Losing My Religion, Part Two

Sie rannten hin, sie rannten her. Es gab die [sogenannten] Guten, die Mitläufer. Einige blieben stehen, andere fielen. Blue System, Replay & Diesel. Das Sweatshirt dieser Marken in eine Hose gestopft, die so hoch gezogen, dass manch Hoden ob der fehlenden Luft schummerig wurde. Regenschirme bei 30 Grad und Sonnenschein zeugten von dem Wunsch, eines Tages ein Musketier zu werden und keine Grüße gingen an viele.

„Hooliganromantik“ längst vergangener Jahre. Romantisch natürlich nicht wirklich, Gewalt ist einfach keine Lösung. Aber aus einer Zeit, in der sich sogar Fans des VfL Herzlake zu einem Platzsturm im Eintracht Stadion am Heideweg zu Nordhorn aufmachten. Gestoppt von einer entgegengeworfenen Eckfahne; das aber nur am Rande. Die Stadien noch nicht die schicken Arenen mit moderner Gästekäfighaltung, sondern die bekannten Stadien mit Blöcken so groß, dass sie selten gefüllt waren. Und vielleicht war es seinerzeit besser, obwohl natürlich früher nicht wirklich immer alles besser war.

Die jungen Männer, von denen zu Beginn die Rede war, die machten ihr Ding aber noch weitestgehend unter sich aus und liefen an uns Fußball guckenden Fans einfach vorbei. Im Schlepptau zumeist gegnerische Fans oder einige Polizisten. Noch mit Mütze, nicht mit Helm. Das soll jetzt absolut nicht verklärend wirken, ging aber wohl damals wirklich noch um Fußball; um Rivalitäten und das eigene Revier. Politisch Verblendete leider stets anziehend. Auch die schreibende Zunft verhielt sich dieser Tage noch so, dass sie kurz die Faktenlage kundtat, sich aber zu keiner Generalanklage hinreißen liess.

Es folgte der Boom. Fußball ging durch die Decke. Depp Blatter verlangte auf Höhe Mittellinie zu sitzen; eine WM verzauberte ein ganzes Land. Und doch kippte die Stimmung, alles radikalisierte sich irgendwie und schleichend. Nein, nicht nur die Fans! Verantwortliche radikalisierten sich, da sie die eigenen Fans nicht mehr verstanden. Bunte Kurve natürlich für Reportagen gerne genommen. Wie aber sollten sie auch verstehen, was der gemeine Fan kaum verstand. Die Medien radikalisierten sich, indem sie zunächst die bunten Kurven feierten, um sie dann zu verteufeln. Bis hin zu der Tatsache, dass heute jede kackende Kuh neben einem Dorfplatz als böses Ultraviech tituliert wird, kommt es zu Stunk. Spieler radikalisierten sich, und so spielen sich bei den „Helden der Kreisklasse“ bisweilen regelmässig Jagdszenen ab.

Die Wirtschaftsförderung radikalisierte sich in Form einiger Finanzmogule: Vereine wurden übernommen, ausgetauscht, umbenannt. Und so stehen wir nun etwas blöd da mit unserem Fußball: Die Fronten sind allesamt verhärtet, so dass wir nicht mehr an einem Strang ziehen, sondern flott an dem Ast Fußball sägen, auf jenem wir aber alle gemeinsam sitzen. Wenn aber jetzt schon Hoffenheimer, um auch mal mitzuspielen, „am Rad drehen“; einige wenige ihre komplette Szene in Verruf bringen, diese dafür aber kollektiv behandelt wird; Wenn nur noch zu lesen ist, wann und wo es mal wieder „geknallt“ hat; die Sportbild mal wieder martialisch Panik verbreitet und alles und jeden der Generation Ultra zuordnet;

Wenn der Protest gegen RB in blinder Wut und total überzogenen Aktionen ausartet, anstatt mit Humor dagegenzuhalten; dann ist es nicht mehr weit, bis der Fußball uns nicht mehr nur um die Ohren fliegt, sondern platzt. Man fühlt sich ein wenig an die Weissagung der Cree erinnert. Wünscht sich gelegentlich die Zeiten zurück, in denen es einfach nur zum Fußball ging. Heute geht es über vorgeschriebene Routen, vorbei an uniformierten Sicherheitskräften und diktierter Nahrungskette, bisweilen gefühlt zu einer Demonstration. Äh, einem Fußballspiel.

Wo ist nur die Resettaste?

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