Die Ulla-Trilogie in einem Band. Limited Edition & Director’s Cut.
Ulla, der Prolog (2018).
Seufzend legte Ursula Kasuppke die Montagsausgabe der Tageszeitung beiseite und nahm einen großen Schluck Kaffee aus dem Kaffeepott. Rot-Weiss Essen hatte verloren. Diesmal jedoch nicht in irgend so einem relativ unbekannten „Dorf“, sondern mal wieder in Aachen, bei der dortigen Alemannia. Ihr längst verstorbener Mann Willi würde sich im Grabe umdrehen, dachte Ursula so bei sich und überlegte schon, was sie ihrem Willi denn sagen könnte, um die Niederlage so gut wie möglich zu verkaufen. Bei mittlerweile zwölf Niederlagen kann man da unten ja auch schon mal Drehschwindel bekommen! Andererseits kann sich Willi darüber ja eigentlich nicht mehr groß aufregen, sinnierte sie bei einem weiteren Schluck Kaffee und einem tiefen Zug aus der Zigarette: Schließlich ist Willi ja tot!
So hatte sie aktuell nicht nur ganz alleine die Sorgen um den geliebten RWE auf ihren mittlerweile schmalen Schultern zu tragen, sondern musste sich zudem ständig ausdenken, wie sie ihrem Willi im montäglichen Zwiegespräch auf dem Margareten Friedhof das Wochenendspiel schönreden konnte. Im Falle einer Niederlage natürlich. Denn wenn ihre Jungs das Spiel gewinnen konnten, da sprudelte es nur so aus ihr heraus. Manchmal kam es ihr dann auch so vor, als könnte sie spüren, wie Willi mit ihr leidet oder sich freut. Was sie Willi seit seinem Tod verschwiegen hat, und was sie seitdem belastet, ist dieser Relegationsquatsch aus der Regionalliga. Selbst dieses Wort hat sie Willi niemals gegenüber erwähnt. Und bei „Vierte Liga“ täuscht Ursula am Grabe sitzend jedesmal einen Hustenanfall vor. „Der Willi da unten denkt doch noch, wir spielen in der zweiten Liga“, so entschuldigt sich Ursula jedesmal bei ihren Grabstättischen Nachbarn über Tage und am Grabe, wird dort bei ihren Ausführungen die Stirn gerunzelt. Weil inhaltlich ja nicht so ganz korrekt.
Ach der Willi….An diesem Punkt hielt Ursula stets kurz inne, denn manchmal ist es nach so vielen Jahren wirklich nicht mehr leicht, sich daran zu erinnern, ob erst die Liebe zu Willi oder die zu RWE ihr Leben bestimmte. Oder ergab das eine dann auf einmal auch das andere? Wenigstens, so sinnierte Ursula weiter, wenigstens lebt der Verein immer weiter. Nicht so wie Willi und die vielen anderen Rot-Weissen Fanseelen, die schon gegangen sind. Wie gerne würde sie noch einmal Hand in Hand mit Willi die Hafenstraße Richtung Stadion hinaufgehen. Wie viele ältere und ganz alte Fans gibt es wohl, die nicht mehr in das Stadion gehen, weil es den Partner nicht mehr gibt. Oder weil es alles zu aufregend geworden ist und manchmal auch nicht mehr schön wegen der vielen Polizei und der Knallerei. Sie wusste darauf keine Antwort. Und eigentlich kannte sie „ihre Jungs“ ja auch schon lange nicht mehr beim Namen, so oft wie Spieler kamen und gingen.
Also reicht ihr mittlerweile das Endergebnis und der Spielbericht. Den Rest konnte sie sich aus so vielen Jahren und Spielen an der Hafenstraße denken, hat die Geräuschkulisse noch in den Ohren, den Stadiongeruch in der Nase und die wehenden Fahnen vor Augen. Wie auch immer: Willi bekam das Spiel auf jeden Fall immer mit Leidenschaft nacherzählt.
Ulla, der Aufstieg (2022).
Es hat ein bisschen gedauert, doch dann fiel es Ulla auf: Es gibt keinen Grund mehr, dem Willi unter der Erde etwas vorzumachen, die Regionalliga ist endlich Geschichte. Ja gut, etwas flunkern musste sie wohl noch, schließlich denkt der Willi ja weiterhin, dass sein zu Lebzeiten geliebter RWE in der zweiten Bundesliga spielt. Aber in Anbetracht der Mannschaften, gegen die seinen Roten nun wieder spielen dürfen, kann das durchaus als Notlüge verbucht werden. Gegen den MSV Duisburg zu spielen hört sich doch gehaltvoller an, als beispielsweise das Auswärtsspiel bei Union Solingen. Außerdem müsste sie dann ja auch noch erklären, dass die Klingenstädter gar nicht mehr in der ursprünglichen Form existieren. Und das Stadion am Herrmann-Löns-Weg schon mal gar nicht. Nee nee, die Spiele gegen die Zwoten aus Dortmund und Freiburg werden einfach verschwiegen und der große Rest geht schon als zweite Liga durch. Außerdem hat sie dem Willi schon so oft Essen gekocht, von dem er dachte, die größte Delikatesse zu bekommen, und dann war es doch nur…. Gut, an diesem Punkt schweigt sich Ulla Kasuppke aus und greift einmal mehr zur Zigarette.
