Warum Fußball. Vielleicht aber auch: Fußball, warum?

Warum machen wir eigentlich all das, was wir für den Fußball tun?  Tut der Fußball eigentlich auch etwas für uns? Eine Spurensuche auf die Antwort nach der Frage aller Fragen: Warum Fußball? Oder doch eher: Fußball warum? Und vielleicht ist die Fragestellung meinerseits auch nicht immer ganz stimmig. Stimmig aber auf jeden Fall die Zwölf, die hier aufgelaufen ist, um als zusammengewürfelte Elf ein klasse Wortspiel abzuliefern. Dafür mein herzlichstes Dankeschön. 

Nedfuller: Du hast dem HSV und der Bundesliga den Rücken zugekehrt. Dem großen Fußball also, zu dem wir unsererseits so gerne gehören würden: Wie geht es Dir damit und: Warum? 

Die Frage muß ich in drei Antworten aufteilen:

Den HSV habe ich nach der Ausgliederung verlassen, weil mir die emotionale Bindung zu dem Konstrukt fehlte. Vorher war ich Teil des HSV e.V.  meine Stimme hatte ein Gewicht, zählte. Nach der Ausgliederung war ich nur noch Konsument, nicht mehr Teil dessen, was da unten auf dem Platz stattfindet. Auch hat mich der Weg zur Ausgliederung immer weiter vom HSV entfernt. Eine konstruktive Diskussion um das Thema war nicht mehr möglich, man musste dafür oder dagegen sein; Argumente wurden nicht ausgetauscht. Erschreckend war auch das Verhalten gegen die Ausgliederungsgegner. Was ich mir alles anhören musste, weil ich nicht blind dem lautestem Schreihals gefolgt bin.

Es war aber auch kein Abschied von heute auf morgen. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich dann aus dem HSV e.V. ausgetreten bin.

Die Bundesliga ist großes Entertainment. Jeder Spieltag wird zu etwas „gehyped“, was er nicht ist. Fußball ist Nebensache geworden. Ein langweiliges Null zu Null wird zu etwas hoch gehoben, was niemals da war. Es wird vor Konstrukten wie Bayer Leverkusen, RB Leipzig, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim eingeknickt, weil es gut für das Geschäft ist. Der HSV kann mittlerweile finanziell am Abgrund stehen und dennoch ein besseres Angebot an Mavraj machen als der besser dastehende 1. FC Köln. Das ist nicht gesund, wird aber geduldet. Alles für die Show.

Wie geht es mir damit, dass ich mir Spiele in der Kreisliga (8. Liga von oben gezählt) und Kreisklasse B (10. Liga) anschaue? Richtig gut. Fußball ist eben ein einfacher Sport, für den es keine Show braucht. Nur ein Ball und 11 Spieler_innen. Mit dem HFC Falke habe ich auch wieder eine emotionale Heimat gefunden. Nur Fußball ist in den meisten Fällen nämlich sehr langweilig. Ich erinnere an das Spiel Mainz gegen Köln. Wenn man aber emotional beteiligt ist, dann ist es immer spannend und aufregend. Also ausser man führt schnell Drei zu Null, da kann man sich dann in Ruhe mit den tollen Menschen auf dem Fußballplatz unterhalten. Vor allem aber zählt meine Stimme beim HFC Falke. Ich bin Teil des Vereins. Darum.

Michael: Du wärest der Inbegriff eines „Mister Eintracht“, würde es einen solchen denn geben. Wie geht es einem wie Dir mit weinrotem Herzen, wenn der eigene Verein fusioniert und warum?

Auch wenn es manchmal schmerzt, ich leide nicht unter der Situation meines Klubs. Es ist einfach schön, wenn man mit den erfolgreichen Zeiten in Verbindung gebracht wird. Ich sage aber auch, ich war auch dabei, als Fehler gemacht wurden. Das darf man nicht verschweigen. Ich bin weit davon entfernt, den heutigen Verantwortlichen die glorreiche Vergangenheit vorzuhalten. Wir sollten sie unterstützen und bestärken ihren eigenen Weg zu gehen. Vergesst die Kohle! Es ist egal, wo letztlich die erste Mannschaft spielt. Ein Neuaufbau fängt immer am Fundament an. Das Fundament ist der Nachwuchs. Macht das gut, dann kommt der Rest von selbst!

