Zur Lage der Nation

Die Lage ist ernst. Angespannt. Man hat den Eindruck, zwei feindliche Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, rüsten auf und warten nur darauf, offiziell den Krieg erklären zu dürfen. Zudem werden jeden Tag neue Meldungen über den Äther geschickt, die davon zeugen, das es kriegerische Auseinandersetzungen gegeben hat, wer den diplomatischen Weg für beendet erklärt, oder ein Positionspapier des jeweils anderen Lagers ablehnt. 
Wir brechen das Ganze nun mal runter und landen beim: Fußball! Dort gibt es nämlich ein paar Probleme. Mit den Fans und so… 
Stimmt, es gibt „Problemfans“, es gibt Gewalt in und rund um die Stadien, es droht eine Gewaltspirale, die es zu stoppen gilt. Aber, ob diese bestehende Problematik nun durch das Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ von Seiten des DFB und der DFL gelöst werden kann, vermag ich stark zu bezweifeln. Es ist doch überhaupt schon schlimm genug, daß überhaupt ein solches Konzeptpapier erstellt werden muß. 
Nett auch, daß angemessene Möglichkeiten zur Personen Körperkontrolle bereitstehen sollten, oder daß ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte vermieden werden soll. (Seite 10). Es stehen einige wenige gute Ansätze in diesem Konzeptpapier, darum nicht. Auch, wenn die Betonung auf „wenige“liegt. Ganz gewiss nimmt mir ein solches Papier aber schon beim Lesen eines: Die Lust auf einen Stadionbesuch. 
Stelle ich mir die Forderung auf Seite 19 vor, in welcher von baulichen Veränderungen im Einlassbereich die Rede ist, um eine „Stürmung von hinten“ zu verhindern, denke ich nicht an Fußball. Dann bin ich automatisch wieder bei oben genannten feindlichen Lagern. Die Seite 19 hat aber auch zwei dieser wenigen guten Ansätze aufzubieten: Intensivierung der Kommunikation und Aufgabenspezifische Qualitätssteigerung der Ordnungsdienste. Daumen hoch, denn hier steckt im Kleinen der Hauch einer möglichen Lösung, um den Gordischen Knoten zu lösen: Kommunikation ist alles. 
Wer nun glaubt, oder von welcher Seite auch immer verkündet, die Kommunikation eingestellt zu haben, da die Fronten verhärtet sind, dem sei gesagt: Nö! Die Kommunikation geht immer weiter, nur auf einer Ebene, die zu keiner Lösung führen wird. Laut Paul Watzlawick gilt folgende These: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren. 
Also wäre die Lösung doch die, sich an einen Tisch zu setzen und zu reden. Dumm nur, wenn etwas besprochen wird, das Ergebnis der Gespräche aber nicht jeden auf beiden Seiten erreicht. Oder erst gar nicht gehört werden will. Natürlich können Fans einen Ehrenkodex nach dem anderen unterschreiben, aber stehen dann alle auch zu den Dingen, die normal sein sollten in unserer Gesellschaft? 
Die Fanszene eines jeden Vereines allein ist schon so vielschichtig, da reicht ein Konzeptpapier nicht aus. Und überhaupt: Was will denn das Konzept konkret? Ich möchte auch ein sicheres Stadionerlebnis. Aber eines, in dem Emotionen vorherrschen, bei welchem es gilt, Rivalen als solche zu sehen und zu übertönen. Davon lebt doch der Fußball. Sitzt man vor dem Pokalspiel mit Unionern an einem Tisch, herrscht der BFC vor, in Essen träumt alles davon, Schalke vorgesetzt zu bekommen und selbst in Nordhorn galt die Aufmerksamkeit stets dem Spiel gegen den SV Meppen. Somit ist also geklärt: Fußball ohne Emotionen funktioniert nicht. 
Vielleicht funktioniert Fußball aber wieder besser, wenn der Fan nicht den Eindruck bekommt, durch eine Militärparade zu müssen, um in sein Stadion zu gelangen. Wer klatscht denn Applaus, wenn er bei strömenden Regen, knöcheltief im Morast versinkend, durch einen polizeilichen Trichter geleitet wird, und sich so der Abmarsch unnötig verzögert ? (Oberhausen 2007) Der DFB und die DFL können nicht einfach nur ein Papier erarbeiten, die Umsetzung weitestgehend auf die Vereine abwälzen und sich nun zurücklehnen. Von daher begrüße ich die Ablehnung durch immer mehr Vereine. 
Zumal die Vereine sich doch absolut in der Zwickmühle befinden. Ohne Fans sind sie nur Red Bull, ohne DFB herrenlos. Und ist das ganze nicht von allen Seiten doch nur eines, nämlich ein lauter Schrei nach Liebe? Wir Fans wollen gehört werden, verstanden und ernst genommen werden. Aber, wie in jeder guten Beziehung brauchen wir auch Freiräume, schlagen mal über die Stränge und räumen nicht immer auf. Aber uns deshalb gleich in ein Erziehungsheim zu stecken ? 
Die Unverbesserlichen werden wir nicht erreichen, das deckt sich mit der Jugendhilfe. Hier droht aber die Gefahr, alles und jeden gegen sich aufzubringen. Und, auch manche Medien sollten einmal ganz stark ihre Berichterstattung reflektieren. Manchmal geht da auch die eigene Phantasie mit durch.
Vielleicht hilft es aber auch, das Stadionerlebnis dieser Tage einmal durch Kinderaugen zu betrachten: Neunjährige im Stadion werden verschreckt durch einen unkontrolliert gezündeten Bengalo, aber auch durch ein Überangebot an Staatsmacht in martialischer Bekleidung. 
Zu guter Letzt aber noch einen Vorschlag, wie sich alle Lager endlich wieder auf das Wesentliche konzentrieren können: Lest Sammy Drechsel, lest „Elf Freunde müsst Ihr sein“! Dort ist zu lesen, welchen Wert ein Paar Fußballschuhe hat, oder ein Trikot. Ist von Freundschaft und Zusammenhalt die Rede. Von Ausschreitungen, Gewalt, Wasserwerfern und Leibesvisitation steht da nichts geschrieben.

