Monatsarchive: Dezember 2019

Ein Optimist ist ein Mensch, der alles halb so schlimm oder doppelt so gut findet (Heinz Rühmann)

Es hatte für alle was von den berühmten „begossenen Pudeln“ , die es an diesem letzten Spiel vor der Winterpause 2019/20 mit dem RWE hielten. Nicht nur dass das Wetter ziemlich demonstrativ eine bessere Kulisse zu verhindern wusste; allein das Endergebnis hat die Rot-Weissen mal so richtig nass gemacht.

Die Häme blühte direkt nach Abpfiff wie sonst nur Lippenherpes oder anderes unnützes Zeugs. Ein Journalist der Reviersport zum Beispiel „zwitscherte“ direkt im Anschluss an das Spiel auf Twitter, dass man ja gegen den VfB Homberg nicht zu verlieren hätte; es typisch RWE und nun alle Euphorie dahin sei. Nö, diesbezüglich halte ich dagegen: Man spielt in einer Liga; man kann immer gegen einen Ligakonkurrenten verlieren. Auch, wenn es die tabellarische Situation vielleicht gerade nicht so vorherbestimmt. Übrigens ist es auch nicht mehr typisch RWE! Natürlich haben wir lange Jahre immer dann „verkackt“, wenn es darauf ankam. Aber, es kommt noch nicht darauf an. Wir holen uns diese Punkte an anderer Stelle wieder, während einer der Mitbewerber vielleicht seinerseits gegen den VfB Homberg verliert.

Die Glaskugel ist gerade in der Reinigung, daher können wir diesbezüglich natürlich noch keine gesicherte Prognose abgeben. Fakt aber: Das Spiel war in seiner Historie und Endergebnis ein richtiger, ungeplanter Schlag in die vielzitierte Ihr wisst schon. Oder einmal auf die Zwölf. Wie auch immer: Diese Niederlage sollte so eigentlich nicht vorkommen. Vielleicht war genau das der Knackpunkt: Waren die Unseren zu selbstsicher in ihrem Bestreben, der Hafenstraße mit drei weiteren Punkten das schönste Weihnachtsfest seit vielen Jahren zu bescheren? Macht die Tabelle möglicherweise arrogant und nachlässig, geht es gegen einen Verein aus der unteren Region? ich glaube, es war nichts davon! Es war einfach dieses eine Spiel, welches passieren kann und auch passiert. Dieses eine Spiel, in welchem der vermeintliche „Underdog“ alles raushaut; dem erklärtem Favoriten das Leben aber auch so was von schwer macht. Zudem das Schussglück, etwas Schusseligkeit in Rot und Weiss nebst bestens aufgelegtem Schnapper auf seiner Seite weiß. Abpfiff inklusive Niederlage!

Nun mag der Verdacht naheliegen, dass in Anbetracht der Punktverluste das Rennen um den Relegationsplatz schon zu Weihnachten gelaufen ist. Das Stauder anne Hafenstraße zu Weihnachten also doch wie immer halbleer? Nee, es ist nicht wie immer. Es ist anders. Deshalb werden wir am Saisonende auch auf diesem verfluchten Relegationsplatz stehen. Einfach deshalb, weil wir nicht einfach können! Aber eben auch deshalb, weil wir unerschütterlich daran glauben. So hoffe ich jedenfalls (Ich für meinen Teil habe Urlaub beantragt). Und weil wir Lust auf diese zwei (an sich so ungerechten) Relegationsspiele haben. Weil wir das Stadion dafür haben, und unser Stauder am Ende des Jahres 2019 tatswahrhaftig endlich halbvoll ist!

Betrachten wir die Relegationsdinge einmal realistisch: Der SC Verl auf Platz 1: Das Heimspiel könnte nicht ausgetragen werden, da der Platz unbespielbar. Der SV Rödinghausen auf Platz 1: Die Heimstätte würde nicht genehmigt werden, da der Gästeblock eigentlich nicht einmal Rindviechern zugemutet werden darf. Rot-Weiß Oberhausen auf Platz 1: Rot-Weiß wer? Also müsste sich eh unser aller RWE erbarmen und diesen so wichtigen ersten Tabellenplatz am Ende der Saison belegen. Von Gästeblock, über Rasen und Kapazitäten: Wir könnten Relegation. Also rein organisatorisch jetzt.