Ich wünsche meiner Eintracht viel Erfolg dabei. Und das der Verein nun SV Eintracht TV heißt? Völlig wurscht. Das wir mit dem Türkischen AV fusioniert haben? Türken waren immer Teil unseres Klubs. Haben ihn bereichert. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn der Verein einen völlig neuen Namen tragen würde: SV Nordhorn. Der traditionsreiche Name ist vermutlich mehr Last als Chance. Er kann aber auch Motivation sein, denn der SV 45 Nordhorn war der erste Klub nach dem 2. Weltkrieg in Nordhorn. Aus dem Nichts haben die damaligen Idealisten den erfolgreichsten Fußballverein der Grafschaft gemacht. Wir sind zwar nicht bei Nichts, aber bei Wenig. Also sind wir schon mal einen Schritt weiter, als die Gründungsväter des Klubs 1945.

Anmerkung: Der Text von Michael war viel mehr als diese zwei Absätze, die sich auf die Fragestellung beziehen. Es war ein ganz langer Text als Beleg einer Liebe zum Fußball, zum Verein und zum Leben. Ein Text über Höhepunkte und Scheitern eines einstmals erstklassigen Fußballvereins. Ein Text, der hier den Rahmen gesprengt hätte, aber es verdient hat, als eigenständiger Beitrag die Tage veröffentlicht zu werden. Ein Lehrstück zudem für all diejenigen, die glauben, dass Red Bull Leipzig ein normaler Fußballverein ist.  

Hardy: Kein Fußballfan hierzulande, welcher nicht irgendein Druckwerk von Dir im Regal stehen hat. Kein anderer, der sich so akribisch bis in die hintersten und verstaubten Regale der kleinsten Vereine vorarbeitet. Das zumeist und mit großem Herzblut unterklassig. Warum?

Weil ich das große Glück hatte, mit einem Fußball groß zu werden, der noch lokal und breitgestreut stattfand. Als ich Anfang der 1970er das erste Mal „Sport und Musik“ im WDR hörte, gab es noch die alten Regionalligen unter der Bundesliga. Da ging man zum Verein vor Ort und guckte außerdem die Bundesliga. Diese Vereine waren Anlaufstellen für Stadtteile oder Städte. Als wir 1975 von Dortmund nach Göttingen zogen, war die ganze Stadt schwarzgelb; also 05. Ich war schon immer skeptisch, wenn etwas zum Mainstream wird. Dann verliert es für mich an Reiz. Ob im Fußball oder der Musik.

Selbst machen, selbst mitmachen find ich spannender. Und weil jeder Klub seine Geschichte hat, braucht es Menschen, die sich darum kümmern und sie festhalten. Denn Fußballgeschichte ist Gesellschaftsgeschichte. Dabei geht es nicht um ein „früher war alles besser“ sondern um ein „Gestalten heute“. Das wird zunehmend wichtiger, denn in diesem großen Meer der Massenprodukte à la Bayern oder BVB brauchen wir kleine Häfen, in denen wir sein können und nicht nur Konsumenten sind. Genau das ist übrigens auch der Ansatz unseres neuen Magazins Zeitspiel.

TC Freisenbruch: Ihr spielt auf Asche und zugleich auf der sozial-medialen Klaviatur, lasst über die Aufstellung und noch einiges anders entscheiden. Ist das nicht schon bei Fortuna Köln gescheitert? Aber vor allem: warum handelt Ihr so? 

„Aki“ Watzke sagte vor einiger Zeit, dass Kreisliga nicht sexy sei. Er hat Recht!  Warum? Er und seine Kollegen in der Bundesliga haben mit dem Überangebot die Vereine am Ende der Nahrungskette ins Abseits gedrängt. Jeder Cent wird aus dem Fußballfan „rausgequetscht“. Er kann sich auf fünf Programmen gleichzeitig Fußball anschauen. Wer will dann noch die sympathischen Jungs anschauen, die bei einem vor der Haustür kicken, aber ab und zu einen Ball verstolpern und nach dem Spiel gerne ein Bierchen trinken! In der Kreisliga steht man bei schlechten Wetter im Regen, man wird nass und dreckig. Würstchen muss man mit Kleingeld bezahlen und nicht mit der Knappenkarte. Man muss sich die Rufe der Spieler und Trainer anhören. Man muss den Schweiß der Spieler riechen. Man ist mitten drin, statt nur dabei! Man muss den Fußball leben, statt ihn nur zu konsumieren!

