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Wo Rot-Weiss Essen anfängt, hört der Verstand auf (Frei nach Marie von Ebner-Eschenbach).

Nach exakt einhundertvierzig Tagen trifft unser allseits geliebter RWE an diesem Samstag wieder auf einen Gegner. Und zwar auf dem grünen Rasen. Nix Konsole, nichts mit Geistern. Realer Fußball. Der Bezirksligist VfB Bottrop ist wie so oft erster Gastgeber in der Vorbereitung auf eine diesmal ganz besondere Saison. Es ist eigentlich auch total egal, wer der erste Gegner nach einer solch langen Zeit und unter diesen aktuellen Bedingungen ist. Gefühlt ist um 16:00 Uhr Anpfiff der wichtigsten Begegnung seit was weiß ich. Hundertvierzig Tage ohne Aufregung rund um ein Spielergebnis mit Rot-Weisser Beteiligung. Balsam für den Blutdruck möchte man meinen. Weit gefehlt, kümmert sich um den doch seit Monaten ausgiebig ein Virus. Treibt ihn hoch, wenn die Zahlen hochgehen und Menschen meinen, sich darüber stellen zu müssen. Wie aktuell geschehen.

Es gab in den vergangenen Wochen Momente, da war Ich sehr positiv gestimmt, dass wir uns bald alle im Stadion wiedersehen werden. Doch dann begannen die Sommerferien und die Urlauber schwärmten aus. Die Mitbringsel in diesem Jahr allerdings alles anderes als willkommen und folglich steigen Infektionszahlen und Sorge im Gleichschritt wieder an. Wir sollten uns also darauf gefasst machen, dass die neue Saison uns erst einmal außen vor lassen wird. Für einen Verein wie Rot-Weiss Essen ein weiteres Horrorszenario zu all denen der letzten Monate. Ich glaube, dass wir nicht einmal ansatzweise wissen, wie sehr im Verein um das Überleben unser aller Heimat gekämpft wurde. Doch, eigentlich wissen wir es alle. Und deshalb an dieser Stelle ein ganz ganz fettes Dankeschön an diejenigen, die Rot-Weiss Essen über Wasser gehalten haben. Die im coronaren Alltag weiter an der Mannschaft gebastelt haben. Die uns medial in den Fokus bringen konnten und die, die auf eine Rückforderung in Sachen Dauerkarte verzichteten.

Hätte Rot-Weiss Essen einen Balkon, wir würden drauf stehen und klatschen. Und der Applaus wäre ehrlicher gemeint als die Verarsche in Richtung Pflegeberufe. Die Saison der Unwägbarkeiten geht also irgendwann los, und unser Ziel ist klar formuliert: Endlich raus aus der Regionalliga. Rein in das Stiefkind dritte Bundesliga. Für uns aktuell der Sehnsuchtsort schlechthin, für den FC Bayern und seine Zweitvertretung auch schon wieder nicht gut genug. Corona hat nicht nur unsere Leidenschaft zum Erliegen gebracht, sondern auch viele charakterliche Eigenschaften zu Tage gefördert. Der Award einer Boulevard Sportzeitung ziemlich dümmlich, die Allüren der Bayern bezüglich ihrer Zweitvertretung schlichtweg anmaßend. Man wollte sich bisweilen übergeben ob all der Peinlichkeiten. Getoppt wurde das Ganze dann noch von der Ankündigung, dass im Konstrukt eine Rückennummer ob der Verdienste selbiger nicht mehr vergeben würde. Ihr habt doch echt nicht mehr alle Latten am Zaun an der Säbener Straße oder in Fuschl am See. Der Fußball kann wirklich ohne Euch. Auch wenn Ihr das genau anders herum seht.

