Von der Ruhr bis an die Elbe
Es war kurz nach der sechszigsten Minute, unser RWE lag bereits aussichtslos und ohne jede Aussicht auf Ergebniskorrektur mit 0:3 zurück. Zu sehr unter Normalform die unseren und zu fokussiert auf die wohl allerletzte Aufstiegschance der Gegner aus Saarbrücken. Die vielen Fans des 1.FCS frönten lautstark ihren gewohnt melodischen Gesängen, man sieht sich ja schließlich in der Tradition französischer Chansoniers und aus den Boxen wurde eine der wenigen Ecken mit Ton untermalt, beziehungsweise auf der Anzeigentafel präsentiert. Es gab also genug auf die Ohren, als sich plötzlich und bei dem Spielstand fast unerwartet unser gesungenes Heiligtum „Von der Ruhr bis an die Elbe“ von Tribüne zu Tribüne fortpflanzte. Nicht so laut wie bei eigener Führung. Nicht so lange und intensiv wie bei eigener Führung. Aber laut und lange genug, um für einen kurzen Moment zu erfahren: Auf den Tribünen ist heute fast keiner stinksauer auf die Mannschaft trotz der gezeigten Leistung.
Es war natürlich kein Lobgesang auf die vergangenen Spielminuten, denn an diesem Samstag war sehr schnell zu erkennen, dass diesmal für die Roten nichts geht. Das hatte ich schon morgens als Küchenpsychologe vor der Abfahrt mit „wird so kommen, ist aber nicht schlimm“ kundgetan und wurde spätestens mit der verlorenen Platzwahl manifestiert. Dieses kurze „immer wieder“ nun war die Anerkennung für die letzten Wochen, für all die erfolgreiche Maloche, für den gemeinsamen Weg als Einheit auf und neben dem Platz. Die Hafenstraße hatte einmal mehr ihr Feingefühl, dieses besondere Gespür für die Situation gezeigt. Das war nicht immer so, zwischendurch ist es uns schon mal abhandengekommen, sei es nach der x-ten Saison in der Schweineliga aka Regionalliga oder auch im ersten Jahr in der 3. Liga. Aktuell wirken Mannschaft und Tribünen hingegen sehr ausbalanciert. Das schafft man natürlich zuallererst mit Punkten, vor allem aber auch mit Hingabe. Über die Hingabe der Fans von Rot-Weiss Essen ist bereits so oft geschrieben worden, das ist Leidenschaft pur die bisweilen Leiden schafft. Kennen so sonst wohl nur die Anhänger der TSG Hoffenheim Zwo.
Und das ist Hingabe der Mannschaft auf dem Platz. Da blieb uns großes Leiden in den vergangenen erfolgreichen Spielen glücklicherweise und verdient erspart, wodurch wir diese Niederlage gegen den 1.FC Saarbrücken relativ entspannt und fast erwartbar hinzunehmen wussten. Es war ja auch nicht der jährliche und traditionell ärgerliche Lapsus in Verl oder bei Viktoria Köln. Es war eher dieses eine Spiel, bei dem man einfach nicht mehr auf der körperlichen und geistigen Höhe ist, da man zuvor schon viele Spiele auf dem Gipfel der Konzentration absolviert hatte. Musste ja auch, laut Tabellenkonstellation. Es war also noch nichts mit diesem einen Punkt, der auch faktisch und allen Rechenspielen standhaltend den sicheren Klassenerhalt bedeutete. Und als man es geahnt hätte, konnten natürlich auch einen Tag später der Waldhof und die Zwote des VfB nicht dafür sorgen, dass man den Klassenerhalt wenigstens auf dem Sofa hängend abhaken konnte.