Deshalb müssen sich die kleinen Vereine etwas einfallen lassen. Das klappt in Freisenbruch derzeit sehr gut! Uns laufen derzeit die Zuschauer nicht weg! Es werden immer mehr! Warum? Wir versuchen vieles anders zu machen, als andere Vereine. Wir holen die Zuschauer mit ins Boot und lassen sie unsere Mannschaft aufstellen, und weil wir an die Weisheit der vielen glauben!

Warum Fortuna Köln gescheitert ist? Bei uns werden keine Alibi Entscheidungen gefällt! Bei uns wird die Mannschaft von der Community aufgestellt und gibt keine Empfehlung an den Trainer ab. Der Trainer muss diese Aufstellung umsetzen! Der TC Freisenbruch scheut sich nicht, jede Entscheidung in die Hände der Teammanager zu legen. Selbst der Kopf des Trainers liegt in den Händen der Community! Damit unterscheiden wir uns ganz gewaltig, von allen anderen Vereinen, die so etwas schon einmal umgesetzt haben!

Warum? Weil wir schon als Kinder die Managerspiele wie Anstoß 3 geliebt haben und das mit einem echten Verein machen wollten! Wir wollten den Kreisliga Manager! Und der soll nicht all zulange in der Kreisliga bleiben! Warum? Weil es Spaß macht und immer mehr Leute mitmachen: Fußballfans aus der ganzen Welt von Essen bis Göteborg, Tokio und Florida! Warum? Melde dich einfach an auf http://www.deinclub.tc-freisenbruch.de und führe unsere Mannschaft raus aus der Kreisliga! Und, warum Asche? Echter Fußball wird nun mal auf Asche gespielt! Kunstrasen kann jeder! Und unser Waldstadion hat mehr Charme, als viele andere Sportplätze! Warum? Komm einfach mal vorbei und schau es dir an!

Roland & Claudia: Ihr arbeitet seit gefühlt 1907 für eines der bekanntesten Fanprojekte hierzulande, seit dessen Herz und Seele zugleich. Spieltage sind für Euch nicht Freizeit und Freunde, sondern fast immer Arbeit und manchmal auch Frust. Warum?

In vielen Fanprojekten würdest du mit deiner Frage  richtig liegen, bei uns liegt die Sache doch ein wenig anders. In den ganzen Jahren überwiegt die Freude an der Arbeit, weil es von Anfang an sozusagen uns immer am Herzen lag, der Verein, die Fans, die Jugendlichen. Für Menschen da zu sein war immer unser Antrieb. Frust haben wir in den ganzen Jahren nie geschoben, obwohl es hier und da auch schon Enttäuschungen gab, keine Frage. Aber damit muss, glauben wir, jeder in unserem Bereich tätige Mensch leben. Da kommt man klar mit oder der ein oder andere auch nicht.

Wir glauben, dass der Spaß an der Arbeit sich in den ganzen Jahren zwar geändert hat, aber niemals in Frust oder ähnlichen ausgeartet ist. Hatte aber dann immer auch etwas mit den handelnden Personen im Fußball-Umfeld des Vereins zu tun, niemals mit unserem eigentlichen Klientel.

Zusammenfassend gesagt: Freizeit nein. Freude überwiegend. Arbeit zum Teil, Frust nie!

Ben Redelings: Du sammelst Stilblüten des Fußballs für uns, stehst ebenso wie Hardy in zig Bücherregalen; reist durch die ganze Republik und bist zudem noch mit dem VfL Bochum gebeutelt. Du hast das Lehramt quasi für den Fußball sausen lassen: Warum?

