Monatsarchive: Dezember 2020

Freudentränen.

Achtelfinale im DFB Pokal. Oder auch: Die Krönung eines ansonsten ziemlich bescheidenen Jahres, in welchem wir RWE Fans ausnahmsweise mal das Glück hatten, dass sich ausgerechnet unser Sorgenkind RWE zum Strahlemann wandelt und uns dadurch besser durch die trübe Zeit bringt.  

Der Abpfiff brachte spontane Tränen mit sich. Da musste scheinbar was raus. Musste sich den Weg bahnen, um sämtlichen, angestauten Emotionen ein Ventil zu geben. Es waren Tränen der Freude über das Gesehene. Tränen der Freude über unseren Verein und unsere Mannschaft. Aber, es waren wohl auch einige Tropfen dabei, die der allgemeinen Situation geschuldet waren. Man jubelt daheim alleine vor sich hin und erschreckt bei Toren höchstens den Hund, während der eigentliche Plan gelautet hätte, die Hafenstraße mit all den anderen Rot-Weissen nebst Gästefans zu rocken. Nach so einem Spiel wären die Jungs in den dreckigen Trikots doch noch am vierundzwanzigsten auf Ehrenrunde, während das Christkind schon ungeduldig auf seinen Einsatz wartet. 

Es ist natürlich besser, aktuell Füße und Kontakte still zu halten, damit wir möglicherweise zum Halbfinale wieder mit voller Kapelle zugegen sind. Vielleicht waren es aber auch Tränen, die schon lange raus mussten. Weil wir schon lange raus müssen, aus der Liga zum Beispiel. Weil es sich vielleicht alles in dieser Saison fügt. Und wir uns dann fragen: Warum gerade jetzt? Warum gerade ohne uns? Das ist dann schon manchmal zum Heulen. Wie sollen wir denn nun Christian Neidhart und den neuen Spielern vermitteln, was er und seine Mannschaft da auf die Beine gestellt haben? Wie kann er das Gefühl RWE leben, ohne die kompletten Emotionen während der neunzig Minuten plus Nachspielzeit anne Hafenstraße aufzusaugen? Das kann man leider nicht als Ersatzdroge weitergeben. Das muss man einfach erlebt haben. In guten wie in schlechten Zeiten.

Wenn wir dass dann tatsächlich doch eines Tages miteinander hinbekommen, dann werden sie es erleben. Wir alle miteinander werden es (wieder) erleben. Vielleicht waren die Tränendrüsen aber auch schon etwas geweitet durch die Veröffentlichung des neuen Songs „Fahnen wehen“ von Choma. Eine auf den Punkt gebrachte musikalische Blaupause, die vielen Szenen als Vorbild dienen dürfte.

Ich weiss gar nicht mehr, was ich zum Spiel gegen Fortuna eigentlich alles schreiben wollte. Es hat einmal mehr alles gepasst, was sich unser Trainerteam da vorneweg überlegt hat. Aufstellung, taktische Ausrichtung und Einwechslungen, alles auf den Punkt gebracht. Man wird ja nicht einmal mehr großartig nervös, wenn ein Gegentreffer fällt. Hier wurde erneut ein Trainerdiplom bestanden. 

Die Kür Pokal also mit (fiktiven) zehn Punkten (Wertung) beendet, die Pflicht Liga mit fünfzig (realen) Punkten unterbrochen und selbst die Zwote des BVB war uns zugetan. Das Rot-Weisse Zwanzigzwanzig also mit Freudentränen beendet. Meine größte Sorge aktuell, wie es sich wohl anfühlen wird, sollte eines Tages der lang ersehnte Aufstieg gelingen. Dann muss ich so viele Jahre wegheulen, dass schaffen die Tränendrüsen doch gar nicht! Aber egal, ein Rot-Weisser (Oder eine Rot-Weisse) muss dann tun, was ein Rot-Weisser (Oder eine Rot-Weisse) dann tun muss. 

Lieber RWE, wenn Du das hier mitliest: Bitte richte unserer Mannschaft aus, dass sie uns aktuell auf Wolke 1907 gespielt hat. Wir holen eines Tages sämtliche Emotionen vor Ort nach, da könnt Ihr einen drauf lassen! Ihr für uns und wir für Euch. Wir sind immer da, auch wenn wir grad nicht da sein können. Ihr seit unser ABC, wir Euer großes Einmaleins. 

Danke für diesen Pokalabend und Danke für die Tränen. Die waren längst fällig und mehr als angestaut.

