendrein. Leider bat Jürgen Röber einen Monat später am 13. Dezember um seine Vertragsauflösung. Gerüchten zufolge wollte er die Hafenstraße und seine Mannschaft eigentlich nicht im Stich lassen, wohl wissend, welche Truppe er beisammen hatte. Vielmehr erhoffte er sich, so dass Gerücht weiter, durch eine eventuell anfallende Trainerablöse doch noch dem Verein die Lizenz erhalten zu können. Soweit die Gerüchteküche. Ist auch nur ein Fünkchen Wahrheit an diesem Gerücht dran, so bestätigt es den Eindruck, den ich aus der Ferne von Jürgen Röber als Mensch habe. Dass er allerdings schon am 15. Dezember für eine neues Engagement beim VfB Stuttgart unterschrieb, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Der damalige Vorsitzende des DFB-Ligaausschusses Gerhard Mayer-Vorfelder hatte sich in seiner Eigenschaft als Präsident des VfB kurz zuvor von seinem Meistertrainer Christoph Daum (Die Älteren unter uns werden diesen Trainer noch kennen) getrennt und stand ohne Mann an der Seitenlinie da. Zur richtigen Zeit in der richtigen Verhandlung also. 

Zurück aber zu den harten Fakten des endgültigen Aus aus dem März 1994: Netterweise durfte der RWE aber das mittlerweile erreichte DFB Pokalfinale in Berlin gegen den SV Werder Bremen spielen. Im Falle eines Pokalsieges hätte der Verein dann auch als drittklassiger Regionalligist im Europapokal der Pokalsieger antreten dürfen. Man hätte auch die Erlöse aus dem Husarenritt Pokal einbehalten können und damit die Strafe finanziell begleichen können. Hätte, hätte…. Pokalfinale als lizenzloser Zweitligist mit toller Mannschaft also erreicht. Doch wie kam es dazu? 

Zunächst einmal mit einem Freilos. Wie auch für 11 Erstligisten, 12 weitere Zweitligisten und 28 Amateurvereine. Freilose sind eine tolle Sache: Kein Stress, kein Pokalaus, kein anderes Bier. Einfach lässig Weiterkommen. In der zweiten Runde, noch als lizensierter Zweitligist, ging es am Mittwoch, 25. August 1993 nach Bocholt an den Hünting. Der 1.FC Bocholt war ein ziemlich schwerer Brocken bei seiner bis heute vorerst letzten Teilnahme am DFB Pokal und verlangte den Rot-Weissen alles ab: Mit 3:2 konnte sich der RWE in die dritte Hauptrunde retten. Diese bescherte ein Heimspiel gegen den Ligarivalen FC St. Pauli. Ausgetragen wurde das Spiel am 10. September 1993. Und das Flutlicht leuchtete noch so schön bei Abpfiff, denn das Pokalspiel ging über 120 Minuten. Endergebnis wieder 3:2 für den RWE. Erste Euphorie machte sich breit. 

Die nächste Runde war offiziell keine Runde mehr, sondern schon ein Finale: Das Achtelfinale stand an und bescherte einen Gegner aus der direkten Nachbarschaft: Der MSV Duisburg gab sich am Mittwoch, 27. Oktober 1993 um 20.00 Uhr die Ehre und mit ihm eine picke-packe volle Gästetribüne. Das Flutlicht beleuchtete an diesem Tage schon weit vor Anpfiff das herbstliche Georg-Melches Stadion. Wieder fielen viele Tore, wieder traf der Gegner zweimal. Doch der RWE traf an jenem Mittwoch Abend gleich vier Mal in einem packenden Pokalspiel in des Gegners Tor. Faszination und Mythos Hafenstraße lebten dieser Tage so intensiv wie nie. Auch deshalb war der dann bald folgende Lizenzentzug ein Stich in das Herz all derer, die es mit dem Verein hielten. Auch heute noch wird dieser Lizenzentzug als der tragischste erlebt und seine Konsequenz als unverhältnismässig. Sogar Landesvater Johannes Rau hatte eine Bittschrift an den DFB mit unterschrieben.

In der Liga also nunmehr ohne sportlichen Antrieb (höchstens noch mit dem allerletzten Fünkchen Resthoffnung namens Einspruch), fokussierte sich bei RWE nun alles auf das Viertelfinale im Pokal: Die Lizenzlosen hatten am Dienstag, 30.11.1993 um 17:30 Uhr im Schneetreiben bei Carl Zeiss Jena anzutreten. 5240 Fans waren im Wintersportparadies Ernst-Abbe-Sportfeld zu Gast. Trainer auf Seiten der Jenaer der Mann mit der spitzen Zunge, Hans Meyer. Gehen Sie davon aus, dass ihn dieses Spiel viele Nerven gekostet haben dürfte. Nach regulärer Spielzeit stand es Null zu Null, und das Elfmeterschiessen stand an. Aber diese unsere Mannschaft meisterte auch diese Prüfung! Beim Stande von 6:5 für den RWE hielt Frank Kurth den Elfmeter eines später nicht ganz unbekannten Bernd Schneider. Der Rest war Jubel und Halbfinale. Der Rest war aber auch das letzte Pokalspiel für Jürgen Röber als Trainer von Rot-Weiss Essen, da das Halbfinale erst im März 1994 ausgetragen werden sollte. 

