Monatsarchive: Oktober 2010

Unverzüglich

Anstoß im Spiel FC Wegberg-Beeck gegen Rot Weiss Essen.

Wie aus heiterem Himmel war es am vergangenen Mittwoch mal wieder soweit: Der Rat der Stadt Essen hat“Grünes Licht“ für den unverzüglichen Stadion-Neubau an der Essener Hafenstraße gegeben. Und das sogar mit einer großen Mehrheit. Unverzüglich,also jetzt gleich, oder Morgen? Die Begrifflichkeit spricht von einer “Handlung, die ohne schuldhaftes Zögern erfolgt ist”.

Ohne schuldhaftes Zögern? Also gezögert wurde recht lange, die Schuldfrage zu stellen ist müßig und nicht mehr hilfreich. Ich hätte den Begriff schlicht und einfach nicht gewählt, denn er betreibt Augenwischerei. Es muss nicht sofort gebaut werden, sondern weiter heißt es: “Nicht erforderlich ist, dass die Handlung (Stadionbau) sofort vorgenommen werden kann” und “Dem Handelnden steht eine angemessene Überlegungsfrist zu”.

22. Spielminute, 0:1 für den RWE, Torschütze Lukas Lenz.

Sicher ist dieser Beschluss nicht nur erfolgt, um dem Essener Stadtdirektor den letzten Tagesordnungspunkt seiner Amtszeit zu versüßen. Auch der sportliche aktuelle Erfolg sowie das Zuschaueraufkommen haben einen kleinen Teil dazu beigetragen. Vielleicht auch die Erkenntnis, dass es weder Politik noch Spieler in langen Jahren und unter großem “Einsatz” geschafft haben, den Verein aus dem Vereinsregister zu löschen. Ich glaube aber einfach nicht, dass nun wirklich sofort mit aktiven Baumaßnahmen begonnen wird. Vielmehr versuche ich erst einmal zu verstehen, warum jetzt gehen soll, was vor einigen Wochen noch undenkbar war. Und dann können noch Einsprüche kommen, sich Bürgerinitiativen dagegen bilden, und und und….

Halbzeitpfiff, verdiente Führung für den RWE laut Radio Hafenstrasse.

Gesetz aber dem Falle, das nun wirklich gebaut wird: Es lohnt sich dann doch mal wieder der Blick auf diese Seite. Lange diente die Webcam nur noch als Grundlage für beißenden Spott oder der Erkenntnis, wie sich das Wetter an der Hafenstraße gerade gestaltet. Auch wird das Stadion nicht in der Form kommen, wie dort beworben. Logen für besonders zahlungskräftige Besucher und ein Dach für Gästefans werden zunächst eingespart. Das macht Sinn und ist der aktuellen und wohl mittelfristigen Ligazugehörigkeit geschuldet.

In der 56. Minute darf ich den RevierSport Liveticker zitieren: “Der Stadionsprecher hat noch 200 Zuschauer gefunden. Neue offizielle Zuschauerzahl 1795”. Weiter Führung für den RWE in Wegberg-Beeck.

Recht interessant kommt nun der Spielbericht des letzten Spieltages aus dem Spiel gegen die Sportfreunde Siegen daher: Dieses fiese “schwarze Loch” auf der linken Spielfeldseite, direkt dort wird das neue Stadion gebaut.Stehen dort jemals zwei Tribünen, so wird der Spielbetrieb aus dem jetzigen Georg Melches Stadion in das Stadion Essen verlagert. Und ungefähr auf der jetzigen Strafraumhöhe linke Spielfeldseite würde dann als letzte Tribüne die Stehtribüne für die Heimfans hochgezogen.

Der Schiedsrichter scheint sich gerade nicht viele Freunde aus dem Essener Lager zu machen, wir schreiben die 80. Minute und der Moderator von Radio Hafenstrasse schreit ungefiltert seine Meinung in das Mikrofon.

Die Entscheidung in der 88.Spielminute für den RWE: 0:2 durch Dirk Jasmund.

Schlusspfiff in Wegberg- Beeck und somit auch Schluss für diesen unverzüglichen Eintrag.

Cliquenbildung

Es war Sonntag, der 1.Oktober 1978. Vor 32 Jahren also trafen Westfalia Herne und Rot Weiss Essen das letzte Mal zu einem Ligaspiel am Schloss aufeinander. Das Spiel endete 2:2 in der damaligen 2. Bundesliga Nord. Und obwohl die Westfalia am Ende der Saison Platz 5 und der RWE Platz 8 in der Nordgruppe belegten, trennten sich die Wege beider Vereine, dessen Stadien nur 20 Kilometer auseinander liegen, bis zu diesem 14.November 2010.