Wir können aber nicht ohne Rot-Weiss Essen, und deshalb wurde für das Testspiel in Bottrop tatswahrhaftig ein kostenpflichtiger Stream geordert. ich hoffe, der funktioniert dann auch. Aus Bottrop vom VfB selbst habe ich leider keine Antwort auf die Anfrage bezüglich Spielbesuch bekommen. Es ist also nicht mehr allzu lang bis zum ersten Spieltag. Zur Erinnerung: Ein Verein wie Rot-Weiss Essen lebt fast ausschließlich von den Tageseinnahmen und dem Verzehr. Vom Merchandising und natürlich von Emotionen. Auch wenn die die Kasse nicht klingeln lassen. Wir kommen also zur Frage aller Fragen: Wie kann es der RWE gestalten, dass Zuschauer anne Hafenstraße dabei sind, ohne ein Hygienekonzept zu sprengen? Bei einigen Fanszenen der Bundesliga ist die Haltung diesbezüglich eindeutig: „Alle oder keiner“. Die Formulierung lässt sich fast leicht aussprechen bei bestehenden TV Verträgen in üppiger Höhe. Hilft uns aber gar nichts.

Rot-Weiss Essen braucht Zuschauer. Ansonsten gehen wir doch noch über den Jordan. Ich glaube, die Fans von RWE müssen ein weiteres Hilfspaket in nie gekanntem Ausmaß schnüren um der Reihe nach auf Heimspiele zu verzichten, damit andere dabei sein können. Wir können nicht einfach auf Plakate schreiben „Alle oder keiner“. So gerne wir es auch würden. Wir müssen uns verständigen auf einen Akt des Miteinanders, der Absprache und des Ausloten auf allen Tribünen, was gerade geht und was nicht. Lieber wechselweise 3.000 Fans auf vier Tribünen verteilt als gar keine Einnahmen. Lieber nur jedes vierte Heimspiel sehen, anstatt gar keins.

Ich habe so eine Sehnsucht nach meinem Verein, nach den Menschen dort. Den Gesängen. Nach Melli, Andreas, Olli, Nikki und all den anderen, die mein Leben so bereichern. Aber ich weiß auch, dass der unsichtbare Feind noch nicht bezwungen ist. Noch lange nicht. Und das ich vielleicht abwägen sollte, was mir lieber ist: RWE oder nicht RWE. Die Antwort liegt auf der Hand: ich vermisse RWE so sehr, so dass es schon schmerzt. Aber ich kann es weiter verschmerzen, ihn nicht zu sehen, wenn ich damit die Chancen erhöhe, dass wir uns eines Tage alle Wiedersehen und mit Inbrunst unsere Lieder singen werden. Harren wir also dem Konzept, welches dem RWE vorschwebt. Und nun freue ich mich sehr auf das Spiel VfB Bottrop – Rot- Weiss Essen. Inklusive kaltem Stauder vor lauwarmen Monitor. Machste nix dran. Geht endlich wieder los!

Der Himmel voller Geigen und anderes Liebesgedöns

Die Vorfreude wich blankem Entsetzen: Die Frikadelle war kalt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber Testspiele stellen heutzutage wohl das Reinheitsgebot unter den Fußballbegegnungen dar. Drumherum wird an allem gespart, allein das Geschehen auf dem Rasen zählt.

Testgegner war kein geringerer als der KSV Hessen Kassel, seines Zeichens Relegationsverlierer der letzten Saison. Oder auch einfach nur ein Opfer der DFB Methodik. Den Verband aller Verbände nun aber bei jedem Pfiff gegen die eigene Mannschaft an den Pranger zu stellen, das führte bisweilen zu weit. Der lautstarken, in drei Gruppen aufgeteilte, zehnköpfigen Anhängerschar des KSV aber ziemlich egal.

Rot Weiss Essen konnte dieses bisweilen sehr hart geführte Spiel letztendlich verdient mit 2:1 für sich entscheiden. Die erste Viertelstunde wurde schlicht verpennt, und auch später fand nicht jeder Pass seinen Abnehmer oder jeder Schuss sein Ziel. Aber eines wird jetzt schon deutlich: Da steht eine andere Mannschaft auf dem Feld als in der letzten Saison. Hier wurde punktuell der passende Spielertyp gefunden, der bis dato scheinbar gefehlt hat.

