Then and Now. Now and then.
Möglicherweise war das mit Hilfe von KI erstellte Video des neu aufbereiteten Beatles Songs „Now and Then“ der Vorreiter für das neue Internet Phänomen, Darsteller und Darstellerinnen vieler TV-Klassiker auf einem allseits bekannten Video-Portal mittels ebenfalls künstlicher Intelligenz in umgekehrter Reihenfolge darzustellen. Also in der „Then and Now“ Variante.
Das macht Sinn, wenn wir hier von Bonanza, unsere kleine Farm oder Magnum reden. Nicht wirklich Sinn macht es hingegen, das Internet nun mit damals und heute Varianten zu überfluten, obwohl die gezeigte Serie nicht einmal eine Dekade auf dem Buckel hat. Grundsätzlich geht die Tendenz in diesem Format dahin, dass fast alle gezeigten Personen im Alter an Attraktivität gewonnen haben. Leider haben nicht wenige Protagonisten schon das zeitliche gesegnet, mittels Engelsflügel oder Jahreszahlen entsprechend visualisiert. Es wurde also in Summe zu viel und eigentlich hat es mich dann auch nicht mehr groß interessiert. Bis dieses Phänomen auch Live Aid 1985 aufgegriffen hat. Das war dann doch interessant, denn man hat dieses Konzert seinerzeit selbst intensiv verfolgt.
Aber eigentlich bedarf es überhaupt keiner künstlichen Intelligenz, Menschen in einer damals und heute Variante darzustellen. Es bedarf nicht einmal grafischer Höchstleistungen! Es reicht ausschließlich das Foto eines Fans von Rot-Weiss Essen vor dem Besuch eines Spiels seines Vereins und es bedarf zum Vergleich ein Foto exakt derselben Person nach Abpfiff des gleichen Spiels. Erst dann weiß man die Definition von damals und heute wirklich zu schätzen. Neunzig plus x Minuten mit Rot-Weiss Essen sind aktuell ein guter Schätzwert, um menschliche Alterungsprozesse zu messen. Jüngst wieder in all seinen Facetten erlebt im vergangenen Heimspiel gegen Wismut Aue.
Man kann sich einfach nie sicher sein, dass unser aller RWE auch die komfortabelste Führung irgendwie lässig bis zum Abpfiff verwaltet. Das werden wir auch nicht mehr erleben, dass ist in unserer Vereins-DNA auch nicht verankert. Wir haben somit zwischenzeitlich trotz klarem Zwischenstand von 3:0 wieder Nägel gekaut und aufgestöhnt, bis mit dem finalen Endergebnis von 4:2 endlich abgepfiffen wurde. Aber vor allem, und das ist am Ende das, was zählt, haben wir den dritten Dreier in Folge erleben dürfen. Konnten uns zudem an gleich vier Traumtoren unserer Mannschaft erfreuen. Mein lieber Scholli, hoffentlich hat der Fußballgott nicht sein ganzes Füllhorn an großartigen Toren auf einmal über uns ausgeschüttet. Eine solche Verdichtung von Buden, die man sich nach dem Stadionbesuch daheim noch lange in Dauerschleife am Monitor anschauen kann, die hat man nicht oft im Fußball.
Der Torben Müsel beispielsweise: Erst war er der Mesut-Müsel, vergangene Woche nun der Müller-Müsel. Nur um am Samstag endgültig zu Hacke, Spitze – eins, zwei, drei-Müsel zu konvertieren. Verschmitztes Lächeln nach dem Tor inklusive. Oder die Fackel von Jannik Hofmann: Was war das denn für ein Dingen? Kann man doch so niemals planen. Dachten auch viele seiner umstehenden Mitspieler, die sich nach dem Tor unisono an den Kopf gepackt haben, um zu signalisieren: „Das hat der jetzt nicht wirklich so gebracht?“ Hat er, nebst folgendem Salto Mortale. Das drei zu null ebenfalls ein Hingucker allererster Güte, denn unser Mittelstürmer machte Mittelstürmer Sachen: Antizipieren, schnelle Drehung und ab in die Maschen.
