Von der Unlust und dessen Freude.

Drei Fahnen der Ultras Essen werden geschwenkt. Gegenüber, auf der alten Haupttribüne der Lohrheide, hängt einsam eine Fahne des VfL Bochum. Das Kamerateam der Polizei positioniert seinen Aufnahmewagen noch einmal neu vor dem heute ungewohnt kleinen Block der Essener Fans. Balljungen widmen sich der Hochsprungmatte.
Anwesende Fotografen versammeln sich zumeist einsam rund um das Eckige und der Stadionsprecher begrüßt die zahlenden Zuschauer mit der Begeisterung einer Bahnhofsdurchsage. Wattenscheid, Stadion Lohrheide an einem Dienstagabend. Regionalliga West. Spiel Eins nach dem Heimdebakel gegen die Zweitvertretung der Borussia aus Mönchengladbach.
Ich hatte überhaupt keine Lust auf Fußball, keine Lust auf die Mannschaft des RWE dieser Tage. Aber, da ist auch der Beruf. Und ein Klient, welcher eigentlich von Haus aus Königsblau. An Spieltagen aber im RWE Trikot zur Schule gehend und um jedes Spiel weiss. In seinen Worten fragt, wann es mal wieder zum Fußball geht. Den Ablauf klar festgelegt: Es bedarf der Eintrittskarte, möglichst einer Stadionzeitung und mindestens zwei Stadionwürste. Es winkt ein Hinweg in überbordender Freude und Mitteilungsdrang, im Anschluss ein Rückweg in Stille, da Zufriedenheit eingekehrt ist in einen unruhigen Geist, welcher nun die ihm wichtigen Dinge in der Hand hält. Welcher noch tagelang von einem Spiel schwärmt, welches ich heute privat nicht besucht hätte.
Es fehlen dann auch die Argumente, sich für ein sportlich bedeutungsloses Fußballspiel auf den weiten Weg zu machen. Achthundert Besucher haben sich trotzdem an diesem Abend auf den Weg in das Lohrheide Stadion gemacht. Bochum zu Gast in der Eingemeinde und sportlicher Heimat der SG Wattenscheid 09. Die älteren Fußballfans mögen sich erinnern.
Mit Beginn der Begegnung nahmen auch die Ultras Essen und ihr Umfeld die Unterstützung der Mannschaft auf. Das hätte ich in dieser Form so nicht erwartet. In den kurzen Gesangspausen kam dann immer wieder ein wohliges Gefühl von Bezirksliga in Anbetracht der Kulisse und der Bemühungen der Aktiven auf dem Rasen auf. Bemüht waren sie durchaus, die Spieler des RWE. Kurz vor der Halbzeit gab es sogar eine Phase, die man getrost als Druckphase hätte bezeichnen können. Ohne diese in Tore umzumünzen.
Alles in allem aber ein erste Halbzeit, welche so dahinplätscherte. Da sich der Großteil der Essener Fans auf der Sitzplatztribüne niedergelassen hatte, blieb in den Kurvenblöcken genug Platz für die restlichen Fans des RWE. Ungefähr Vierzig an der Zahl. Eine Enttäuschung monetärer Natur natürlich für den einzigen, unter einem Partyzelt positionierten, Bratwurststand. Andererseits vielleicht auch nicht ganz so schlecht für den Mann an der Grillzange, war sein Mitteilungsdrang doch bisweilen ausgeprägter als seine eigentliche Aufgabe, der Würstchenzubereitung.
In der zweiten Halbzeit wirkte das Spiel etwas geordneter und auch mit mehr Drang zum jeweils gegnerischen Tor. Der VfL Bochum ging dann durch einen Elfmeter in Führung, welcher aber durch die weite Entfernung nicht klar als solcher definiert werden konnte. Hatte zudem noch mindestens eine klare Torchance, welche jedoch vergeben wurde. Etwas, was sich im Fußball zumeist rächt. Das Auslassen klarer Torchancen jetzt.
In der Nachspielzeit kam der RWE somit doch noch zu seinem verdienten Ausgleich. Endstand also 1:1. Während des Spiels übrigens monierte die Bahnhofsdurchsage noch Essener Leuchtfeuer und fielen die vielen Rückpässe in Richtung eigenes Tor beim RWE auf. Tja, und das war es dann auch, an diesem Abend Anfang Mai.
Ich hatte immer noch keine Lust auf Fußball und den RWE. War auf der Rückfahrt genau so still wie auf der Hinfahrt, mit den Gedanken ganz woanders. Aber auch mit einem Lächeln und der Gewissheit, einem ganz tollen Menschen heute ein paar schöne Stunden beschert zu haben. Und Morgen, wenn ich denn abgerechnet habe, geht auch die Eintrittskarte endgültig in seinen Besitz über.

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