Und wenn nun der Knappmann knapp am Mann hochsteigt, den Körper einsetzt, wird es knapp für den gegnerischen Mann. Zudem Mannschaft und Publikum stets mit einbeziehend. Ist das dann die Identifikation mit dem jeweiligen Arbeitgeber, dann ist das professionell und kommt an, allem Image zum Trotz!.

Im Verlaufe des weiteren Spielverlaufes gewann das Spiel der rot weissen immer mehr an Sicherheit, wurde auch der angesprochenen, bisweilen übertriebenen, Kasseler Härte gut getrotzt. Zwei Mannschaften schon auf Betriebstemperatur. Alle Mannschaftsteile waren heute gefordert, konnten sich auf der Linie auszeichnen, Linie in das Spiel bringen und zweimal den Ball hinter selbige. Das einzig ärgerliche ist nun diese Mär von der verpatzten Generalprobe und anschliessend erfolgreicher Premiere. Aber, wir sind RWE, wir sind anders!

Andere Wege geht der Verein in diesen Tagen auch im Sponsoring. Der bisherige Hauptsponsor machte nicht den Weg frei, das machen ja andere, sondern die plakative Trikotbrust und verzieht sich auf den Ärmel. Die Heimat steht nun auf den Trikots geschrieben und in eben dieser Heimat finden sich viele, viele kleine Sponsoren wieder. Wir werden also in der kommenden Saison sicher eine Vielzahl an verschiedenen Logos an der Hafenstraße zu Gesicht bekommen, darf doch nun ein jeder Sponsor RWE Trikots mit seinem Logo veräussern.

Eine Idee, die einmal mehr überregional auf Interesse stiess, denn Talibane des Fußballs sind als Sponsoren nicht alltäglich. Zeigt aber einmal mehr, dass der RWE in diesen Tagen ziemlich viel richtig macht. Wenn die großen Konzerne der Stadt an anderer Stelle unterwegs sind, oder noch nicht das Vertrauen in den Verein aufbringen, eben diese Idee mittragen, dann ist der Weg frei für diejenigen, die dem Verein schon immer treu zur Seite standen und dieses nun auch manifestieren dürfen.

Zudem wird gegrillt, gespielt und gehumpat! Der RWE dieser Tage ist seine eigene Basis und furchtbar geerdet. Trotzdem sollte der RWE aufpassen, sein rotziges Image nicht zu verlieren, und den gleichen Weg in die sozialen Netzwerke einzuschlagen, wie so viele andere. Klar, wer im sozialen Netzwerk sitzt, sollte nicht mit Klicks werfen, aber eine offizielle Vereinsseite muss mit Fakten dienen, nicht mit „fishing for Klicks“.

Die sozialen Netzwerke haben den Zusatz „sozial“ bisweilen nicht verdient. Viele Seiten posten zur Zeit nach dem „Was meint Ihr…“ oder dem „Wer das auch findet, klickt auf gefällt mir“ Prinzip. Was sicher Quote bringt, aber auch inhaltliche Diskussionen im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Mensch hinter dem Bildschirm ist noch nicht so weit, um sich reflektiert seiner digitalen Meinung hinzugeben. Es pöbelt und klickt sich doch so einfach.

Ich möchte aber nicht, dass mein Verein eines Tages seine Seite schließt oder begrenzt, weil sich Diskussionen als sinnlos erweisen oder in gegenseitigen Pöbeleien ergehen. Ich möchte von meinem Verein informiert werden. Mehr nicht. Für alles andere können wir Fans uns hingeben.

Kommenden Samstag beginnt die neue Saison. Und es beginnt zu kribbeln. Hat eigentlich nie aufgehört. Nur der RWE!