Monatsarchive: März 2019

Zäsur

Damals, wir hatten ja nichts anderes, waren wir höchstwahrscheinlich kein aktives Mitglied  einer Gruppe. Gruppen standen schließlich auf der Bühne und gaben Konzerte. Bands also. Wir guckten nach oben auf Menschen und hatten kaum Nacken. Heute, die Zeiten ändern sich, gucken wir ständig nach unten auf ein Display, haben Nacken und sind höchstwahrscheinlich alle Mitglied von mehr als einer Gruppe. Ohne eine Band zu sein.

Neben den üblichen Gruppen eines hinlänglich bekannten Nachrichtendienstes wie zum Beispiel „Klassentreffen“, „Familie“, Stammtischfahrt“ „Schlakke wieder kein Meister“ usw. gibt es selbstredend auch die eine, in welcher es um den eigenen Verein geht. Wir zum Beispiel haben unsere RWE Gruppe schlicht und bescheiden „Vorstandstreffen“ genannt.Ich liebe diese Gruppe! Zum einen ist sie der direkte Draht nach Essen, und zum anderen beschränken wir uns nicht nur auf den RWE, sondern haben natürlich auch noch uns, unsere Hunde und ziemlich viel Blödsinn auf dem Programm. Aber, wir passen auch auf uns auf und kümmern uns umeinander. Spekulieren ständig auf das Herrlichste rund um unseren Verein, sind wir doch zudem allesamt auch außerhalb unserer Gruppe in den Farben Rot-und Weiss gut vernetzt.

In letzter Zeit jedoch gab es eine tiefgreifende Zäsur, die mir erst jetzt so wirklich bewusst wird: Es gibt Spieltage, an denen schreiben wir einander gar nicht mehr über die Spiele unserer doch so geliebten Roten. Es gibt keine atmosphärischen Statusmeldungen, keine ergebnistechnische Wasserstandsmeldung mehr. Es wird nicht einmal mehr über was auch immer gelästert. Und dabei waren diese neunzig Minuten die Fixpunkte unserer Gruppe. Wir nehmen das Gebotene auf dem Feld einfach nur noch hin und diskutieren über bessere Zeiten. Wissen natürlich um die Maloche, die der Verein aktuell Tag für Tag abseits des Feldes leistet, um die Weichen zu stellen für eine bessere sportliche Zukunft. 

Doch dann kam diese Nachricht, die mich in der Tat zunächst einmal mehr als geschockt hat: 

„Ich muss jetzt mal was gestehen; Ich bin im Moment, was den geliebten RWE angeht, total emotionslos. Befinde mich quasi mitten in der Fastenzeit und bewusst auf Entzug. Mich zieht nichts mehr ins Stadion, bin einfach „leer und lustlos“. Habe noch nicht einmal mehr die Vorverkaufsoption für das Pokalspiel genutzt. Ich hoffe sehr, dass die Beziehung zwischen dem geliebten RWE und mir zur neuen Saison wieder eine neue Chance bekommt. Aktueller Beziehungsstatus: Es ist mehr als kompliziert“

Es ist also passiert: Sie, die als einzige von uns den RWE sogar auf der Haut trägt, ist aus selbiger gefahren und hat sich nicht nur von den neunzig Minuten abgewandt, sondern benötigt direkt eine komplette Pause von unserem Verein. Eine Folge der bisweilen unerklärlichen Darbietungen auf dem grünen Rasen. Eine Folge sicher auch von einer Dekade Sehnsucht nach was Besserem. 

Dummerweise gehört „Sie“ zu meinem Stadionerlebnis Hafenstraße zwingend dazu, sind wir doch oft in letzter Zeit nur noch der Gruppe wegen nach Essen gefahren. Ich brauche die Gespräche mit ihr und ihrem Papa, dem ehemaligen Bergmann. Was machen wir denn jetzt? Wie bekommen wir diese treue Seele zurück in die Rot-Weisse Spur? 

Ich glaube, diese Antwort kann nur die Mannschaft geben. Mit gutem und erfolgreichen Fußball. Dann stehen wir alle wieder zusammen und schreiben auch über Spiele. Weil:

Nur der RWE!

Viva la Zwote!

