obstupefacere.

Ich habe mit allem gerechnet: Einem zähen Spielverlauf und vielleicht daraus resultierend reingeeumelten Siegtreffer kurz vor Abpfiff. Auch ein Unentschieden hatte ich auf dem Schirm. Schließlich ist auch der SV Straelen gut in die Saison gestartet und die Kabinenpsychologie ist in manchen Köpfen vielleicht doch noch dabei, mit dem SV Straelen die Legende eines Angstgegners aufzubauen. Ein lässiges 5:0 kam mir also überhaupt nicht in den Sinn! Wir waren somit nicht nur gewappnet, sondern hatten weit vor Anpfiff auch noch unverhofften und zugleich netten Parkplatzsmalltalk mit einem ehemaligen RWE-Profi, der weitgereist nicht nur für RWE, sondern auch für Bayer 04, die Huftiere und den kommenden Gegner aktiv war. Inklusive Fazit, dass die Zeit bei RWE alles andere atmosphärisch zu toppen wusste. Auf den Tribünen und so. Als ob wir das bezweifelt hätten.

Derart gebrieft ging es dann Richtung temporärer Aufenthaltsstätte Rahn-Tribüne. Oder kurzzeitig auch nicht, denn eine neues Handy ist nicht nur wie ein neues Leben, sondern auch ohne die alten Inhalte. Und somit war nichts mehr zu lesen von der eigenen Impfung. Glücklicherweise gab es noch eine andere App, die den Nachweis dann erbringen konnte. Die eigene Vorbereitung auf das Spiel also schon eher ungenügend. Aber wer konnte zu dem Zeitpunkt schon ahnen, dass unsere Mannschaft nahtlos nachlegen würde? Die Einlasssituation ansonsten gestaltete sich relativ entspannt. Das wurde von RWE akribisch und nachhaltig so dezent vorbereitet, so dass man bisweilen fast vergessen konnte, was die Umstände gerade so mit sich bringen.

Die Vorfreude war den Fans in den Gesichtern abzulesen. Die Rückkehr der Fans zugleich auch „The Return of Einkaufswagen“. Irgendwo muss der endlich wieder einzusammelnde Flaschenpfand ja gesammelt werden. Ein schneller Blick auf die gelagerte Pfandware ließ folgende Schätzung zu: 99% Stauder, 1% Fremdartikel. Damit kann man arbeiten. 

Entweder zu viel in der Sonne, oder gar nicht gearbeitet hatte ein Fan, bei dessen Verhalten man im weiteren Spielverlauf direkt aufgezeigt bekam, was in den letzten Monaten definitiv nicht gefehlt hat: Ein Vertreter der Spezies lattenstrammer RWE Fan, der sich über 90 Minuten einfach nur weiter betrinkt, die gegnerischen Fans permanent homophob beleidigt, Bierbecher und Feuerzeuge auf das Feld wirft, um fast selber von der Tribüne zu fallen, seinen Sitzplatz und Umgebung in einem See verschütteten Stauder hinterlässt und sich natürlich auch nicht zu blöd ist, alles und jeden als „Uhrensohn“ zu deklarieren.

Aber, leider war dieses Verhalten immer noch nicht das wirkliche Drama im ersten Heimspiel der neuen Saison.  Dafür sorgte plötzlich und unerwartet tatsächlich unsere eigene Mannschaft mit einer verdienten 1:4 Klatsche gegen den SV Straelen. Die möglicherweise extra für dieses Spiel ins Leben gerufenen Vereinigung der „Hardcore – Bauern“ konnte ihr Glück kaum fassen und spulte via Megafon sämtliches Liedgut der „Best-of-Ultras“ CD ab.

Unsere Mannschaft spulte außer einigen Kilometern auf dem Feld ihrerseits leider nichts nahrhaftes ab. Die Resonanz zur Halbzeit irgendwo zwischen „Wie soll ich denn die nächsten 45 Minuten überstehen“ und „Scheiße, ich habe eine Dauerkarte“. Die fröhliche und geduldige Vorfreude machte Platz für das Entsetzen, was uns schon bald darauf bevorstehen sollte. 

Da passte auf dem Feld an diesem historischen Abend so gut wie nichts. Stürmer, die sich im Weg standen. Bälle, die nicht kontrolliert werden konnten und immer dieses hintenherum. Das kann und wird immer wieder passieren, und ist grundsätzlich ja auch nicht tragisch, wenn unter dem Strich die Ergebnisse stimmen.

Aber an diesem Freitag-Abend war dieses Spiel mehr als tragisch. Es war der ungewollt gefühlt sportliche Schlag ins Gesicht alle derer, die nach langen Monaten endlich wieder ihre Mannschaft im Stadion sehen durften. Sich dafür im neuen Trikot schick gemacht hatten, das Grinsen vor lauter Vorfreude bisweilen gar nicht mehr aus dem Gesicht bekommend.

Und dann das Unerklärliche auf dem Feld….

Es gibt viel zu tun bis Wuppertal. Sehr viel. Auf der langen Rückfahrt wurde vor allem eines: Geschwiegen. Nicht mal mehr mit sich selbst wurde geredet. Vielleicht verstehe ich diese Niederlage erst in einigen Monaten. Glückwunsch an die Mannschaft des SV Straelen, so viel Fairness muss drinsitzen. Und „Feuer frei“ für die chronischen Dauernörgler. In der Szene herrscht heute sicher schon Partystimmung.

AUSWÄRTSSIEG!

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