Erfolgsfan

Es mag ja fast so den Anschein erwecken, als ob „ISDT“ an seinem 5. Geburtstag zu einem Erfolgs- oder Pokalblog mutiert ist. Mitnichten! Jedes bisherige Spiel wurde über die 90 Minuten hinweg auf unterschiedlichste Art und Weise verfolgt. Nur einer von achtzehn möglichen Punkten aus den letzten sechs Spielen geholt; Das Torverhältnis rutschte dabei recht deutlich in`s Minus. Das überproportional auftretende Verletzungspech setzte zudem alle vier Innenverteidiger Schachmatt. Und dann die Gegner, die können nämlich auch Fußball spielen! Sie tun dieses, wie zu Beginn der Saison von mir befürchtet, gegen den immer noch großen Namen RWE und seine Kulisse engagierter, als bei manch anderem Spiel.

Nichts wurde es also mit dem Welpenschutz für Aufsteiger oder gar einem möglichen Durchmarsch in die 3. Bundesliga. Somit wurde die Bedeutung des DFB Pokalspiels gegen Hertha BSC von Spiel zu Spiel immer klarer. Ich möchte an dieser Stelle einmal die Kurvennews [das Infomagazin der Ultras Essen] zu diesem Spiel zitieren:

„…..Es ist kein Spiel wie jedes andere, es ist ein vielleicht-Spiel“: Vielleicht das letzte ausverkaufte Spiel an der Hafenstrasse; Vielleicht das letzte richtige Pokalspiel im GMS; Vielleicht ein Spiel des Jahrhunderts……..“

Einen Tag nach dem Spiel wissen wir nun: Es war wohl das letzte ausverkaufte Spiel in der alten Kabachel Georg Melches Stadion. Auf jeden Fall das letzte DFB Pokalspiel in seiner langen Tradition. Das letzte Spiel mit vollem Gästeblock und das vorerst letzte Spiel mit bundesweiter Aufmerksamkeit. Und es wurde auch leider kein Jahrhundertspiel. Obwohl: Für die Hertha schon, hat sie doch gefühlt eben diese Zeit benötigt, um endlich einmal die zweite Pokalhauptrunde zu überstehen.Aber dazu später mehr.

Es galt zunächst einmal zu beachten, daß es von großer Bedeutung ist, wie der DFB ein Spiel in Punkto Risiko einstuft. Die Zuschauerzahl als solche ist dabei nicht von Belang. Ich habe schon Spiele mit weitaus mehr Zuschauern an der Hafenstrasse erlebt, bei diesen aber nicht in Ansätzen jenen Stress von gestern, den gewohnten Parkplatz anzusteuern. Man ahnt: Der DFB, das Pentagon und die ganze westliche Hemisphäre haben dieses Spiel als hochriskant eingestuft. Ob nach den Ereignissen in Dortmund einen Tag zuvor die Anzahl der Einsatzkräfte noch einmal erhöht wurde, oder diese direkt weiter nach Essen delegiert wurden, man weiß es nicht.

Fakt ist: Neben den vorhandenen Baustellen sorgten auch noch weiträumige Absperrungen der Polizei für Verkehrsbehinderungen auf den Strassen und zugegebenermaßen fahrtechnischen Manövern am Rande des Erlaubten. Was soll man aber auch machen, wenn einem kurz vor der Stoßstange fast schon tänzelnd ein neues Hütchen vorgesetzt wird und somit der Weg blockiert ist. Zum zweiten Male wohlgemerkt. Man wünschte sich einen guten Tag und guten Weg, suchte sich denselben und konnte dann doch endlich parken. Vor der „Ost“ dann das bekannte und so gemochte Treiben in rot und weiss. Unterwandert von einigen blau – weißen und beobachtet von ganz vielen in grün – weiß. Wenigstens, und das ist jetzt wirklich als Lob zu verstehen, wurde die Hafenstrasse nicht mehr gänzlich gesperrt, sondern wieder die „Wagenburg Taktik“ angewandt, so daß Fans zeitnah in beide Richtungen zu ihren Autos konnten.

