Kategorie-Archiv: FC Wegberg-Beek

STOPP!

Wenn zwei zerstrittene Parteien etwas miteinander zu klären haben, kann mitunter eine professionelle Mediation helfen. Diese ist kostenlos und bedarf der Bereitschaft beider Parteien, etwas an der aktuell verfahrenen Situation zu ändern. Ein ganz wichtiges Merkmal einer Mediation ist, das im Vorfeld ein Signal vereinbart wird, mit dem eine mögliche Hasstirade, Negationen oder einfach auch zu belastende Momente sofort unterbrochen werden. Hält sich eine der beteiligten Parteien nicht daran, ist die Mediation sofort für gescheitert erklärt und übernehmen die Gerichte. Oder die Fünftklassigkeit!

Nun haben weder die Mannschaft noch die Fans prinzipiell ein gescheitertes Verhältnis zu klären, reden wir angeblich ja immer noch von Fanliebe einerseits und dem Fußballerstolz, an der Hafenstraße spielen zu dürfen, andererseits. Und doch ist es vielleicht an der Zeit, den Reklamierarm zu heben und lautstark „STOPP!“ zu rufen. Nehmen wir doch einfach mal an, es wären nach der Winterpause Vereinbarungen getroffen und Ziele vereinbart worden; denn auch das ist Bestandteil einer Mediation. Und tun wir weiterhin einfach mal so, als säßen der RWE und manch Fan in einer Mediation: Dann müssten die Mediatoren nun langsam, aber eindringlich und bestimmt mal darauf hinweisen, dass wir uns alle nicht an die Vereinbarungen halten.

Wir tun also einfach weiter so als ob: Die Mannschaft hatte das Ziel, einen Dreier einzufahren und personell aufpoliert, diese Vereinbarung mindestens beim abgeschlagenen Tabellenletzten FC Wegberg-Beeck  in die Tat umzusetzen. Zumal nach dem couragierten Auftritt gegen Wattenscheid 09. Die Mannschaft hat sich jedoch nicht an die fiktive Vereinbarung gehalten und einen besorgniserregend schwachen Auftritt im Morast von Wegberg hingelegt. Es war ja klar; und das ist jetzt Fakt, dass dieses Spiel eines der schwersten der Saison sein wird: Es galt in Anbetracht der eigenen, insbesondere aber der Tabellensituation der Wegberger, nichts anderes als ein Dreier inklusive vieler eigenen Tore. Brutaler Druck.

„Angst essen Seele auf“. Mich an diesen Filmtitel erinnernd, vermochte ich mich der allgemeinen Sicherheit vor dem Spiel nicht anschließen und habe vor Zeugen 1:1 getippt. In der Hoffnung, dass dieses Ergebnis niemals so kommen wird. Es kam so und nun musste kommen was fast zu erwarten war: Auch manch Fan fühlte sich direkt mit Abpfiff nicht mehr an die fiktive Zielvereinbarung gebunden und aus allen Rohren wurde wieder unter jedem möglichen Post zu dem Spiel Hohn und Spott bis hin zu blankem Hass in die Kommentarspalten geledert.

STOPP!

So geht das nicht mehr weiter. So steigen wir ab. Liebe Mannschaft, was können wir tun, was braucht Ihr? Was können wir (fiktiv) neu vereinbaren, damit der so ersehnte Erfolgsfall eintritt und wir die Tabelle wieder etwas entspannter betrachten können? Ihr seid gute Fußballer. Aber vielleicht nehmt Ihr nach dem Training mal zwei Kisten Stauder unter die Arme und setzt Euch alle zusammen in die Zeche Hafenstraße und spielt gemeinsam am dortigen Kickertisch einen aus. Guckt Euch an den Wänden um und erkennt, warum uns Fans das alles so viel bedeutet. Stellt Euch vor, Ihr steht eines Tages in den Geschichtsbüchern, hängt da überdimensional in Jubelpose an der Wand. Und vergesst nicht den Willi mitzunehmen, ist schließlich Euer Mannschaftskamerad. Der hat Euch einiges zu erzählen. Meinetwegen geigt Euch die Meinung. Aber betretet Samstag mit erhobenem Kopf den Platz und nicht mit ängstlicher Seele.

