Sein oder Nichtsein

Lieber Herr Giannikis,

es ist weit nach Mitternacht und ebenso weit entfernt von Essen sitze ich in meinem RWE Hoodie hier in Nordhorn und versuche irgendwie noch in Worte zu fassen, was Sie zu einem Bleiben an der Hafenstraße bewegen könnte.

Das ist grundsätzlich natürlich sehr anmaßend von mir, zeigt aber letztendlich nur meine Wertschätzung Ihnen und Ihrer Arbeit gegenüber, die Sie sich unbekannterweise in kurzer Zeit erworben haben.

Und das, ohne unser aller RWE direkt zum Überflieger zu machen und jeden Gegner unter Ihrer Leitung mit 5:0 aus dem Stadion zu schießen.

Nein, das ist es nicht, denn wir stehen weiter auf Platz zehn und der Aufstieg wird auch im zehnten Jahr nicht gelingen. Dieser so ersehnte Aufstieg. Dieses kleine (und doch so große) Stück vom Glück für jeden Fan von Rot-Weiss Essen, welches für uns doch nichts anderes als die größte Erfüllung seit der Erfindung von Stauder bedeuten würde.

Nein, der Wunsch, dass Sie der Hafenstraße eine weitere Zusage geben, anstatt Richtung unbekannt Aalen abzuwandern fusst auf dem feinen Gespür der Fußballfans. Wir haben nicht wirklich immer die fachliche Kompetenz eines Trainers, auch wenn wir es natürlich immer und sofort besser als der jeweilige Trainer wissen. Aber wir können direkt nach Anpfiff ein Spiel lesen. Wissen sofort, wohin die neunzig Minuten führen werden.

Und dieses feine Gespür des Fans hat uns gezeigt, dass Sie die Mannschaft erreicht haben. Unsere Mannschaft, die unser geliebtes Emblem auf der Brust trägt. Unseren Verein verkörpert. Unsere Sehnsucht nach was Besserem. Das Gespür besagte weiterhin, dass dort nun ein angenehm zurückhaltender, akribischer Arbeiter an der Seitenlinie das Sagen hat, der  irgendwie passen könnte, irgendwie passt. Genauer kann dieses Gespür meinerseits nicht erklärt werden, aber es war anders als bei Ihren letzten drei Vorgängern. Und, ganz wichtig: Die Spieler spielen anders als bei Ihren Vorgängern. Nämlich die individuellen Stärken aus. Zudem hat die Verbindung „Trainer – Arbeiter“ hier allein schon so einiges bewegt in den Köpfen der Fans. Denn wir kommen von der Maloche und wollen Maloche sehen. Und wenn der Vorarbeiter noch mehr malocht, dann hat er an der Hafenstraße schon mal gute Karten.

Ich habe auch gar nicht damit gerechnet, dass Sie schon im Fokus anderer Vereine stehen. Das war dumm von mir, sollte ich doch den modernen Fußball so langsam verstanden haben, auch wenn ich mich weiterhin zur Gattung Fußballromantiker zählen darf. Von daher habe ich an Ihre Vertragslaufzeit gar keinen weiteren Gedanken verschwendet, sondern dachte, dass das schon fix ist mit einer weiteren Bindung an unser aller RWE.

Bin also etwas sprachlos gewesen, als ich als ich die diversen Meldungen las und setzte folgenden Tweet ab:

Es soll nicht despektierlich gegenüber dem Verein VfR Aalen klingen, schließlich spielt man dort, wo wir hin möchten. Aber, es ist einfach nur ein Verein, der direkt die dritte Bundesliga ermöglicht. Aber mehr auch nicht. Es wäre ein Job, den Sie sicher genau so intensiv erledigen würden. Aber die Intensität wäre trotzdem nicht mehr die selbe wie rund um den Glutofen Hafenstraße. Aalen ist ein Fußballstandort. Die Hafenstraße in Essen jedoch ist Himmel und Hölle zugleich. Vielleicht die letzte Bastion von Flaschenbier und Kutte. Von Ungehorsam und großer Liebe. Von einer Direktheit, die manchmal wehtut. Aber doch nur Liebe zu Rot-Weiss Essen; zu unserem Verein, bedeutet.

Was auch klar ist: Sollte das Gesamtpaket Trainer/Mannschaft/Verein eines Tages nicht mehr stimmen, würden wir natürlich auch Sie vom Hof jagen wollen. So muss das wohl hier. Und das ist nicht schön. Vielleicht kommen wir deshalb nicht wirklich klar damit, dass ein Trainer, den wir endlich einmal für gut befinden, abgeworben wird. Das steht nicht in der Satzung. EinTrainer, der passt, möchte bitte bleiben. Wir müssen doch mal alle zusammen in die Pötte kommen und gemeinsam etwas aufbauen. Die Umkleidekabine der Hafenstraße hat in den letzten zehn Jahren gefühlt mehr Trainer und Spieler gesehen, als der Petersdom in Rom Pilger. Das muss mal ein Ende finden. Wir müssen uns wieder identifizieren.

Lieber Herr Giannikis, auf angenehme Art haben Sie für eine zaghafte Annäherung zwischen Mannschaft und Fans gesorgt. Etwas Ruhe und durchaus auch Vertrauen in unsere sportliche Zukunft geschaffen. Ohne gleich den sportlichen Himmel auf Erden zu versprechen. Vielleicht bleiben Sie doch noch an der Hafenstraße bei RWE. Glauben Sie mir: Diesen Tag, an dem Sie gemeinsam mit uns die dritte Liga erreichen und den RWE dort  dann trainieren dürfen; danach Woche für Woche eine volle Hafenstraße erleben werden….DIESEN Tag werden Sie im Leben nie wieder vergessen! Dieses Gefühl ist nicht nur unbezahlbar, sondern bietet eine Leidenschaft, die in Aalen keiner kennt. Keiner kennen kann. Aalen ist sicher guter Fußball. Aber Essen ist alles . Und viel mehr.

Bitte bleiben Sie bei uns. Versuchen Sie es wenigstens ein weiteres Jahr mit und für uns.

Rot-Weiss Essen. 111 Jahre um geliebt zu werden. Bei aller Enttäuschung.

3 Kommentare

  • Lieber Uwe, danke für diesen Blogeintrag. Du hast die Qualitäten und das Gefühl zum Trainer angesprochen und triffst damit vollends meine Gefühlslage. Natürlich würden wir einen Weggang – wie immer -verkraften. Aber das Signal diesmal wäre fatal. Welling geht, AG geht. Das würde mir als Spieler zu denken geben. Und statt mit einem gewissen positiven Gefühl (sportlich) für die Zukunft und vielleicht auch so einer kleinen Vorfreude auf den Rest der Saisonspiele, käme man mal wieder mit Frust aus der Winterpause. (Also eigentlich alles wie immer. Was hatten wir nicht schon alles? „Wettskandal“, Doping und jetzt eventuell das..) Aus meiner Sicht wäre es nicht nur ein Abgang, sondern wirklich ein Schnitt. Die zarte Hoffnung, dass man im 3. Jahr von hoch3 wirklich mal eine Rolle spielen könnte, wäre zertreten und ich wüsste im Moment nichts (außer sportlichem Erfolg) was der Fanseele nach den vielen Tiefschlägen der letzten Jahre dann wieder Hoffnung geben könnte. Von daher hoffe ich auch, dass AG weiter bei uns bleiben wird.
    Rotweisse Grüße
    André (unbekannterweise)

  • Pingback: Theater, Theater… – nullsiebenblog

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