Dabei: Mittlerweile wird selbst gedreht, irgendwie muss man ja die Kosten in den Griff bekommen. Begreifen kann sie immer noch nicht, dass diese Bonzenpartei FDP nun in der Regierung allen anderen ihren Willen aufzwingt. Ihr Willi als ehemaliger Betriebsrat hätte denen die Hölle heiß gemacht. Hübsch hatte sie sich gemacht, an jenem 14. Mai 2022. Endlich bekam Willis verschlissene und eigentlich auch pottenhässliche RWE-Jeans noch einmal einen Sinn. Auch wenn sich der Reißverschluss nicht mehr ganz schließen ließ. Vom Knopf ganz zu schweigen. Aber er war ja auch immer sehr drahtig gewesen, der Willi. Das Knopfproblem wurde elegant mittels Fanschal gelöst, zudem war die rote Bluse aus Elasthan auch schön lang.
Ulla Kasuppke fühlte sich ein wenig aufgeregt, fast gar freudig erregt, als sie das Kissen auf der Fensterbank platzierte, um an jenem Tag dem gröhlenden Tross zuzusehen, der zur Hafenstraße zog. Endlich war es soweit. Endlich kehrte das Glück rund um die Hafenstraße zurück. Und sie war so gut es eben ging mit dabei. Würde Willi noch sein, so wären sie vielleicht schon längst auf dem Weg zum Stadion. Allein mag sie nicht mehr, manchmal kann man es da ja auch schon mit der Angst bekommen. Außerdem hilft die Polizei ja auch nicht mehr so, wie es früher mal gewesen ist. Einen Schutzmann gab es seinerzeit, für den hätte sie Willi in Gedanken fast verlassen, so unverschämt gut sah der aus.
Heute sehen sie vielleicht immer noch gut aus, aber sie reden ja gar nicht mehr mit Dir, sondern drohen gleich. Ach nein, dann lieber den Fans aus dem Fenster zuwinken. Wie das Spiel ausgegangen ist, das würde sie ja allein schon an den Gesichtern nach dem Spiel erkennen, wenn wieder alle an ihrem Fenster vorbeilaufen. Als der Strom der Fans weniger, dafür der Lärm aus dem nahe gelegenen Stadion immer lauter wurde, sinnierte Ulla, dass es gut ist, nun auch dieses Internet zu haben, von dem Willi niemals gedacht hätte, dass es sich eines Tages durchsetzen würde.
Die Enkelin von Frau Bergmann (ja genau, der Frau Bergmann) hatte ihr extra einen gebrauchten, tragbaren, Klappcomputer besorgt, und ihr erklärt, wie sie damit in eben dieses Internet kommt, und was es dafür noch braucht, um nicht nur am letzten Spieltag sehen zu können, wie Rot-Weiss Essen nach so langer Zeit auch wirklich aufsteigt. Es hätte also kein zusätzliches Rouge gebraucht an jenem sonnigen Tag im Mai, denn Ulla Kasuppkes Wangen waren auch so schon zart errötet, als sie die Schritte ausführte, die sie abzuhaken hatte, um einmal mehr den Sender von Rot-Weiss Essen zu finden.
Das waren immer auch Momente, in denen sich Ulla so sehnlichst eigene Kinder gewünscht hätte. Mit denen hätte sie nun unglaublich gerne diesen schicksalsschwangeren Tag verbringen wollen. Es war Willi und ihr leider nicht vergönnt gewesen. Irgendwann haben sie sich damit arrangiert und mit ihrem Schicksal abgefunden. Nun waren die Spieler von Rot-Weiss Essen halt ihre Jungs und die Spielerinnen der SGS Essen ihre Mädchen. Wenigstens blieb ihnen so erspart, Kinder zu haben, die vielleicht eines Tages keinen Kontakt mehr zu ihnen wünschen. Ulla schüttelt sich ob des kalten Schauers, der ihr bei dieser Vorstellung über den Rücken läuft.
Endlich ist sie drin und nimmt sich den Klappcomputer auf den Schoß. Richtig lieb gewonnen hat sie in den letzten Monaten den Christian und den Andreas. So nette junge Männer. Aber manchmal schreien sie ihr auch zu laut.
