Monatsarchive: Februar 2012

Sportler des Jahres

„Wir machten uns daran, auf den Weg hinter der Westkurve über den Privatparkplatz hinter die Osttribüne zu gelangen…….Als die Offenbacher Hools wieder ausheckten, wie sie uns wohl das Fürchten lehren könnten, wurden sie von unseren „Guten“ überrascht.Durch das Verbindungstor zur Haupttribüne gelangten unsere Hooligans auf die Osttribüne, wo sie mit Steinen und Knüppeln die nun plötzlich wegrennenden bearbeiteten. Die ganze Osttribüne stand Kopf, es war ein einziges Gerase……hunderte von Essenern standen schon auf dem berühmten Berg hinter der Osttribüne und warteten auf die Offenbacher….auf der Gegengerade in unserem Block sahen wir nur noch, wie zahlreiche Dosen und Flaschen sowie Leuchtraketen auf den Platz flogen…das Stadion stand Kopf, der Zaun in der Gegengerade wurde heruntergerissen, die Grünen kamen von der Osttribüne angewetzt und stürmte unseren Block…..die Hafenstraße glich fast einem Schlachtfeld. Die Essener Hooligans machten ihrem Namen alle Ehre….erst 45 Minuten nach dem Spiel war in der Hafenstraße Ruhe eingekehrt“ 

Soweit die (stark gekürzte) verklärte „Berichterstattung über ein Zweitligaspiel des RWE gegen die Offenbacher Kickers aus dem Fanschinken „Das Fanbuch“ von 1988. Das Spiel fand statt am 7. November 1987 und wurde von 4500 Zuschauern besucht. Endstand 1:3 für die Kickers.

Ein Bericht, der über viele Jahre hinweg die Wahrnehmung der Fußballöffentlichkeit über Rot Weiss Essen widerspiegelt: Gefährliches Pflaster, schlechter Fußball und wenig Zuschauer. Natürlich kennen wir solche Erzählungen aus dem Zeitalter „Regenschirm bei Sonnenschein und die Jogginghose muß es sein“ und wissen: Dichtung und Wahrheit geben sich hier die Klinke in die Hand. 
Aber den Ruf trugen (und tragen) die Fans des RWE nicht zu Unrecht. Hinzu kamen in den langen Jahren des schleichenden Untergangs bis hin zur Insolvenz die allseits bekannten Fehler, wie Misswirtschaft, dubiose Vorsitzende oder falsche Kaderplanung. Den DFB und seine Lust auf Reformen lassen wir jetzt einmal außen vor. 
So, und nun schieben wir diesen ganzen Rotz aus alten Zeiten mal beiseite und landen im gerade begonnenen Jahr 2012. Schließlich gilt es ja noch, den Sportler des Jahres 2011 bei Rot Weiss Essen zu küren: Ich öffne also den Umschlag, das Licht wird gedimmt und sanfter Trommelwirbel ertönt……….der Sportler des Jahres 2011 bei Rot Weiss Essen ist……..ROT WEISS ESSEN! 
Überrascht? Natürlich könnten wir jetzt einzelne Personen hervorheben: Verantwortliche, Trainerstab, Spieler, Angestellte, Sponsoren, Fans und, und, und. Aber all das hat nur funktioniert, weil es sich um Rot Weiss Essen handelt. Dessen bin ich überzeugt. 
Der Verein war das Bindeglied für all diese tollen Menschen und ihr unwahrscheinliches Engagement. Der RWE hat endlich einmal das bekommen, was ihm zusteht. Keine Emblemküsser, keine von Kindheitsträumen getriebene. Hier sind Fachleute am Werk, die verdammt ehrliche Arbeit abliefern. Eine Arbeit, die sich natürlich noch nicht wirklich allein auf sportlicher Ebene widerspiegelt, denn Platz 13 in der Viertklassigkeit gilt in unserer sportlichen Leistungsgesellschaft natürlich nicht viel. Aber wir reden hier von einem Aufsteiger. 
