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Ulla Kasuppke. Der Aufstieg.

Danach: Es hat ein bisschen gedauert, doch dann fiel es Ulla auf: Es gibt keinen Grund mehr, dem Willi unter der Erde etwas vorzumachen, die Regionalliga ist endlich Geschichte. Ja gut, etwas flunkern  musste sie wohl noch, schließlich denkt der Willi ja weiterhin, dass sein zu Lebzeiten geliebter RWE in der zweiten Bundesliga spielt. Aber in Anbetracht der Mannschaften, gegen die seinen Roten nun wieder spielen dürfen, kann das durchaus als Notlüge verbucht werden. Gegen den MSV Duisburg zu spielen hört sich doch gehaltvoller an, als beispielsweise das Auswärtsspiel bei  Union Solingen. Außerdem müsste sie dann ja auch noch erklären, dass die Klingenstädter gar nicht mehr in der ursprünglichen Form existieren. Und das Stadion am Herrmann-Löns-Weg schon mal gar nicht. Nee nee, die Spiele gegen die Zwoten aus Dortmund und Freiburg werden einfach verschwiegen und der große Rest geht schon als zweite Liga durch. Außerdem hat sie dem Willi schon so oft Essen gekocht, von dem er dachte, die größte Delikatesse zu bekommen, und dann war es doch nur…. Gut, an diesem Punkt schweigt sich Ulla Kasuppke aus und greift einmal mehr zur Zigarette.

Dabei: Mittlerweile wird selbst gedreht, irgendwie muss man ja die Kosten in den Griff bekommen. Begreifen kann sie immer noch nicht, dass diese Bonzenpartei FDP nun in der Regierung allen anderen ihren Willen aufzwingt. Ihr Willi als ehemaliger Betriebsrat hätte denen die Hölle heiß gemacht. Hübsch hatte sie sich gemacht, an jenem 14. Mai 2022. Endlich bekam Willis verschlissene und eigentlich auch pottenhässliche RWE-Jeans noch einmal einen Sinn. Auch wenn sich der Reißverschluss nicht mehr ganz schließen ließ. Vom Knopf ganz zu schweigen. Aber er war ja auch immer sehr drahtig gewesen, der Willi. Das Knopfproblem wurde elegant mittels Fanschal gelöst, zudem war die rote Bluse aus Elasthan auch schön lang.

Ulla Kasuppke fühlte sich ein wenig aufgeregt, fast gar freudig erregt, als sie das Kissen auf der Fensterbank platzierte, um an jenem Tag dem gröhlenden Tross zuzusehen, der zur Hafenstraße zog. Endlich war es soweit. Endlich kehrte das Glück rund um die Hafenstraße zurück. Und sie war so gut es eben ging mit dabei. Würde Willi noch sein, so wären sie vielleicht schon längst auf dem Weg zum Stadion. Allein mag sie nicht mehr, manchmal kann man es da ja auch schon mit der Angst bekommen. Außerdem hilft die Polizei ja auch nicht mehr so, wie es früher mal gewesen ist. Einen Schutzmann gab es seinerzeit, für den hätte sie Willi in Gedanken fast verlassen, so unverschämt gut sah der aus.

Heute sehen sie vielleicht immer noch gut aus, aber sie reden ja gar nicht mehr mit Dir, sondern drohen gleich. Ach nein, dann lieber den Fans aus dem Fenster zuwinken. Wie das Spiel ausgegangen ist, das würde sie ja allein schon an den Gesichtern nach dem Spiel erkennen, wenn wieder alle an ihrem Fenster vorbeilaufen. Als der Strom der Fans weniger, dafür der Lärm aus dem nahe gelegenen Stadion immer lauter wurde, sinnierte Ulla, dass es gut ist, nun auch dieses Internet zu haben, von dem Willi niemals gedacht hätte, dass es sich eines Tages durchsetzen würde.

Die Enkelin von Frau Bergmann (ja genau, der Frau Bergmann) hatte ihr extra einen gebrauchten, tragbaren, Klappcomputer besorgt, und ihr erklärt, wie sie damit in eben dieses Internet kommt, und was es dafür noch braucht, um nicht nur am letzten Spieltag sehen zu können, wie Rot-Weiss Essen nach so langer Zeit auch wirklich aufsteigt. Es hätte also kein zusätzliches Rouge gebraucht an jenem sonnigen Tag im Mai, denn Ulla Kasuppkes Wangen waren auch so schon zart errötet, als sie die Schritte ausführte, die sie abzuhaken hatte, um einmal mehr den Sender von Rot-Weiss Essen zu finden.

Das waren immer auch Momente, in denen sich Ulla so sehnlichst eigene Kinder gewünscht hätte. Mit denen hätte sie nun unglaublich gerne diesen schicksalsschwangeren Tag verbringen wollen. Es war Willi und ihr leider nicht vergönnt gewesen. Irgendwann haben sie sich damit arrangiert und mit ihrem Schicksal abgefunden. Nun waren die Spieler von Rot-Weiss Essen halt ihre Jungs und die Spielerinnen der SGS Essen ihre Mädchen. Wenigstens blieb ihnen so erspart, Kinder zu haben, die vielleicht eines Tages keinen Kontakt mehr zu ihnen wünschen. Ulla schüttelt sich ob des kalten Schauers, der ihr bei dieser Vorstellung über den Rücken läuft.