Gut, soweit ist es noch lange nicht, aber die Messe ist auch noch lange nicht gelesen. Wir durften seit dem Amtsantritt von Jörn Nowak Ende Mai und dem von Christian Titz Mitte Juni einiges an Veränderungen erleben. Zumeist zum Besseren. Haben viele neue Spielernamen auswendig und manchmal sogar lieben gelernt. Wissen nun, dass die Rotation eindeutig gegenüber der Stammformation in Führung liegt und auch Königstransfers nicht immer Machthaber darstellen. Wir haben im Pokal, statistisch betrachtet, Tor um Tor erzielt; in der Liga daran gespart und in Testspielen bisweilen „wilde Sau“ gespielt: Einmal Rot-Weiss mit alles dabei bitte. Der Zuschauerschnitt konnte fast verdoppelt werden und auswärts habe wir den bisher gastgebenden Vereinen selbstredend die höchste Saisoneinnahme beschert. Muss der Haltener Marketingmann irgendwie vergessen haben zu erwähnen! Es läuft also eigentlich alles ganz gut bis hierhin.

Ok, sind wir ehrlich: In der Liga fehlt uns definitiv das ein oder andere Tor. Der souveräner Erfolg. Diese komplette Euphorie in der ganzen Stadt. Aber, wem wollen wir das verdenken, noch nicht euphorisch zu sein? Wir haben so lange im (Liga-)keller gehockt, da bedarf es wohl nicht nur einer Saison, um endlich wieder aufrecht gehen und selbstbewusst von „Nur der RWE“ singen zu können. Aber wie geschrieben: Wir haben da eine tolle Mannschaft, sind auf einem guten Weg und ich glaube fest daran, den eigenen Urlaub für einen Tag irgendwo im Osten der Republik zu Relegationszwecken zu verbringen. Ich will das einfach. Ich will endlich aufsteigen. Und ich habe einfach Freude an dieser aktuellen Mannschaft meines Vereins. Mein RWE ist gerade nicht halbleer, sondern halbvoll!

Das Foto.

Die Berufsbekleidung des Fußballers ist sein Trikot. Natürlich gehören auch noch die anderen Dinge wie passende Hose, das Paar Stutzen und jede Menge atmungsaktives Zeugs in lang oder kurz, je nach Witterung, dazu. Nicht zu vergessen natürlich die Fußballschuhe. Das Trikot jedoch ist das Stück Stoff (Polyester), welches die so ziemlich emotionalste Verbindung zwischen Fan und Verein darstellt. Genaugenommen erst, seit es die Möglichkeit gibt, Trikots auch käuflich zu erwerben. Ganz früher, wir hatten ja nichts anderes, war die selbstgenähte Fahne und der selbst gestrickte Strickschal in den Vereinsfarben das Nonplusultra. Den passenden Wimpel dazu konnte man oft auf der Kirmes, am Schießstand treffend, bekommen.

Das Trikot heutiger Tage kommt im Stadion auf den Rängen vorzugsweise in den warmen Monaten des Jahres zur Geltung. Interessante Details inklusive: Manchmal stellt es eine spannende Beziehung zwischen Textil und Bauch dar. Zudem unterscheidet der Schnitt nicht zwischen den Geschlechtern: Ein Trikot kleidet den Fan jeden Geschlechts stets mit Stolz und Hingabe. Egal wie es dann sitzt! Oftmals ist die Frage des neuen Trikots für die kommende Saison wichtiger als die eines weiteren Spielers. Die Präsentation der neuen Spielkleidung hat schon so manch Vorfreude getrübt.

Solch ein Trikot hat also mittlerweile einen unschätzbaren emotionalen Wert für uns Fans. Und es gibt nicht wenige, die sie sammeln. Es gibt Bücher über Trikots. Der Fußball hat legendäre Trikots; hat schöne Trikots. Leider auch königsblaue Trikots. Die sind weder schön, noch legendär!

Im Job getragen (also während der neunzig plus x Minuten) ist es für uns auf den Rängen durchaus wichtig, dieses emotionale Kleidungsstück frei von Senfflecken oder Bierduschen zu halten, schließlich schadet zu häufiges Waschen dem Flock. Auf dem Platz hingegen schadet ein sauberes Trikot nach Abpfiff dem Ansehen seines Trägers. Die einfache Gleichung: Sauberes Trikot: Kein Einsatz! Dreckiges Trikot: Sauber, was ein Einsatz!

