Scherenschnitt

Hans-Joachim Watzke möchte nicht so enden wie unser aller RWE, und muss daher mit dem BVB immer den Sprung auf monetäre und globale Züge schaffen. Egal in welche Richtung diese auch fahren; Thomas Müller beklagt sich zurecht über aufgeblähte Qualifikationsrunden zu immer mehr aufgeblähten Turnieren bei Gegnern, die immer öfter nur noch sportliche „Opfer“ sind. San Marino jedoch kontert mindestens und wohl noch mehr zurecht, dass auch die Großen die Kleinen brauchen. Um geerdet zu werden und da sich im kleinen eben jene Seele des Spiels wiederfindet, die die Großen vor lauter Geldgier gegen ein Fußballherz aus Beton eingetauscht haben. Und wenn die Großen nicht mehr gegen die Kleinen antreten wollen, woher bekommen wir dann in Zukunft noch den Stoff für jene Fußballgeschichten, über die noch in zig Jahren geredet wird und die wir so lieben? Das sind doch die Begegnungen Groß gegen Klein, aber wohl kaum ein Spiel aus einer wie auch immer gearteten Setzlisten Liga.

Das klassische Derby Chemie gegen Lok weckt selbst im unterklassigen Pokalwettbewerb mehr Emotionen, als es der erste Titel des kommenden Meisters aus der selben Stadt jemals schaffen wird. In England wird ein klassischer Underdog Meister und ein Fanverein (AFC Wimbledon) überholt nach vielen Jahren in der Tabelle eben jenen Verein, (Milton Keynes Dons) für den der angestammte, insolvente und geliebte Verein (FC Wimbledon) einst in die Tonne gekloppt und „outgesourct“ wurde. Der Fußball aktuell mal wieder am Scheideweg. Also eigentlich wie immer. Allmählich jedoch verhält es sich im Fußball wie mit der Erderwärmung: Die Auswirkungen sind langsam aber sicher immer spürbarer. Ein schleichender Prozess, der da stattfindet und uns immer mehr die Luft zum Fußballatmen nimmt, passen wir nicht endlich auf unseren so geliebten Sport auf. Die WM mit dutzenden Teilnehmern will doch keiner wirklich am TV sehen, gleichwohl man aber auch eben jenem San Marino zum Beispiel nicht das Spiel des Lebens und die ehrliche Freude am Fußball verwehren möchte. Schwierig, da allen gerecht zu werden.

Bestimmt nicht mehr sehen möchte man die mittlerweile immer häufiger stattfindenden „Treibjagden“ auf gegnerische Spieler oder Unparteiische, wie sie bisweilen im Unterbau des Fußballs stattfinden. Ihr Schläger auf Asche habt im Fußball genau so wenig verloren wie Korruption und Setzlisten von denen da ganz oben. Fußball ist immer noch ein Spiel und das soll es auch bleiben. Aber auch der DFB benimmt sich immer mehr wie ein Trumpeltier und möchte die Spieltage der ersten Bundesliga noch weiter auseinander zerren. Ingolstadt gegen Wolfsburg jetzt auch noch zur besten und traditionellen Anstoßzeit der Amateure Sonntag Nachmittag auf Sky. Da möchte doch kaum noch einer Rot-Weiss Essen gegen Alemannia Aachen vor Ort im Stadion sehen. Obwohl, also da kann man sich in seiner Prognose schon mal vertun….

Jetzt aber zum eigentlichen Anliegen: Ich habe letztens unter einem Artikel den Kommentar eines RWE Fans gelesen, welcher für sich und besonders Rot-Weiss Essen den Anspruch 1. Bundesliga proklamiert und somit weder eine Dauerkarte gekauft hat, noch auf Hoch3 reingefallen ist (eigene Definition).  Da musste ich erst einmal kräftig durchatmen, denn dieser Fan wird zeitlebens an seinen eigenen Ansprüchen scheitern und ein ewig unzufriedener bleiben. Und somit ja in gewisser Art und Weise auch andauernd negative Stimmung verbreiten, denn wer seine Ansprüche nie erreicht, wird nicht gerade frohlocken. Wie kann ich überhaupt einen solchen Anspruch formulieren, war doch mein Verein vor mittlerweile geschlagenen vierzig Jahren das letzte Mal erstklassig? Da kann ich doch als Fan Saison für Saison ständig nur scheitern und immer verbitterter im meinem rot-weissen Dasein werden. Keine Dauerkarte zu kaufen ist nicht schlimm, und auch den Weg Hoch3 mitzugehen kann keiner verlangen. Zumal sich jetzt herausstellt, was ich vor der Saison angemahnt habe: Ein Timo Brauer kann eben nicht über Wasser gehen und einen Aufstieg garantieren. Er ist Teil einer Mannschaft, die es nur gemeinsam richten kann. Eines Tages.