Und wir, die Fans, was könnte uns als neue (fiktive) Zielvereinbarung auferlegt werden? Respekt fällt mir da als erstes ein. Respekt auch den Spielern, die in Wegberg leider Gottes nicht gewonnen haben, aber keiner versagt extra! Solche spielen jetzt woanders für mehr Geld. Dieses Internet ist Fluch und Segen zugleich: Segen, wenn sich auch der RWE Fan in Australien ein Bild von der aktuellen Lage machen kann. Fluch, da die Hemmschwelle gegen den Spieler und Vertreter des eigenen Vereins mitunter unter Teppichbodenhöhe gesunken ist. Alle gegen alle. Aber es ging doch auch früher kreativer, seinen Unmut zu äußern: Fan könnte das Stadion erst gar nicht betreten. Fan könnte schweigen und die Mannschaft erst einmal machen lassen. Fan könnte so vieles. Aber nicht mehr blindwütig agieren. Droht der Fan sogar, so steigt auch er ab. Moralisch und tatsächlich dann am Saisonende.

Keiner will einen Abstieg. Wir wollten ursprünglich etwas ganz anders. Aber darüber schweigen wir uns besser aktuell aus. Jetzt gilt es etwas zu verhindern. Danach wird sicher zu Tisch gebeten und muß Tacheles geredet werden. Es geht um Rot-Weiss Essen. Und wir alle sind doch auch Rot-Weiss Essen. Der Fan ein Leben lang, der Spieler bis Vertragsende. Das neue Ziel lautet nun Velbert. Das Spiel wird sicher kein Ball werden, denn der Ball sollte gut rollen. Aber vielleicht ist dieses Zitat aus dem Film „The Rock“ aktuell ganz angebracht:

  • Mason: „Schaffen Sie das auch wirklich?“Goodspeed: „Ich werd‘ mein Bestes tun.“Mason: „Ihr Bestes? Versager jammern immer von wegen ihr Bestes, aber Sieger gehen nach Hause und vögeln die Ballkönigin!“Goodspeed: „Carla war die Ballkönigin.“Mason: „Wirklich?“Goodspeed: „Ja!“

Holt Euch die Ballkönigin!

Bitter Sweet Symphony

Könige für einen Spieltag. Erntedank gegen Erndtebrück. Wattenscheid in den ersten zwanzig Minuten vor knapp Dreitausend im Stadion und offiziell gemessenen Vierhundertfünfzigtausend Zusehern vor den heimischen Empfangsgeräten an die Wand gespielt. In der fünfundzwanzigsten Minute aus dem Nichts dann das Gegentor. Eins zu Null für Wattenscheid 09. Ein Tor mit einer Wirkung, die einem Börsencrash gleichkam. Die zuvor hochgelobte Aktie RWE rauschte von jetzt auf gleich den Bach hinunter wie nix Gutes. Das Überfallkommando stellte prompt seine Überfälle Richtung Wattenscheider Tor ein, ohne dafür das Kommando bekommen zu haben.

Das erste Spiel seit 2008 vor dem Fernseher, die Familie zudem mit Rot-Weissen Devotionalien ausgerüstet, sich selber derweil mit einem Bier. Ebenfalls das erste bei einem Spiel des RWE seit 2008. Ganz entspannt also wurde das vierte Spiel der noch jungen und doch schon wechselhaften Saison angegangen. Wer Fußball Regionalliga auf Sport 1 anschaut, der weiss mittlerweile, was ihn erwartet: Moderator Jörg Dahlmann schwafelt sich durch mehr oder meistens weniger erfolgreiche Vereinshistorien, kommentiert gelegentlich sogar Spielszenen und findet irgendeine arme Sau auf der Tribüne, deren Mimik und Gestik ab sofort dauerhaft kommentiert wird. An diesem Abend waren es aber durchaus viele kommentierte Spielszenen. Muss man ja auch mal erwähnen.

Laura Wontorra, die durchaus aparte Tochter von und zu Doppelpass Jörg, nutzt das Stadion immer mehr als Laufsteg in eigener Sache, spielt gekonnt Social Media und interviewt, wann immer Kollege Jörg das von ihr erwartet. Alles wie gehabt also. Die einzige positive Überraschung des Abends stellte dann Hannes Bongartz dar. Eigentlich doch aus dem Lager Wattenscheid stammend, wurde man das Gefühl nicht los, dass seine Sympathie und der Wunsch nach einem Tor eher den Rot-Weissen aus Essen galt. Das mag aber auch täuschen, vielleicht konnte sein Trainer Ego einfach nur nicht akzeptieren, was er da von Seiten der Essener gerade geboten bekam.

