Die glorreichen Sieben
Fakten: Die glorreichen Sieben (Siege): Die aktuelle Erfolgssaga begann unter der Woche am 04. März mit einem 1:0 gegen den SV Waldhof. Schon drei Tage später am 07. März wurde auswärts in dem Dietmar seinem Stadion mit 4:2 bei der Hoffenheimer Zweitvertretung gewonnen. Die Wirkungstreffer in Osnabrück und Rostock nebst den üblichen Begleiterscheinungen mannigfaltiger Unzufriedenheit wurden umgekehrt in ein zartes Pflänzchen Hoffnung, ging es doch von Tabellenplatz 7 auf Tabellenplatz 4 rauf. Eine Woche später gastierte Wismut Aue an der Hafenstraße. Das Endergebnis erneut ein 4:2 für die gute Seite der Macht.
Tore können wir, Gegentore weiterhin auch. Dafür haben Elfmeter gegen uns keine Konjunktur mehr, hier konnte bislang kein weiteres Wachstum verzeichnet werden. Die Belohnung für die erneuten drei Punkte der Sprung auf den Relegationsplatz. Ein Platz, der eine Chance auf den Aufstieg beinhaltet, der aber durch seine Unberechenbarkeit der Relegation stets auch viel Nerven kostet. Aber, am Ende des Tages am 14.März erstmal egal, denn der RWE hat sich einmal komplett durchgeschüttelt. Der nächste Spieltag bescherte uns am Sonntag, den 22.März den ungeliebten Trip auf die andere Rheinseite zur Vikki. Bei der konnten wir mit unserem Ruhrpott Charme noch nie so richtig punkten. Und auch diese Saison gab es natürlich das Gegentor. Aber dank einem mehr konnte tatsächlich der erste Dreier bei Viktoria gefühlt seit Grundsteinlegung Kölner Dom gefeiert werden. 2:1 RWE, inklusive Tabellenplatz Zwei.
Somit belegte unser aller RWE plötzlich und unerwartet einen direkten Aufstiegsplatz. Der VfL Osnabrück zu dem Zeitpunkt fast schon ein wenig enteilt, kabbelten sich darunter die Protagonisten weiterhin auf Minimalabstand. Der Monat März wurde also mit der Maximalausbeute an möglichen Punkten beendet. Rot-Weiss Essen somit der erste Frühblüher der Saison und zudem komplett Pollenfrei. Da war nichts allergisch. Das erste Spiel im April brachte das Heimspiel gegen den MSV Duisburg mit sich und die Hafenstraße war nach einiger Zeit mal wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein tolles Tor von Kaito Mizuta reichte nach spannendem Abnutzungskampf zum knappsten aller Ergebnisse und brachte somit den fünften Sieg hintereinander. Der zweite Tabellenplatz konnte somit verteidigt werden, denn die Konkurrenz lässt einfach auch nicht locker.
Dank einer erneuten englischen Woche ging es am Dienstag, den 07. April nach Schweinfurt zum dortigen ersten Fußballclub. Der 3:1 Auswärtserfolg brachte nicht nur den sechsten Sieg in Folge nebst noch breiterer Brust als eh schon breite Brust mit sich, sondern als erste Entscheidung der Saison auch den Abstieg der Schnüdel. Schade eigentlich. Absteigen sollten grundsätzlich immer Zweitvertretungen! Weiter Tabellenplatz Zwei. Auf den Relegationsplatz weiterhin „nur“ dieser eine Punkt Vorsprung vor renitenten Verfolgern, konnte aber dem VfL Osnabrück aufgrund eigener Niederlage an der Wedau näher auf den Lila-Weißen Pelz gerückt werden. Sechs Spiele, sechs Siege: Aus dem Frust wurde ein zartes Pflänzchen Hoffnung, aus dem zarten Pflänzchen Hoffnung wurde endlich so etwas wie Euphorie.
Und dann sind wir schon beim aktuellen Spieltag Nummer 33 und dem Heimspiel gegen den FC Ingolstadt angekommen. Nach den Schnüdel nun die Schanzer. Und was soll man schreiben: Auch das siebte Spiel in Folge wurde erfolgreich bewältigt: Mit einem 4:1 über die Audi Werkself wurde Tabellenplatz Zwei nicht mehr nur untermauert, sondern gar unterfüttert. Funfact: Deren mitgereisten 100 Fans genau so laut, beziehungsweise leise, wie die 2.500 Fans des MSV ein Heimspiel zuvor. Das Sonntagsspiel heute zwischen dem VfL Osnabrück und Energie Cottbus steht noch aus, was durchaus weitere interessante Aspekte in der Tabelle mit sich bringen dürfte. Soweit noch einmal der fast rein ergebnistechnische Rückblick auf die vergangenen sieben Spieltage.
