Herne

Es gibt diese Spiele, bei denen man spürt: Hier geht es um mehr als nur um ein Fußballspiel Deines Vereines. Ich habe ein wenig gebraucht, um mir dessen bewusst zu werden, aber dann wurde es mir so klar, wie es in mancher Nacht vielleicht nur der vielzitierte „Mond über Wanne Eickel“ in die Dunkelheit zu tragen vermag.

Hier, an diesem verregneten 14. November 2010 in Herne schloss sich der Kreis, und ich denke, nun gilt es loszulassen. Peter hat oft erzählt, wie ihn sein Opa zu jeder sich bietenden Gelegenheit als Kind in das Stadion am Schloß mitgenommen hat, um auf der Gegengerade die Spiele der Westfalia zu verfolgen. Wer die kleine Geschichte von Joachim Krol aus dem Sonderheft „Heimspiel B1“ der Reviersport kennt, der vermag sich einen solchen Spielbesuch sehr gut vorstellen.

Nun galt es ja eines Tages, die Geburtsstadt zu verlassen und somit auch den Verein des Großvaters. Aber, es war immer sein Traum, noch einmal am Schloß mit dem RWE oder der Nordhorner Eintracht aufzulaufen. Schlußendlich war es also der RWE, der nach 1978 wieder zu einem Punktspiel in Herne antreten durfte. Damals wohnten 3200 Zuschauer der Partie in der 2. Bundesliga Nord bei. Endstand seinerzeit 2:2. Sonntag waren es sogar 4.000 Fans und das in der 5. Liga.

Das Wetter damals wie heute: Identisch, der Boden eigentlich keines normalen Spieles würdig. Auch rund um das Stadion herrschte tiefes Geläuf vor, das beeindruckende „Rund“ erreichte man erst durch die „Besteigung“ eines großen Walles. Die Bilder täuschen ein wenig darüber hinweg, wie hoch und steil die Ränge wirklich sind. 32.000 mögliche Besucher wollen ja auch untergebracht werden.

In Anbetracht des Wetters ging es aber für die meisten direkt auf die Tribüne, die sich bis zum Anpfiff fast überfüllte. Und dort saßen oder standen sie nun zusammengerückt auf herrlich maroden Holzbänken oder in den Treppenaufgängen: Die vielen,vielen Essener Fans, die richtigen Herner Fans, die Gäste aus dem östlichen Stadtteil, die Polizei und wohl auch ein Stadionsprecher, den wir aber nie wirklich zu Gehör bekamen. Gehör fanden aber die netten Einladungen, sich doch einfach mal zu besuchen, weswegen es immer mal wieder beidseitig in Richtung Tribünenmitte ging, um das Treffen explizit zu besprechen, dort wusste aber die Polizei schlimmeres zu verhindern.

Es ging also außerhalb des Spielfeldes rustikal zu und nicht wenige der Besucher waren auch 1978 zugegen. Im Stadion wird sich definitiv nichts verändert haben, und auch die Fahrzeuge im Stadioninneren trugen wesentlichen Anteil daran, sich um 32 Jahre zurückversetzt zu fühlen. Es war ein herrliches Ambiente, von einigen kleinen Momenten einmal abgesehen, und wer nicht mehr weiß, wie sich ursprünglicher Fußball anfühlt, der kann in solch einem Stadion therapiert werden. Es gab wirklich Null Annehmlichkeiten, es gab Fußball, Emotionen, Scheißwetter und ein klasse Kampfspiel, welches meine Erwartungen übertraf. Für 90 Minuten braucht es in meinen Augen nicht mehr um als Fan glücklich zu werden. All das andere moderne rundherum „Gedöns“ mit Vollversorgung lenkt nur ab. Bringt aber natürlich keine Mehreinnahmen, um den monetären Aspekt nicht zu verdrängen.

Welches Spiel nun die Herner Verantwortlichen gesehen haben entzieht sich meiner Kenntnis, aber es hat definitiv die bessere Mannschaft, nämlich die des RWE gewonnen. Ein herrliches Freistosstor, ein verwandelter Elfmeter kurz vor Schluß belegen das Ergebnis von 0:2, aber die besseren Spielanteile, mehr Chancen und sogar Kombinationsfußball im Rahmen des Möglichen unterstreichen dieses. Die Westfalia hat nicht weniger engagiert gekämpft, ein Abseitstor wurde aberkannt,aber letztendlich hinderten individuelle Fehler die Herner daran, etwas zählbares aus diesem Spiel herauszuholen.

Während des Spieles, besonders aber davor, in der Pause und danach wanderte der Blick immer wieder auf die Gegengerade, wo ich Peter neben seinem Opa stehen sehen konnte. Habe verstanden, wie an einem solchen Ort die unbändige Liebe für den Fußball und ein Leben als Fan entstehen kann. Nach Spielschluß nahm der Opa seinen Enkel an die Hand und ich konnte selbige loslassen und zufrieden und gelöst nach Hause fahren. Dieses Spiel in diesem Stadion war mehr wert als jedes große Endspiel, es hat einen Kreis geschlossen.

2 Kommentare

  • Klasse geschrieben. Kann mich nur anschließen, so ein Fussball-Erlebnis der puren Art ist es, dass mir immer tausend mal lieber ist, als alles andere.

    Gruß
    Bergerhausen!

  • Hallo Uwe,
    das ist ein sehr guter und gefühlvoller Beitrag, der einen persönlichen Blick auf ein Fussballspiel, auf den Fußball und das Leben mit dem Fussball im Allgemeinen sowie auf Veränderung und Verlust und den Umgang damit eröffnet. Mehr davon.

    Liebe Grüße
    Andreas

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