Printen & Bernsteinzimmer

#262 (nicht veröffentlicht)

Grundsätzlich betrachtet ist für uns Fans von Rot-Weiss Essen der Verein natürlich das Bernsteinzimmer unter den Fußballvereinen. Selbst in der Fünftklassigkeit der NRW-Liga trugen wir noch Shirts auf denen geschrieben stand, dass egal in welcher Liga, RWE immer erstklassig ist. Der RWE also unser „achtes Weltwunder“, mindestens aber ein prunkvoller Raum. Wenn man das aktuelle Stimmungsbarometer betrachtet, war die Saison in der NRW-Liga vielleicht sogar mit die schönste in der langen und wechselhaften Vereinshistorie. Wir sind knapp an der Löschung aus dem Vereinsregister vorbeigeschaut und haben mit der Zwoten, auch als Schülermanschaft bekannt, einen Parforceritt durch Nordrhein-Westfalen hingelegt.

Vielleicht mit dem Höhepunkt der Saison im tristen November des Jahres 2011 bei Westfalia Herne am Schloss Strünkede, als man vor lauter 80er Jahre Vibes gar nicht mehr wusste, wohin mit sich und seinen Emotionen. Insolvenz mit anschließendem Aufstieg: Können auch nicht viele Vereine von sich behaupten. Es folgten viele Jahre in der entnervenden Regionalliga West. Nicht wenige Saisons davon war der Drops schon im Dezember gelutscht, ging es bis Saisonende nur noch aus Gewohnheit oder der Freunde willen an die Hafenstraße. Und dann gelang sie endlich, die Flucht aus dem furchtbar engen Flaschenhals Aufstieg in die 3. Liga. Den Platz schon geflutet, während in Münster noch gespielt wurde. Hätte auch schief gehen können, in Münster weiß man halt nie, was passiert. Aber die weißen Tauben waren müde und ließen uns seinerzeit den Vortritt.

Nun sind es fast auch schon wieder vier Jahre, in denen unser RWE die 3. Liga bereichert. Die letzten drei Saisons komplett wieder RWE in Reinkultur: Zunächst irgendwie dringeblieben. Dann dringeblieben ohne Kummer, und sogar oben geschnuppert. Dann fast abgestiegen, aber den Turnaround geschafft und die Rückrunde des Lebens hingelegt. Ein steter Quell an nervenaufreibenden neunzig Minuten, unser Verein. Und aktuell? Aktuell sind wir in der Tabelle besser positioniert als viele Jahre zuvor. Aber atmosphärisch scheinbar wieder im Jahre 1983 angekommen, als am 09. August gerade einmal 5.400 Fans im Georg-Melches-Stadion dem 1:1 Unentschieden gegen Union Solingen beiwohnten. Vielleicht liegt es daran, dass wir seinerzeit in der 2. Bundesliga unterwegs waren, und diese Zeit gerne verklärt wird. Aber rein stimmungstechnisch war es jetzt auch nichts, dem man heutzutage hinterhertrauern müsste.

Die achtziger hatten ihren eigenen, großartigen Charme. Und sie hatten vielleicht einen Vorteil, dass die Dinge an der Theke von Angesicht zu Angesicht und nicht in den Foren besprochen wurden. Wobei der Begriff „besprochen“ nicht ansatzweise das wiedergibt, was in der Anonymität des Netzes alles rausgehauen wird. So musste man wieder einmal zu oft lesen, wie Spieler oder der Trainer mit bisweilen nicht zitierfähigen „Komplimenten“ bedacht wurden. Kein Alleinstellungsmerkmal RWE, sondern ein großes gesellschaftliches Thema. Aber zu hoffen, dass unsere Mannschaft zwei deftige Niederlagen hintereinander kassiert? Das war mir dann doch neu. Darf man so formulieren, klar, aber was sagt das über den oder die Verfasser selbst aus? Fehlende Empathie auf jeden Fall. Ich habe/hatte nun keine Glaskugel, um das Ergebnis zwischen Hansa Rostock und Rot-Weiss Essen voraussagen zu können.