Was ein jauchzen und jubeln auf den Tribünen bis hin fast zur Fassungslosigkeit ob der gesehenen, jeweiligen individuellen Genestreiche in gerade einmal knapp zehn Minuten. Mehr Schönheit in so kurzer Zeit gibt es wohl nur bei der Geburt von Drillingen. Über die gesamte Spielzeit hinweg gab es den großen und erhofften Dezibel Durchbruch auf den Tribünen noch nicht ganz zu verzeichnen, allen Flugblättern leider zum Trotze. Aber die Unruhe blieb aus und es beteiligten sich bisweilen durchaus mehr Fans als in jüngster Vergangenheit. Komplett stehende Ovationen zur Halbzeit vermieste leider der Anschlusstreffer der Auer Kumpels, justament, als sich das ganze Stadion erheben wollte. Aber wir hatten einfach auch wieder darum gebettelt.
In der zweiten Halbzeit dann noch so ein Eierding gefangen, war man trotz Nässe und Kälte fast wieder bei Hitzewallungen. Bis dann das vierte wunderprächtige Tor auf Seiten von RWE alles zu regeln wusste: Kaito Mizuta, einmal mehr das nimmermüde Laufwunder und stets hellwach, knallte den Ball nach feinem Pass von Dickson Abiama unhaltbar in die Maschen des bedauernswerten Martin Männel. Vier Tore, die wir so allesamt selten, bis gar nicht an der Hafenstraße erlebt haben. Jedes ein eigenes Gemälde wert, und mindestens eines davon sollte schon beim Tor des Monats vertreten sein. Ich würde ja alle vier nominieren, aber für welches Tor sollte man dann anrufen?
Trotz all dieser feinen Toren hat uns aber überhaupt erst diese eine Parade von Jakob Golz beim Stande von 3:2 einmal mehr den Poppes gerettet, indem er den gegnerischen Ball irgendwie noch in akrobatischer Manier an den Pfosten lenken konnte, damit dann in Gemeinschaftsproduktion der Ausgleich verhindert wurde. Was ein irrer Save! Wieso gibt es eigentlich nur die Wettbewerbe Tor- und Kacktor des Monats? Es müsste dringend auch die Kategorie Torverhinderung des Monats geben.
Rot-Weiss Essen steht also am Ende das 29. Spieltages auf einem der ersten drei Tabellenplätze. Da kann man sich noch so oft kneifen, es ist tatsächlich wahr. Aktuell bedeuten würde das bedeuten: Relegation gegen die Tauben aus Münster. Die Preußen wurden einen Tag später in Dresden aber auch so richtig gerupft. Ein möglicher Gegner von höchster Intensität auf und neben dem Rasen. Auch das nur eine Momentaufnahme, da kann sich in beiden Ligen noch sehr viel ändern. Die erhoffte Euphorie wurde jetzt gegen Wismut Aue noch nicht komplett im Stadion entfacht, aber das ist manchmal auch Klagen auf hohem Niveau. Die Tribünen waren wie geschrieben geduldig und dankbar ihren Protagonisten gegenüber. Und das sich nach dem Schlusspfiff die Tribünen doch zügig leerten, hat dann manchmal auch was mit dem Wetter zu tun. Die notorischen Miesmacher und zur Halbzeit pfeifenden erreichst Du jetzt auch nicht mehr über ein 8:0. Die meckern dann höchstens, warum es nicht zweistellig wurde.
Also: Unsere vier eigenen Tore jetzt, die waren allesamt richtig tolle Buden. Das war viermal Adiole. Viermal abklatschen, lachen, staunen und in den Arm nehmen. Das war richtig cool. Kalt war es auch. Und nass. Nun geht es kommenden Sonntag zur für uns ewig problematischen Vikki. Dort mal wieder gewinnen, und ich würde behaupten: Nichts muss, alles geht! Diese Saison ist jetzt schon eine Legende.
PS: Es war schön von außen mit anzusehen, wie warm und freundlich in vielen kleinen Gesten Christoph Dabrowski bei seiner temporären Rückkehr empfangen wurde. Ich würde ihm sehr gerne noch das Wunder von Wismut und damit verbundenen Klassenerhalt gönnen.