Monatsarchive: Mai 2022

„Sobald man in einer Sache Meister geworden ist, soll man in einer neuen Schüler werden“ [Gerhard Hauptmann]

Vor dem alles entscheidenden Spiel gegen die gleichnamigen ohne Bindestrich aus Ahlen war schon lange vor dem Spiel alles voller als sonst. Egal ob die Tribünen, die Hafenstraße selbst, Parkplätze, Zufahrtswege, der Stadionvorplatz. Alles voll. Manch Fan auch. Und das schon zu früher Stunde. Aus Sicherheitsgründen wurde wegen nervösem Magen vielfach das Frühstück ausgelassen und gleich mit der Hauptmahlzeit an diesem Tag begonnen. Das Geschäftsmodell Pfandflasche somit ein außerordentlich ertragreiches. Trotz der Tatsache, dass rund um das Hafenstübchen nur Plastik erlaubt war.

Die Grundstimmung für ein quasi-Endspiel ungewohnt heiter und vorfreudig erregt. Die vergangene Woche mit den Ereignissen in Wiedenbrück und Lotte hatte alles an negativen Gedanken auch aus der hintersten Hirnrinde verbannt und gefühlt sogar die letzten DauernörglerInnen milde gestimmt. In der DN-Szene wurden weitere Aktivitäten somit zunächst einmal bis nach Spielende vertagt. Es herrschte ein lange nicht mehr gekanntes, also wirkliches Wir-Gefühl rund um die Hafenstraße. Wohl auch der Erkenntnis geschuldet, dass die mitunter nach außen nicht immer ganz glatt wirkenden Entscheidungen doch die Richtigen im Sinne des sportlichen Erfolges und somit im Sinne des Vereins gewesen sind. Und dadurch natürlich uns allen zugute kamen. Trotzdem, und bevor ich dass vergesse: Vielen Dank Christian Neidhart für Deine klasse Arbeit bei uns an der Hafenstraße. Das war mehr als die Grundsteinlegung für den Aufstieg! Du bist Aufstiegstrainer.

Unglaublich aber auch, was die „Impro-Combo“ um Jörn Nowak und Vincent Wagner nebst Trainerteam in kurzer Zeit für Verspannungen lösen konnte. Schon in Lotte gegen Rödinghausen wurde klar: Dass was da nicht mehr nur auf dem Rasen, sondern auch auf und neben der Bank abgeht, das ist Willen und Leidenschaft. Hier wird keiner mehr plötzlich und unerwartet am Lübeck-Syndrom erkranken. Die Vorlage aus Wiedenbrück wurde also aufgenommen, Samstag drauf in Leidenschaft umgewandelt und anschließend in mehrtägige Vorfreude veredelt. Vorfreude. Bei uns! Das allein hat es ja schon jahrelang nicht mehr gegeben. Keine „Wir verkacken es eh wieder“ Gesichter rund um das Stadion an der Hafenstraße. Je näher man dem Stadion kam, desto mehr zog einen der Sog der Masse Richtung Tribünen, die aber ihrerseits auch schon gut gefüllt waren. Gesänge hallten bereits von drinnen nach draußen, was jetzt bei offenen Ecken auch nicht so problematisch ist.

Eine motorische Meisterleistung, die bei mir immer wieder Momente der Bewunderung auslöst, ist übrigens der Umgang mit dem Wegbier: Laufen, reden und dabei trinken….ich bin da irgendwie nicht für gemacht. Außerdem verlangte die Aufregung viel zu viel kompensatorisches reden. Getrunken wurde halt später. Irgendwann war das Stadion also bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Mannschaft wurde mit einem Jubelsturm begrüßt. Warmmachen der ganz besonderen Art. Eigentlich überflüssig, so heiß wie alle waren! Wetter, Choreo (danke dafür!), Stadionmusik: alles stimmig und die heiligen St. Preußen waren fast kein Thema. Hier, heute und jetzt: Das erledigen wir als Rot-Weiss Essen ganz alleine. „Seit wir zwei uns gefunden“ eben! Und so kam es dann ja auch. Mit jeder gespielten Minute wich die Anspannung einer inneren Ruhe und spätestens bei Abpfiff erschien alles surreal. Das konnte einerseits an den vierzehn langen Jahren liegen, andererseits aber auch an der latenten Cannabis Wolke, die sich immer wieder ihren Weg durch den Block zu bahnen wusste.

