Kabinenpredigt.
Man kann es sich gar nicht vorstellen, was es für die Angehörigen bedeutet, wenn sich ein Familienmitglied hoffnungsfroh zum Spiel der eigenen Mannschaft verabschiedet und niemals wieder nach Hause kommt. So geschehen vergangenen Samstag beim Spiel des Halleschen FC gegen den 1.FC Saarbrücken. Ein Fan des HFC musste schon während des Spiels notärztlich versorgt werden, um dann tragischerweise im Krankenhaus zu versterben. Mein Beileid gilt allen Angehörigen und Freunden, die für die nächste Zeit viel Kraft brauchen. Das Spiel ist also weiterhin einfach nur eine der schönsten Nebensache der Welt und sollte auch als solche verstanden werden.
Leider wird aber aktuell von Woche zu Woche immer öfter Krieg in den Stadien gespielt, fallen die Hemmungen des Umgangs miteinander, werden inhaltlich rote Linien überschritten. Wo also soll das hinführen, wird der nächste tragische Todesfall in oder rund um ein Stadion nicht mehr ausschließlich gesundheitliche Probleme als Grund haben, so wie leider in Halle geschehen, sondern das Opfer einer Gewalttat sein? Es gab vergangenes Wochenende nicht nur Schwerverletzte. Es gab viele Verletzte. Viel zu viele Verletzte. Es folgten die üblichen Schuldzuweisungen. Eine faire, unabhängige Aufarbeitung wird es sicherlich beispielsweise in Frankfurt niemals geben.
Der Gewalttäter von Dortmund seinerseits einfach kein Fan, sondern schlicht ein brutaler Schläger mit Tötungsabsicht. Die Geschmacklosigkeiten in Rostock auch schon lange keine Folge üblicher Rivalitäten mehr. Dazwischen immer wieder Einsatzkräfte der Polizei, die mit dem Reizgas herumwedeln, als würde man mit Febreze versuchen, unangenehme Gerüche aus dem eigenen Wohnzimmer zu verbannen. Ich darf hier nochmal an das Niederrheinpokalfinale RWO – RWE erinnern, als vor den Blöcken der RWE-Fans stehend einfach mal in die friedliche Menge gesprüht wurde. Alte, Junge, Frauen, Kinder….egal, alle sollten ihr eigenes Wölkchen abbekommen. Und warum? Einfach nur so! Die Sprühdose sitzt einigen Einsatzkräften mittlerweile lockerer im Holster als Billy the Kid seinerzeit der Colt.
Hier unterstütze ich ganz klar das Plädoyer, Reizgas als Mittel der Wahl auszusetzen. Es trifft immer die Unschuldigen. Es dient nicht der Deeskalation, sondern schafft höchstens irgendwann eine Massenpanik, die dann ganz tragisch zu Enden droht. Und auf der anderen Seite: Kann man überhaupt noch Fans erreichen, die wie die Braunschweiger in Hanover ganze Sitzreihen herausreißen? was soll das denn für eine Fankultur darstellen? Dass ist einfach nur brutale Zerstörungswut. Wo steuern wir also hin? Richtung totale Eskalation untereinander, oder möchte die Polizei schon mal für die EM 2024 zeigen, wer am längeren Sprühhebel sitzt?
Leider hat die Polizei ja schon längst den Sprech unterlegener Politiker nach Wahlen übernommen: Schuld sind immer die anderen, wenn es mal nicht wie gewünscht läuft. Hört auf, Fans bisweilen wie Vieh zu behandeln, welches in engen Gattern auf die Weide getrieben werden muss. Fahrt mal runter anstatt nur rauf. Für die Gewerkschaft der Polizei ist doch mittlerweile jeder friedliche Träger eines Fanschals ein potentieller Fußballgewalttäter. Nee, sind wir nicht. Wir haben Rechte! Ganz einfach. Wenn Ihr Euch auch unbedingt wemsen wollt, dann macht es wie die „Profis“ und verabredet Euch mit denen auf Acker.
Einmal abgesehen davon, dass die EM 2024 einfach kein zweites Sommermärchen werden wird, nur weil es die Medien und der DFB gerne so hätten. Die WM 2006 war ein Fest. Und das sollte man als solches in schönster Erinnerung behalten und nicht versuchen, auf Teufel komm raus zu kopieren. Ich kann mich da übrigens an keinen so martialischen Auftritt der Polizei erinnern, wie es aktuell in den oberen Ligen immer öfter der Fall ist. Aber auch wir Fans müssen uns bisweilen mal wieder daran erinnern, dass es das Spiel ist, weshalb wir ins Stadion gehen. Es ist doch mittlerweile alles so absehbar geworden auf den Tribünen, was passiert, wenn auch nur ansatzweise Spiele mit regionaler oder historischer Brisanz anstehen. Die einen tragen Sturmhaube und schießen schon mal mit Leuchtspurmunition in Gästeblöcke, die anderen benehmen sich wie Sturmtruppen mit Sprühdose.
Aber dazwischen sind doch immer noch wir. Die den Verein erstaunlicherweise einfach nur unterstützen wollen, dabei gerne den Lauten machen. Pöbeln und beleidigen. Fluchen und jubeln. Im Überschwang Dinge machen, die man sonst vielleicht nicht machen würde. Aber all das ohne den Hintergedanken einer Gewalttat. Das nennt sich dann in Summe Emotionen. Dafür steht unser geliebter Sport. Für alles andere, was gerade viel zu oft drumherum passiert, dafür steht er nicht. Stand er niemals. Bei den Verbänden habe ich leider aufgegeben: Egal ob DFB, UEFA und vor allem FIFA: Was zählt ist die Gier nach Geld. Aber auf Fan- und sogar auf Polizeiseite habe ich immer noch ein ganz bisschen Hoffnung, dass man zur normalen und durchaus herzlich berechtigten Abneigung zurückkehren kann. Aber dafür bedarf es erstmal der Einsicht. Ansonsten wird es immer weiter eskalieren. Und dann sind wirklich nicht immer nur die Fans die Bösen.