Und so kam es, dass Ulla Kasuppke in der bescheuerten Jeans ihres verstorbenen Mannes dem beiderseits geliebten Verein Rot-Weiss Essen an jenem 14. Mai 2022 endlich bei dem sehnsüchtig erwarteten Aufstieg zuschauen konnte. Was war das für ein Fest nach dem Spiel. Ulla konnte sich die Tränen nicht verkneifen und weinte bitterlich vor Freude. In Gedanken fühlte sie sich, als ob es ihr geliebter Willi war, der sie an die Hand nahm und vor die Tür führte. Dort, wo sich alle in den Arm nahmen und einfach endlich wieder glücklich sein durften. Und ja, an diesem 14. Mai 2022 war auch Ulla Kasuppke so glücklich wie schon lange nicht mehr.
Ulla, die dampft (2025).
Es ist nun mehr als drei Jahre her, seit Ulla Kasuppke sich für den Aufstieg von Rot-Weiss Essen mal so richtig schick gemacht hat. Ulla ging es seitdem eigentlich parallel zu dem Verein: Mal gut, und manchmal auch nicht so gut. Diese Existenzangst, die der Verein Anfang dieses Jahres durchgemacht hat, die hat Ulla hingegen nicht verspürt. Wenn auch der Willi ja nun schon lange nicht mehr ist, die Witwenrente hilft ihr, zuzüglich zu der eigenen, relativ entspannt durch den Alltag. Viel ist passiert in ihrem Leben seit diesem legendären 14. Mai im Jahre 2022. Und selbst aus dem Klappcomputer ist mittlerweile ein Laptop geworden, der Volkshochschule Essen sei Dank.
Ulla hatte einfach keine Lust mehr, ständig die Enkelin von Frau Bergmann um Hilfe zu bitten, und hat deshalb einen Computerkurs nach dem anderen belegt. Seitdem weiß auch sie, die ehemalige Näherin bei Krupp, dass Glasfaser nicht auf der Nähmaschine verarbeitet werden kann, sondern für ordentlich Datendurchfluss sorgen sollte, sofern es denn alles auch funktioniert. Vor allem aber ist sie froh, dass endlich die ganzen Wanderbaustellen aus dem Essener Norden verschwunden und alle Kabel verlegt sind. Die ganzen anderen Baustellen reichen schon aus, um sich von hier bis Gelsenkirchen zu ärgern. Aber wenigstens haben alle im Haus an der Vogelheimer Straße 252 mittlerweile ihre neuen Fenster bekommen.
In der kommenden Saison kann sie somit an Spieltagen endlich wieder das rot-weisse Kissen auf die Fensterbank legen und ohne Gerüst im Wege schon lange vor und noch lange nach dem Spiel die Fans beobachten, diesen grölenden Tross, der zur Hafenstraße zieht. In der Rückrunde der vergangenen Saison wurde tatsächlich mehr gegrölt als noch in der Hinrunde, da bekam Ulla nach einem Heimspiel eher gesenkte Köpfe und nicht wenige derbe Flüche zu hören. Ja, wenn es um ihren Verein schlecht steht, da geht es auch den Leuten hier schlecht. Zum Ende der Saison hin, da ging es aber allen von Spieltag zu Spieltag immer besser. Manchmal wurde auf der Vogelheimer sogar fröhlich gehupt oder Gesänge angestimmt.
Und da sie sich ja nun so gut an ihrem Laptop zurechtfindet, hat sich Ulla Kasuppke nicht nur ein Magenta-Abonnement gegönnt, sondern verfolgt auch online ganz viele Seiten, die sich mit dem Verein beschäftigen. Ihre Lieblingsseite dabei dieser Blog mit dem Namen „Im Schatten der Tribüne“. Der Schreiberling schreibt immer so schön. Und so hat sie natürlich auch mitbekommen, dass im Februar eine Meldung für ganz besonders viel Freude und Aufregung gesorgt hat: Ein Verein aus Schottland, gegen den RWE Mitte der fünfziger nach der gewonnenen Meisterschaft mal im Europapokal gespielt hat, der hat in diesem Jahr hohen Geburtstag und möchte das Spiel gegen Rot-Weiss Essen noch einmal wiederholen.
Hibernian Edinburgh heißt der Verein, und ganz langsam dämmerte es Ulla, dass ihr Willi ziemlich zu Beginn ihrer Beziehung von seinem Besuch im Stadion gegen eben diesen Verein erzählt hat. Aber nicht so richtig mit der Begeisterung wie noch von dem Ligaspiel das Wochenende zuvor, als es gegen den SV Sodingen ging. Dieser Europapokal der Landesmeister, der war damals noch nicht wichtig für die Menschen in Europa. Vielleicht auch eine Folge des Krieges, sinnierte Ulla bei mittlerweile einer E-Zigarette. Je oller, desto doller könnte man ja mittlerweile bei ihr denken, stellte sie kichernd fest. Aber Zigaretten sind mittlerweile auch richtig teuer geworden und selbst drehen geht der Arthrose in den Händen wegen nicht. Die Folge der vielen Jahre an der Nähmaschine.