Wie dem auch sei: Noch vor der Pause gab es dann den zweiten Gegentreffer und auch in der zweiten Halbzeit wurde dem Fußballsachverständigen schnell klar: Bevor der RWE hier und heute ein Tor erzielt, wird eher der Flughafen Berlin eröffnet. Man steckt einfach nicht drin in den Köpfen der Spieler. Wattenscheid 09 hatte keine Lust mehr auf Spielchen nebst möglicherweise aufkeimender Essener Hoffnung und erlegte den Neun-Ender der vergangenen Woche dann recht fix in der 53. Spielminute. Die Richtmikrofone wurden scheinbar vor dem Standort der Essener Fans ab- und vor dem Wattenscheid Lager auf Höhe Mittellinie  gegenüber wieder aufgebaut. So wechselte die Stimmungshoheit. Zwanzig Minuten vor Abpfiff wurden gar auf Essener Seite die Fahnen abgehangen und gegangen. Die, die blieben, ob nun im Stadion oder vor dem Empfangsgerät, pfiffen nach dem Schlusspfiff. Zwar noch nicht aus dem letzten Loch, aber sichtlich und zurecht aus Enttäuschung. Was ein Grottenkick. Im Anschluss rumort und grummelt es natürlich direkt wieder. Aus dem Herzen wird keine Mördergrube gemacht.

War es das schon wieder? Nein, natürlich war es das noch nicht. Wattenscheid 09 war das, was unser RWE gegen den TuS Erndtebrück war: Brutal effektiv. Allerdings hat der TuS durchgespielt, während unsere Mannschaft selbiges von jetzt auf gleich komplett eingestellt hat. Die Psychologie der neunzig Minuten. Nicht nur, dass man sie als Fan nicht nachvollziehen kann, man fährt auch noch damit nach Hause. Hat damit zu leben die nächsten Tage. Dieses Dasein als Fan ist doch schlichtweg nur Betrug an einem selbst: Immer wieder glaubt man daran, und wird doch eines besseren belehrt. Und dann kommt heute auch noch der FC Wegberg-Beeck an die Hafenstraße. Seines Zeichens Aufsteiger und bislang Prügelknabe der Liga. Laut Selbstverständnis also ein Gegner, der natürlich mindestens mit Drölf zu Null aus dem Stadion gewemst wird.

Nee, wird er natürlich nicht. Der FC Wegberg-Beeck wird der bisher schwerste Gegner der Saison. Eben aufgrund unser aller Erwartungshaltung. Eben wegen Wattenscheid. Eben wegen Erndtebrück. Die Dramaturgie der bisherigen Saison ist für uns mal so richtig Scheisse gelaufen, so dass es heute eigentlich nur in die Hose gehen kann. Wenigstens ist uns die Spielplangestaltung hold, denn das Ergebnis unter der Woche und das zeitversetzt stattfinden Länderspiel „unser aller Ersten“ kostet sicher so viel Zuschauer, so dass ein jeder per Handschlag begrüßt werden könnte. Nur gut, dass die verkauften Dauerkarten jedes Spiel mit in die präsentierte Zuschauerzahl einbezogen werden.

Der DFB Pokal hat gezeigt, was Rot-Weiss Essen an Liebe bekommen kann. Die Liga dagegen scheint gerade zu offenbaren, dass die Liebe der Fans auch mal eine Pause einlegen kann. Der Verein reisst sich dermaßen im Stadtbild den Allerwertesten auf, um Flagge zu zeigen, findet immer mehr Anerkennung, nur das Flaggschiff „Erste“ wird dem einfach noch nicht gerecht, braucht Zeit. Aber, bei einem Verein wie Rot-Weiss Essen zählen nun mal in erster Linie die Ergebnisse der Mannschaft. Das nehme ich mit in den nächsten Tag. Das macht mich glücklich und stolz, oder lässt mich ungläubig zurück.

Keiner der Vierhundertfünfzigtausend Zuseher hat Dienstag Abend auch nur ein Argument dafür bekommen, es vielleicht mal in der Zukunft mit dem RWE zu versuchen. Heute gucken vielleicht nur Viertausendfünfhundert Fans zu. Und ich wünsche jedem einzelnen, dass es zu einem dreckigen 1:0 reichen wird. Denn heute erwartet uns der schwerste Gegner der Saison! Aber das erwähnte ich schon.