Dùn Èideann
Die sportliche Situation hat sich nach den beiden Erfolgen gegen die Zwote von 96 und dem Isi seine Arminen erheblich verbessert, ohne dass schon Zeit für Entwarnung besteht. Endlich wieder über dem Strich ist die Begrifflichkeit für bessere Laune. Der großen rot-weißen Familie war dadurch wieder ein kurzer Moment der Ruhe vergönnt, als ein Wort wie Blitz und Donner zugleich einschlug und alle, aber wirklich alle rund um die Hafenstraße wuschig machte: Edinburgh!
Dort sind die Hibees zuhause, die als Hibernian Edinburgh nicht nur vor siebzig Jahren unser erster Europapokalgegner waren, sondern in diesem Jahr stolze hundertfünfzig Jahre alt werden. Und wen lädt man sich zu einem runden Geburtstag ein? Natürlich nur die allerbesten Gäste. Also uns! Der RWE somit Ehrengast von Hibernian, um in den Tagen der Feierlichkeiten noch einmal das Spiel von 1955 zu spielen. Rot-Weiss Essen international. Die korrekte Eingabe in das Navi der Wahl lautet 12 Albion Place Edinburgh EH75QG und dann müsste man nach schlappen zurückgelegten 1.213 Kilometern (ab Hafenstraße 97a) direkt vor dem Stadion Easter Road im Stadtteil Leith landen. Der grünen Seite von Edinburgh.
Die andere Seite gehört bekanntlich den Hearts of Midlothian. Ein fantastischer Vereinsname zwar, aber für uns nicht von Bedeutung. Gar nicht in Worte zu fassen allerdings die Bedeutung, die dieser wahr werdende, jahrzehntelange Traum für uns hat. Natürlich hat man selbst im Schlaf alle Kennzahlen auf dem Schirm, die sich um Meisterschaft, Pokalsieg, Insolvenzen, Pokalfinale, Jens Lehmann oder persönliche Meilensteine rund um den RWE drehen. Aber warum sollte im siebzigsten Jahr gelingen, was im vierzigsten, fünfzigsten und sechzigsten Jahr schon nicht machbar war?
Den Geburtstag der Hibs allerdings, den hatte ich nicht auf dem Schirm. Und wer konnte schon mit einer Einladung rechnen? Auf jeden Fall hatte diese Nachricht zur Folge, dass wohl noch nie so schnell hintereinander und in großer Zahl Flüge nach Edinburgh gesucht und gebucht wurden. Eine Hochrechnung, wie viele Rote sich dann tatsächlich rund um den 9.Juli in Edinburgh aufhalten werden, kann seriös zum jetzigen Zeitpunkt kaum abgegeben werden. Aber wenn man Begeisterung tatsächlich in Zahlen festmachen könnte, dann würde ich auf locker vierstellig tippen.
Ein interessanter Nebeneffekt dabei, wie sehr diese Nachricht das rationale Denken komplett außer Kraft gesetzt hat: Werden Sondertrikots durchaus schon mal kritisch gesehen, bisweilen gar als „Melkmaschine-Fan“ verunglimpft, ist aktuell der Wunsch nach einem Sondertrikot im 55er Design nicht selten. Zeitnah erworben könnte man (und Frau) somit stilecht in Edinburgh aufschlagen. Es ist und bleibt auch in den kommenden Tagen ein Gesprächsthema, welches uns mit fast kindlicher Freude begleiten wird. Ein Traum wird wahr.
Natürlich auch für alle Fans, die keinen Urlaub bekommen, oder den Weg aus vielerlei Gründen nicht antreten wollen oder können. Wir spielen trotzdem alle gemeinsam International. Und es hat noch etwas Gutes: Tatsächlich war dieses Spiel heute Abend eine Meldung in den 18:00 Uhr Nachrichten auf WDR2 wert. Endlich mal eine positive Nachricht anstatt der andauernden diabolischen Auswüchse aus Washington zuzüglich Wahlkrampf hierzulande.
Eine Frage gilt es allerdings zu klären: Wie sprechen wir denn jetzt Edinburgh korrekt aus? „Edinbörg“ sicherlich eine nicht selten genommene Variante, aber schlicht falsch. Die somit bessere Wahl und wohl auch die gängigste Aussprache ist „Edinbarah“ oder „Edinböroh“ je nachdem wie knödelig die eigene sonstige Artikulation ist. Und dann gibt es noch das wirklich richtige „Edinbrah“. Die lässigen unter uns könnten zudem mit dem schottisch-gälischen Namen „Dùn Èideann“ punkten und bei Ankunft in der Pension erwähnen, dass sie Ur-Ur-Urenkel von James und Claire Frazer sind.
Dann gibt es noch die Musik. Der legendäre Frontmann „Fish“ der wunderbaren Gruppe Marillion ist Fan der Hibs (und vom KSC, warum auch immer). Allerdings ist ihm nicht gelungen, was 1988 den Zwillingen Charlie und Craig Reid, auch bekannt als The Proclaimers, gelungen ist. Schließlich schrieben die beiden, wahrscheinlich ungewollt, dass damals noch inoffizielle Vereinslied „Sunshine on Leith“. Es ist möglicherweise der langatmigste Fußballsong, der jemals den Weg auf die Tribünen eines Stadions gefunden hat. Dagegen wirkt selbst „You`ll Never Walk Alone“ bisweilen wie ein Speed-Metal Song von Metallica. Aber aus zigtausenden Kehlen voller Inbrunst vorgetragen, kann man einfach nicht anders, als davon fasziniert zu sein. Ein wunderschönes Vereinslied.
Wer sich diesbezüglich vor der Reise nach Edinburgh bilden möchte, hört am besten in die Feierlichkeiten nach dem Pokalsieg 2016 gegen die Rangers rein. Sicher haben auch die Hibs was Schmissiges wie das uralte „Glory Glory To The Hibees“ am Start, die britische Fußballkultur lebt schließlich durch ihre Lieder. Aber die Vorfreude gilt eindeutig „Sunshine on Leith“. Natürlich können die Fans der Hibs ihrerseits ebenfalls voller Vorfreude unserem Besuch entgegensehen. Denn mit Rot-Weiss Essen kommt schließlich die Hochkultur des deutschen Fußballs zu Besuch.
Heute zählt allerdings einzig und allein das Spiel gegen den Tabellenletzten aus Unterhaching. Glücklicherweise dürfte unsere Mannschaft von einem irgendwann bevorstehenden Freundschaftsspiel nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden und hat daher den Fokus weiter vollkommen auf die Liga gerichtet. Es wird auch Zeit, endlich einmal gegen die SpVgg Unterhaching zu gewinnen. Der letzte Erfolg gegen die Münchner Vorstädter datiert vom 10.12.1989. Da waren gerade mal die ersten Löcher in die Berliner Mauer gekloppt. Nun waren wir zwar die meiste Zeit in den verschiedensten Ligen unterwegs, aber sechsunddreißig Jahre sind trotzdem eine lange Zeit. Außerdem haben wir gegen die SpVgg Unterhaching traditionell immer etwas gut zu machen. Einfach aus Prinzip. Deshalb möchte ich wieder Tom Moustier über den Rasen tanzen sehen, wie noch in Bielefeld Richtung Auswärtsblock. Da kickt sich gerade jemand so richtig in die Herzen der Hafenstraße. Aber unser Herz für den Verein ist so groß, da passt bestenfalls immer die ganze Mannschaft rein.