Weil damals – im Jahre 2002 – das weite Feld der ‚Fußballkultur‘ noch als saftig grüne Wiese vor einem lag. Da war fast nichts abgegrast und es tummelten sich nur ganz wenige auf dem Grün. Man hatte damals gerade von zwei Jungs aus Berlin gehört, die jetzt so ein ‚Magazin für Fußballkultur‘ herausbringen würden. Aber warum das nur zwei waren, wo die sich doch ‚11 Freunde‘ nannten, und was die so genau trieben, war mir noch nicht klar. Und dann habe ich das große Glück gehabt, an einem meiner letzten Tage vor dem Examen das allererste Fußball-Seminar an einer deutschen Universität überhaupt besuchen zu dürfen. Wir haben damals zum Abschluss einen Fußballabend mit Texten und Talk organisiert.

Gäste waren Thomas Stickroth und Holger Pfandt. Das war im Jahr 2000. Die Bude beim VfL war gerammelt voll und wir hatten jede Menge Spaß. Genau den Spaß, den ich auch heute noch an meinen Abenden erlebe. Denn egal wie weit ich mich inzwischen emotional vom aktuellen Profifußball entfernt habe – die ursprüngliche Liebe zum Spiel bleibt bestehen. Und so sind die Momente zusammen mit den Jungs in der Kurve oder die Abende gemeinsam mit meinem Publikum immer noch Feste. Das sind die Augenblicke, die mir stets aufs Neue zeigen, warum ich innerlich weiß, dass ich nie vom Fußball werde lassen können. Und das ist auch gut so!

Thomas Stauder: Fußball und Bier gehören irgendwie zusammen Fußball und Bratwurst. Also zwingend. Der Essener an sich verehrt sein Stauder wie sonst wohl nur noch Neapel Diego Maradona. Und doch muss Euer Pils an der Hafenstraße immer wieder herhalten als Trost für zigtausende geschundener RWE Seelen. Warum? 

Weil wir wirklich alle zusammengehören: Der Verein, die RWE-Fans und Stauder. Weil wir selber Fans sind, in guten und in schlechten Zeiten. Weil Fußball und Bier Symbole für unsere Heimat sind. Und weil ja auch mal bessere Zeiten kommen könnten..

Textilvergeher: Ihr guckt nicht nur Union, Ihr schreibt über Union, seit ausgezeichnete (im wahrsten Sinne des Wortes) Botschafter Eures Vereins. Ihr fotografiert Union und Ihr redet über Union. Und das alles in einer Art und Weise, die ziemlich viele Menschen erfreut. Glaubt Ihr, dass Union immer  Euer Eisern Union bleiben kann um in diesem Wahnsinn Profifußball mitzuhalten? Und wenn ja, warum?

Steffi/ Textilvergehen:

Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Es kann sein, dass es für die anderen in unserer Runde anders aussieht. Wenn ich darf, würde ich die Frage präzisieren.

Ich bin mir  sicher, dass der 1.FC Union Berlin in naher Zukunft nicht mehr der sein wird, der er jetzt ist. Er ist schon heute vollkommen anders als der, den ich damals kennengelernt habe. Aber er ist auch anders als in den Neunzigern, was ein großes Glück ist. Die Frage wäre also eigentlich, wie ich mit dieser fortwährenden Veränderung umgehe.

Ich sehe, welches Konfliktpotential darin steckt. Der Verein muss wachsen, muss sich sportlich weiterentwickeln, muss Ausbildungsverein werden, muss Geld verdienen. Wer sich dem verweigert, spielt sehr schnell wieder auf´m Dorfacker vor drei meckernden „Schiebermützenopas“. Das will niemand. Aber genauso will niemand Sitzplatzstadien, vom Autohaus präsentierte Ecken oder alljährlich einen neuen Stadionnamen. Die meisten legen außerdem Wert auf auf Mitbestimmung,  auf Nähe zwischen dem Vorstand und den Mitgliedern ihres Fußballvereins.

Solange es mein Verein schafft, diese elementar wichtigen Dinge zu erhalten, bin ich bereit, die notwendigen Veränderungen zu akzeptieren. Solange ich das Gefühl habe, beteiligt zu sein und gestalten zu dürfen, gehe ich zu Union. Gerne und so oft ich kann.

Frank Lussem: So viele Jahre beim Kicker. So viele Spiele. Und mit dem 1.FC Köln und Bayer Leverkusen zwei in ihrer Ausrichtung ganz unterschiedliche Vereine begleitet. Wie hat sich der Fußball für einen verändert, der so lange mit der Tastatur am Ball ist, und wenn ja….genau: Warum?