Menschen lagen sich in den Armen. Freunde, Fremde und sogar wildfremde. Strahlende Gesichter bahnten sich ihren Weg auf den Rasen und machten aus unserer blitzeblanken (sie wird mit Liebe gepflegt) Zaunfahne eine „Matchworn“ Zaunfahne, da sie nun als Art Sprungtuch zu dienen hatte. Der Umgang von Walter Ruege am Mikrofon mit dem Platzsturm dann doch sehr väterlich moderat. Eigentlich wusste doch jeder, dass es passieren wird. Im übrigen blieb die sogenannte „aktive Szene“ noch lange Zeit auf ihren angestammten Plätzen. Da waltete dann Verständnis über Emotion. Null Verständnis allerdings für diejenigen, die einen Platzsturm als Aufforderung verstehen, den eigenen Verein mit Plünderung zu überziehen. Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um sich alles unter den Nagel zu reißen, was nicht niet- und nagelfest verankert ist? Das ist keine Freude, dass ist spätestens dann kriminell, wenn man zum Beispiel Mischpulte von den Presseplätzen klaut. Und ganz dämlich wird es dann, wenn sich spätestens am Tag danach Grasbüschel auf Auktionsplattformen wiederfinden. Je nee iss klar. An Geboten finden sich dann: Aufstiegsrasen aus Essen neben Klassenerhaltsrasen aus Stuttgart neben Europapokalrasen aus Köpenick und so weiter und so fort. Eine bedenkliche Mitnahmekultur, die sich da ihren Weg in die Stadien gebahnt hat. Dass man den Spielern nicht gleich den Kopf abreisst, ist alles!

Doch zurück zu den positiven Dingen, denn die überwältigende Masse an RWE-Fans hat wirklich einfach nur einmal gesittet den Rasen betreten wollen, auf denen ihre Lieblinge gerade dass vollbracht haben, auf dass wir alle so elend lange Jahre gewartet haben. Einfach auf den Rasen setzen und versuchen zu verarbeiten, was hier und heute historisches passiert ist. Das hatte in den Ecken fast was von einem Sommerfestival in der Gruga oder dem Stadtpark Nordhorn: So viele Kinder in roten Trikots saßen bei ihren Eltern auf dem Rasen und genossen miteinander versonnen den Moment. Ich weiß nicht, wie hoch die Anzahl der jungen Fans in anderen Stadion der unteren Ligen ist: Aber in Zeiten, wo Kinder fast automatisch mit Bayern Trikots gequält werden, oder sich eines Tages, warum auch immer, PSG Trainingsanzüge kaufen, da ist es schlicht Wahnsinn, wie sehr Rot-Weiss Essen innerhalb der Familien weitervererbt und schon in ganz jungen Jahren gelebt wird.

Wer vereinsintern jetzt auf die glorreiche Idee gekommen ist, die Pokalverleihung auf der Gottschalk-Tribüne in dem noch nicht freigegebenen Sitzplatzbereich durchzuführen, der ist auf jeden Fall mein Held, oder meine Heldin. Ist diese sogar noch recht spontan entstanden, dann war das einfach nur genial und dem ganze Szenario komplett angemessen. Schließlich konnte man vor dem Spiel noch nicht von einem Aufstieg ausgehen. Dann sind wir ja doch eher Rot-Weiss Essen und wäre uns eine lange im Vorfeld geplante und vor dem Stadion schon aufgebaute Bühne mit allem Zipp und Zapp definitiv vor die Füße gefallen. Wir haben so lange im Dreck gelegen, da braucht ein Aufstieg am letzten Spieltag keinen Hochglanz, sondern genau dass Szenario, welches wir weit nach Spielschluss erleben durften. Alles richtig gemacht RWE!

Das hatte dann endgültig was von einem kleinen Spontankonzert vor begeistertem Publikum. Ungeahnte Rampensäue innerhalb der Mannschaft inklusive. Wer hier etwas anders erwartet hat, der muss halt nach München fahren und sich jedes Jahr die langweilige Meistersause abholen. Es ist ja schon auch total schräg: Da erwarten wir Fans die Mannschaft zur Pokalübergabe irgendwo auf der Haupttribüne, und dann muss diese nicht nur über den Stadion-DJ in die Kabine gerufen werden, sondern latscht hinter der Tribüne teilweise mit Beatbox, hässlicher Perücke und knackiger Radler zumeist auf Badelatschen in Aufstiegsshirts auf den temporären Pokalbalkon. Mannschaft und alle die dazugehören…sie wurden besungen und gefeiert. Und am meisten hat die Mannschaft sich selbst gefeiert. Was hat sie sich das verdient. Und ich bin so unendlich glücklich, dass diese Mannschaft im Kern mit uns weiter gemeinsam den Weg gehen wird.

Wir sind endlich wieder in der 3. Liga. Danke Mannschaft, Danke „Staff“, Danke Marcus Uhlig. Danke Geschäftsstelle und Fanshop. Danke Fanprojekt und Ehrenamtliche. Danke Ihr Fotografen und Ihr da auf den Kommentatorenplätzen für Stream und Webradio. Danke alle, die ich vergessen habe. Und danke, Michael Welling. Ich denke, auch Du hattest mehr als eine Träne der Freude im Knopfloch. Und nicht nur deshalb, weil Osnabrück Münster erspart bleibt. So langsam habe ich es begriffen: Wir sind tatsächlich aufgestiegen.

Verl, wir kommen!