Damit hatten die Einschränkungen aber kein Ende und gewohntes wurde ausgehebelt: Die Frikadelle vor dem Spiel, das Kultobjekt schlechthin, wofür zwei Tage lang an Kalorien gespart wird, es wurde mir an gewohnter Stelle verwehrt: „Hier nur Pommes“ hieß die klare und deutliche Ansage. Also Schlange gewechselt und beschlossen: Gegen die Zweite von, zum Beispiel Mainz 05, war alles besser. Für den Moment jedenfalls.

Die Stufen hinauf bis unter das Tribünendach gestalten sich ja stets als orthopädisches Grenzerlebnis, so ungleich die Abstände. Diesen Gang sollte ein jeder Fan noch einmal vor Abriß bewältigt haben. Natürlich stand zu Spielbeginn auf jeder dieser krummen Stufen ein Beamter. Und oben, auch hinter der letzten Reihe, hinter welcher ich sonst meine Freiheit genieße, standen die Beamten und wachten. Bewacht von der Security, so hatte es den Anschein, denn die war ja auch noch da. Gefühlter Stellenschlüssel auf der Tribüne: Eins zu eins. Das Durchschnittsalter der Hertha Fans in Block A lag übrigens bei gefühlten 65 Jahren. Das nur am Rande. Ich möchte hier auch gar nicht falsch verstanden werden, eine angemessene Zahl von Ordnungshütern sorgt auch bei mir durchaus für ein angenehmes Gefühl, aber das war meines Erachtens zuviel des Guten.

Richtig gut war die Entscheidung der Stadionregie, den fast legendären RWE Countdown vor Spielbeginn komplett durchzuziehen, inklusive aller Gassenhauer wie dem „Opa“, regionalen Exkurs mit dem „Steiger“ und der neuesten Errungenschaft (Italo Western Fans wissen Bescheid). Über den Versuch, eine La Ola anzubringen, decke ich den Mantel des Schweigens. Die La Ola passt so gut nach Essen, wie das 1899 zu Hoffenheim.

Anpfiff und die inständige Bitte, nicht direkt im Anschluß einen Treffer zu kassieren. Die Angst erwies sich fast als unbegründet. Sicherlich war Hertha BSC in allen Mannschaftsteilen die besser besetzte und überlegenere Mannschaft, konnte aber zunächst kein Mittel gegen engagierte Essener Spieler finden. Diese verstanden sich gut darin, geschickt die Räume eng zu machen oder den Gegner abzulaufen. Und wenn dann die Abseitsfalle nicht klappte, half zu diesem Zeitpunkt noch das Quentchen Glück. Die Herthaner kamen damit überhaupt nicht zurecht, konnten durch das frühe Stören kein eigenes Spiel aufziehen und begannen untereinander zu lamentieren oder, vorzugsweise durch Patrick Ebert, den Gegner verbal und körperlich einzuschüchtern. Ohne Erfolg bis dato!

Der RWE seinerseits tauchte kaum vor des Gegners Tor auf, konnte nur zweimal einen Angriff aufziehen, abschließen und durch das frühe Pressing die Hertha zu einem Rückpass zwingen. Durch diesen engagierten Einsatz stand das Stadion komplett hinter dem Team und zur Halbzeit auf. Da auch im Gästeblock ständige Bewegung und Anfeuerung die Atmosphäre belebte, war das Fußballherz mehr als zufrieden. Aller Verdruss vor Spielbeginn war vergessen.