Der Fußball an sich hat sich eigentlich nicht verändert. Natürlich wird heute schneller und athletischer gespielt. Aber wenn wir davon ausgehen, dass Schnelligkeit und Athletik zu jeder Zeit top waren, dann ist das eben nicht aufgefallen. Ob früher schöner gespielt wurde? Ich denke ja, vor allen Dingen gemessen an diesen Vollgas-Fußball Veranstaltungen. Die gelingen über einen gewissen Zeitraum und hinterlassen meist kaputte Teams. Der BVB zahlte den Preis, eine Stufe tiefer Bayer Leverkusen, wieder eine darunter Mainz und dann Ingolstadt. Alle hatten den gleichen Ansatz, alle zahlten früher oder später Tribut.

Verändert haben sich in jedem Fall die Abläufe. Ich habe früher mit den Masseuren (so hieß das damals) geramscht und mit dem Zeugwart geklammert – in deren Büros. Ob Georg Kessler, Dettmar Cramer, Christoph Daum, Erich Ribbeck, Morten Olsen, Udo Lattek, Klaus Toppmöller oder wie sie hießen – wir gingen bei den Trainern ein und aus, das Vertrauensverhältnis war groß. Ich weiß gar nicht, wie die es damals geschafft haben, ihre Arbeit zu absolvieren – gemessen daran, wie Trainer sich heute vielfach gerieren. Da hat man das Gefühl, die Tage seien kürzer geworden. Oder die Trainer wichtiger. Oder die Aufgaben schwerer. Man weiß es nicht.

Es sind natürlich heute mehr Medien unterwegs, die Anfragen häufen sich. Dennoch ist der Anteil relevanter Journalisten in fast jeder Stadt überschaubar. Mal im Ernst: Wer will etwas vom FC Augsburg, von Bayer Leverkusen, von der TSG Hoffenheim, aus Ingolstadt wissen, wenn nicht gerade etwas Wichtiges ansteht, ein Skandal passiert ist oder eine Trainerentlassung bevorsteht. Selbst in Köln stehen Tag für Tag meist die gleichen fünf Hanseln am Trainingsplatz. In Leverkusen sind es noch weniger, da kommen ja auch höchstens ein paar Dutzend Fans. Die werden noch zusätzlich abgeschreckt, weil der Herr Trainer meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit proben lässt. Auf die Ergebnisse der Arbeit muss man dann bis zum Spieltag warten und ist meist verblüfft über das, was angeblich erarbeitet wurde und was tatsächlich gezeigt wird.

Trainer hatten früher eine größere Persönlichkeit, nahmen sich aber selbst nicht so wichtig – zusammenfassend kann ich es so wohl aus meiner Erfahrung sagen.

Andreas: Du bist Bayern Fan ganz alter Schule, kennst auch weniger erfolgreiche Zeiten und das zugige Olympiastadion. Gerd Müller und Manager Schwan sind für Dich noch greifbar. Hat ein Bayern Fan heutzutage eigentlich noch Spaß an einem Dauerabonnement auf die Meisterschaft oder wünscht er sich etwas mehr Leistungsdichte und egal in welchem Falle: Warum?

Der FC Bayern als Dauerabonnement auf den Meistertitel macht mir schon lange keinen Spaß mehr. Ich wünsche mir sehnlich in allen Wettbewerben mehr Konkurrenzkampf auf Augenhöhe. Als alter Bayern-Fan stehe ich halt auf Triumphe, Idole und Klassiker. Nur Siege, die nach Durststrecken als Früchte durchlebter Krisen gediehen sind, werden tatsächlich auch zu Triumphen. Nur Stars, die im Angesicht eigener Zweifel, Makel und Schwächen über sich hinauswachsen, werden wirklich zu Idolen. Und nur Spiele auf des Messers Schneide, mit großem Kampf oder verblüffendem Verlauf werden zu echten Klassikern an die ich gerne zurückdenke, egal ob Sieg oder Niederlage für den FC Bayern.

Andora: Du bist Künstler, wie wir alle wissen und präsentierst Union zumeist plakativ. Ist Fußball noch Kunst oder schon künstlich, und wenn ja warum?

