Monatsarchive: November 2021

„Mit Kummer kann man alleine fertig werden, aber um sich aus vollem Herzen freuen zu können, muss man die Freude teilen.“ (Mark Twain)

Hand aufs Herz: Wer hatte im Stadion oder an den heimischen Empfangsgeräten nicht auch in den letzten zehn- bis fünfzehn Minuten das mulmige Gefühl, dass unser RWE noch RWE-Dinge machen könnte, wie er sie in vergangenen Jahren immer wieder mal gemacht hat? Unser kleinen Schar auf der immer heimischer werdenden Gottschalk-Tribünen-Hälfte ging es jedenfalls so. Schließlich konnten wir von dort aus sehr genau beobachten, wie die Spieler der Alemannia in dieser Phase durchaus auch gefährlich vor unser Tor kamen und der Gegentreffer nur durch gemeinsame Anstrengung und eine gehörige Portion Glück verhindert werden konnte. Da rutschte uns desöfteren das Herz ganz gewaltig in die Hose.

Wir hätten uns die Nerven aber eigentlich auch sparen können:  Schließlich sind wir aktuell nicht mehr das Rot-Weiss Essen der späten und zu unseren Ungunsten entscheidenden Gegentore, sondern wir haben eine Mannschaft, die bis zum Abpfiff ihrerseits niemals aufsteckt und ohne Unterlass versucht, auf das gegnerische Tor zu gehen. Spielanteile mit dem eher ungeliebten „hintenherum“ inklusive. Sogenannte „Mentalitätsmonster“ also für unsere Farben auf dem Rasen unterwegs. Wer nun der Mannschaft immer noch fehlende Emotionalität oder gar mangelnden Zusammenhalt bescheinigt, der wurde spätestens in der fünften Minute der Nachspielzeit eines besseren belehrt: In dem Moment, als Grillmeister Felix mit seinem Tor die Herzen der Alemannia Spieler brach (Herzenbruch, daher also..), eskalierte das vorher beschaulich ruhige Stadion komplett. Die meisten vor Freude, die Gästeanhänger eher weniger deswegen. 

Dieser Schrei aus tausenden Kehlen, die heranstürmenden Mitspieler von draußen, ein Simon Engelmann, der es zunächst vor der Westtribüne herausbrüllte, bevor er auf den Haufen der Kollegen hüpfte. Ein Trainer, der irgendjemand in den Arm nehmen wollte, aber keinen fand, da alle so schnell unterwegs waren. Und dann ganz besonders Oguzhan Kefkir, der auf Krücken irgendwie hinterher gehumpelt kam. Oder später, als Daniel Heber, auch auf Krücken, im Kreise seiner Mannschaft vor der West stand und gefeiert wurde. Und dann war da noch das wohl schönste Sportfoto der letzten Jahre (von Marcel Rotzoll für jawattdenn) geschossen: Ein glücklicher Felix Herzenbruch sitzt auf dem Zaun, strahlt über alle Backen, ein frisch gezapftes Stauder in der Hand. Mit der allerletzten Spielaktion hat es die Mannschaft geschafft, die logischerweise (wir sind in Essen) drohende Unruhe im Umfeld abzuwenden und weiter alleiniger Tabellenführer dieser so spannenden Liga zu bleiben. Ich glaube, in unserer Mannschaft stecken mehr Emotionen, als wir von außen erkennen können. 

Was mich aktuell aber noch mehr umtreibt ist die Frage, warum wir von außen nicht mehr die positiven Emotionen in das Spiel bringen, um unserer Mannschaft durchgehend zu helfen. Je länger wir Tabellenführer sind, und je mehr Zuschauer wieder zugelassen sind, umso leiser und kritischer werden wir gefühlt. Exemplarisch dafür die erste Spielhälfte des vergangenen Samstag im Spiel gegen Alemannia Aachen. Unermüdlich wurde zwar im kleineren Kreis auf der Westtribüne durchgesungen, nur wurde es kaum noch von den anderen Tribünen aufgenommen. Ich könnte verstehen, wenn man dort irgendwann mal sagt: „Keinen Bock mehr“. Spätestens die Pfiffe zur Halbzeit haben mich dann richtig geärgert. Natürlich haben wir um das Gegentor gebettelt, so wie wir es immer regelmäßig tun. Aber wir lagen nicht zurück, haben den Gegner weitestgehend dominiert und eine Halbzeit war noch zu spielen: Da sind Pfiffe für mich keine Option. Sind wir bei „We only sing when we`re winning“ angekommen, oder nimmt uns aktuell die tabellarische Spannung die Leichtigkeit des Seins auf den Tribünen, um auch unseren Teil zu versuchen beizutragen? 