Rational ist das eigentlich nicht zu erklären, dass unsere „Zwote“ in vielerlei Dingen so sehr in den Herzen der Rot-Weissen Fangemeinde verankert war. Schließlich stehen Zweitvertretungen bei uns und grundsätzlich überhaupt nicht wirklich hoch im Kurs eines jeden Fußballfans, der es mit einer „Ersten“ hält: Sie rauben uns zwischen letztem Nerv, Sozialromantik und Aufstiegsplatz so ziemlich alles, was das eigene Fußballherz begehrt. Es sei denn, man ist Fan zum Beispiel eines Dauerabonnementen auf die Deutsche Fußballmeisterschaft. Da kann die Unterstützung der eigenen Zweiten eine Rückkehr zur einstmals geliebten und gelebten Fußballkultur werden. Stadion statt Arena, Flutlicht statt Lightshow. Proleten statt Moneten. Sind wir natürlich weit von entfernt.

2014 also hat Rot-Weiss Essen seine so innig geliebte Zwote auf Anweisung von niemals uns Uwe abgemeldet. Ein Aufstöhnen ging nicht nur zum Beispiel durch die Reihen der Stadionverbotler, die das höherklassige Fußballverbot so durchaus mehr als zu kompensieren wussten. Oftmals sogar mehr Spaß bei den Spielen der Zwoten hatten, als bei jenen im GMS, ging es doch weniger um die Existenz. Bei einer Ersten, da steht doch immer gleich alles auf dem Spiel: Blutdruck, Vereinswohl und das Große und Ganze. Bei der Zwoten hingegen geht es um das Spiel als solches, die Kumpels und das kalte Stauder. Um den neunzigminütigen Zeitvertreib am Tag danach. 

An der Hafenstraße hegte man aber spätestens seit der letzten und hoffentlich auch allerletzten Insolvenz 2010 diese ganz besonderen Gefühle in Richtung ebenjener Zwoten: Schließlich waren es hauptsächlich Trainerstab und Spieler der bis dato Zwoten, die nun als Erste dem insolventen und somit zwangsabgestiegenen Verein den Arsch retten und den Spielbetrieb aufrechterhalten sollten. Und wie sie das taten. Man könnte auch sagen: Mit Bravour! Diese Mannschaft, man könnte sie auch „Zwerste“ nennen, wurde eins mit den Fans der Ersten und legte einen Parforceritt durch die fünftklassige NRW Liga hin, der seinesgleichen suchte und sucht. Mit etwas Abstand betrachtet: Eines der schönsten Jahre überhaupt an der Seite von Rot-Weiss Essen. Was waren wir eine Einheit. Was hatten wir Erfolg. 

Das mag vielleicht eine Erklärung dafür sein, warum eben diese Abmeldung aus Kostengründen nicht nur ein Schock für das Vereinsgebilde, sondern auch für die Fanseele war. Das ging viel tiefer als nur der Verlust des entspannten Spiels am Tage danach. Vielleicht ebenso unterschätzt wie der Verlust der Vereinskneipe innerhalb des Stadions. 

Die dann 2013 gegründete Dritte konnte das Vakuum der Zwoten nicht kompensieren, war auch gar nicht zu diesem Zwecke ins Leben gerufen worden. Die Dritte ist eine eigene, ganz ehrenvolle Mannschaft an der Hafenstraße, die allein aufgrund der vielfältigen Schicksale Unterstützung verdient und sicher auch bekommt. Sich möglicherweise nun sogar die Liga mit der neuen Zwoten teilt. Teilen darf. 

Wir wissen jetzt nicht genau, wie und wann es mit der Zwoten nun konkret losgeht und was „Curtis“ so alles plant. Aber, wir wissen nun: Wir haben bald wieder eine „Viva la Zwote“. Und das ist gut zu wissen. 

Mein Traum: Sie macht den Spielern der Ersten schon bald wieder aber sowas von richtig Beine. Damit auch die endlich mal wieder im Sinne des Vereins laufen und kicken.

Strategisches.

Das Internet sagt auf Anfrage: „Eine strategische Partnerschaft ist die strukturierte Zusammenarbeit zweier Unternehmen, um gemeinsam Vorteil aus den Marktgegebenheiten zu ziehen oder um effektiver auf Kunden reagieren zu können, als dies im Alleingang möglich wäre“. Soweit das Internet. Soweit die Gegebenheiten in der freien Wirtschaft.