#261

Die Spieler der Aachener Alemannia haben es wieder getan und uns einmal mehr wie Printen auf Steroide zu Beginn des Spiels überrollt. Das sie es tun werden, war zu erwarten, man hat ja schon den Eindruck, dass man am Tivoli keine anderen Höherpunkte mehr hat als die Spiele gegen unseren RWE. Aber was können wir dafür, wenn man in Mönchengladbach, Köln oder beim Bonner SC abgelehnt hat, klassischer Derbyrivale zu werden. Es war also wie immer in den letzten Spielen gegen die Alemannia, zudem wurde die Tabellenkonstellation auf den Kopf gestellt. Aber waren eventuell die letzten beiden Spielen in den Köpfen unserer Spieler noch zu präsent? Ein Ansatz während des Spiels auf küchenpsychologischer Basis, um sich das Erlebte zu erklären.

Am Ende schreibt einmal mehr der Fußball eine seiner unzähligen Geschichten: Dickson Abiama darf in der 71. Minute das erste Mal für seine neue Mannschaft auf das Feld und rettet ihr direkt mit zwei Toren gegen Ende der regulären Spielzeit den Poppes. In den 47 Spielen zuvor kam er auf insgesamt vier Tore. Bei RWE reichen zwanzig Minuten für deren zwei. Kann man sich nicht ausdenken. Es endete also am Tivoli mit einem wilden 3:3. Im Nachgang gab es für die ersten achtzig Minuten deutliche Worte und berechtigte Kritik aus dem Block der Mitgereisten, am Ende aber auch Wohlwollen für die Aufholjagd mit erneutem Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft. Den Sprung in der Tabelle somit einmal mehr aufgeschoben.

Grundsätzlich reicht dieser Sprung auch am allerletzten Spieltag, um historisches zu schaffen. Aber wir lassen uns von der Tabelle natürlich auch nur allzu gerne triggern, wo doch alles so eng beieinander liegt. Da müsste es doch im Laufe der Saison auch einmal für einen der ersten drei Tabellenplätze reichen. Ich denke, wenn wir das auch durch die Mithilfe der anderen Ergebnisse an einem Spieltag mal schaffen könnten, würde sich auch das Wohlempfinden rund um die Hafenstraße für mindestens diese eine Woche bis zum nächsten Spieltag steigern. So wird oftmals mehr mit den Spielen gehadert, als sich an dem guten Tabellenplatz erfreut. Kommenden Samstag gegen den SSV Jahn Regensburg wartet schon die nächste Gelegenheit, wieder vieles in Einklang zu bringen. Es bedarf dazu, so ehrlich muss man sein, neunzigminütige Überzeugungsarbeit unserer Mannschaft.

Gerne mit lautstarker Unterstützung durch uns auf den Rängen. Dabei helfen wird definitiv nicht mehr Ahmed Arslan, kickt er doch in Zukunft für den Sydney FC am gefühlt anderen Ende der Welt. Also so global habe ich einen Spielerwechsel rund um den RWE in vielen Jahrzehnten noch nicht erlebt. Dieser Wechsel hat noch einmal richtig Emotionen rund um den RWE ausgelöst, wurde so ziemlich alles in den Topf geworfen, was aktuell an persönlichen Befindlichkeiten existieren. Daraus entstand dann eine nicht ganz glückliche Gemengelage, aber am Ende des Tages kam dabei eine Personalentscheidung heraus, wie sie im Business Profifußball gang und gäbe ist. Es ist immer schade, wenn Spieler gehen, die einen hohen Stellenwert bei den Fans haben. Aber nicht wenige, die nun sauer sind, forderten lange zuvor einen Bankplatz für Ahmo. Auch das gehört zur Wahrheit. Ich habe Ahmo als Bereicherung für RWE erlebt und finde die öffentlichen Reaktionen aus dem Manschaftskreis wirklich positiv, zeigen sie, dass man als Kollektiv funktioniert. Außerdem haben unsere Spieler neben Portugal nun ein weiteres Urlaubsziel. Ganz viel Glück in Sydney und danke für die gelebte Identifikation mit RWE.


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