Daher war sie ganz froh, als die jungen Leute von oben sie mal dorthin mitgenommen haben, wo man das ungesunde Zeugs auf moderne Art bekommt. Sogar mit Karamellgeschmack. Willi würde ihr wahrscheinlich vorwerfen, dass sie nicht mehr alle Kissen auf der Fensterbank hätte, wenn man ihm erzählen würde, dass man Rauchware mittlerweile per USB an der Steckdose aufladen kann. So einen Kappes gab es damals am 14. September 1955 natürlich noch nicht, als eben dieses allererste Europapokalspiel im Stadion an der Hafenstraße ausgetragen wurde. Der Willi ist auch eher aus Pflichtgefühl die paar Meter zum Stadion rübergelatscht als aus purer Vorfreude. Muss ja hin, wenn die Roten spielen, so seine lakonische Denkweise. Also Mantel an, Hut auf und die Packung Ernte 23 vom Nierentisch gegriffen.
War ja dann auch nicht so toll, die Laune vom Willi nach dem Spiel, denn seine Roten hatten nicht nur 0:4 verloren sondern auch das Stadion war so leer wie schon lange nicht mehr. Das Abenteuer Europapokal für den jungen Willi Kasuppke somit abgehakt, dass Rückspiel in Edinburgh wurde nur noch als Ergebnis in der Tageszeitung wahrgenommen. Ulla ist leider nicht mehr so oft bei ihrem Willi auf dem Margareten Friedhof zu Besuch, und manchmal schämt sie sich auch ein bisschen dafür. Aber zum einen fällt es ihr immer schwerer, trotz Rollator, dorthin zu gelangen, und manchmal, da ist sie auch ganz ehrlich, beschäftigt sie sich lieber mit ihrem Laptop. Der Willi läuft ihr ja schließlich auch nicht mehr weg.
Und weil sie so viel Zeit am Laptop verbringt, weiß sie nun, dass das Spiel am 09. Juli 2025 im Gegensatz zu damals wohl ein ganz wichtiges für die Fans von Rot-Weiss Essen ist. Und deshalb hat sich Ulla vorgenommen, alles rund um das Spiel in dieser schönen schottischen Stadt mitzubekommen. Das dürften schöne Stunden werden am Küchentisch. Vielleicht lädt sie sich zu der Übertragung des Spiels auch noch die jungen Leute von oben ein, sind ja keine Schalker, von daher alles gut. Aber vielleicht haben sie ja auch noch einen neuen Geschmack mit dabei, den sie ausprobieren könnte. In ihrem Alter gesteht sich Ulla einfach ein gewisses Maß an Eigennutz zu.
Und so kam es dann, dass Ulla Kasuppke fast drei Tage lang mit offenen Mund am Küchentisch vor ihrem Laptop saß und sich einfach nicht mehr vor Begeisterung einbekam, was über zweitausend Fans ihres RWE in Edinburgh auf den Straßen und im Stadion alles so veranstaltet haben. Ganz fantastisch, wie oft die rote Farbe der Trikots und Fahnen in den engen Gassen der schottischen Hauptstadt zu sehen war, wie fröhlich die Lieder gesungen wurden und wie sehr sich alle gefreut haben. Damals, im zarten Alter von achtzehn Jahren hat sie wie ihr acht Jahre älterer Willi auch, nicht begriffen, was dieses Spiel eigentlich für eine Bedeutung hat. Nun, siebzig Jahre später hat sie es verstanden: Rot-Weiss Essen war der erste Deutsche Vertreter im Europapokal der Landesmeister.
Und sie hat an diesem neunten Juli 2025 einmal mehr verinnerlicht, was dem Willi zu Lebzeiten sein Motto war: „Unser ganzes Leben steh`n wir für Dich ein“. Es ist ja nicht so, dass Ulla dass alles nicht schon längst übernommen hat, so als emotionales Erbe von ihrem geliebten Willi. Aber diese ganzen Fotos und Videos aus Edinburgh, dass war noch einmal wie ein richtiger Schub auf die alten Tage. Und es hat Vorfreude bereitet auf die kommende Saison. Auf den Fensterblick Vogelheimer lange vor und nach den Spielen. Auf das Spiel selbst am Laptop. Und dann doch nochmal den Gang zu Willi auf den Friedhof. Um ihm davon zu erzählen, dass vielleicht endlich alles gut wird, mit Rot-Weiss. Unserem Verein.