Und ganz schlimm wird es dann, wenn unsere eigenen Spieler dem Hörensagen nach auch noch persönlich beleidigt werden. Von einer ganz kleinen Minderheit glücklicherweise nur, aber mal ganz ehrlich: Unsere eigenen Spieler? Geht’s noch? Eine Eintrittskarte beinhaltet leider nicht automatisch die Drei Punkte für ein Halleluja oder eine spielerische Gala auf dem Spielfeld. Und natürlich verpflichtet sie uns auch nicht dazu, neunzig Minuten lang anzufeuern. Aber sie berechtigt keinesfalls dazu, ausfällig gegenüber unseren Spielern zu werden, die gerade von Spiel zu Spiel versuchen, unser aller Traum in die Tat umzusetzen. Da braucht es Unterstützung, anstatt jeden Fehler im Spiel anschließend bis auf das Kleinste zu sezieren. Außerdem habe ich noch keinen Sportler gesehen, der bei einem Gegentor glücklich ausschaut. Da sieht jeder unglücklich aus.

Wir sind nicht nur Tabellenführer unserer Liga, sondern aktuell die wohl reifste Frucht im Fußball, was einen Aufstieg angeht! Und so sollten wir das Stadion doch mit der breiten (Fan-) Brust eines Spitzenreiters betreten und unseren Teil während des Spiels dazu beitragen, dass es auch so bleibt. Erfolgreicher Fußball bedeutet doch nicht, dass wir nur noch singen, wenn die Mannschaft liefert. Wir können ja auch mal wieder in Vorleistung gehen und den Trend stoppen, dass wir uns gerade Richtung englische Fußballkultur bewegen. Aber nicht der Kultur von gestern, für die wir gefeiert und gefürchtet wurden. Zudem hat unsere Mannschaft gerade echt die Kacke am dampfen, was das Verletzungspech angeht. Da sollte es doch umso mehr Zuspruch geben für all die Spieler, die jetzt auflaufen, um Rot-Weiss Essen weiter auf Meisterkurs zu halten. In den Vorjahren hätte ich auf jeden Fall mehr Sorgen, dass das klappt, als in der aktuellen. Und überhaupt: In der 3.Liga versuchen namenhafte Vereine aktuell diese am Ende der Saison nach oben oder unten zu verlassen, nur um in der kommenden Saison nicht gegen uns antreten zu müssen. 

Ich weiß, dass sich vielleicht nun manch einer, manch eine auf den Schlips getreten fühlen dürfte, wenn er oder sie diesen Text liest, da Spiel für Spiel lautstark dabei. Das ist natürlich nicht mein Ansinnen. Aber ich suche einfach eine Antwort auf die für mich unverständliche Frage, warum wir Tabellenführer sind, und auf den Rängen tragen wir dem aktuell daheim kaum Rechnung. Ist das noch die Pandemie, deren Schatten weiterhin die Leichtigkeit verdunkelt, und die wir erst gemeinsam aus dem Weg räumen müssen? Oder ist es die Angst, am Ende doch wieder zu scheitern? Auch das ist möglich, eine Saison ist lang und alles kann passieren. Aber wir sollten gerade doch als Fans im Hier und Jetzt leben. Und vor allem Tante Lotte mal so richtig die Ohren klingeln lassen.

Was Hafenstraße wirklich kann und drauf hat, das haben wir dann ja in den schon erwähnten letzten Minuten und danach gesehen. Das war Rot-Weiss Essen vereint in Ekstase und Leidenschaft auf und neben dem Feld, da konnten wir auf einmal alle singen und klatschen. Das sind Momente, aus denen Aufsteiger gemacht werden! 

Ein ganz herrlicher Moment aktuell immer nach einem Spiel, wenn das Stadion verlassen wird und schon aus der Ferne die Töne eines Dudelsacks zu hören sind. Und wenn der Dudelsackpfeifer unter anderem auch noch den „Steiger“ vor der wunderbaren Kulisse der „kleinen Gruga“ zum Besten gibt, dann spürt man immer noch die Magie rund um unseren RWE. Holen wir sie auch wieder in das Stadion. Dies wird unsere Saison. Aber zusammen!