In der Halbzeitpause wurden die wohl wichtigsten Personen in Bezug auf den RWE der letzten Jahrzehnte geehrt, und nein: Willi Lippens war nicht dabei. Es waren die Insolvenzverwalter, die mit einer Dauerkarte auf Lebenszeit und donnernden Applaus bedacht wurden. Woanders werden vielleicht die besten Anleger geehrt, bei uns halt diejenigen, die es mit harter Arbeit geschafft haben, den SC Rot Weiss Essen von 1907 am Leben zu erhalten. Nicht vergessen sollten wir weiterhin diejenigen, die durch ihren Verzicht „auf der anderen Seite“ die erfolgreiche Insolvenz mitgetragen haben.

Anpfiff und ein wenig Verwunderung: In den ersten Minuten der zweiten Halbzeit schaffte es der RWE, sein eigenes couragiertes Spiel durch spielerische Elemente zu beleben und kam zu zwei guten Chancen. Das Stadion, es folgt eine Plattitüde, stand zu diesem Zeitpunkt Kopf und an den TV Geräten sollte jedem Fußballinteressierten klar geworden sein: Essen ist nicht fertig. Essen ist Fußball und Emotion. Essen ist laut. Nicht immer, aber wenn, dann richtig. Diese 20 Minuten bis zur 65. Minute waren ein Duell fast auf Augenhöhe. Immer deutlicher wurden aber die konditionellen Unterschiede zwischen Bundes- und Regionalliga. Die Beine immer schwerer. So kam es dann zu diesem Eckball, der im Anschluß das 0:1 für die Hertha brachte. Die folgenden sechs Minuten brachten fast noch den Ausgleich und auch weiterhin nimmermüde Anfeuerung, das 0:2 in der 71. Minute brachte aber dann die Entscheidung. Es folgte in der 87. Minute noch das 0:3, darüber waren die Fans dann auch nicht mehr trauriger als nach dem zweiten Gegentor. Raus mit Applaus, einmal mehr in dieser Saison die abschließende Erkenntnis an der Hafenstrasse.

Die großartige Leistung der Essener Notelf gegen rotierende Herthaner, sie wurde nach dem Spiel lautstark von den Fans honoriert. Wie immer galt in Essen: Du kannst verlieren, wenn Du alles gegeben hast. Und das hatten die Spieler von Waldemar Wrobel auf bewundernswerte Weise. Die Niederlage ist daher um das eine, letzte Tor zu hoch ausgefallen. Übrigens: Auch das Verhalten beider Fangruppen an diesem letzten großen Abend für das Georg Melches Stadion verdiente sich ein Lob! Trotz Unterstützung der Aktionen zur Legalisierung von geordneter Pyrotechnik wurde nicht auf Teufel komm raus versucht, das Stadion zu erleuchten. Die Anfeuerung der eigenen Mannschaft stand im Vordergrund und verbale „Scharmützel“ gehören nun einmal dazu. Der RWE hat sich nach diesem Spiel bis auf weiteres wieder aus dem Fokus der bundesweiten Fußballöffentlichkeit verabschiedet, aber Verein, Mannschaft und Fans haben einen verdammt guten, nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Fragen Sie bei Markus Babbel nach.

Am Samstag wartet nun die Eintracht aus Trier mit einer großen Kulisse auf den RWE. Vielleicht platzt dort ja als Außenseiter der Knoten oder wird der Bock umgestossen. Suchen Sie sich was aus, aber irgendwann wird die Mannschaft wieder für ihren nimmermüden Einsatz belohnt werden.

Im Nachgang beschäftigen mich dann noch zwei Dinge: Zum einen möchte ich herzliche Grüße loswerden: An alle, die wir vor dem Spiel in der Friesenstube „am Platz vom Boss“ getroffen haben. Und zum anderen: Das neue Stadion kristallisiert sich immer mehr heraus, es wächst. Ebenso wie die Kosten: 1,2 Millionen müssen schon jetzt zusätzlich gestemmt werden. Und wieder einmal frage ich mich: Wie kann das sein? Da wünsche ich allen Entscheidungsträgern einen kühlen Kopf und gute Berechnungen. Nur der RWE!

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