Der Kicker.

Wenn man in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung arbeitet, ist der Tod ein regelmäßiger Begleiter. Wir begleiten unsere Lieben bis zu ihrem letzten Tag. Dann ziehen wir die weißen Handschuhe an und tragen den Sarg bis zur letzten Ruhestätte. Immer ein bewegender Moment. Manchmal wickelt man ihn relativ emotionslos ab, oftmals ist man sehr traurig und manchmal steht sogar alles für Tage still. Doch wenn einen sechsundzwanzig Jahre geteilte Fußballliebe plötzlich und tatsächlich unerwartet verlassen, dann geht das bis tief in das Herz, auch wenn man aktuell nicht mehr in dem Bereich tätig ist. Heute morgen kam der Anruf einer lieben, ehemaligen, Kollegin, dass „Nobby“ nach kurzem Krankenhausaufenthalt verstorben ist. Und nun sitze ich hier und denke, das man einen Menschen wie „Nobby“ nicht einfach gehen lassen kann, ohne über ihn und seine unglaubliche Liebe zum Fußball zu schreiben. Eigentlich kann man einen wie ihn nicht beschreiben. Man muss ihn einfach erlebt haben. Ich habe ihn über Jahrzehnte erlebt, und ich bin dankbar dafür!

Norbert hatte eine glückliche Kindheit in Oldenburg und so ganz genau haben wir es nie erfahren, woher seine Liebe zum runden Leder eigentlich rührt. Oftmals, und immer mit einem Lachen verbunden, erzählte er von einem kurzen Ausflug als Aktiver auf dem Feld. Ein sehr kurzer Ausflug war das, der mit einem rüden Foul, einer roten Karte und der Verbannung aus der Mannschaft endete. Er wurde also schon in jungen Jahren zum Zuschauer und seine innere Unruhe ließ ihn irgendwann in einer Nacht und Nebelaktion mit dem Fahrrad von Oldenburg nach Meppen fahren. Nur weil er zuvor in der Zeitung von einem dort stattfindenden, interessanten, Spiel gelesen hatte. Nun schließen sich Meppen und interessante Spiele eigentlich aus, und es war auch nicht sein Fahrrad, mit dem er ausbüxte, sondern der väterliche Drahtesel. Man ahnt, dass das für den jungen Norbert einige Standpauken zur Folge hatte, denn schließlich machte man sich ja auch Sorgen um ihn.

Dem einzigen Versuch, auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, stand seine ihm eigene Ehrlichkeit im Wege. Unsere Menschen, die wir betreuen, sagen/zeigen immer dass, was sie denken. Kein drumherum, sondern stets geradeaus. Eine schöne Eigenart! Möglicherweise stand seine Ehrlichkeit jedoch einer Ausbildung im Einzelhandel im Wege. Denn Norbert sagte den Kunden nicht nur, wo sie welche Lebensmittel in seinem Geschäft finden, sondern gab ihnen direkt noch mit auf dem Weg, wo sie selbiges Produkt günstiger kaufen können. Man ahnt erneut: Auch das hatte eines Tages Konsequenzen.

Norbert war passionierter Fan des BVB und stand viele Jahre auch bei der SG Gronau quasi als lebendes Maskottchen an der Bande. Er zeigte sehr viel Sympathie für Rot-Weiss Essen, und wusste über jedes Ergebnis Bescheid. Man bekam die Ergebnisse des Wochenendes als erste Botschaft zu Dienstbeginn mitgeteilt. Bei Niederlagen oftmals verbunden mit einem deftigen Kommentar. Und Norbert wusste um jede Lieblingsmannschaft seiner Mitmenschen. Der Postbote wurde mit „Auf die Gladbacher“ begrüßt, der Kollege mit „Auf die Bayern“, ein weiterer mit „Auf die Bielefelder“ und so weiter und so fort. Norbert begrüßte selbst Schalker auf das Herzlichste.

Solange es seine Gesundheit zuließ, ging Norbert auf dem Campus von Haus zu Haus um kurze Smalltaks zu halten. Meistens blieb es nur dabei, dass er langjährige Mitstreiter*innen aufsuchte, ihnen die Ergebnisse vom Wochenende um die Ohren knallte und mit einem „Lot Di watt“ weiterzog. Immer begleitet von einem Stoffbeutel oder einer Plastiktüte, die sein wahres Lebenselixier beinhaltete: Die Tageszeitung und die jeweilige Ausgabe des „Kicker“. Montag und Donnerstag waren seine Festtage. Er kam zur Ruhe, wenn er am Tisch sitzend die aktuellen Ausgaben durchblätterte und jedes Ergebnis aufsaugen konnte. Er kam aber überhaupt nicht zur Ruhe, wenn diese Routine durchbrochen wurde, da der Kicker aufgrund diverser Feiertage erst später erschien oder zu spät geliefert wurde. Da hatten wir dann manch Verbalscharmützel auszuhalten. Mittwoch gab es dann noch eine weitere Sportpublikation und natürlich musste auch jede Sonderausgabe zu großen Turnieren her. Ganz zu schweigen von dem Kicker zur neuen Saison.

Die Zerstückelung der Spieltage für traditionelle Fußballfans ein Ärgernis! Für Norbert und seine Tradition ein wahrer Segen. Denn nun gab es fast täglich Fußballspiele zu sehen, zu hören oder zu kommentieren. Selbst die fünfte Wiederholung eines Tores wurde noch lautstark in seinem Zimmer begleitet. Norbert kennt sie alle: Jeden Spieler aus vielen Epochen. Seine Art der Betrachtung und Erzählung zeitgleich zum sonntäglichen Doppelpass, und keiner würde mehr diese Sendung schauen.

Norbert war bollerig, bisweilen cholerisch. Konnte Menschen oft verbal vor den Kopf stossen. Zugleich sich aber auch grundehrlich dafür entschuldigen und hatte stets ein emphatisches Gespür für die Situation. Er wusste, ob es einem gut geht oder nicht. Er wusste um die fehlende Anerkennung in unserem Job und um die finanzielle Schraube der Eskalation im Fußball.

Sein letztes Spiel im Stadion war Rot-Weiss Essen – Alemannia Aachen. Und wie es seine Art war, hat er fast jeden Fan rund um uns herum persönlich begrüßt. Die anwesenden Frauen zudem mit seinem ihm ureigenen und charmanten Lächeln inklusive Phantasiebegrüßung irgendwo zwischen französisch und spanisch. Hauptsache es wird als Kompliment aufgefasst. Wir sind dann zur Halbzeit gefahren. Seine Art, die Dinge emotional aufzusaugen, hat ihn schon zur Halbzeit dermaßen erschöpft, so dass er auf der Rückfahrt tief und fest geschlafen hat. Aber, er hat noch Wochen von diesem Erlebnis gezehrt und davon berichtet.

Norbert wird fehlen. Er ist diese Art Mensch, welcher eine Lücke hinterlässt, die man eigentlich niemals schließen kann. Eine Lücke aber, die wir in unseren Herzen und in den lebhaften Erinnerungen mit vielen warmen Momenten füllen werden.

Nobby Du alter Haudegen, bring die Wolken mit Deinem niemals endenden Redebedarf auf Trab und denk weiter daran: Montag und Donnerstag kommt der Kicker. Hoffentlich auch als „Wolkenreader“. Und wenn wir am 5. Juni aufsteigen, trinke ich einen für Dich mit.

Es war mir eine große Ehre!

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