Nun sind wir ein Sportverein und somit alles andere als freie Wirtschaft. Wir sind gebundene Fans und wirtschaften schon seit einer Dekade gefühlt im Minusbereich der Emotionen. Sportlich läuft es nach bekanntermaßen gutem Start ja auch schon länger eher suboptimal. Irgendwie mögen unsere Spieler einfach nicht so spielen, wie wir es gerne hätten. Unsere Strategie auf den Rängen lautet schlicht und ergreifend: Alles geben, drei Punkte erwirtschaften; so malochen wie wir unter der Woche. Danach dann dürft Ihr dann auch gerne trinken wie wir am Wochenende. Kommt aber irgendwie nicht an in den Köpfen unserer Jungs; diese Botschaft. Da kann auch der Trainer machen was er will. Und er macht schon viel und will noch mehr. Aber, was soll er denn machen, wenn das auf dem Feld scheinbar keiner umsetzen will? Somit werden wir einmal mehr nicht in die weiterführende Liga Drei versetzt, sondern bleiben wieder sitzen. Herkenrath war schon schwere Kost, aber spätestens in Bonn war es dann gelaufen.

Die Zukunftsaussichten also mal wieder eher trübe denn klar. Hoch3 verspielt, diesen guten Ansatz sportlich vergeigt. Den Versuch war es trotzdem allemal wert. Wirklich! Das Ende von Hoch3 bewirkte aber auch in einigen Köpfen, dass nun anderweitig Geld akquiriert werden muss, um endlich einen erfolgreichen Kader zusammenstellen zu können. Eigentlich schaudert es mich immer noch bei dem Gedanken, dass scheinbar nur Geld zählt, um damit eine Mannschaft zu bilden, die um den Aufstieg mitspielt. Ich entstamme noch einer Generation und einer Idee, die da hieß: „Elf Freunde müsst Ihr sein“. Wo einer für den anderen grätscht und der Punktestand wichtiger ist als der eigene Kontostand. Ich Schussel, alternder Pädagoge und Sozialromantiker! Es geht also nicht mehr über das Miteinander, es geht über Qualität. Und die kostet! Geld haben wir aber nicht im Überfluss, auch wenn wir jeden Tag aufs Neue darauf stolz sein sollten, keine Schulden zu haben. Es bedarf also externer Quellen.

Ein Gedanke, der einige Fans dermaßen erschaudern ließ, so dass sie via Initiative und Banner unseren geliebten RWE für unverkäuflich erklärten. Da war ich direkt bei ihnen, denn unseren RWE verkaufen, ihn zu einem Spielzeug machen, wie bei den Münchener Löwen oder in der Grotenburg geschehen? Nein! Das kann keiner wollen. Lieber Kreisligist als Schalker! Aber, und das aber wird hier wirklich mit Nachdruck und Vertrauen getippt: Unser Verein hat sich zwar das OK der Mitglieder eingeholt, sich mit einer Ausgliederung zu beschäftigen (So ganz verstehe ich das Thema tatswahrhaftig immer noch nicht), aber immer auch wieder betont, diesen wundervollen Verein Rot-Weiss Essen von 1907 nicht verkaufen zu wollen. Also vertraue ich meinem Verein und bitte auch die Mitglieder dieser neuen Initiative ebenso um Vertrauen: Die Hafenstraße in Essen wird unsere schmuddelige Heimat bleiben. Aber niemals zur Spielwiese für fußballferne Investoren oder renditegeile Schmierlappen.

Daher haben mich die heutigen Schlagzeilen rund um den RWE zunächst einmal mehr als erfreut: Nach langen Wochen, gar Monaten, ist es scheinbar gelungen, in vielen Verhandlungen und Gesprächen einen strategischen Partner für unser aller RWE zu gewinnen, der nicht an Namensrechten und chirurgischen Eingriffen in das Vereinsrecht interessiert ist. Der zudem noch eine Essener Lösung darstellt. Somit aus Essen kommt und auf Konzernebene unterwegs sein dürfte. Das Hafenstübchen ist zwar schon seit Ewigkeiten strategischer Partner der Fans ihrer Leber, aber ob es finanziell für den Verein reichen könnte? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall ein guter Tag für unseren Vorsitzenden, der lieber hart hinter den Kulissen werkelt, was natürlich auch wieder nicht jedem gefällt. Aber, wann gefällt es an der Hafenstraße schon mal allen? Richtig: Wohl nur nach einem 7:0 gegen den Verein, dessen Vertretungskapitän seine Binde an Bedürftige abgegeben hat.

Also: es ist toll, wohl bald einen Partner an seiner Seite zu wissen, der es noch einmal, oder vielleicht auch ganz, neu mit dem RWE versuchen möchte. Aber, es gibt da einen gemeinsamen Nenner, der uns alle verbindet und den hoffentlich ein jeder dann auch in Zukunft verinnerlicht: Wichtig ist auf dem Platz! Ja Mannschaft, isso! Also macht mal hinne da!