Wenn der Fußball heute ein Spiegelbild der Gesellschaft ist (und das ist er auf sicher), dann kann man ganz sicher auch feststellen das der heutige Fußball außerhalb des Spielfeldes keine Kunst sondern viel künstliches beinhaltet. Was aber durch die Ansichten und Vorgehensweisen der landesüblichen Vermarkter auch sicher nicht bezweifelt wird.

Die Kunst des Spiels erleben wir damals wie heute nur auf den Spielfeldern der Welt und sonst nirgendwo mehr, außer bei eisern Union, wo die eisernen Botschafter und unser Kommunikationsminister für die Künste im Vereinsleben die Tore nach außen und innen geöffnet haben. Das bleibt! Sonst wäre ich schon lange kein Fan von keinem anderen Verein und kein Fan von diesem/unserem Sport mehr. Unser/mein Fußball hat an der neuen/alten Försterei ein Zuhause bekommen, das aller Ehren wert ist und das gesamte Spektrum der Zuseher im Stadion auch neben dem Platz kunstvoll versorgt. Darauf bin ich als alter Unioner echt stolz und demütig eisernst auf ewig dankbar.

Andreas: Du stehst zum VfL Bochum, bist einfach klassischer Fußballfan wie er in der Kurve steht. Wie begehst Du Dein Ritual Spielbesuch und warum?

Früher war nicht nur mehr 1. Bundesliga im Ruhrstadion, früher war auch mehr Ritual. Doch mit jeder Niederlage des VfL Bochum 1848 wurden die Rituale weniger. Während nach Siegen streng darauf geachtet wurde, beim nächsten Spiel auch sicher die gleiche Zugverbindung, die gleichen möglichst ungewaschenen Klamotten (Geruchsbelästigung ist mangels langer VfL-Siegesserie nicht wirklich ein Thema), millimetergenau den gleichen Stehplatz zu besetzen und selbst die farbgleiche Pommes-Gabel für die einzigartige Dönninghaus – Currywurst zu ergattern, starb mit jeder Niederlage auch ein Ritual. Es standen nicht die Fragen im Raum, ob der Trainer die falsche Taktik gewählt hat  und/oder aber die VfL-Helden einfach unfähig sind. Stattdessen begann die hilflose Suche nach Eigenverschulden.

Irgendein Ritual musste seine Wirkung verloren haben oder war es gar ein Fehler im Ablauf? Ein Fehler im System? Dies führte insbesondere bei Niederlagenserien, die bei #meinVfL nicht selten vorkommen, zu skurrilen Abwandlungen und Streichungen von Ritualen mit dem Ziel, des Rätsels Lösung für den ersehnten Dreier zu finden. Doch irgendwann half alles nichts mehr. #meinVfL verlor weiter vor sich hin und aus lauter Verzweiflung blieb nichts anderes mehr übrig, als  völlig blank – also ohne Rituale – ins Stadion zu gehen und nur noch beim obligatorischen Moritz Fiege zuzusehen, wie #meinVfL entweder abstieg – oder mal wieder nicht aufstieg. Jedoch entstand daraus ein neues Ritual: Mit jeder Niederlage stieg der Konsum des Gerstensaftes stetig an.

Inzwischen – ob aus dem Eingeständnis heraus, dass Rituale doch nichts bringen, oder dem Umstand geschuldet, dass die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Stadionbesuch im durch – kommerzialisierten auf TV-Vermarktung ausgelegten Profifußball nur ungenügend miteinander zu vereinbaren sind – spielen Rituale beim Stadionbesuch nur noch eine untergeordnete, gar völlig vernachlässigte Rolle. Denn anstatt sich Gedanken zu machen, wie das Karma von #meinVfL durch selbst auferlegte Rituale beim Stadionbesuch positiv beeinflusst werden kann, dreht es sich nunmehr um die Frage, ob man es überhaupt noch ins Stadion schafft und wenn ja, wie komme ich nun auf dem schnellsten Weg dahin, um #meinVfL siegen zu sehen.

Denn wenn ich schon mal da bin, sollte #meinVfL auch gewinnen. Womit wir wieder bei Ritualen sind…

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