Auch hier gebührt der größte Verdienst einmal mehr dem Verein: In der sportlichen Durststrecke zu Saisonbeginn sind alle ruhig geblieben. Kaum einer, der die sonstigen Mechanismen der Branche inklusive Kopf des Trainers eingefordert hat, kaum ein Zuschauer, der der Mannschaft den Rücken gekehrt hat. Der Lohn zeigt sich in einer leicht aufsteigenden Form und konstanteren Leistungen.
Möchte man nun doch den neuen RWE personifizieren, kommt man an Dr. Michael Wellig nicht vorbei. Kein RWE Fan bei Amtsantritt, aber ein Macher mit Herz und Seele für seinen Arbeitgeber. Der da widerum der RWE ist. Also da haben sich ja wirklich zwei gefunden, die zusammenpassen. So mein Eindruck von außen. 
Und das kleine Team rund um den „Doc“ hat bewegt, was scheinbar nicht mehr zu bewegen war: Rot Weiss Essen, dieses alte abgewrackte Fußballschlachtschiff in seinen letzten Zügen, wurde nach und nach flottgemacht. Wurde gar zu einem schützenswerten Kulturgut. Bekam mehr Mitglieder, verkaufte als Viertligist die sagenhafte Zahl von mittlerweile 4040 Dauerkarten (Die Option neues Stadion zieht hier natürlich) konnte und kann nach und nach wieder Partner für sich gewinnen. Partner, die sich trauen für den RWE zu werben. Synergieeffekte, neubaubedingt sicherlich. 
Ganz stark und definitiv „Sportler des Jahres“- würdig auch die Außendarstellung und die Teilnahme an Aktionen, die scheinbar nicht für den unterklassigen Fußball in Frage kommen: So erhielt das Essener Fanprojekt verdiente Aufmerksamkeit durch die Deutsche Welle und auch der 8. Erinnerungstag im Deutschen Fußball wurde aktiv mitgestaltet. Die Liste kann noch weiter verlängert werden, warum der Sportler des Jahres in diesem Jahr der ganze Verein geworden ist. 
Aber abschließend möchte ich lediglich noch auf das Buch verweisen, welches auch noch seinen Platz in der Danksagung finden wird. Finden muß! An der Hafenstraße – RWE ist eine liebenswerte Hommage an ein Stadion, welches mehr schlechte denn gute Tage gesehen hat. Ein Stadion, welches zu schnell groß wurde um daraufhin ganz langsam unterzugehen. Aber auch kein Stadion, sondern eher Heimat für viele tausende RWE Fans in all den Jahrzehnten. Ein Buch also, mit welchem die baldige Abrissbirne besser zu ertragen sein wird. Denn der Abriss ist kein Ende, sondern nur ein Anfang für meinen Sportler des Jahres 2011. 
Und im neuen Stadion wünsche ich mir genau die Fans, die auch ein paar Meter weiter immer da waren. Ich möchte kein weichgespültes Publikum, wie es vielleicht andernorts erwünscht ist und vertraue da voll und ganz den Verantwortlichen, daß der Fußball in Essen bei Rot Weiss immer die Kultur des kleinen Mannes sein wird. Aber auch die Logen schön vermietet werden. Ein spannendes Jahr mit unserem Verein steht uns bevor. Toll, und ……..Danke, Du mein RWE.

