Kategorie-Archiv: Autorisierte Autobiografie

„Feuerwalze“

Ich habe selbst auch mal Fußball gespielt. Nicht allzu lange zwar, aber dazu später mehr. In Nordhorn spielt man als Kind zumeist in dem Verein, welcher der eigenen Straße am nächsten ist (Ganz früher wohl in vielen Fällen mit dem heimlichen Wunsch, irgendwann bei Eintracht zu landen. Was natürlich zunächst keiner zugeben mochte). Der für mich in erreichbarer Nähe gelegene Verein war der SV Vorwärts Nordhorn aus dem Stadtteil Stadtflur. Was eigentlich cool war, denn nicht nur der große Bruder spielte schon für die Grün-Weiß-Blauen, sondern auch Nachbar „Onkel Jupp“ hatte dereinst für den SV Vorwärts gekickt. Noch im alten Stadion am Immenweg; gegen den SV Wietmarschen gerne auch mal vor 1.000 Zuschauern. Wie er gebetsmühlenartig immer und immer wieder zu erzählen wusste.

Das kurze Abenteuer Fußball startete also in der E-Jugend um 1975 herum auf einem Kleinfeld am Immenweg, welches wohl immer noch existiert. Heute bin ich überzeugt davon, dass einer großen Fußballkarriere lediglich meine Kurzsichtigkeit im Wege stand. Schließlich war es als Brillenträger fast von Kindesbeinen an nicht einfach, sich einen Platz in der Startelf zu ergattern. Außerdem schleppte man zu damaligen Zeiten gerne mal einige Kilos mehr auf der Nase mit über das Feld. Brillen waren alles andere als filigran. Überhaupt: Ich war wohl nicht zwingend für das Laufen gemacht. Und doch hat mir der aktive Fußball fünf kleine Erinnerungen auferlegt, die ich auch über vierundvierzig Jahre später schmunzelnd nicht vergessen kann:

Ein Heimspiel am Immenweg bescherte mir die wohl einzige rote Karte meiner Karriere. Zumeist als rechter Verteidiger aufgestellt, entwischte mir der stürmende Gegenspieler ausgerechnet auf Höhe des zuschauenden Vaters. Und was ein zusehender Spielervater gerne mal macht ist, verbal in das Spielgeschehen einzugreifen. Somit bekam ich direkt die Anweisung, dass ich mir den Ball zurückholen sollte. Der Junge mit der Brille hatte einen Auftrag, den es aber spielerisch leider nicht zu lösen galt. Also „senste“ ich den gegnerischen Stürmer einfach um und wurde dafür direkt vom Platz gestellt…

Gleicher Platz, anderes Heimspiel. Es war kalt und wir hatten Abschlag. Und während unser Torwart zu seinem Abschlag anlief, dachte ich mir, dass es eine gute Idee sei, sich zu ihm umzudrehen. Ballkontrolle und so. Als die Drehung vollzogen war, wurde mir auch schon schwarz vor Augen, schlug doch der Ball genau dort ein, wo ein heranwachsender Fußballer es am allerwenigsten haben konnte. Ich fiel wie ein Baum. Konnte aber weiterspielen.

Irgendwo in der Niedergrafschaft. Auswärts also. Immer noch rechter Verteidiger. Was mich in der Erinnerung irritiert, denn laut dieser stürmte ich wie entfesselt über die linke Seite auf das gegnerische Tor zu und traf dieses tatsächlich. Ich hatte ein Tor geschossen. Davon zehre ich noch heute…

Auswärts bei Eintracht. Auf Asche hinter der Stehgeraden, auf der man sonst selbst stand. Und wir hatten Angst: Denn bei Eintracht spielte einer im Mittelfeld, der wurde in der „Szene“ nur Feuerwalze genannt. Nach dem Spiel hatten wir alle unsere Schrammen an den Beinen. Und haben Feuerwalze auf dem Platz Platz gemacht. Wir waren zwar jung, aber nicht lebensmüde.

Der absolute Höhepunkt meiner Fußballerlaufbahn ereignete sich aber 1977! Man ahnt fast, dass dieser Höhepunkt nicht auf dem Spielfeld stattgefunden hat. Woanders natürlich auch nicht, dafür war ich noch zu jung! Am 7.7.1977 bekam ich im Sommerzeltlager des SV Vorwärts als Sieger der dortigen Lagerolympiade einen offiziellen Wimpel des DFB überreicht. Keiner hatte diesen Erfolg kommen sehen. Ein Erfolg, so überraschend wie die Europameisterschaft Griechenlands oder die jährliche Lizenz für Schalke 04. Lange Jahre habe ich diesen Wimpel aufbewahrt.

Doch dann, mich im Zenit meines Fußballerlebens wähnend, kam das Sichtungstraining für die kommende Saison in der D- Jugend. Auf dem Platz im alten Vorwärts Stadion stand die Disziplin Weitschuss an. Falsches Schuhwerk, schlechte Platzverhältnisse. Keine Ausrede konnte mich retten: Die kommende Saison hätte höchstens einen Platz in der D4 bedeutet, so weit hinkte ich hinter den Erwartungen hinterher.

Für den rechten Verteidiger der bisherigen D2 konnte dieses nur eines bedeuten: ich mach rüber zum Volleyball. Der relativ kurzen Karriere im Lieblingssport folgten nun viele Jahre am Netz beim TVN. Aber vergessen werde ich diese Zeit auf dem grünen Rasen wohl nie. Sinnbildlich in der Erinnerung auch die vielen Trikots auf der Wäscheleine im heimischen Garten, wenn einer  von uns beiden mal wieder mit der Trikottasche „dran“ war. Fußball ist schon toll. Hoffentlich merkt das auch eines Tages der DFB wieder.