Meine Güte, eine Etage höher will keiner aufsteigen und bei uns einfach keiner so richtig absteigen. Und so gab es zeitgleich im Münchner Tatort mehr Gefallene als Tore in Mannheim. Zur Strafe sollten dafür eigentlich beide Mannschaften absteigen, aber kein Fan einer eigenständigen Mannschaft wird es dem Waldhof wünschen, wenn die Alternative auf den Klassenverbleib die Zwote des VfB bedeuten würde. Die Lösung dieses Dilemmas kann weiterhin nur lauten: Lieber DFB, mach endlich nach englischem Vorbild eine eigene Liga für Zweitvertretungen auf. Da können dann die vertretenen Vereine und Spieler viel an Erfahrungen und Spielanteilen in einem realen Wettbewerb sammeln. Im bestehenden System hingegen geht alles zu Lasten der eigenständigen Vereine. Von den Einnahmeverlusten bei Heimspielen gegen eine der Zweitvertretungen bis hin zur möglichen Wettbewerbsverzerrung, wenn dort plötzlich welche aus der Ersten mitmischen. Das hatte dann zur Folge, dass man sich sogar fast über den Aufstieg des MSV Duisburg freuen musste, da mit den Zebras eben auch dem Hopp seine Zwote nach oben kommt. TSG Hoffenheim 2, Tja, machste nix dran, sportlicher und emotionaler Alptraum. Da müssen wir nun auch eine Saison durch.
Die Zebras ihrerseits waren ja nur ein Jahr in der Versenkung verschwunden, sicherlich auch der fehlenden Konkurrenz in der Regionalliga West geschuldet. Man hat also an der Wedau keine Ahnung, was wirkliches Leiden bedeutet, aber sollen sie dort gerne in den kommenden Wochen den ganzen Hype und die ganzen Artikel abbekommen, in dessen Windschatten wir uns ganz entspannt für die neue Saison aufstellen können. Wir hatten diese Aufmerksamkeit bei unserm Aufstieg 2022 schon fast über Gebühr, und wären an dieser Last als zum Leben erweckter, schlafender Riese im ersten Drittligajahr nach lang ersehntem Aufstieg fast zerbrochen. Deshalb: Diese eventuell zur Bürde werdende Euphorie sei den Zebras gerne gegönnt, wenn es denn dazu führt, dass wir weiterhin die Nummer eins im Pott sind, und sie die Nummer zwei bleiben.
Der nächste Spieltag bedeutet für unsere Mannschaft und einmal mehr unglaublich viele Fans die weite Fahrt gen Giesings Höhen ins dortige Grünwalder Stadion. Zu Gast auf Münchens schönerer blauen Seite werden wir kaum mehr das Gesicht sehen, welches unsere Mannschaft noch gegen den 1. FC Saarbrücken gezeigt hat. Vielleicht spielt uns da sogar das torlose Unentschieden auf dem Waldhof in die Karten. Weil muss ja doch noch! Man kann sich schließlich in unserer Liga auch auf überhaupt keinen mehr verlassen! Verlassen möchte ich mich aber weiterhin auf Jakob Golz und Felix Wienand, denn ich möchte nicht ansatzweise, dass uns einer der beiden verlässt. Ich will mich da auch gerne auf das Statement von Marcus Steegmann verlassen. Alles andere ist eh nur spekulativ.
Verlassen in Richtung 3. Liga könnte kommendes Wochenende die Regionalliga Bayern hingegen der 1. FC Schweinfurt. Jetzt auch kein Zuschauermagnet, aber Schnüdel mit denkmalgeschützter Tribüne halt. Zuletzt sehr schwerfällig unterwegs und mit vielen Punktverlusten behaftet. So wie auch Leipzig auf Schienen. Die dortige Lokomotive nur noch fünf Punkte vor dem Verfolger Hallescher FC bei noch vier ausstehenden Spielen. Da nehmen wir egal wen, Hauptsache nicht Hertha Zwo. Und hoffentlich gewinnt man dann auch die unselige Relegation gegen den TSV Havelse als lange feststehenden Meister der Regionalliga Nord. Keine Zwote jetzt, sondern ein ehrenhafter Verein, der sportlich großes leistet. Also genau das Gegenteil von Schalke 04. Aber leider einfach nicht mit dem Charisma und Umfeld der beiden Vereine aus der Regionalliga Nordost behaftet. Was eine Saison, diese Saison 2024/2025.