Unser aller RWE hat nach dem erfolgreichen Spiel in der Kampfbahn Rote Erde ein Foto online gestellt, welches unseren Zeugwart eventuell vor Probleme, und Freunde von sogenannten „Matchworn“ Trikots schlaflose Nächte bereiten dürfte: Fein aufgereiht hängen dort die pottendreckigen Trikots unserer Spieler, zeugen von einem großartigen Einsatz. Belegen einen nimmermüden Kampf für die so wichtigen drei Punkte. Natürlich waren die Platzverhältnisse in Dortmund auch optimal für ein solch emotionales Kleiderständerfoto. Auf Kunstrasen bekommt man derlei nach Abpfiff nicht geboten, egal wie sich die Spieler auch wund grätschen mögen. Vielleicht waren die hellen Heimtrikots auch nur deshalb gewollt, um möglichst dreckige Trikots präsentieren zu können.

Dem ist natürlich nicht so, und wenn, dann wäre es natürlich auch völlig wumpe! Denn dieses Foto ist eines der schönsten, Rot-Weiss Essen betreffend, der letzten Dekade. Ein einfaches Foto nur, aber doch eine Botschaft: Hier wird malocht für den Verein, bis der Abpfiff ertönt. Hier sind aktuell Kumpels am Werk, die sich für den anderen dreckig machen.

Dieses Foto ist mehr Mannschaft, als es das offizielle Mannschaftsfoto vor einer Saison jemals sein könnte. Dieses Foto ist ein Teil von uns. Dieses Foto zeigt den Charakter von Rot-Weiss Essen dieser Tage. Die Legende besagt, dass Rot-Weiss Essen ein Arbeiterverein ist. Ich würde, stand heute, sagen: Die Legende lebt! Hier wird für den Erfolg gearbeitet. Freitag nun kommt der VfB Homberg. Unter Flutlicht. Welch ein Omen…

Es gibt eine Zeit für die Arbeit. Und es gibt eine Zeit für Rot-Weiss Essen. Mehr Zeit hat man nicht (Frei nach Coco Chanel).

Prolog:

Erinnert sich noch jemand an die Stadioneröffnung? Also an die unserer jetzigen Spielstätte? In den letzten Jahren hab ich mir oft das Foto angeschaut, welches ich an jenem Tage von der Titelseite einer in Essen beheimateten Sportgazette knipste: „RWE: Mit breiter Brust ins neue Heim“ stand in weiß auf schwarz geschrieben. Und darunter, wesentlich größer, in weiss auf Rot: „Wir sind auf lange Sicht nicht aufzuhalten“. An jenem Tag konnten wir alle noch nicht ahnen, dass die Brust oftmals schmal, die lange Sicht eine sehr lange Sicht, und wir uns Saison für Saison selbst aufhalten würden

Einer allein kann kein Dach tragen:

Sieben Jahre später, zweiter Advent: Es ist nass. Nicht unbedingt kalt. Kälter jedoch das Zwischenmenschliche. Alles so laut und schrill geworden. Man hört einander nicht mehr zu, will seine Meinung durchbringen. Die Waagschale hat so viel zu tun, so dass sie gar nicht mehr weiß, wie sie denn überhaupt noch annähernd gerecht wiegen soll. Alles wird drauf geworfen. Jedes Wort, jede Geste im Alltag; jede Abseitsposition und unnatürliche Armbewegung im Fußball. Dazu dieses unsägliche Bedrängen der Unparteiischen durch hochgezahlte Profikicker; dieses verbale Angehen der Spielleiter. Es bricht sich runter bis in die untersten Klassen, wo jene direkt umgehauen werden, pfeifen sie nicht zugunsten der eigenen Mannschaft. Es hat sich also vieles zum Negativen verändert. Und was unseren regionalen Verband und den allmächtigen DFB eine Etage darüber angeht: Nicht gut. Völlig am Fußball vorbei! Merken die leider nur nicht. Wollen die auch nicht.

Alles also schlecht gerade? Nein, nicht alles. Noch lange nicht alles! 

Denn ausgerechnet Rot-Weiss Essen, dieser unser aller RWE, beschert uns seit einiger Zeit die schöneren Momente. Lässt uns tatsächlich auch kurz vor dem nominellen Rückrundenstart noch auf den unseligen Relegationsplatz hoffen und macht gerade ganz viel richtig. Die Regionalliga West der Saison 19/20: Im oberen Bereich eine sehr ausgeglichene Liga und selbst unten darf sich eigentlich noch keine Mannschaft so wirklich aufgeben. Es sei denn, man wird aufgegeben. Da wollen wir mal hoffen, dass im Tal und am Lotter Kreuz über die Feiertage Lichter auch feierlich leuchten, anstatt sportlich auszugehen. Wäre ja erneut unser sportlicher Schaden. Aber Hauptsache, die Karten aus annullierten Spielen werden trotzdem gewertet. Das muss mir einer vom Westdeutschen Fußballverband mal erklären, wie das zu erklären ist. Da nützt aber auch keine Waagschale mehr. Das ist albern!

