Monatsarchive: Februar 2017

Schöpfungsgeschichte

Wenn Vereine gegründet werden, treffen sich Gründer um zu beschließen, dass gegründet wird. Wird jedoch Rot-Weiss Essen gegründet, kommt das fast einer Schöpfungsgeschichte gleich, so viele Personen sind schon von Beginn an involviert. Und außerdem ist auch Vatter Heinrich Melches nicht ganz unschuldig an dieser Vogelheimer Schöpfungsgeschichte: Was legt er auch seinen Söhnen Georg und Hermann 1906 einen Ball unter den Weihnachtsbaum? Wie es nach diesem Weihnachtsfest weitergeht, ist ja mittlerweile mehr als bekannt: Fußlümmel Georg Melches führte mit seinen Freunden die bestehenden Vereine SC Preußen und Deutsche Eiche zum SV Vogelheim zusammen. Deutsche Eiche, ein an sich schon recht merkwürdiger Vereinsname und sicher eine Herausforderung für Fangesänge. Aber das nur nebenbei.

Den heutigen Namen Rot-Weiss Essen bekam der Verein übrigens erst fünf Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit auf seinem weiteren Vereinsweg. Anteil daran hatte eine weitere Fusion, diesmal jene mit dem Turnerbund Bergeborbeck. Man sieht also: Gründung geht einfach, oder eben Rot-Weiss. Vielleicht ist auch jene Vielfältigkeit in jungen Jahren der Grundstein für die immer noch höchst lebendige Meckerei in der heutigen Zeit. Man war sich halt nach Georg Melches nie mehr wirklich so ganz einig. Man weiß es nicht.

Ist ja auch wurscht, denn wir könnten in der Bundesliga mit weitem Abstand an der Spitze stehen; den Europapokal der Landesmeister aufmischen und den Leipziger Dosen im Pokal so richtig einen eingeschenkt haben: Es würde trotzdem über irgendetwas gemeckert werden. Der Pups an der Hafenstraße sitzt eben traditionell quer, anstatt dass er einfach mal geradeaus das Weite sucht. Natürlich sind die sportlichen Szenarien in diesem Absatz reines Wunschdenken, quält uns doch weiter der triste Alltag in Klasse Vier. Das zermürbt den Fan und heizt die Debatten an. Es wird wie üblich in alle Richtungen debattiert.

Der Verein selbst macht im neuen Jahr und dieser Tage das, was sich wohl ziemlich viele Menschen nach Neujahr auf die Fahne geschrieben haben und speckt ab. Abspecken im Sinne von Vertragsauflösungen. Achtzehn Feldspieler und drei Torhüter stand heute somit im Kader. Neuverpflichtungen momentan Fehlanzeige. Fast hätte es eine solche zu vermelden gegeben! Aber jener Spieler, welcher sich an der Hafenstraße und innerhalb der Mannschaft im Testspielmodus laut eigener Aussage wohl gefühlt hatte, wechselte dann doch plötzlich und unerwartet zum Ligakonkurrenten nach Rödinghausen.

Man kann es ihm nicht verdenken, wird doch das Angebot aus Ostwestfalen höher gewesen sein, als das unsere. Das rote Trikot mit den drei wunderbaren Buchstaben allein ist auch kein Anreiz mehr für die jungen Kicker von heute. Die wollen mit ihrem Talent Kohle verdienen und pellen sich einen ob unserer verkrusteten Vereinstraditionen. Man sollte also jetzt nicht schon über einen Spieler „herfallen“, der lediglich zur Probe an der Hafenstraße weilte und darüber stehen. Sonst kommt bald gar keiner mehr zu uns. Nicht mal mehr zur Probe.

Alt sind wir also geworden. Sehr alt. Das sportliche Haar noch etwas mehr lichter als früher schon, den sportlichen Erfolg immer noch weitestgehend meidend. Aber wir halten uns immer noch irgendwie aufrecht, machen uns dann und wann noch einmal so richtig hübsch. Vorzugsweise in der ersten DFB Pokalhauptrunde. Manchmal rufen wir auch trotzig den jungen Fans von heute hinterher, dass wir stolz darauf sind, weit vor 2009 gegründet zu sein. Und das früher eben alles besser war. Blöde Erfolgsfans, blöde!

Wir hingegen sind alles, aber keine Erfolgsfans! Wir sind Kategorie A bis Z. Wir sind Rot und Weiss. Wir sind RWE. Vielleicht aber sind wir in zunehmendem Alter auch mal etwas mehr „0815“ und schenken uns zum Geburtstag etwas mehr Geduld und Gelassenheit.

„Oh RWE, wir lieben Dich, weil es für uns nichts schöneres gibt!“