Frohe und gesunde Weihnachten. 

Drüber hinweg.

Die mediale Vorbereitung auf die zweite DFB Pokalhauptrunde ist schon was feines. Alles ist eine Spur intensiver als vor einem normalen Ligaspiel und die Reichweite unweit größer. Und so geschah es am Tage der Wintersonnenwende im Jahre des Fußballs Zwanzigzwanzig, dass der RWE nach vielen Jahren der Knechtschaft RevierSport wieder auf der Titelseite des altehrwürdigen Kicker zu finden war. Fast zeitgleich wurde auf der offiziellen DFB Seite eines sozialen Netzwerkes ein Bericht eingestellt, welcher sich in wenigen Minuten mit unserem aktuellen Lauf, der Pokalhistorie und überhaupt befasst (Das Marcel Platzek nun schon seit Jahren neben dem Boss vorm Stadion sitzen muss, dass wusste ich nicht. Der Arme!). Nach dem Durcharbeiten beider Berichte manifestierte sich ein kleines Wunder, welches einen möglichen Einzug in Runde drei noch nicht einmal annähernd zum Inhalt hat. Schließlich wäre es kein Wunder, wenn Rot-Weiss Essen gegen Fortuna Düsseldorf gewinnt, sondern das Ergebnis des mindestens einen Treffers mehr.

Das kleine Wunder, wenn man es denn so nennen mag, spielte sich im Kopf ab: Die Schmerzen sind urplötzlich weg. Die erdrückende Last. Dieses ständige Gefühl zu scheitern. Lübeck ist wieder Holstentor und Marzipan statt Gegentor und was auch immer sich negatives darauf reimt. Wenn ich jetzt den Artikel lese und die Vorschau ansehe, dann bin ich stolz auf das bisher erreichte in dieser Saison und erfreue mich an der Traube herumhüpfender Männer in unseren Trikots und an all denen, die sich nach Spielende im ritualisierten Kreis einfinden. Zur Mannschaft gehören doch so viel mehr als die Elf auf dem Rasen. Und schon gar nicht sollten wir nun zulassen, dass sich ewig Unzufriedene mindestens wieder eine „arme Sau“ aussuchen, die es durch das Dorf zu treiben gilt. Das sollte tunlichst unterlassen werden. Es hat sich noch nie gehört, diese Unsitte, aber es gehört sich schon mal gar nicht einer Mannschaft gegenüber, die mit knackigen fünfzig Punkten ungeschlagen an der Tabellenspitze steht! Mein Weihnachtswunsch daher: Jegliche Ambitionen diesbezüglich am besten direkt wieder unter die Tatstatur kehren.

Rot-Weiss Essen hat den Turnaround geschafft, auch wenn mit der inoffiziellen Herbstmeisterschaft natürlich erst ein Etappensieg errungen wurde.  Aber für unser Wohlbefinden ist ist so viel mehr passiert, als nur dieser inoffizielle Titel. Marcus Uhlig hat sich tatsächlich nicht umsonst jahrelang den Mund fusselig geredet, dass alles besser wird, während wir noch und immer wieder abgewunken haben. Die Fusseln lassen sich hinter der Maske ja gerade richtig schön verstecken, so dass das Opfer wenigstens nicht optisch auffällt. Und dann Jörn Nowak: Argwöhnisch beäugt zu Beginn möchte man heute gerne mal einen Blick in seine Telefonkontakte werfen. Bob der Baumeister wäre stolz auf das bisherige Bauwerk Rot-Weiss Essen. Wir haben eine Mannschaft und Jörn Nowak hat daran maßgeblich gewerkelt. Danke dafür! Warum man im Emsland Christian Neidhart bittere Tränen hinterher geweint hat, scheint nun auch von Woche zu Woche klarer zu werden. Die absolut überraschendste Personalie eigentlich, hatten wir doch erst mit seinem Vorgänger den erhofften Hochkaräter und Aufstiegsgaranten an die Hafenstraße gelockt. Aus Gründen musste dieser gehen und so kam eben jener Christian Neidhart, der direkt das Ziel Aufstieg vorgab. Kein herumeiern, sondern klare Kante. Das hat scheinbar weitere Kräfte freigesetzt.