Es hat allgemein den Anschein, als ob dem Westdeutschen Fußballverband der sportliche Erfolg von RWE Fluch und Segen zugleich ist: Spielt der RWE oben mit, ziehen auch die Fans nach und bescheren den Spielern zum Dank einen Zuschauerschnitt von aktuell 11.088 Fans pro Heimspiel. Schöne Sache für den WDFV, ist er doch an 5% der Spieltagseinnahmen abgabetechnisch beteiligt. Dumm nur, sollte unser aller RWE (oder auch die Alemannia zum Beispiel ) endlich den ersehnten Sprung in die 3. Bundesliga schaffen: Da brechen Abgaben weg, so viel können die anderen Vereine gar nicht spielen. In zehn Jahren nicht. Da ist es kein Wunder, dass wir als Rot-Weiss Essen sowohl im Verein als auch auf den Rängen ab und an das Gefühl haben, gerne mal den ein- oder anderen Stein in den sportlichen Weg gelegt zu bekommen. Und das, obwohl wir den ganzen „Bumms“ Verband fast allein aus eigener Tasche Einnahme mitfinanzieren. Unverständlich auch: Der Verein hätte selbst alles dafür getan, dass ein zweites Mal in Haltern gespielt wird…..jegliche Hilfe wurde abgelehnt. 

Aber vielleicht ist genau das der Antrieb, der diese Saison diese eine werden lässt, von der wir noch unseren, wem auch immer, erzählen werden. Vielleicht brauchen wir diese Ecken und Kanten, diese Widrigkeiten. Schon dieser Auftakterfolg gegen eben jenen  aktuellen Gegner aus Dortmund hat Emotionen geweckt und Erinnerungen an den letzten Aufstieg aus der NRW Liga hervorgekramt, die so manch einer längst in der geistigen Aservatenkammer verstauben ließ. Rot-Weiss Essen kann wohl alles, aber eben nicht einfach! Wir brauchen die Dramatik, die letzten Minuten. Den Gegenwind der anderen und die Hoffnung der eigenen. Einhergehend also mit dieser sportlich so hoffnungsfrohen (und doch etwas chaotischen, nicht beendeten) Hinrunde hat die Mannschaft des RWE nicht nur Punkte gewonnen: Sie hat auch uns, die Fans, wieder erreicht. Etwas, was vielleicht noch höher zu bewerten ist, als manch Sieg. 

Der Spott ist verstummt, der Gang wieder aufrechter und das Rot-Weisse Herz ein wenig erwärmter. Die Fußballöffentlichkeit nimmt uns wieder mit Respekt und nicht als Vorzeigeverein für Misserfolg wahr. Zudem haben wir, wenn mein Bauchgefühl nicht trügt, eine wirkliche Mannschaft beisammen, die sich auch selbst als eine solche versteht. Tolle Typen sind da in unseren schönen Trikots unterwegs. Mit Witz und Herz bei der Sache, nicht nur auf dem Feld. Einhergehend mit immer noch großem Erstaunen und fast unbändiger Freude darüber, was sie als aktive Fußballer auf den Rängen für ein Spektakel miterleben dürfen. Das hat so viel mehr als Regionalliga; dass ist gefühlt so viel mehr als vielleicht manch Euro am Monatsende auf dem Gehaltskonto mehr bei einem potenten Verein ohne Zulauf. Rot-Weiss Essen dieser Tage ist der Fußball, wie ihn sich so manche von ganz oben und auch von ganz unten wünschen. Da ist alleine schon unser Umfeld, welches keinem Hochglanzmagazin entsprungen ist. An der Hafenstraße….RWE!

Epilog:

Das Spiel in der Roten Erde zu Dortmund könnte auf ähnlichem Geläuf stattfinden wie dass gegen Zweitgelsenkirchener in Wanne. Kommt dem technischen Können unserer Spieler also nicht wirklich zugute. Aber, die Unseren können nicht nur „Hacke – Spitze“, sondern auch ganz vorzüglich ihr Trikot dreckig machen und den Acker umpflügen. Dabei (und hoffentlich) auch so zielstrebig das Runde in das Eckige befördern, wie noch unter der Woche im Pokal gegen Burgaltendorf. Ohne dass dabei auch nur annähernd die Anzahl an Treffern erwartet wird. Ein Tor mehr schießen als der BVB, dass reicht schon! Dann sind wir weiterhin allesamt frohen Mutes und dürfen den aktuell gelebten, bisweilen unerschütterlichen Optimismus beibehalten. Mehr Wünsche zu Weihnachten kann eigentlich keiner haben.