Der RWE begab sich auf seine lange Reise zur Insolvenz durch die verschiedenen Ligen und die Westfalia rauschte direkt und medienwirksam den “Goldbach” hinunter. Im Klartext: Westfalia Herne durfte seine Lizenz schon 1979 abgeben, da es sich als fatal für den Verein erwiesen hatte, sich komplett dem Mäzenatentum zu verschreiben. Als Folge dessen weiß aber jeder Fan mit Faible für den Fußball der früheren Jahre, was es mit dem Namen “Goldin” auf sich hat.

Aber auch im letzten Jahr wurde es noch einmal finanziell ganz eng für die Herner. Die erneute Insolvenz konnte abgewendet, und die des RWE “bejubelt” werden. Nein, nicht aus Häme, denn dafür haben beide Vereine keine historische Rivalitäten auszufechten.(Na ja, Vereinsfarben und Gründungsjahr sind schon irgendwie….) Wohl einfach aus Freude über das nun endlich wieder stattfindende Duell gegen den RWE und die Option auf ein gut gefülltes Stadion. Mir ging es schlichtweg genauso. Das Stadion am Schloss Strünkede konnte ich einmal während eines dienstlichen Aufenthaltes in Herne begutachten und ich war begeistert. Eine wunderbare Arena, dazu noch im November, vielleicht bei Nieselregen und vor hoffentlich 8.000 Fans……adieu moderner Fußball, willkommen zurück in den Siebzigern.

Um diesen Traum wahrzumachen geben sich die Herner Fans recht rührig und haben die Aktion “Die Clique von 1978” in`s Leben gerufen. Fans von heute machen Werbung in Essen und Herne: In Kutten und auf Mopeds von damals. Ebenso wurde das Spielplakat wieder ausgegraben und lediglich neu terminiert. Westfalia Herne gegen Rot Weiss Essen, für mich das Spiel der Saison, auf welches ich mich am meisten gefreut habe. Übrigens schnürten für jeweils eine Saison sowohl Michael Steinbrecher als auch Sönke Wortman die Schuhe für Westfalia Herne und auch Joachim Kro’l drückt weiterhin seinem Heimatverein die Daumen.

Vielen Dank an den Herner Supporters Club für das Spielplakat.

Der nächste freie Mitarbeiter ist bereits für Sie reserviert….

Ziemlich viele Menschen hierzulande kennen diese Warteschleife und auch die Tatsache, dass an dem nicht wirklich ist. Schwamm drüber, es kann endlich weitergehen im Schatten der Tribüne und zwar in das fünfte Jahr. Und auch die, nennen wir es einmal Unwägbarkeiten des Lebens, haben allesamt ein gutes Ende genommen. Ich stelle manchmal erstaunliche Parallelen zwischen dem RWE und dem eigenen (er)Leben fest. Vielleicht ist es gerade das, was mich so fest an diesen Verein gebunden hat. Wichtig ist einfach nur, immer wieder aufzustehen.

Genau das scheint dem RWE in bislang beeindruckender Manier gelungen zu sein. Und das sogar noch fast unter Ausschluss der bundesweiten Öffentlichkeit, findet diese “Auferstehung” doch in den Niederungen der Fünftklassigkeit statt. Aber, das “wo” ist hier nicht wichtig, sondern allein das “wie” lässt eine Freude rund um diesen Verein aufkommen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Vorzugsweise sogar auf dem Platz, also dort, “wo wichtich is”. Hier scheint seit Jahren wieder eine richtige Mannschaft auf dem Platz zu stehen, die einfach nur froh und glücklich darüber ist, eher per Zufall nun den Verein Rot Weiss Essen vertreten zu dürfen. Seit dem Auftakt gegen den VfB Homberg sind einige Partien gespielt, und der erwartete Einbruch ist bislang und zum Erstaunen aller ausgeblieben.

Eine Niederlage gab es in den gespielten neun Begegnungen. Demgegenüber stehen zwei Unentschieden und sechs Erfolge zu Buche. Es ist, ganz klar, kein hochklassiger Fußball, dem uns diese Mannschaft bietet. Hier treten vielmehr Tugenden zu Tage, die den Fußball an sich ausmachen und wie er speziell an der Hafenstrasse lange vermisst und um so mehr geliebt wird: Einsatz von der ersten bis zur letzten Minute, mannschaftliche Geschlossenheit, unbändiger Siegeswille und noch viel mehr. So hat es die Mannschaft von Anfang an verstanden, das Publikum wieder auf seine Seite zu ziehen und von diesem auch durch schwächere Momente getragen zu werden. Ist das Stadion mittlerweile auch ein Schatten seiner selbst, die Wechselwirkung zwischen Mannschaft und Fans belebt dieser Tage genau das, worauf sich lange Jahre der “Mythos Hafenstrasse” nur noch ausgeruht hat. Dank jawattdenn ist dieses in wunderbaren Bildern dokumentiert: