Mikroorganismen (Pornobalken reloaded)

Abpfiff. Das Spiel des Lebens gerade gewonnen oder verloren. Von Emotionen gezeichnet. Sieger oder Verlierer! Aber, wir haben doch keine Zeit. Hektisch stürmen mobile Kameras mitsamt Träger das Spielfeld; Begleitet von Mikrofonen, deren Träger nur einen Auftrag haben: Erste Stimmen einzufangen.

Im Hintergrund sieht der Zuschauer am Empfangsgerät wichtige Menschen, mindestens mit Headset, meistens mit fliegendem Jackett durch das Bild huschen. Mitunter einen der Sieger oder Verlierer (nachfolgend Sportler genannt) sanft in Richtung Kamera und Mikrofon drängend. Blitzschnell tauchen aus dem Nichts ganze Raumteiler mit Sponsorenlogos auf. Hintergrund für Vordergründiges. Bei den ganz großen Finalspielen werden gar ganze Triumphbögen für das Siegerfoto erschaffen.

Und dann ist er da, der unausweichliche Moment für den ausgepumpten Sportler: Die erste Frage! Erinnert zumeist an qualitativ hochwertige Reflektionen in Folge einer pädagogischen Übung: „Wie fühlen Sie sich ?“ oder: „Was geht (Alternativ: ging) in Ihnen vor ?“. „Möchten Sie noch jemanden grüßen ?“, oder: „Wann geben Sie Ihren Wechsel bekannt ?“ Die Frage nach dem „Was haben Sie sich dabei gedacht ?“ geht dabei schon etwas mehr ins Detail. Wird dem Sportler doch vorab das Prädikat verliehen, zu denken.

Aber was denkt denn nun ein Sportler, wenn er in Bruchteilen einer Sekunde zum Eigentorschützen oder Schützen des goldenen Tores wurde ? Und, möchte ich das sofort wissen ? Möchte ich überhaupt direkt nach Abpfiff als Fan mit dieser Methodik konfrontiert werden ? Oder möchte ich mich auch als Fan zunächst einmal sammeln, sowie sich auch Sportler und Fans im Stadion sammeln sollten. Stumm oder laut vor Freude, mit Tränen in den Augen oder schluchzend vor Trauer.

Ich möchte das nicht! Möchte ein paar Minuten nur eine Kamera, die mir die Emotionen von Sportlern, Verantwortlichen und Fans wiedergibt. Ohne diese und mich zu nötigen. Wenn es geht, ohne Kommentar für den Moment. Bei allem Verständnis für die Synergieeffekte zwischen Sport, Medien und Wirtschaft: Weniger ist manchmal mehr. Zum Glück haben scheinbar die Verantwortlichen der Vereine aus dem DFB Fauxpas von 2008 gelernt und kommen nicht sofort mit „Danke für Eure Unterstützung“ Planen auf das Feld gerannt. Sieger T -Shirts und Bierduschen sind schon schlimm genug.

Aber wenn zudem noch bei der Ankunft am Flughafen fast exakt die selben Fragen wie Stunden zuvor warten, da gefriert auch schon einmal die mediale Eloquenz eines Jürgen Klopp zwischen den Bartstoppeln ein. Das Finale verloren und eine Frage doppelt gestellt bekommen: Matthias Sammer hätte den Reporter wohl aufgegessen. Manchmal möchte man doch einfach nur nach Hause.

Definitiv die Frage „Was haben Sie sich dabei gedacht“, gehört den Organisatoren des Schlachtengebildes vor dem Finale am Samstag gestellt. Wie viele Fans jeglicher Kategorie wurden nicht mit Stadionverbot belegt, als sie ähnliche Szenarien auf das Spielfeld gebracht haben. Vielleicht etwas zu unorganisiert und gegen die Anweisung der Regie, was dann den Tadel und die vergebliche Akzeptanz für das Schauspiel zur Folge hatte. Zwei Deutsche Armeen in London in die Schlacht ziehen zu lassen, ist grundsätzlich eine mutige Entscheidung.

Gehen wir aber davon aus, dass diese Idee grundsätzlich schon weit im Vorfeld für das Endspiel geplant war. Es hätten also auch Schotten gegen Engländer in die Schlacht ziehen können, Spanier gegen Katalanen, Heineken gegen Budweiser. Wie dem auch sei: Paul Breitner konnte seine ganze schauspielerische Erfahrung dank „Potato Fritz“ in die Waagschale werfen, während bei Lars Ricken Talent alleine ausreichte.

Das Finale aber, das ließ das Vorspiel schnell vergessen. Welch ein Fußball, was für ein Spiel. Es hätte einige Minuten des Innehaltens für alle bedurft, statt der sofortigen ersten Frage. Ohne Frage.

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