Den eigenen Anspruch gilt es somit mit Blick auf die traurige momentane Realität ein wenig zu reduzieren. Könnte auch der eigenen Gesundheit zuträglich sein. Keiner ist an der Hafenstraße gerne viertklassig. Aber sportlich gehören wir nun schon so lange dazu: Wir sind Inventar und leider schon lange kein Ausrutscher mehr. Mein eigener sportlicher Anspruch an den RWE ist die dritte Liga. Der Zuschauerzuspruch ist zweite Liga und das Stadion sogar bereit für die erste Liga. Die Vergangenheit für eine Dekade legendär erfolgreich und mit Mythen behaftet. Unter dem Strich also: Der Scherenschnitt Rot-Weiss Essen vs Anspruch Fans ist mindestens genau ein so schwieriger wie der zwischen den Großen und Kleinen überhaupt im Fußball dieser Tage.  Es bleibt spannend.

3 Kommentare

  • Pingback: Scherenschnitt | re: Fußball

  • Harald van Eickelen

    Guten morgen lieber Uwe Strootmamm! Dein Beitrag ist mal wieder erstklassig, anders als unser geliebter RWE. Für mich ist in jetzigen Konstellationen unser RWE fast lieber, weil eben klein aber fein und nicht da in diesem korrupten Heifischbecken, DFB,UEFA, FIFA und wer da sonst noch alles rum kreucht und fleucht. Bitte nicht nicht falsch verstehen, natürlich möchte tollen und erfolgreichen Fussball sehen, aber doch nicht um jeden Preis. Ich male es mir jetzt schon aus wie groß die Freude sein könnte, wenn es Wirklichkeit wird und unser RWE wieder erstklassig wird, aber das traurige ist 40 Jahre hab ich nicht mehr zeit um es zu erleben. Auch wenn ich oft enttäuscht nach spielen nach Hause fahre, so gibt mir mein (unser) RWE soviel, wenn ich nur an die ganzen tollen Leute denke die ich eben durch unseren RWE kennen gelernt habe da kommt soviel zurück. Und eins ist, da bin ich mir sicher Fussball mit Herz, Leidenschaft und Emotionen, das alles gibt es bei uns anne Hafenstrasse 97a und unseren RWE. Lieber ich wünsche dir ein schönes Wochenende. Wünsche dir für dich und deiner Familie Gesundheit, Glück, Spaß und Zufriedenheit. In diesem Sinne nur der RWE!

  • Hallo Uwe,

    ein guter Artikel zur Lage des Fußballs, der zum Weiterdenken anregt. Aus Deinen Ausführungen könnte man die These herauslesen, dass, egal auf welcher Ebene man das Thema Fußball betrachtet, der Umgang mit „Ansprüchen“ einen nicht unerheblichen Teil der Wurzel unliebsamer Entwicklungen darstellt. Das kann gut sein.
    Vielleicht ein paar Gedanken dazu:
    Ansprüche haben auf Seiten desjenigen, der sie stellt, entweder etwas mit Erwartungen oder aber dem (vermeintlichen) Recht auf etwas zu tun. Im allgemeinen Sprachgebrauch suggeriert die Verwendung des Begriffs „Anspruch“ tatsächlich oft eine unklare Vermischung von beidem. Das Wort drückt eventuell zum einen eine Steigerung der Intensität aus, die eine Erwartung angenommen hat, zum anderen, dass allein aus der Erwartung selbst tatsächlich so etwas wie ein Recht auf Erwartungserfüllung abgeleitet wird.
    Dementsprechend oft wird der Begriff „Anspruch“ insofern mit Negativem verbunden, als der Anspruchsstellende -bisweilen nicht ganz unerheblichen- Druck auf denjenigen (oft genug auch auf sich selbst) ausübt, der als Subjekt der Anspruchserfüllung auserkoren ist.
    Vielleicht würden tatsächlich eine Menge Dinge, so auch im Fußball, friedlicher und gemeinschaftlicher ablaufen, wenn die Akteure statt Ansprüche zu stellen, je nach Realitätsgrad lieber Erwartungen, Wünsche oder Träume formulieren würden. Der eigentliche Träumer, der Fantast, ist nicht derjenige, der sagt „Ich habe den Traum vom RWE in der ersten Liga“ sondern der, der in solch einem Fall Ansprüche stellt. Wird’s nichts mit dem Traum, ist die Aggression nämlich eher von Letzterem zu erwarten.

    Liebe Grüße
    Andreas

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