3 Kommentare

  • Viele kluge Gedanken (auf die ich grade nicht weiter eingehen kann), noch dazu schön verpackt, und dann auch noch der Elf-Freunde-Verweis: wunderbar! 🙂

  • Das ganze Ding ist ein Politikum, mit dem die Vereine für sich genommen völlig überfordert sind. Es geht wirklich um „die Lage der Nation“, respektive der Gesellschaft. Woher kommen der Frust und die Gewaltbereitschaft der Menschen, die oft immer noch als „Fans“ bezeichnet werden und die hier bewacht und kontrolliert werden müssen?
    Mein Eindruck ist, dass an der Stadionpforte das ausgebadet werden soll, was als Produkt von Leistungs-, Konsum- und Liberalisierungsdruck, von verantwortungslosen Eltern und gefrusteten, überforderten und geknebelten Lehrer schon lange vorher in die Wanne des Lebens geworfen wurde und mittlerweile immer wieder leidvoll von selber reinspringt, weil es nichts anderes kennengelernt hat. Wir sehen hier ein Symptom unserer schönen neuen Welt.

    Guter Artikel.

  • @heinzkamke: Dankeschön 🙂 . (Es stellte sich mir zunächst die Frage, ob so ein Blog überhaupt geeignet ist, um die eigenen Gedanken zu einem solch komplexen Thema öffentlich zu machen. Die Antwort kam dann beim Tippen: Ja!)

    @Anonym: Danke für den Kommentar. Ich hoffe, daß Deine aktuelle Wahrnehmung der neuen Welt sich eines Tages vielleicht wieder etwas positiver gestaltet. Auch, wenn die aktuellen Ereignisse eher Deine Einschätzung unterstreichen.

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