Alles außer Fakten: Tja, und da standen wir erneut nach Abpfiff auf den Tribünen und konnten unser Glück kaum fassen. Es hat den Anschein, als ob das mittlerweile auch offiziell kommunizierte und ausgegebene Ziel Aufstieg tatsächlich von Woche zu Woche realer wird. Es sind ja nicht nur die Ergebnisse, die passen. Es ist auch eine Mannschaft, die mittlerweile wie aus einem Guss spielt, egal wer da gerade auf dem Platz steht. Die üblichen fünfzehn Minuten Unaufmerksamkeit inklusive. Rapid hat seine Rapid-Viertelstunde, unser RWE mittlerweile seine eigene Variante davon. Aber, auch wenn wir da Gegentore bekommen, oder darum betteln, welche zu bekommen, haben wir am Ende seit sieben Spielen halt das eine oder deren zwei bis drei Tore mehr erzielt. Ist bisweilen nervenaufreibend, aber in Summe auch ein Baustein für das grandiose Fußballpaket, welches RWE aktuell Woche für Woche abliefert.
Und dann die Tore, ja was ist das denn? Da ist mittlerweile ein Schönheitswettbewerb unter unseren Spielern in Gange, das dann aber auch wirklich schönste zu erzielen. Wenn ein Tor aber auch noch zu einem Gesamtkunstwerk wird, wie das gestern von Dickson Abiama zum 1:0 gegen die Schanzer, dann ist man wirklich im Bereich der Vergnügungssteuer angekommen. Allein die Ballannahme schon eine Torte, kam noch der abschließende Torschuss als Kirsche obendrauf. Und dann kommt noch durch Jannik Hofmann die Sahne dazu mit einem Tor, bei dem auch spätere Generationen nicht erklären können, wie das so überhaupt zustande kommen konnte.
Der Torschütze selbst dermaßen perplex, so dass der obligatorische Salto ausfallen musste. Aber es sind nicht nur die Ergebnisse, oder die Tore: Es sind vor allem auch die kleinen Randerscheinungen, die aufzeigen, was für eine tolle Mannschaft aktuell unser wundervolles Emblem trägt (nebst der genau so homogenen Mannschaft hinter der Mannschaft). Die Ersatzspieler fiebern beim Aufwärmen mit den Kollegen auf dem Platz, allzeit bereit, um selbst mitzumischen. Keine Zeit für schlechte Laune. Auf dem Platz hat der Capitano seine Truppe im Blick und nach dem Spiel das Megafon in der Hand.
Es wird sich gegenseitig gepusht und wenn dann, wie nach dem 3:1 alle Dämme brechen, und die bereits ausgepumpten Auswechselspieler noch dermaßen jubeln können, als ob die Spritpreise gerade wieder unter die zwei Euro Marke gefallen sind, ja dann ist es zu spüren, dass diese Saison wieder diese eine ganz besondere werden könnte. Diese eine ganz typische Rot-Weiss Essen Saison.
Es sind jetzt noch fünf Spieltage, und aufgrund der tabellarischen Dichte ist einmal mehr gar nichts entschieden. Es spitzt sich einfach alles nur weiter zu. Aber da unserer Mannschaft aktuell dermaßen stabil daherkommt und irgendwo zwischen Graphen und Osmium agiert, darf realistisch geträumt werden.
Das letzte Heimspiel, welches Rot-Weiss Essen in der 2. Bundesliga gespielt hat, war am 13.05.2007 die Begegnung am 33. Spieltag der Saison 2006/2007 gegen Wacker Burghausen. Wacker als designierter Absteiger konnte an diesem Tag befreit aufspielen und traf uns alle, die wir uns im Georg-Melches Stadion eingefunden hatten, mit dem Ausgleich in allerletzter Minute durch Nikolas Ledgerwood mitten ins Herz. Es war eigentlich, wie auch heute noch: RWE hat um das Tor gebettelt, und es verdientermaßen bekommen. Der minutenlangen Schockstarre nach dem direkt auf das Tor ertönenden Abpfiff folgten zwar bekannte „Auswärtssieg“ Rufe, aber den konnte die Mannschaft am letzten Spieltag ausgerechnet in Duisburg nicht mehr umsetzen.
Der MSV stieg in die Bundesliga auf und wir in unser langes, langes Tal der Tränen ab. Und nun könnte das alles wieder umgekehrt werden? Der Glauben daran wächst von Spiel zu Spiel, ohne übermütig zu werden. Auf der langen Heimfahrt nach dem Ingolstadt Spiel habe ich an einige treue RWE-Seelen gedacht, die uns in den letzten neunzehn Jahren leider verlassen mussten, aber Rot-Weiss Essen sehr wohl als Zweitligist noch miterlebt haben. Und man hatte das Gefühl, dass nach dem Abpfiff gegen die Schanzer nicht nur im Stadion, sondern auch auf Wolke 1907 „Oh la Ola la (wir sind wieder da)“ gesungen und getanzt wurde. Wir vermissen Euch!
Ich weiß nicht, wie diese Saison für Rot-Weiss Essen ausgehen wird. Keine Glaskugel kann das. Aber sie war in Summe schon jetzt ein solch emotionales Brett, welches die ganze Klaviatur bespielt hat, die man als Fußballfan erleben kann. Wenn man Fan von Rot-Weiss Essen ist. Das funktioniert so nur an der Hafenstraße. Danke Mannschaft bis hierhin. Bin schon jetzt echt stolz auf Euch!