Von Beziehungen

Manchmal braucht es nur einen Blogeintrag, um die Gedanken kreisen zu lassen. Schöne Erinnerungen hervorzurufen oder sich zu hinterfragen: Und wie ist das so bei mir? Catenaccio war es, welcher gekonnt das Thema „Fußball und Liebe“ in den Raum warf. Seitdem denke ich darüber nach. Nicht darüber, ob ich den Fußball mag oder nicht, das versteht sich wohl von selbst.
Nicht einmal darüber, wie sich Spielbesuche auf die Partnerschaft auswirken. Ich glaube, das kann ich hier ganz unspektakulär abhandeln: Unsere Berufe und das wunderbare Elterndasein erfordern bisweilen eine „Spielbesuchslogistik“, die sich hinter einem profanen Gesetzesentwurf nicht verstecken muß. Wenn ich mich dann einmal mehr und endlich wieder auf die Autobahn begebe, dann mit voller Rückendeckung und Daumendrückens  der Kinder für diesen wunderbaren RWE.
Somit könnte ich dieses Thema also schnell wieder beenden und abgeben. Doch ich komme einfach nicht von dem Gedanken los aufzuschreiben, daß Fußball nicht nur Liebe, sondern auch Basis ist. Basis für Freundschaften zum Beispiel. Und da fallen mir immer mal wieder kleine Begebenheiten ein, die nun wirklich nicht mit dem Thema in Einklang zu bringen sind. Aber mich schmunzeln lassen, endlich wieder.
Wie der Besuch beim Brinkumer SV. Hier sind wir dem SV Eintracht Richtung Bremen hinterhergefahren. Angekommen klingelte sein Handy: Er hatte vor lauter Begeisterung mal wieder vergessen, daheim mitzuteilen, daß es zum Fußball geht. Keine Abendbrötchen also.
Oder Lübeck an der Hafenstrasse, dieses unvergessene Spiel, welches den RWE endgültig in den Abgrund stürzte. Diesmal gar zu dritt unterwegs wurden wir in Gronau direkt nach dem Frühdienst „aufgegabelt“. Sein Vormittag schien überaus anstrengend gewesen zu sein, das Mitteilungsbedürfnis grenzenlos: Erst kurz vor dem Bottroper Dreieck stoppte der Redeschwall und ein „Hallo Jungs, und wie sieht’s bei Euch aus“ kam in unsere Richtung über seine Lippen. Der allseits beliebte Klassiker passte dann auch noch gut zu diesem traumatischen Tag: „Hast Du die Karten dabei?“ „Nein, die wolltest Du doch bestellen“ „Echt jetzt?“ „Dann haben wir ein Problem“.
Ein wirkliches Problem hatten wir an einem Spätsommerabend in Nordhorn, eines der schönsten Spiele am Nordhorner Heideweg fand gerade sein Ende. Der heimische SV Eintracht hatte den Verfolger (oder war es umgekehrt) SV Wilhelmshaven in einem berauschenden Fußballspiel bezwungen. Dem mitgereisten, und für dieses Spiel eigens zusammengestellte, Anhang der Wilhelmshavener passte das nicht wirklich, und so musste wenigstens eine Zaunfahne als Beute herhalten. Dummerweise musste das ausgerechnet mir auffallen. Und mitgeteilt habe ich es auch sofort. Hätte ich mal nicht machen sollen, denn anstatt ein „Dumm gelaufen“ kam, ich hätte es wissen müssen, ein „die holen wir uns wieder“ zurück.
Na toll, im Schweinsgalopp also rund um das Spielfeld Richtung Gästeeingang und dabei fieberhaft überlegend, wo ich denn meine Ersatzbrille liegen habe. Da standen sie dann, politisch desorientierte, volltrunkene, vielleicht sogar ein paar wirkliche Fans. Und ein Polizeifahrzeug. Wir trugen der Staatsmacht unser Anliegen vor, aber stiessen auf keine Kooperation. Nützte also nichts, reine Deeskalation war nun gefragt, schließlich waren wir zu zweit und die anderen nur zu fünfzig. Voll die pädagogische Karte ausspielend gelang es, die Wortführer herauszufinden. Und den Grund: Angeblich hätten Nordhorner eine Wilhelmshavener Fahne geklaut, und das war nun der Racheakt. Echt jetzt, Nordhorner klauen Fahnen? Das geht ja mal gar nicht.
Schon gar nicht mit Peter. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn wollte die Fahne zurückholen und ließ mich kurzerhand allein. Ich hatte aber nun auch keine Lust mehr auf Diskussionen und bin dann ohne nachzudenken in den Bus gestiegen. Vor lauter Schreck über meine Dreistigkeit wurde mir dann die Fahne ausgehändigt. Schnauze voll, Fahne wieder da. Geht doch. Zurück oben im Clubhaus wurde mir dann aber doch etwas schwach auf den Beinen ob unseres Erlebnisses. Das hätte im „Normalfall“ ganz anders ausgehen können. Aber wenigstens war ich mal der Held für eine Nacht.
Wieder in Essen vor Ort war Rostock zu Gast. Mit im Gepäck auch reichlich Pyrotechnik und die Absicht, sich ziemlich fragwürdig den Fernsehzuschauern zu produzieren. Beängstigende Szenen, aufgeheizte Gemüter auf beiden Seiten. Ein Spiel, welches aufwühlt. Und welches im Nachgang noch lange vorhält. Signal für mich, nach dem Spiel erst einmal nicht viel zu sagen. Ich ließ ihn vorlaufen, mit sich redend und hadernd, an Hansa Fans vorbei, nur um diesen mit auf den Weg zu geben, daß es das früher nicht gegeben hätte, sich nach einem solchen Spiel frei auf der Hafenstrasse zu bewegen.
Ja, so war das, und es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Auch eine Form von Fußball und Liebe, oder nicht? PS: Den Wilhelmshavenern wurde übrigens keine Fahne geklaut: A) hatten sie gar keine dabei und B) machen Nordhorner so etwas nicht. Und leider ist generell auch der SV Eintracht nun für mich endgültig Geschichte.
Wer aber das spannende Thema wirklich in seiner angedachten Form weiterbehandelt wissen möchte, der sollte sich diese wunderbaren Texte bei angedacht und Lizas Welt durchlesen.