Blattgold & Schattenwurf #211
Wir schreiben die Jahreszeit, die so nur der Fußball zu bieten hat: Der März und April sind die Monate der Vertragsverhandlungen, kurz „ModeVe“. Da entscheidet sich zumeist der Kader der Folgesaison, da werden die Beine schon mal schwerer, da der Kopf belastet, oder es spielt sich noch engagierter, da um eine Vertragsverlängerung kämpfend. Viele Komponenten spielen da in eine Mannschaft hinein und ich persönlich empfinde diesen Zeitraum immer als äußerst anstrengend.
Da ist zum einen die Angst, ob der Lieblingsspieler auch weiterhin in den schönsten aller Trikots auflaufen wird, oder ob mal wieder das System Profifußball greift und uns den einen oder anderen lässig grinsend aus der Portokasse abkauft. Aber vor allem: Kann die Mannschaft intern die Spannung hochhalten und bis zum letzten Pfiff der Saison alles geben. Glücklicherweise habe ich daran spätestens keinen Zweifel mehr, seitdem die Tinte unter dem Vertrag von Christoph Dabrowski trocken ist. Als „Bleibender“ und selbsternannter Ehrgeizling wird er schon dafür sorgen, dass da alle weiter in der Spur bleiben, egal wie sich die eigene Zukunft nach Saisonende dann auch gestalten wird. Es gibt schließlich noch genug zu erreichen in dieser sportlich so wilden 3. Liga. Abgesehen davon findet der Hoffende selbst in der Sackgasse immer noch einen Weg.
Sportlich ruht bei uns nach den vergangenen Spielen und ihren etwas ernüchternden Ergebnissen ein wenig der See, während in Ulm und Münster, aber vor allem seit gestern, in Saarbrücken das Wasser selbst die Berge hochläuft. Wenn nun beide erstgenannten sportlich hochgehen sollten, dann bin ich vor allem im Falle der heiligen Preußen überhaupt nicht zerknirscht, sondern freue mich schon darauf, wenn man sich zwischen Osnabrück oder Bielefeld als Heimspielstätte entscheiden muss. Denn sollte die aktuelle Kabachel an der Hammer Straße als Zweitligatauglich eingestuft werden, würde mich das mehr verwundern als so viele VAR-Entscheidungen. Schließlich muss erst der Schattenwurf umgebaut werden. Und dann sind ab der zweiten Bundesliga ja mittlerweile unter anderem Sitze mit Massagefunktion, Fußbodenheizung im Stehplatzbereich und mit Blattgold ausgelegte Vorsängerpodeste Pflicht. Irre das alles.
Apropos Vorsänger: Der DFB wird in der Sommerpause alle Vorsänger mit Megafon zu einem Kommunikationsseminar einladen, in der Hoffnung, nach derben Niederlagen eine andere Form der berechtigten Kritik auszuarbeiten, anstatt die eigene Mannschaft öffentlich wie kleine Schulbuben anno 1950er Jahre in den Senkel zu stellen. Eine andere Modeform in manch Stadien haben „Stadionsprecher“ an den Mikrofonen schon selbst installiert, indem der Name des eigenen Torwartes nach einer Glanztat hemmungslos ins Stadioneckige gebrüllt wird. Einmal mehr eine Sache, die mich so an RWE erfreut: Unser Walter macht diesen Nonsens erst gar nicht mit. Bei den gezeigten Leistungen von Jakob Golz käme er bei manchen Spielen auch gar nicht mehr aus dem Schreien heraus und somit heiser nach Hause. Und abgesehen davon bleiben Glanztaten auf dem Feld dann ja völlig unerwähnt. Nee ne, diese Unsitte lassen wir in Essen bitte mal schön bleiben.
Schreien mochten wir aber vergangenes Wochenende ob der gezeigten Schiedsrichterleistung in Verl umso mehr. Das war schon eine schräge Nummer und hat wohl den ersten Dreier in Verl seit Menschengedenken gekostet. Aber auch mit VAR kann man sich trotzdem niemals sicher sein, dafür muss man nur mal einen Blick in die Premier League werfen und bei den „Reds“ nachfragen.