Noch zu retten?

Die 80ziger Jahre gelten gemeinhin als die Blütezeit der Fußballgewalt. Sie wurde in Stadien ausgetragen, die seltenst bis auf den letzten Platz gefüllt waren und insofern reichlich Platz boten für Inszenierungen der fragwürdigen Art. Auch das Stadionumfeld galt als heißes Pflaster, ja nachdem, in welcher Stadt man sich als Auswärtsfan befand. Zaunfahnen gab es noch wenige, Pyrotechnik kaum und Ultra Gruppierungen schon gar nicht. Die klassischen Fanclubs mit Kutte und Rückenaufnäher bestimmten das Szenario in den Kurven. Als modischer Sidekick kamen Trikots dazu, welche in die Röhrenjeans gestopft wurden, die widerum ihren Halt an Hosenträgern fanden. Spielauschnitte aus dieser Zeit suggerieren einem permanenten Dauerregen und schlechtes Flutlicht im November. Für „Heldentaten“ gab es den Fantreff, viele Fanzines, und die Mundpropaganda. Vorbilder für Fans und „C“öglinge war das Mutterland des Fußballs. Aber war die sogenannte Blütezeit im Rückblick und einem Vierteljahrhundert später doch nur ein Appetithappen in Anbetracht dessen, was sich momentan an Gewalt rund um den Fußball wieder aufzubauen droht? Oder stimmen die Relationen einfach nicht mehr, befeuert durch das allgegenwärtige Medium Internet und das hinterherhechelnde Fernsehen. Eine Ankunft der Fangruppe X in Bahnhof Y wird von zig Handyfotos- und Filmchen dokumentiert und anschließend sofort „eingestellt“. Nichts bleibt mehr verborgen, alles dagewesene muß übertroffen werden. Dem Ruf: „Fußballfans sind keine Verbrecher“ in der einen Seite des Blockes folgt nicht selten direkt im Anschluß Rauch auf der anderen Seite des Blockes. Ich muß es nicht haben, rechtfertig aber auch nicht immer den Einsatz der dritten Partei im Bunde, werden doch durch die moderne Käfighaltung zu oft unschuldige in Mitleidenschaft gezogen. Nicht selten möchten auch Journalisten ihren Anteil in Form einer Story haben und inszenieren Ausschreitungen, die so und in dieser Form nicht stattgefunden haben. Wartet nicht so manch einer, der den ersten Toten prognostiziert darauf, als erster am Tatort davon berichten zu dürfen ? Ich betrachte den aktuellen Trend mit Besorgnis und stelle fest, dass das Credo einer bunten und lauten Kurve momentan nicht mehr wichtig ist. Sind die Ereignisse rund um das Spiel am Millerntor wirklich nur mit Vereinsrivalitäten zu erklären? Oder war es auch so schlimm, wie es in den Medien herüberkam? Müssen manch Lappalien gleich mit Stadionverbot bestraft werden? Oder müssen Boykotte sein, wenn ein Verbot wirklich gerechtfertigt ist? In meinen Augen bedarf es einen dringenden runden Tisch mit allen Beteiligten. Nur wer soll daran sitzen? Fanforscher Pilz ist selbstredend bei vielen Fans ein vergifteter, Verein und aktive Fans keine Einheit mehr, Fans und Ultras oft schon mal gar nicht, von der Beziehung zwischen Polizei und Fans einmal ganz zu schweigen. Jetzt wird sogar der Ruf laut, Gästefans nicht mehr bei sogenannten Risikospielen zuzulassen. Könnte Ruhe bei dem Spiel bedeuten, aber das Problem löst es nicht, sondern verlagert es vielleicht nur. Für mich ein Faktor mit ist die Behandlung, die einem als Gastfan bisweilen widerfährt. Selbst mir als militantem „Kategorie A“ Fan schwillt der Kamm, wenn wir in einem überfüllten Block eingepfercht werden (Cloppenburg, Ahlen, etc.) derweil die Nachbarblöcke frei sind. Nach dem Spiel werden wir erst einmal im Block festgehalten (Münster) oder müssen bei strömenden Regen durch zwei Polizeiwagen hindurch, durch die gerade einmal eine Person passt (Oberhausen, Arena) usw. Durchsuchen ist schon usus und auch unter der Mütze könnte ja gefährliches sein (Emden). Das es dann trotzdem geraucht hat, dürfte klar sein. Ich will damit sagen: Die Bereitschaft einiger, immer noch weniger, zur Gewalt ist leider zweifelsohne vorhanden und findet momentan immer mehr Zulauf. Aber den Fans, die einfach nur Fußball sehen wollen, wird der Besuch immer mehr erschwert und eines Tages ganz verleidet, gelten doch auswärts solche Repressalien. Für mich steht fest: Die nächsten Jahre werde ich noch nicht mit unseren Mädchen auswärts zum RWE fahren. Nicht bevor sich das ganze Szenario rund um das Spiel wieder etwas normalisiert hat. Ich hatte es schon einmal geschrieben, dass etwas mehr Gelassenheit auf beiden Seiten dringend nötig ist. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Und auch die Medien gehören mit an den imaginären Tisch, trägt doch die Berichterstattung zu oft martialische Züge und betet Stress geradezu herbei.

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