Saarbrücken & Stuttgart n.V.
Also ein Prophet werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr. Zu mindestens, was die Entwicklung von Rot-Weiss Essen nach dem tragischen Spiel in Cottbus angeht. Da lag ich wohl doch etwas daneben mit der hoffnungsvollen These hier an gleicher Stelle, dass dieses Spiel unsere Mannschaft nicht aus der Bahn werfen wird. Die Spiele gegen den 1.FC Saarbrücken und vor allem auswärts bei den flotten Stuttgartern in Großaspach haben dafür gesorgt, dass aus durchaus berechtigter Hoffnung und Euphorie, auf die so lange gewartet werden musste, völlige Frustration wurde. Ein ganzer Verein hat nun größten Seelenschmerz und bedarf gerade intensiver Aufbauarbeit.
Vielleicht war der erste therapeutische Ansatz schon nach dem Spiel zu erkennen, als die Mannschaft trotz einer unerklärlich schlechten Leistung von vielen Fans aufgebaut wurde. Oder auch in der aktuellen Ausgabe Vonne Hafenstraße, wo trotz der kritischen Aufarbeitung vor allem herausgearbeitet wurde, dass diese Mannschaft gemeinsam und als Rot-Weiss Essen aufsteigen wollte und will. Außerdem ist man als Aufstiegsheld gefühlt unsterblich und braucht sich selbst zwanzig Jahre nach der aktiven Karriere keine Gedanken darüber zu machen, von irgendjemand ein Stauder an der Hafenstraße spendiert zu bekommen. Es ist eigentlich nicht zu begreifen, was dazu geführt hat, dass unsere Mannschaft fast unisono Noten bekommen hat, wie ich seinerzeit nur in Latein.
Platz zwei und auch Platz drei sind also erstmal futsch. Wir halten aktuell den undankbaren Platz vier, der als Trostpflaster die direkte Qualifikation für den DFB-Pokal bereithalten würde. Da wollen der SC Verl und natürlich auch Hansa Rostock aber auch noch hin. Und das ist ja schon wieder das ganz besondere an dieser Saison in der 3. Liga: Es ist, einmal abgesehen vom VfL Osnabrück (Glückwunsch an dieser Stelle) und dem Abstiegskampf einfach nie entschieden. Es geht immer weiter. Also auch für uns und unsere Mannschaft. Der Traum wirkt ausgeträumt, die sportliche Sonne lacht aktuell woanders. Noch vergangenen Samstag war ich einfach nur noch von dem tiefen Wunsch erfüllt, dass die Saison dann bitte schön direkt beendet werden sollte. Einfach um mal durchzuatmen und Abstand zu gewinnen, bevor es dann wieder losgeht.
Aber nun, einige Tage später, wenn auch keines der drei vergangenen Spiele wirklich verarbeitet oder gar verstanden wurde, sind da noch zwei Spiele zu spielen und sechs Punkte zu vergeben. Und wenn wir tatsächlich das Unmögliche möglich machen, und eine Kehrwende hinbekommen: Vielleicht stolpern dann die anderen vor uns doch noch auf den letzten Metern und dann könnte tatsächlich noch was gehen. Zugegebenermaßen sehr optimistisch gedacht, fällt mir dazu das bekannte Hape Kerkeling Zitat aus seiner Jugend ein: „Ich nehm‘ gern noch ein Eierlikörchen. Das Leben muss ja irgendwie weitergehen“. Und die Jungs müssen dringend wieder an die frische Luft.
Das werden sie diese Woche ohne die vielfach verbreitete Spezies Trainingskiebitz tun. Ungewöhnliche Niederlagen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen und somit hat man sich diese Woche für Trainingseinheiten hinter verschlossener Tür entschieden. Der passionierte Trainingskiebitz tut mir da schon leid, denn auch der Besuch einer Trainingseinheit ist letztendlich nichts anderes als gelebte Leidenschaft. Aber vielleicht braucht es jetzt einfach diese Abgeschiedenheit, die klare Kante intern. Kaito Mizuta hat Samstag bittere Tränen geweint. Ich würde ihm und uns allen doch noch Freudentränen wünschen.