Neben dem genannten Führungstrio sind natürlich so viele andere Rot-Weisse rund um die Uhr für den Erfolg der Mannschaft beschäftigt. Auch ihnen allen herzlichen Dank für diese aktuelle Momentaufnahme und erstem großen Titel seit dem Zwiebelpokal 2015. Wenn diese Erfolgsstory dann tatsächlich bis zum Sommer andauern sollte, dann hat der gleichnamige Peter seinen mehr als großen Anteil daran. Schließlich ist man als Zeugwart und Betreuer immer die Seele einer Mannschaft. Vergangenen Samstag gegen den FC Wegberg-Beeck konnte man zwischendurch den Eindruck bekommen, dass es diesmal die erste Saisonniederlage geben könnte, so aufmüpfig waren die Wegberger auf dem Feld unterwegs. Glücklicherweise schwanden die Kräfte der Wegberger zum Ende des Spiels doch deutlich, auch wenn sie für Schalke 04 wohl noch locker gereicht hätten. Die Generalprobe für das Fortuna Spiel somit ergebnistechnisch geglückt, auch wenn es darstellerisch an diesem Samstag durchaus gehapert hat. Aber genau das macht dann ja wieder den Optimismus für das Pokalspiel aus. Schließlich sind wir drüber hinweg, schauen nach vorne und nicht mehr zurück. Alles auf Sieg! 

Fermentierter Rosenkohl Weihnachtsbaum

Als sich an einem Freitag, den 15. August 2008, eine lange Rot-Weisse Blechkarawane aus aller Herren Bundes- und anderen Ländern auf den Weg gen Lotter Kreuz machte, waren die Tränen des unnötigen Abstiegs getrocknet. Der Verein stand wieder über allem, die Verachtung über einige Spieler und deren (Wechsel-)Mentalität jedoch als tiefe Falte in die stets markanten Gesichter der Hafenstraße eingegraben. An jenem Sommertag waren wir der festen Überzeugung, das es das erste und zugleich letzte Mal sein würde, dass wir auf dem Acker von Bauer Ewald parken müssen. Dort, wo die Polizeiwagen eher schüchtern hinter angrenzende Scheunen hervorlugten. Das Spiel der neuformierten Mannschaft befeuerte diesen leichten Anflug von Arroganz auf das Trefflichste, wusste sie doch mit Vier zu Eins zu gewinnen. Der Wiederaufstieg somit nur noch Formsache. Es war ein wunderbarer Abend mit der damals äußerst sympathischen, frisch aufgestiegenen, Lotte. 

Gut, dass damals noch keiner ahnen konnte, dass es bis zum 12. Dezember 2020 dauern wird, ehe die Kicker von der Hafenstraße mal wieder bei denen vom Lotter Kreuz gewinnen. Eine lange Zeit also, die uns zudem eine ziemlich wechselhafte Beziehung zur Lotte beschert hat. Das einstmals schüchterne Ding wurde zwischendurch eine ziemlich arrogante Zicke. Der einsetzende Erfolg tat ihr nicht immer gut. Uns natürlich auch nicht! Ziemlich fassungslos mussten wir leider ansehen, wie die mittlerweile „Tante Lotte“ getaufte Olle uns und unsere Ambitionen kalt lächelnd zu überholen wusste. Aufstieg in die Dritte Liga mit den paar Fans, während die Tausendschaften rund um die Hafenstraße weiter in der Regionalliga Frust schieben. Dazwischen gab es in gemeinsamen Ligazeiten immer mal wieder Unstimmigkeiten, geniale Mottofahrten und die ständigen Versuche, alle Rot-Weissen in heimischen Gefilden der Haupttribüne zu verweisen. Es war also immer was gebacken in der Beziehung zweier (Spiel-)Partner, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Zwischenzeitlich hatte man sich so lieb wie fermentierten Rosenkohl Weihnachtsbaum. Nach dem Abstieg aus der Dritten Liga stand es dann einige Zeit gar nicht gut um die Lotte, interne Familienstreitigkeiten hatten Existenzängste zur Folge. Vielleicht war das aber auch der Starschuss dafür, allmählich wieder etwas sympathischer rüberzukommen. Und als dann auch noch mit Timo der zweitliebste Essener Brauer nach Stauder bei Tante Lotte anheuerte, da mochte man sie fast schon wieder knuddeln. Schließlich kann man sich ja auch nicht ewig streiten. Zudem ist das schon eine ziemlich feine und knuffige Bude, die sie da ihr eigenes Stadion nennt (Es ist jetzt aber nicht so, dass wir da kommende Saison gleich wieder hin wollen, iss klar). 