Halbfinale. Dienstag 08. März 1994 um 20:15 Uhr. Der Gegner an der Hafenstraße wieder ein Zweitligist. Tennis Borussia Berlin hieß der Kontrahent. Übrigens in der späteren Abschlusstabelle ebenfalls als Absteiger auf Platz 17gelistet. Allerdings sportlich, was sich in diesen Tagen fast noch besser anfühlen durfte. Hier also auch der Pokal das Pflaster für die Seele. Wenige Fans begleitete TeBe an die Hafenstraße, die Osttribüne daher auch fast komplett in heimischer Hand. Auf der Essener Bank der viel zu früh verstorbene Wolfgang Frank anstelle des Neuschwaben Jürgen Röber. Und auch die verlustige Westkurve wurde mittels Stahlrohrtribünen wieder temporär errichtet, um das Fassungsvermögen zu erhöhen. Die Emotionen kochten unter dem Eindruck der letzten Wochen und Monate über, so wurden die eigenen Helden nicht nur angefeuert, sondern immer wieder lautstark die Meinung über den DFB und seine zu harte Entscheidung kundgetan. Hier und heute reichten zwei Tore um das Endergebnis zu ermitteln: Mit 2:0 gestaltete der RWE dieses Halbfinale erfolgreich gegen violette Berliner, um zu einem weiteren und finalen Pokalspiel in deren Stadt fahren zu dürfen. Trotziger Stolz nach Abpfiff. Feiern mit Würde und immer noch Tränen der Wut. 

Einen Tag später konnte Werder Bremen unter Otto Rehhagel auswärts bei Dynamo Dresden ebenfalls mit 2:0 gewinnen und so stand die Finalpaarung fest: Rot-Weiss Lizenzlos Essen traf auf den SV Werder Bremen. Viele Essener machten sich am 14. Mai 1994 auf den Weg gen Berlin. Vielleicht auch schon einen oder mehrere Tage früher. 15.000 Karten gab es wie immer offiziell für jeden Verein. Euphorische sprachen von 35.000 Rot-Weissen, sachliche von 20.000 und nüchterne von 15.000. Und doch gehörten die Sympathien im Stadion zumeist dem RWE. Der neutrale Zuschauer hält halt immer irgendwie zum „Underdog“ und auch die  Bremer Fans zeigten sich solidarisch gegen den DFB, feierte es sich doch so schön zusammen. Der DFB selbst hingegen zeigte sich in seiner Großmut eher wie die SED bei einem Aufmarsch und ließ alle regimekritischen Plakate und Banner entfernen. Die Stimmen waren allerdings gut geölt und so lederte es sich lautstark von den Rängen immer wieder gegen die Granden der Führungsspitze. Auch eine Autobesatzung aus Nordhorn war in Berlin und verbrachte die Nacht nach dem Spiel in selbigem. Keimzelle der kleinen Reisegruppe der Heideweg in Nordhorn, wo am Rande eines Eintracht Spiels die Fahrt beschlossen wurde. Ich zog seinerzeit das heimische Empfangsgerät vor. 

Rot-Weiss Essen bot einen packenden Pokalfight, verlangte Otto Rehhagel und seinen Spielern alles ab. Werder in der ersten Halbzeit 2:0 in Führung gegangen, konnte sich seiner nie sicher sein und musste in der 50. Minute den Anschlusstreffer hinnehmen. Bis zur 88. Minute hofften alle RWE Fans auf den Ausgleich und eine mögliche Sensation, ehe ein Handelfmeter alle Hoffnungen zerstörten. Pokalsieger also der SV Werder Bremen. Moralischer Sieger aber in allen Belangen Rot-Weiss Essen! Sowohl auf dem Platz, wie auch auf den Rängen und tags drauf auf dem Kennedy Platz in Essen. Die Lizenz verloren, aber nie aufgegeben. Den Stolz behalten und Ehre gewonnen. Was eine Mannschaft in dieser Saison.  

Bürgermeister vonne Hafenstraße!