Endlich ist sie drin und nimmt sich den Klappcomputer auf den Schoß. Richtig lieb gewonnen hat sie in den letzten Monaten den Christian und den Andreas. So nette junge Männer. Aber manchmal schreien sie ihr auch zu laut.

Und so kam es, dass Ulla Kasuppke in der bescheuerten Jeans ihres verstorbenen Mannes dem beiderseits geliebten Verein Rot-Weiss Essen an jenem 14. Mai 2022 endlich bei dem sehnsüchtig erwarteten Aufstieg zuschauen konnte. Was war das für ein Fest nach dem Spiel. Ulla konnte sich die Tränen nicht verkneifen und weinte bitterlich vor Freude. In Gedanken fühlte sie sich, als ob es ihr geliebter Willi war, der sie an die Hand nahm und vor die Tür führte. Dort, wo sich alle in den Arm nahmen und einfach endlich wieder glücklich sein durften. Und ja, an diesem 14. Mai 2022 war auch Ulla Kasuppke so glücklich wie schon lange nicht mehr. 

Familie Kasuppke. Prolog: Saison 18/19.

Seufzend legte Ursula Kasuppke die Montagsausgabe der Tageszeitung beiseite und nahm einen großen Schluck Kaffee aus dem Kaffeepott. Rot-Weiss Essen hatte verloren. Diesmal jedoch nicht in irgend so einem relativ unbekannten „Dorf“, sondern mal wieder in Aachen, bei der dortigen Alemannia. Ihr längst verstorbener Mann Willi würde sich im Grabe umdrehen, dachte Ursula so bei sich und überlegte schon, was sie ihrem Willi denn sagen könnte, um die Niederlage so gut wie möglich zu verkaufen. Bei mittlerweile zwölf Niederlagen kann man da unten ja auch schon mal Drehschwindel bekommen! Andererseits kann sich Willi darüber ja eigentlich nicht mehr groß aufregen, sinnierte sie bei einem weiteren Schluck Kaffee und einem tiefen Zug aus der Zigarette: Schließlich ist Willi ja tot!

So hatte sie aktuell nicht nur ganz alleine die Sorgen um den geliebten RWE auf ihren mittlerweile schmalen Schultern zu tragen, sondern musste sich zudem ständig ausdenken, wie sie ihrem Willi im montäglichen Zwiegespräch auf dem Margareten Friedhof das Wochenendspiel schönreden konnte. Im Falle einer Niederlage natürlich. Denn wenn ihre Jungs das Spiel gewinnen konnten, da sprudelte es nur so aus ihr heraus. Manchmal kam es ihr dann auch so vor, als könnte sie spüren, wie Willi mit ihr leidet oder sich freut. Was sie Willi seit seinem Tod verschwiegen hat, und was sie seitdem belastet, ist dieser Relegationsquatsch aus der Regionalliga. Selbst dieses Wort hat sie Willi niemals gegenüber erwähnt. Und bei „Vierte Liga“ täuscht Ursula am Grabe sitzend jedesmal einen Hustenanfall vor. „Der Willi da unten denkt doch noch, wir spielen in der zweiten Liga“, so entschuldigt sich Ursula jedesmal bei ihren Grabstättischen Nachbarn über Tage und am Grabe, wird dort bei ihren Ausführungen die Stirn gerunzelt. Weil inhaltlich ja nicht so ganz korrekt.

Ach der Willi….An diesem Punkt hielt Ursula stets kurz inne, denn manchmal ist es nach so vielen Jahren wirklich nicht mehr leicht, sich daran zu erinnern, ob erst die Liebe zu Willi oder die zu RWE ihr Leben bestimmte. Oder ergab das eine dann auf einmal auch das andere? Wenigstens, so sinnierte Ursula weiter, wenigstens lebt der Verein immer weiter. Nicht so wie Willi und die vielen anderen Rot-Weissen Fanseelen, die schon gegangen sind. Wie gerne würde sie noch einmal Hand in Hand mit Willi die Hafenstraße Richtung Stadion hinaufgehen. Wie viele ältere und ganz alte Fans gibt es wohl, die nicht mehr in das Stadion gehen, weil es den Partner nicht mehr gibt. Oder weil es alles zu aufregend geworden ist und manchmal auch nicht mehr schön wegen der vielen Polizei und der Knallerei. Sie wusste darauf keine Antwort. Und eigentlich kannte sie „ihre Jungs“ ja auch schon lange nicht mehr beim Namen, so oft wie Spieler kamen und gingen.

Also reicht ihr mittlerweile das Endergebnis und der Spielbericht. Den Rest konnte sie sich aus so vielen Jahren und Spielen an der Hafenstraße denken, hat die Geräuschkulisse noch in den Ohren, den Stadiongeruch in der Nase und die wehenden Fahnen vor Augen. Wie auch immer: Willi bekam das Spiel auf jeden Fall immer mit Leidenschaft nacherzählt.

Fortsetzung über das Leben der fiktiven Familie Kasuppke folgt (möglicherweise)…..