Es war also eine lange Reise bis zum aktuellen Auswärtserfolg. Und kein Essener musste diesmal damit rechnen, hinauskomplimentiert zu werden. Die Rituale rund um aktuelle „Spielbesuche“ haben sich ja temporär etwas verschoben. Da kann bis kurz vor Anpfiff noch mit dem Hund um den Block gegangen, oder in der Halbzeitpause Wäsche aufgehangen werden. Die Bierdusche nach einem Tor muss man sich schon selbst verpassen und natürlich wird zuhause auch im Sitzen gepinkelt. Wenigstens das Ritual der morgendlichen Spielvorbereitung durch Tommy Jockschies ist geblieben. Das Spiel zu Beginn ein ziemlich wildes Gebolze, wohl auch dadurch bedingt, dass Lotte ziemlich heiss war. Also im übertragenen Sinne jetzt.

Gab es im Spiel gegen Straelen unter der Woche den ersten Eckball erst nach einer Viertelstunde, dauerte es Samstag keine zwei Minuten. Und so ging es auch ziemlich ansehnlich weiter. Mit zunehmender Spieldauer kam aber einmal mehr die unglaubliche Qualität von RWE zum Tragen. Wenn der Gegner nicht durch Überzahlspiel zum Ballverlust gezwungen wird, hilft der absolute Einsatz im Eins gegen Eins, den Ball zu erobern. Gepaart mit einer hohen Ballsicherheit gelingt es dann, diesen ziemlich lange in den eigenen Reihen zu behalten. Das ist solide Handwerkskunst, die die Jungs von Christian Neidhart da aktuell abliefern. Und alle haben das Zeug, noch in dieser Saison den Meisterbrief zu machen. Fast schon erfrischend bei dieser hochwertigen Spielweise die Momente, in denen „Isi“ Young mit dem Kopf durch die Wand und an Freund und Feind vorbei auf das Tor zustürmen will. Möglicherweise nicht zur Freude des Trainers oder des besser postierten Mitspielers. Auf jeden Fall aber immer emotionale Momente für den Fan am Monitor. 

Tja, jetzt sitz ich hier, bin Tabellenführer und schreib auf teurer Tastatur ein Lied über Lottes Vergangenheit, damit ich keine Lust verlier. Ha, geniale Adaption von Westernhagens „Mit 18“. Aber es ist doch so: Wir sind Tabellenführer, eilen von Spiel zu Spiel und müssen trotzdem aufpassen, gerade nicht die Lust zu verlieren. Schließlich sind wir trotz unglaublicher Erfolgsserie immer noch kein alleiniger Tabellenführer im eigentlichen Sinne, sondern haben weiterhin die Zwote der Dortmunder im Nacken. Oder die mittlerweile uns! Auf jeden Fall hat uns das zeitgleiche Unentschieden der Borussen beim VfB Homberg ziemlich in die Karten gespielt. Selbst wenn die Jungs vom Borsigplatz nun all ihre Nachholspiele gewinnen würden, wären sie nur noch einen Punkt vor uns. Und den knackt man dann im Heimspiel. Fertig ist die Laube. Dass das Spiel gegen die Kleeblätter nicht weitergeführt werden konnte, steht übrigens außer Frage. Dass dann aber wieder bei Null zu Null begonnen wird, sollte man durchaus hinterfragen. Aber, wir sind auch hier nicht bei wünsch Dir was, sondern bei bestehenden Statuten. Die Homberger haben ja eine ziemliche Abwehrschlacht abgeliefert, wie man so liest. Vielleicht war dort die Aussicht auf das erste Duisburger Lokalderby seit Schimanski Gedenken die Motivation. 

Wir Fans von Rot-Weiss Essen sind aktuell endlich einmal auf der Sonnenseite angekommen. Es sieht sportlich mehr als gut aus. Aber wahrscheinlich wird das nächste Unentschieden schon wieder Weltuntergangsstimmung bei einigen hervorrufen. Oder die erste Niederlage erst. Aber, soweit sind wir noch lange nicht, so wie die Jungs gerade die Liga rocken. Diese Mannschaft, wir würden sie im Stadion verbal auf Händen tragen, sie zeitgleich mit Verein mit Inbrunst besingen. Da wir damit aber noch warten müssen, können wir vielleicht allen Beteiligten über Marcus Uhlig als aktuellem Chef und somit Rot-Weisser Rampensau ausrichten lassen, wie stolz wir auf sie sind. Denn das, was da gerade auf dem Platz passiert, ist Hafenstraßenfußball pur. Und sogar erfolgreicher! Also, lass auch mal Aufsteiger werden.