Guckt man sich auf Transfermarkt.de die Zu- und Abgänge der letzten Jahre bei uns aller RWE an, so wird einem leicht schwindelig: Zu viele Namen, zu viele Unbekannte. Keine bleibenden Größen.  Alles ganz tolle Fußballer, aber sie kamen und gingen zu oft. So konnte keine Aufstiegsmannschaft wachsen. Vielleicht sind gerade diese vielen Spieler der Grund dafür, hier einige Zeilen zu einem Spieler zu schreiben, der uns verlassen muss. Auch wenn dieser Fakt schon einige Tage zurückliegt und ich beileibe nicht der einzige bin, der Timo Brauer zum Abschied Zeilen widmet, zeigt umso mehr seine Bedeutung für den Verein. Eben keiner dieser Unbekannten.  Ab dafür:

Er war einfach nicht in der Verlosung, kam wohl auf kaum einem (Fan-)Wunschzettel in punkto Abgänge vor! Wurde bisweilen aufgrund seines Könnens (gepaart mit viel Talent) kritisch beäugt; spielte sich zuletzt leider nicht mehr so oft in den Vordergrund. Die Erwartungshaltung bei ihm wohl höher als bei manch Mannschaftskameraden. Zudem hatte wohl kaum einer die Vertragsdauer so richtig im Kopf, erwischte uns Fans die persönliche Mitteilung von Timo Brauer doch kalt und ungedehnt: Auf seiner privaten Seite eines sozialen Netzwerks teilte Timo Brauer mit, dass sein auslaufender Vertrag nicht verlängert wird und er den RWE somit verlassen muss. Das galt es erst einmal sacken zu lassen, machte spontan genau so traurig, wie sich Timo Brauer auch fühlen musste, seinen Worten nach zu urteilen. Im Anschluss daran habe ich noch nicht viel gelesen, aber was ich las, überraschte mich dann doch: Ja, der kommende Abgang von Timo Brauer stimmt mich sehr traurig, denn er ist für uns Fans als Spieler von Rot-Weiss Essen von ganz emotionaler Bedeutung! Zudem auch (fühlt sich so an, ohne ihn persönlich zu kennen) ein töfter Kerl. Derjenige, der das Gesicht der wilden NRW Truppe war, die Meisterschale in die Luft gestemmt und die Humba mit angestimmt hat. Ein Essener von nebenan. 1907% RWE.

Aber, überraschenderweise traf diese Entscheidung des Vereins auf sportlicher Ebene auch auf Verständnis. Timo Brauer ist 2016 mit viel Vorschusslorbeeren zurück an die Hafenstraße gekommen; ein Coup auch von Michael Welling, dem es scheinbar viele Tassen Kaffee gekostet hatte, bis alles unter Dach und Fach war. Eine klasse Mitteilung seinerzeit, die Hoffnung schürte. Dann der Auftakt am 31.07.2016 in Wiedenbrück mit dem Tor zum 0:2 in der 66. Minute durch den Rückkehrer, welcher direkt weiter in den Rot-Weissen Feierblock springen wollte….wie gemalt! Aber dann zogen Spiele und Saisons in das Land und unsere Roten kamen gefühlt nicht von der Stelle. Zwar blieb Timo Brauer stets ein unumstrittener Spieler der Hafenstraße, doch konnte er vielleicht nicht die Akzente setzen, die sportlich von ihm erwartet wurden. Das hat  für mich weniger mit Hoch3 zu tun, als mit der jeweiligen Mannschaft. Zu viele Indianer, kaum ein Häuptling darunter. Zu viele Übungsleiter, zu wenig was auch immer! Unser Verein hat nun einen schwierigen Spagat zu bewältigen um einerseits endlich dem sportlichen Anspruch gerecht zu werden, andererseits dadurch bedingt aber auch unpopuläre Entscheidungen treffen zu müssen.

Die Entscheidung,  Timo Brauer gehen zu lassen, ist keiner der handelnden Personen leicht gefallen (Ich hätte ganz andere Spieler auf meinem Zettel notiert!) und setzt den Verein umso mehr in Zugzwang, Spieler zu verpflichten, die dann das gewisse Mehr an Qualität mitbringen. Und es werden weitere Personalentscheidungen folgen, die wir Fans als unpopulär erachten. Vielleicht aber auch begrüßen. Das wird sich dann zeigen. Jetzt aber möchte ich mich einfach und von ganzem Herzen bei Timo Brauer für seine Jahre und Verdienste an der Hafenstraße bedanken. „Aufgestiegen aus Ruinen“: Der wohl schönste Titel, den ein Fußballer jemals erreichen kann, Sie haben ihn! Der Fußballer Timo Brauer muss gehen. Der Mensch Timo Brauer aber wird bleiben, hat Vertrag auf Lebenszeit. Glück auf!